Sizilianische Eröffnung

 

2019 hatte uns unsere Reise zum ersten Mal nach Sizilien geführt. Unsere sizilianische Eröffnung. Eigentlich heißt diese klassische Schacheröffnung "Sizilianische Verteidigung", denn von Verteidigung haben die schon immer etwas verstehen müssen auf Sizilien, wurde die Insel doch ständig angegriffen und besetzt und verscherbelt und ausgebeutet und musste dabei sie selber bleiben, wahrlich eine Herausforderung. Das fing an bei den sizilianischen Sikulern, die schon vor über zweitausendfünfhundert Jahren  für die Griechen arbeiten mussten, die außerdem noch Karthager als Sklaven ein setzten, es kamen Araber und Normannen und Staufer, die Häuser Aragon (Spanien) und Anjou (Frankreich), und heute sind es die Italiener. Zwischendurch fiel die halbe Insel in Schutt und Asche, weil die Erde bebte oder der Ätna ausbrach, es war immer etwas los.

 

Wir sind in diesem Jahr von Palermo über Marsala und Agrigento in die Nähe Ragusa gefahren, wo wir am längsten blieben, und dann nach Catania wegen der Nähe zum Ätna.

 

 

 

Inhalt:

 

-  Buona Serra - Die Plastikgewächshäuser an der Südküste

-  Das Alte und das Neue, Erster Teil: Palermos Paläste

-  Das Alte und das Neue, Zweiter Teil: Schwefel und Kunst bei Agrigento

-  La Bettola (Ragusa Ibla) mit Nachtrag: Die Alten und die Jungen

-  Ihr seid doch auch dabei? Die Zeltplatz-WG

-  Das Alte und das Neue. Dritter Teil: Henry Miller im Bauernhaus

-  Syracusa - wenn man die Wahl hat

-  Passionen und andere Schauspiele - Trapani, Marsala, Aci Castello

 

 

 

 

 

Buona Serra

 

Die Landschaft ist einer der Reichtümer Siziliens. Hügel, Felsen, jetzt im Frühjahr blütenübersäte Wiesen mit Klatschmohn, Margeriten in gelb und weiß, rosa Malven, und wie die blauen und gelben sonst noch heißen weiß ich nicht. Insbesondere die Spätnachmittagssonne gießt ein goldenes Licht über das Land, und es ist einfach schön.

 

Nicht ganz überall, muss ich allerdings eingestehen, Sizilien hat seine Kehrseiten. Ich meine jetzt gar nicht den Müll, der überall herumliegt, herumfliegt und vergammelt oder, andersrum, seine Unverrottbarkeit unter Beweis stellt. Ich meine auch nicht die glücklicherweise nicht so zahlreichen industriellen Komplexe um die Städte herum, vielfach längst wieder leerstehend und verfallen, vielfach einfach so heruntergekommen und noch in Betrieb. Nein, hier, wo wir seit einigen Tagen auf einem gepflegten Campingplatz unseren Touristenluxus genießen, sind es die Gewächshäuser mit Plastikplanen, die aus Andalusien längst rübergewachsen sind nach Sizilien. Hier, südlich von Ragusa (das eines der schönsten Städtchen der Insel ist), liegt eine ganze Region unter Plastik. Kilometer um Kilometer die Gerüste aus Holz oder Eisenstangen, morsch oder rostig, dazwischen einige neue aus Edelstahlgerüsten und mit Belüftungsventilatoren, das sieht aus wie Gewächshäuser bei uns zuhause, aber das ist auch selten. Dazwischen (und da treffen sich Themenbereiche) der Müll aus Landwirtschaft und Haushalt. Düngersäcke und Kanister mit Nitratsäuren liegen rum, leer, dazu ist das Zeug zu teuer, dass man Reste wegschmeißen würde.

 

Wenn ihr also demnächst diese leckeren noch etwas grünen, länglichen Tomaten aus Sizilien genießt, aus denen man das einzige echte italienische Tomatensugo köcheln kann, wenn ihr eine sizilianische Spezialität wie Caponata mit Auberginen zaubert, dann denkt an die Plastikdächer, die sich hunderte von Metern langziehen, eines neben dem anderen, Quadratkilometer um Quadratkilometer. In den niedrigen Gewächshäusern muss natürlich mächtig gedüngt und gespritzt werden, mit Atemschutzmasken (aber die sind nicht immer vorrätig) und nur zu bestimmten Zeiten (aber das passt nicht immer), es ist warm und schwül, das mögen die Gemüse, aber der Mensch weniger. Ungesündere Arbeitsbedingungen wird man heutzutage nicht mehr oft finden. Die sizilianischen Landarbeiter kennen es nicht anders, die Geflüchteten haben keine andere Wahl, also gibt es die Arbeitskräfte, die man braucht. Auberginen, Tomaten, Zucchini – soviel wie hier wächst, können die Sizilianer nie verbrauchen, das geht in den Norden, nach Deutschland, und wird als sonnengereiftes Geschenk der Natur vermarktet. Il giardino delle meraviglie, der Garten der Wunder, steht auf dem Lieferwagen, der gerade zu einer Plastikfarm abbiegt. Wenn ihr so oder ähnlich benannte Produkte aus Italien verbraucht, stammen sie mit Chance aus dem Plastikland am Südzipfel Italiens.

 

Bei einer Radtour inmitten der Plastikleichentücher steige ich bei einem aufgelassenen Grundstück ab, wo das Plastik tatsächlich entsorgt zu sein scheint, nur die morschen Holzgerüste rotten vor sich hin. Eine Hütte steht noch neben dem Feld, verfallen, vermüllt, langsam schon wieder zugewachsen. An der Wand noch ein paar Quadratmeter bunte Kacheln, hier haben es sich mal Menschen schön gemacht, damit sie in den Sommermonaten hier gut leben können, direkt am Feld, im Grünen. Ein gemauerter Holzofen, vielleicht für Pizza geeignet, verliert langsam seine Form. Mehrere Zimmerchen sind zugänglich, voll Müll und Bruch. Eine gelb gestrichene Tür lässt sich nicht öffnen. Ich gehe ums Haus und versuche, von der anderen Seite einen Blick durch die Fensterhöhle in den verschlossenen Raum zu werfen, sie ist mit Tüchern verhängt, und als ich die etwas beiseiteschiebe, erblicke ich zwei Schlafstellen mit Matratzen und Schlafsäcken, daneben ein kleiner Klamottenhaufen. Hier wohnen noch Menschen, vermutliche Geflüchtete, die illegal im Land sind und schwarz in den Gewächshäusern arbeiten. Ich bin froh, dass ich sie nicht aufgestört und geängstigt habe (wäre aber sicher selbst am meisten erschrocken gewesen, wenn ich unerwartet auf jemanden gestoßen wäre). „Serra“ heißt Gewächshaus auf italienisch, und der Italiener sagt „Buona Sera“ (guten Abend), woraus wir den Scherz „Buona Serra“, schönes Gewächshaus, gemacht haben.

 

Noch immer machen landwirtschaftliche Produkte die Hälfte des Inseleinkommens aus. Es arbeiten aber nicht mehr wie früher 50%, sondern nur noch 11% der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Produktivitätssteigerung, intensivere Düngung, größere Betriebseinheiten, und eben Land unter Plastik machen es möglich. Die Gewinnmarge teilen große Agrarfabriken unter sich auf. Die restlichen kleinen Bauern arbeiten sich krumm, können natürlich auf die Chemie nicht verzichten, um mithalten zu können, oder geben auf. Damit wir im Norden das ganze Jahr über Auberginen haben, verschwinden in Sizilien ganze Landstriche unter Plastik. Das steht übrigens in keinem der mir bekannten Reiseführer.

 

 

 

Das Alte und das Neue: Palermos Paläste

 

Unser erster Palermo-Besuch baute auf dem Reiseführer auf. Wir hatten die Geschichte der Insel und ihrer größten Stadt im Blick, die geprägt ist von den verschiedenen Kulturen, die hier ihre zeitweilige Herrschaft ausgeübt haben, mehr oder weniger tolerant und häufig in überraschender wechselseitiger Wertschätzung, wofür ja immer wieder der Stauferkaiser Friedrich II. steht, der in seiner Zeit auch König von Sizilien war und in Apulien ebenso seine Spuren hinterlassen hatte. Er gilt als Musterbeispiel für eine kulturtolerante Haltung, die er mit seinem christlichen Hintergrund gegenüber Arabern aus Nordafrika wie gegenüber jüdischen Wissenschaftlern und Philosophen aus dem Nahen Osten an den Tag legte. Also Palermo von der geschichtlichen Seite angehen, das heißt: Im Palazzo Reale, dem Königspalast beginnen und die Capella Palatina mit ihrem Goldgepränge dort aufsuchen. Das ist leichter gesagt als getan, weil ein unübersehbares Heer größerer und kleinerer Schüler in ihrem Klassenverband ebenfalls diese Ziele anstreben. Sie erkennen sich gegenseitig wieder an ihren orangenen, roten oder weißen Schirmmützen. Die Rucksackkontrolle am Eingang führt zum ersten viertelstündigen Stau, am Eingang zur palatinischen Kapelle (immer wenn dreißig rauskommen, dürfen dreißig neu rein) zum zweiten Stau, und vor dem Eingang zum Parlamentssaal im zweiten Stock des Palastes gibt es dann den dritten Stau. Da staut sich auch in einem mächtig was auf... Und so beeindruckend die Regierungsleistungen von Roger I und seinem Nachkommen Friedrich auch gewesen sein mögen, diese Palast-Schlange bringt es nicht an den Tag.

 

Wir verlassen den Palast nach einer dreiviertel Stunde (von denen wir 40 Minuten im Stau standen), machen den nächsten Anlauf und besichtigen eine Kirche. San Giovanni degli Eremiti verspricht deutliche Reminiszenzen an arabischen Baustil, und in der Tat, fünf halbrunde rote Kuppeln verleihen dem ansonsten unspektakulären Bau einen sehr besonderen Charme. Am meisten gefällt uns, das man vom Turm der direkt daneben liegenden normannischen Kirche einen tollen Blick von oben auf diese roten Kuppeln hat, was aber nur wenigen Besuchern auffällt, die unten in der gepriesenen Ruhe des Klostergartens lustwandeln, bis es zu regnen anfängt. Schon ein wenig besser als der Palast. Aber auch der berühmte Ballaro-Straßenmarkt erfüllt unsere Erwartungen nur ansatzweise, es ist bunt, lebendig, und es gibt Tomaten und Schwertfisch. Was man eben von so einem Markt erwarten darf.

 

Als wir mit der Metro zum Campingplatz vor den Toren Palermos zurückfahren, sind wir müde, beeindruckt, aber nicht begeistert. Das war (noch?) nicht „unser“ Palermo. Mit dem zweiten Anlauf wollen wir uns mehr auf unsere eigenen Schwerpunkte verlassen als auf den Reiseführer. Die ganze Sizilien-Planung war im Grunde entstanden, weil wir im letzten Herbst beeindruckende Zeitungsartikel über die Manifesta 12 gelesen hatten. Diese Kunstausstellung wandert durch nicht so kunst-berühmte Städte Europas und war eben 2018 in Palermo. Dort hatte man Kunst in ansonsten wenig oder nicht zugänglichen locations ausgestellt, alten Palazzi in der zunehmend vom Verfall bedrohten Altstadt. Das hatte uns interessiert und wir hatten uns entschieden, 2019 noch einmal nach Italien zu reisen, wie schon fünfmal in den letzten sechs Jahren.

 

Der zweite Besuch in Palermo begann mit dem Weg ins Altstadtviertel La Kalsa – durch eine palmsonntäglich feierliche Stimmung mit Gesängen aus offenen Kirchentüren, bei freundlicher Sonne, das war schon stimmungsaufhellend, nachdem am Vormittag bis zum Gang zum Bahnhof der Regen gefallen war. Nun also Sonne und knatschweiße Wolken vor knatschblauem Himmel. Graffiti auf Mauern und Häusern, eines davon mit dem deutschen Schriftzug „Alles ist gut“, noch so ein gutes Omen. Am Zaun der Schule an der Piazza Magione ein Banner mit der Erinnerung an Giovanni Falcone, den in diesem Viertel geborenen Staatsanwalt, der Ende des 20. Jahrhunderts gegen die Mafia durchgegriffen hatten, und an Paolo Borsellino, Richter und ebenfalls Kämpfer gegen die Mafia und auch als La Kalsa stammend, beide von der Mafia ermordet. Uralte und riesige Ficus-Bäume, interessante Ruinen, aber ich konnte nur versuchen, über das Eisentor drüberwegzuknipsen, es war versperrt, kein Herankommen an die historische Stätte. Und dann kamen wir doch zu den attraktiven Rest-Steinen durch, denn einen Torweg weiter kam man in den Innenbereich des Gebäudekomplexes, es war das von uns gesuchte Kulturzentrum „Lo spasimo“. Im Mittelpunkt eine Kirche, von deren Dach nur im vorderen Teil ein Viertel stehen geblieben war und dem Restgemäuer eine beeindruckende Akkustik verlieh, sie wird seit über zwanzig Jahren für klassische und Jazzkonzerte genutzt (leider kein Termin während unseres Aufenthalts). Ein fast kahler Baum wuchs fünfzehn Meter in die Höhe, inmitten des alten Kirchenraums – eine Atmosphäre wie in den Hallen von Rohan (für Kenner des “Herrn der Ringe“).

 

Drumherum eine grüne Oase, und wieder eine der roten Kuppeln, die wir schon kennen- und lieben gelernt hatten. Es war ein genialer Platz für unser Picknick aus mitgebrachten Broten und Selter, um uns herum nur wenige gutgelaunte Besichtiger, vor allem Italiener. Das ganze Anwesen atmete den Geist liebevoller Gestaltung, unprätentiös und sparsam, und am Ende des Geländes erwartete uns eine kleine Halle mit einer Fotoausstellung: eine wunderbare location dafür, auch wenn es keine regionalen Fotos waren, sondern Bilder von Karfreitagsprozessionen in Nordspanien, aber gute Bilder, wir waren beeindruckt. Gute Kunst am guten Ort kann einen sehr ruhig und zufrieden machen, selbst wenn die abgebildeten Kapuzenmänner eher bedrohlich wirkten.

 

Der Weg führte uns dann weiter zum Palazzo Butaro. Der Familiensitz einer der ältesten sizilianischen Familien (und einer der reichsten), zeitweise nach dem Zweiten Weltkrieg als Schule genutzt, drohte zu verfallen. Das riesige Gebäude (wohl über 100 Meter lang an der Küstenpromenade) wurde vor einigen Jahren von einem Galeristenehepaar erworben, die ihre erheblichen Einnahmen aus dem Kunstmarkt in dieses Alterswerk investieren wollten. Innerhalb weniger Jahre wurde das Gebäude gesichert, verschlissene Terrazzo-Böden wurden nach alter Handwerkskunst erneuert (man kann das im Video verfolgen), die völlig verklebten und nicht zu restaurierenden Rechnungsunterlagen aus hunderten von Jahren kaufmännischer Tätigkeit der Butaros wurden gesichert und so gelassen wie sie sind, Fresko-Decken wurden erneuert, wo sie nicht zu sanieren waren, und es entstanden erste Räume zur Ausstellung von Kunst. Einige Exponate waren schon eingezogen, standen noch auf der Erde und warteten auf ihre Hängung, eine neue schmiedeeiserne Treppe schwang sich durch den Raum, auf dem Dach war eine kleine Plattform installiert, von der man über die Altstadt und den Hafen blicken konnte, kurz – eine beeindruckende Kulisse entsteht für beeindruckende Kunst, dies wird ein wichtiges Zentrum von europäischem Rang werden. Die Führung durch einen jungen Studenten war arg auswendig gelernt und wenig souverän, da ist noch Luft nach oben, und manches am Gebäude war uns zu glatt geworden, zu schön. Da hätten wir uns mehr Mut gewünscht, die Spannung zwischen dem Verfall, dem alten Stein und der neuen Kunst auszuhalten und zu thematisieren. Es wäre schön, wenn der neue Palazzo Butaro kein gentrifizierter Fremdkörper in der Kalsa wird, geschmackvoll und schick, aber eben fremd. Aber alles in allem: Unser Palermo war gefunden, darauf haben wir dann einen Aperol Spritz in der Jugendstilumgebung der Antica Focacceria getrunken und etwas gegessen. Dann zum Abschluss nach einem Blick auf die hochgelobten und uns eher langweilenden Fassaden am belebten Mittelpunkt der Stadt, der „Quattro Canti“ genannten Kreuzung der beiden Hauptstraßen noch eine Kirche: Die kleine San Cataldo im Aufmerksamkeitsschatten der Canti hatte unser Herz sofort mit ihren roten Kuppeln gewonnen, aber dann sogar noch mehr überzeugt durch ihren Innenraum. Unverputzte Kuppeln, drei an der Zahl, prägen den Eindruck und zeigen, dass es keiner Verzierung, keiner barocken Schnörkel oder Rokoko-Deko bedarf, wenn der Stil einfach und klar ist. Palermo lohnt sich. Uns hat es letztlich geholfen, mehr auf uns selbst und unsere Ziele zu achten als auf den Touristen-Führer.

 

 

 

Das Alte und das Neue, Zweiter Teil

 

Wir sind in Agrigento, im valle dei templi die vor 2500 Jahren von den griechischen Besetzern erbaute Tempelstadt. Sie haben nicht alles selbst gebaut, sondern hatten Hilfe von ein paar tausend karthagischen Sklaven, die aus dem siegriechen Seekrieg der Insel-Griechen gegen das aufstrebende Karthago im nahen Nordafrika als Kriegsgefangene mitgebracht worden waren. Die mussten den Tuffstein aus den Steinbrüchen schneiden, aus dem dann die Tempelsäulen zusammengesetzt wurden, und gruben in das eher weiche Gestein Gänge und Brunnen für die Wasserversorgung. So entstand auch der heute noch berühmte Kolymbetra-Garten, eine geschützte Schlucht, entstanden als Steinbruch und zeitweise gefüllt mit aufgefangenem Wasser. Ein altgriechischer Swimming-Pool sozusagen, um 450 vor Christi Geburt entstanden. Später wurde hier im Talkessel Zuckerrohr angebaut und seit einigen Jahrhunderten Oliven und Zitrusfrüchte. Wir sehen, wie die Orangenbäume voller Früchte hängen und gleichzeitig schon wieder eine Fülle weißer Blüten ausgebildet haben, die schwer duften wie am Probiertisch bei Elizabeth Douglas' Parfumshops. Hier steht noch ein fünfhundert Jahre alter Olivenbaum, der angeblich eindeutig identifizert wurde als genau der Baum, der auf einer Zeichnung zu sehen ist, die auch Goethe bei den Tempeln von Agrigent zeigt.

 

Wir wollen im Kolymbetra-Garten auch ein bisschen Hades schnuppern, Unterwelt aus der Griechen-Zeit, und in einer kleinen Gruppe von vier Personen führt uns die junge Frau im Studentenalter durch den Garten zum Eingang eines alten Bewässerungs-Ganges. Die Helme werden aufgesetzt und die Stirnlampen eingeschaltet, und es geht in einen schmalen Spalt, der gerade so breit genug ist, dass wir im Gänsemarsch einer nach dem anderen reinpassen, schulterbreit mal so eben. Ich vermute, dass sich dahinter eine Höhle befindet, aber weit gefehlt. Der Gang bleibt genauso schmal wie am Eingang und zieht sich so, vielleicht zweieinhalb Meter hoch, einige hundert Meter vom Garten-Eingang zu einem Ausgang auf der anderen Seite des Hügels. An manchen Stellen muss man seitwärts gehen, den Rucksack abnehmen, sonst passt man nicht durch. An beiden Seiten Stein, oben und unten Stein, der nicht mitatmet - leichte Anflüge einer mir vertrauten Platzangst stellen sich ein und werden tapfer weggeatmet, der Stein atmet nicht, aber ich. Jeder hat hier so seine eigene Katastrophenphantasie: Was passiert, wenn jetzt die Erde wie hier so häufig bebt und ein terramoto („bewegte Erde“ heißt hier das Erdbeben) den Fels bröckeln lässt? Oder: Wenn nun einer von uns Touris eine Panikattacke kriegt und sich hinsetzt und jammert, es gehe nicht mehr weiter, keinen Schritt, es gehe sowieso zu Ende – und die junge guide-Frau nicht mal direkten Kontakt herstellen kann und einen tröstenden Arm um die Schulter legen kann, weil man kommt nicht am anderen vorbei, und ob ihr englisch für eine effektive verbale Fern-Intervention ausreicht, na ja... Aber die an der Decke jetzt in größerer Anzahl wachsenden Stalagtiten im feuchter werdenden Gang lenken ab, ein Lichtstrahl dringt durch einen Brunnen herab, und eine Sackgasse erregt Aufmerksamkeit – hier hatten sich die Bau-Sklaven vertan und hatten an dem ihnen entgegengebauten Gang vorbeigebuddelt, alles nicht so einfach gewesen. Und dann sind wir nach gefühlten zwanzig Minuten wieder raus, die Stirnlampen haben durchgehalten und wir auch.

 

Der Gang wurde erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt, seine Eingänge waren verschüttet, und dass so einfach kleine Gruppen durchgeführt werden, erweckt sicher den geballten Argwohn aller Sicherheitsexperten und Speleologen, aber noch geht es, und es steht noch nicht einmal im Reiseführer.

 

Allerdings will ich hier gar nicht immer wieder über die Reiseführer herziehen, sie haben uns viele nützliche Hinweise gegeben. Aber eben doch mehr über das an der Oberfläche liegende und das besonders alte, spektakuläre oder „kulturell wertvolle“, wer auch immer dieses Qualitätssiegel erteilen mag. Kirchen stehen immer drin. Uns interessiert aber auch das tiefer Liegende, so ein Bewässerungsgang eben, oder das Hinterland, der Kontext. Wir haben außer den Reiseführern deshalb auch andere Bücher gelesen, bevor wir losgefahren sind, und lesen sie hier weiter: „Mein Sizilien“ von Leonardo Sciascia, dem Schriftsteller-Politiker, dessen Anti-Mafia-Krimi „Der Tag der Eule“ schon vor fünfzig Jahren von Damiano Damiani verfilmt wurde, mit Franco Nero, Claudia Cardinale und Lee J. Cobb in den Hauptrollen. Den Krimi hatte ich auch gerade gelesen, ebenso wie „Der Mond und die Feuer“ von Cesare Pavese. Das spielt zwar im Gegensatz zu Sciascias Sizilien-Krimi im Hinterland von Cinque Terre bei Genua, zeichnet aber ein beeindruckendes Bild des ländlichen Lebens kurz nach dem zweiten Weltkrieg im Stil des damals literarisch wie filmisch stilführenden Neorealismus (Fellinis „La strada“ oder „Rom, offene Stadt“ von Roberto Rosselini sind dazu auch passende Filme).

 

Leonardo Sciascia wurde in Racalmuto geboren, das liegt wenige Kilometer von Agrigento ins Landesinnere. Diese Region taucht auch auf in „Sizilien, Sizilien“ von Ralph Giordano. Der deutsche Journalist und Schriftsteller hatte sich 2010 im hohen Alter auf die Spuren seines Großvaters begegeben, der 1876 im sizilianischen Riesi geboren wurde, zwanzig Kilometer von Racalmuto entfernt. Als junger Mann war er aus seinem Städtchen weggegangen in den Norden und war nie nach Sizilien zurückgekehrt. Er hatte als Orchesterleiter Erfolge gefeiert und war wieder vergessen worden und lebte so in Hamburg sein Leben zuende.

 

Von Giordano wissen wir, welche Bedeutung der Schwefelabbau in der Gegend um Agrigento gehabt hatte. Seit Jahrhunderten wurde hier Schwefel aus der Erde geholt, das dicht unter der Oberfläche bis in eine Tiefe von fünfhundert Metern bei der letzten Verdunstung des Mittelmeers vor einigen Millionen Jahren liegen geblieben war. Sizilien hatte lange ein Monopol auf Schwefel und lieferte zeitweise 90% des Schwefels weltweit. Ungefähr zweihundert Schwefelgruben hatte es gegeben. In vielen schufteten Kinder von sieben, acht, zehn Jahren: Sie waren klein genug, um in die engen Schächte zu gelangen, und trugen Lasten, die weit über dem lagen, was sie verkraften konnten. Sie ruinierten ihre Gesundheit und hatten kaum Chancen, dem Sklavendasein zu entkommen. Vielfach Waisenkinder, hätten sie sich nur selbst freikaufen können – aber wovon? Der geringe Lohn, den sie von ihren „Vermittlern“ erhielten, reichte dafür bei weitem nicht. Die Aristokratie, die in Sizilien mit großen Landgütern und eben der Schwefelindustrie alles in der Hand hielt, was wirtschaftlich interessant war, arbeitet Hand in Hand mit den Schutzgelderpressern der Mafia, und so funktionierte das System lange wie geschmiert. Erst im 20. Jahrhundert wurden in den USA neue Verfahren zur Gewinnung von Schwefel entwickelt, und Sizilien verlor sein Monopol. Die träge Aristokratie reagierte kaum und so ging der Schwefelabbau einfach ein und die Menschen verloren ihre letzte Einnahmequelle, so ausbeuterisch diese auch gewesen war. Die Dörfer verfielen, Städte verloren ihre Einwohner, die jungen Leute gingen weg (wie Giordanos Großvater), gingen vielfach nach Amerika und die meisten kamen nie wieder. Noch heute gibt es Patenschaften zwischen amerikanischen Städten mit hohem Anteil italienischstämmiger Einwohner und deren Heimatdörfern, Pittsburg und Isola delle femmine bei Palermo zum Beispiel, in Stein gemeißelt am kleinen Hafen in Gestalt einer Fischerskulptur mit Gedenktafel, aber das macht auch nicht satt. Die Mafia hatte im Zweiten Weltkrieg eine andere, erfolgsträchtige Geschäftsstrategie entwickelt: Dem Vernehmen nach half sie den alliierten Truppen nach der ersten Landung auf europäischem Boden bei Gela an der sizilianischen Südküste besonders in Westsizilien, wo Großgrundbesitzer und die Mafia sich schon immer gut verstanden hatten, während die kleinen Bauern im Osten unabhängiger waren und den Alliierten sehr viel mehr Widerstand entgegensetzten. Im Westen ging es also für die oft aus Italien gebürtigen amerikanischen Soldaten gut voran. Der Preis dafür war ein zunehmender Einfluss der Mafia auf die öffentliche Verwaltung und die Politik, das war ihr vorher nicht so gut gelungen. Und dieser Einfluss erstreckte sich jetzt auch weit über Sizilien bis in den Norden, und spätere italienische Regierungen vor allem unter dem Stehaufmännchen Andreotti atanden immer wieder unter dem Verdacht, mit der Mafia zusammen zu arbeiten. Aber entweder verschwanden wichtige Gerichtsakten, oder die Verfahren wurden verzögert, bis alles verjährt war, Verurteilungen gab es nie. Das System Mafia hat lange gut funktioniert. Sie hatte daher anderes zu tun als die notleidende Bevölkerung nach dem Ende der Schwefelindustrie zu unterstützen.

 

Auf unserer Tour durchs Hinterland begegnen wir den Hinterlassenschaften des Schwefelbergbaus an vielen Stellen. Die meisten Schächte sind einfach nur stillgelegt und stehen gelassen worden. Rostige Gerüste von Fördertürmen fallen langsam zusammen, Eingänge zu Stollen sind verschüttet, und blühende Natur erobert sich die lange geschundene Landschaft wieder. Erst nach und nach besinnt man sich auf die eigene Geschichte und bewahrt eine Schwefelfabrik vor dem Verfall, indem dort ein Museum eingerichtet wurde. Riesi erinnert an die Schwefelarbeiter mit einem neuen Denkmal. Racalmuto belässt es bei der Erinnerung an den berühmten Sohn der Stadt, Leonardo Sciascia, von dem eine Bronzeskulptur in Lebensgröße direkt auf dem Trottoir errichtet wurde, die allgegenwärtige Zigarette in der Hand, man kann ihn so im Vorbeigehen einfach grüßen, eine mit ihm gemeinsam rauchen, volksnahe Tradition. Weder Giordano noch Sciascia machen aus ihrer Verbitterung über die Macht der Mafia einen Hehl. Aber man kann heute darüber sprechen und findet auch in italienischen Buchläden meterweise Enthüllungsbücher über Machenschaften der jeweiligen regionalen Gliederungen, Cosa Nostra, N'Drangheta, Camorra, Mafia...Vorreiter der „Addiopizzo“-Bewegung zu sein, das heißt kein Schutzgeld zu zahlen und es öffentlich zu vertreten, ist heute eine Ehre.

 

Aber die Städtchen sind arm, so sieht es aus, viele Häuser stehen leer, sind verfallen und stehen zum verkauf, vendesi steht an allen möglichen Fassaden, zu verkaufen. Der malerische Charme alter Inselstädtchen mit ihrer Natursteinarchitektur, mit verblichener Farbe auf bröckelndem Putz geht über in ein bedrohliches Stadium des Zerfalls. Das ist nicht mehr malerisch, das ist existenzielle Not. Eine Region droht ihre Zukunft endgültig zu verlieren, Heimat nur noch im Sinne von etwas Vergangenem. Früher haben hier Menschen gelebt, heute warten sie nur noch. Keiner weiß worauf.

 

Ein Signal neuen Muts finden wir in Favara. Dieses kleine Städtchen liegt ebenfalls in dem ehemaligen Schwefelgebiet, und es hat ein paar reizende Häuser und Gassen – und viel von dem beschriebenen Verfall. Und es hat den Farm Cultural Park, einen Block inmitten der Altstadt, von dem Lebensimpulse ausgehen. Vor zehn Jahren haben hier junge Leute, Künstler, Architekten, Leute mit Ideen und Zuversicht ein paar Häuser in der Altstadt erworben. Sie haben sie vor dem Zerfall bewahrt und viel neu verputzt und weiß getüncht, so dass die Wände wieder in der Sonne blenden. Mittendrin ist ein Häuschen ohne Dach stehen geblieben, das so alt bleiben darf, wie es ist. Andere Häuserwände sind mit großen Bildern geschmückt, ein Elefant lockt in den Innenhof, Putin blickt rätselhaft von der Wand, drei mal fünf Meter groß, was er uns sagen will, bleibt mysteriös. Es gibt Kurse für Erwachsene und für Kinder, Architektur, künstlerische Techniken, Vorträge. Und es gibt eine Galerie, in der gerade die Ausstellung „Detroit Syndrom“ gezeigt wird. Zwei der Gründer dieses Projekts haben in Detroit erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man von außen in ein Gemeinwesen kommt, dessen Niedergang besiegelt scheint. Die Auto- und Musikstadt Detroit (Ford Motor Company, Chevrolet, Tamla Motown) war seit den siebziger Jahren wirtschaftlich am Ende. Ganze Straßenzüge standen leer, Häuser verfielen oder brannten einfach ab, Obdachlose und Junkies blieben übrig. Sie schildern ihre Verfasssung wie ein psychosomatisches Syndrom, mit vegetativen Störungen. Das „Detroit-Syndrom“ eben. Hier in Favara stellen sie Fotos aus von dem Verfall der US-Stadt (der ja wie so oft auch seine eigene Ästhetik hat, die man malerisch finden kann oder deprimierend). Und sie zeigen künstlerische und handwerkliche Initiativen, die neues Leben in die Stadt bringen. Eine junge Frau eröffnet in Detroit eine Schneiderwerkstatt, wo sie ein von ihr entworfenes Modell herstellen lässt und dieses vermarktet: eine Art derber Riesenmantel, den man nachts als Schlafsack verwenden kann. Das ist ein riesig nützliches Stück für Obdachlose, und sie hat im ersten Jahr 2014 davon mehrere tausend unter die Leute gebracht. In der Werkstatt arbeiten junge Menschen, die sonst auf der Straße stünden. Hier ist so ein Teil ausgestellt. Es gib t weitere Kunstobjekte, die sich mit den Häusern verbinden, mit dem Dachgarten und einem wunderschönen grünen Cafegarten. Wir essen Lasagne und maritime Pasta und fühlen uns wohl.

 

So entsteht hier im kleinen Städtchen Favara eine lebendige Oase, man kann eine Kleinigkeit essen, kann Kunst erleben, kann Aktivitäten entwickeln, und so formt sich Zukunft. Das macht viel Mut (nicht zuletzt den Beteiligten vor Ort selbst), die gepiercte junge Frau an der Kasse der Galerie (wir zahlen als über 65jährige nur drei Euro Eintritt) ist so stolz auf ihre „Farm“, das teilt sich unmittelbar mit. Und es strahlt aus: In der Umgebung fallen uns immer mehr Graffiti und Wandmalereien auf, die wohl im Wesentlichen von der „Farm“ angestoßen wurden, das die alte Stadt wieder lebendiger atmet. Eine Pizzeria in einem anderen Innenhof ist bunt und kreativ zu einem kleinen Kunstwerk entwickelt, ohne Teil der „Farm“ zu sein. Favara arbeitet am Morgen. Es wird nicht mehr abgewartet.

 

Auf der Rückfahrt erleben wir allerdings die offizielle Ignoranz gegenüber der Region. Mehrfach irritieren uns Schilder, die Straße sei unterbrochen und nicht befahrbar zum Beispiel zwischen Kilometer 4,3 und 4,7. Da uns ein Auto entgegenkommt, als wir gerade wenden wollen, versuchen wir es auch mal – und siehe, man kommt durchaus durch, wenn auch eine mehrere hundert Meter lange Strecke durch Erdrutsche oder andere Naturereignisse schmal geworden und die Teerdecke verschwunden ist. Die Schilder, auf denen mitgeteilt wird, diese Straße sei nun aber wirklich chiuso, also geschlossen und gesperrt, nehmen wir allerdings ernst und biegen ab. Die Navi verschluckt sich des öfteren, kennt die Sperrungen nicht, kann uns nur wenig helfen, die Ärmste. So fahren wir kreuz und quer durch eine Landschaft, die agrarisch völlig erschlossen ist, alles gepflegt und mit Wein, Oliven und Gemüsen bestellt. Die Gewinne der Landwirtschaft (zum großen Teil Betriebe mit ausländischem Kapital und erheblicher Ausdehnung, kaum kleine Bauernhöfe) fließen in andere Kassen als die, von denen Straßenbau bezahlt wird (oder die Gelder für den Straßenbau fließen sonstwohin). Direkt neben dem Schwefelmuseum zwischen Riesi und Sommatino verläuft über das Gelände der ehemaligen Mine eine neue Straße. Sie scheint fertig zu sein, aber es sieht nicht so aus, als wenn sie gestern gerade erst fertig wurde, sondern vor einigen Jahren. Eröffnet wurde sie bisher nicht. Vielleicht fehlt eine Brücke, also steht sie still. Das öffentliche Leben ist noch nicht so weit wie die Farm Cultural Park in Favara.

 

La Bettola

 

Die Trattoria am Rand von Ragusa Ibla, der historischen Unterstadt, heißt „La Bettola“ - Spelunke, oder Kaschemme. Paolo wollte etwas für die Bevölkerung, nichts Edles für die Bessergestellten, und so kam es zu dem Namen, die neun Tische sind jeden Abend besetzt, auch die Einheimischen wissen, dass man hier gut und preiswert speisen kann. Wir hätten die Spelunke nicht gefunden, wenn wir nicht in Buchholz die Telefonnummer von Stephi und Paolo bekommen hätten, Stephi ist in unserer Heimatstadt geboren und vor vierzig Jahren nach Sizilien gegangen. Fast genauso lange ist sie nun mit Paolo verheiratet, drei Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, und seit dreißig Jahren gibt es „La Bettola“. Als wir sie anrufen, laden sie uns sofort zu sich nach Hause ein, unsere Zusage ist leichter gegeben als eingehalten, auf dem Hügel, wo sie mit Blick auf Ragusa ohne Nachbarn in einem grünen Paradies leben, gibt es keine Straßennamen und so ist unser Navi machtlos. Bei der im Tal liegenden Bahnstation Ragusa Ibla geht es links ab in die Hügel und dann anderthalb Kilometer auf den Berg, und letztendlich finden wir sie dann doch und genießen die Ruhe auf dem Berg und angeregte Gespräche in der Nachmittagssonne. Das Häuschen aus den Resten einer Natursteinruine und mit neuem Dach und Anbau heißt „Bagolargo“, das ist ein südeuropäischer Baum, dessen deutschen Namen „Zürgelbaum“ wir noch nie gehört haben. Ein großer Bagolargo beschirmt das Haus, im Sommer trägt er kirschgroße Früchte und aus seinem harten, aber elastischen Holz hat man früher Peitschenstiele gemacht und auch Musikinstrumente, passt ganz gut, denn wenn Paolo gerade nicht in der Küche seiner Trattoria steht, macht er Musik, klassische Gitarre oder in seiner Band E-Bass. Sie spielen rock progress, wie er sagt, ein bisschen wie Pink Floyd, aber nur eigene Stücke. Man sieht Paolo seine 67 Jahre nicht an, mit seinem Siebentagebart und den halblangen, halbgrauen Haaren sieht er freundlich und unkonventionell aus, Respekt, sagt er, Respekt sei eigentlich die Grundlage für alles, darauf baut er. Er ist in Ragusa geboren, betont er, aber aufgewachsen im nahegelegenen Giarratano.

 

Und dann haben wir einen Nachmittag verquatscht über Buchholz und Ragusa und verschiedene Gemeinsamkeiten und gemeinsame Unterschiede und waren überraschend oft derselben Ansicht, und wenn nicht, machte es auch nichts. Danach haben wir in der „Bettola“ gut gegessen, Orangensalat haben wir kennen- und schätzen gelernt, die Spaghetti Norma waren hervorragend, wir haben alles genossen. Auch die Hintergrundmusik von Santana und Procul Harum. Ein paar Tage später ist der Ruhetag der Trattoria, und eigentlich wollten sie uns zum Picknick am Stausee in den Bergen einladen, aber es ist zu windig und trotz Sonne mit 14 Grad zu frisch. Also fahren wir durch Paolos Heimat, er berichtet über die Bewirtschaftung der Terrassen an den Hügelhängen, wo es zu eng und zu steil ist, wurde das mittlerweile aufgegeben und die Natur erobert sich alles zurück, alles grünt und blüht und wuchert. Die Felsen werden dunkler, wir kommen in ein Gebiet, wo früher Vulkane aktiv waren, jetzt nicht mehr. Aber die Straßenpflasterung und die Hauswände sind grau, alles Vulkangestein. Statt Picknick geht es in das Städtchen Buccheri, das in keinem unserer Reiseführer Erwähnung findet, obwohl die Barockkirche dort vielleicht etwas kleiner, aber eher beeindruckender ist als in den hochgelobten Städten entlang der südsizilianischen Barockstraße. In einer kleinen Gasse, unter einem Torbogen, führt eine unscheinbare Tür in eine Wirtsstube, nur ein kleines Holzschild weist auf „U' Locale“ hin. Die Räume sind uralt, klein, mit Bogengewölbe, die Wände weiß gekalkt, und alte Gerätschaften verleihen dem Ganzen das Flair eines mit leichter Hand arrangierten Heimatmuseums. Der Koch sitzt mit dem Wirt in der Gaststube und pahlt dicke Bohnen aus, die frisch vom Feld gekommen sind. Paolo führt ein paar Fachgespräche, von Koch zu Koch, natürlich kennt man sich. Wir essen die dicken Bohnen mit Spiegelei, danach Maccheroni mit Trüffel, Cinghiale (Wildschwein), es schmeckt nach Garten und Natur, wenn auch die Küche bei Paolo etwas mehr Pfiff hatte. Wem der rote Hauswein zu kräftig ist, der verdünnt ihn mit Zitronenbrause (ich nicht). Danach laufen wir noch zu dem hunderte von Jahren alten Eiskeller auf der Wiese, die Kühe beglotzen uns ohne weitere Regungen. Das alte Steingewölbe in Kuppelform mit ca. sieben Meter Durchmesser hat einen kleinen Eingang, ein Meter im Quadrat, und wölbt sich über einem fünf Meter tiefen Erdloch. Da war es so kalt, dass nach dem Winterschnee dieser noch ein paar Wochen gefroren blieb und zur Kühlung genutzt wurde, aber auch im Sommer blieb es dann noch kühl.

 

Anschließend gibt es trotz stürmischen Windes noch einen kleinen Spaziergang an dem vor vierzig Jahren angelegten Stausee, der überraschend voll ist mit Wasser für die Landwirtschaft um Ragusa. Aus einem der leerstehenden Häuser, die vom Stausee überflutet worden sind, haben Stephie und Paolo eine Anrichte gerettet und restauriert. Sie steht noch in ihrem Wohnzimmer. Wieder bei ihnen zuhause angekommen, serviert Stephanie uns noch ihre neueste Dessert-Kreation, eine panna cotta mit einem an Waldmeister erinnernden Geschmack, sehr lecker, und wir essen Cornetti mit ihrer selbstgemachten Maulbeermarmelade. Paolo muss zum Übungsabend seiner Band, und wir müssen noch zurück an die Küste nach Punta Braccetto, dem im Wesentlichen aus vier Campingplätzen bestehenden Dörflein. An das Olivenöl, das sie uns so empfohlen haben und von dem wir fünf Liter mitnehmen wollten, hat keiner mehr gedacht. Wir werden wohl noch einmal nach Ragusa fahren...

 

 

 

Die Alten und die Jungen (Nachtrag zu „La Bettola)

 

 

Weil wir uns insgesamt zwei Wochen statt der geplanten drei, vier Tage bei Ragusa aufgehalten haben, können wir das Olivenöl tatsächlich noch abholen. Und bei der Gelegenheit Ragusa noch von einer anderen Seite kennen lernen. Am Sonnabend um acht (oder halb neun oder so, es wird keiner so richtig pünktlich sein) gibt es „Serrata Rock“, also Rock am Abend, mit zwei Gruppen: Paolo wird mit seiner Band „Camera“ auftreten, drei ältere Herrn Mitte sechzig, die ProgRock spielen, und vier junge Leute um die zwanzig, die Bluesrock machen. Das Ganze findet statt in einem architek-tonischen Ambiente vom Feinsten/Schrecklichsten/Schrägsten in Ragusa: An der Piazza della Liberta haben die Faschisten zu Mussolinis Zeiten eine Bebauung um den Platz in einem Halbkreis mit angeschlossenem Aufmarschplatz errichtet, in gelbem Marmor-Imitat, damals hieß es dort noch Piazza Impero, und auch der Duce persönlich hat dort Reden gehalten. Mit einem dreißig Meter hohen Turm versehen war das Haus des Faschismus. Heute residiert dort die Guardia di Finanza, im Haus daneben die Behörde für kulturelle Angelegenheiten, und im Erdgeschoss ist ein ehemaliges Kino nach einem Einsturz mit ungeklärter Ursache zu einem kleinen Veranstaltungsaal umgebaut worden. Es ist voll, ungefähr hundertzwanzig Italiener, im wesentlichen fünfzig plus, grauhaarig und intellektuell aussehend, einige Jacketts sehe ich und schicke Blusen, sitzen auf Stühlen und lauschen einem Rockkonzert von erheblicher Lautstärke.

 

Paolo am E-Bass, Gianni an der Solo-Gitarre und Franco am Schlagzeug sind altgediente Rock-Virtuosen. Der Schlagzeuger spielt gekonnt sparsam in den Bewegungen, aber knallhart im Anschlag, ständige Tempowechsel (wie sie im ProgRock der siebziger durchaus an der Tagesordnung waren), zwar kein Gesang, aber nichtsdestotrotz fühle ich Erinnerungen aufsteigen an Yes, die frühen Genesis (noch mit Peter Gabriel) oder Police, und das mitten im sizilianischen Barock-Städtchen Ragusa und trotz faschistischer Vergangenheit... das fetzt irgendwie.

 

Dann nach dieser „Vorgruppe“ folgt ein noch heißerer Tanz, die vier jungen Leute (eine Lady am E-Bass, dazu Solo-Gitarre inkl. Gesang und Rhythmusgitarre sowie Schlagzeug), nennen sich "Smomies" und geben alles. Das ist richtig dreckiger Bluesrock, der erfunden wurde lange bevor die Musiker auf die Welt kamen, und der Sänger hat eine Stimme wie John Fogerty von Creedance Clearwater Revival on speed, aber er trinkt Wasser, nur die Lady am Bass nimmt ab und zu einen Schluck aus der Bierflasche. Trotzdem wirkt der Sänger wie ein Wiedergänger von Rory Gallagher, auch wenn der immer die Whiskey-Flasche dabei hatte. Bis er nach einer Lebertransplantation starb... und wie Gallagher spielen sie vorwiegend Eigenkompositionen, ich erkenne nur einmal Hoochie Coochie Man von John Lee Hooker, aber von einer so dahinstürmenden Version hätte der sich auch nicht träumen lassen. Es gibt auch einen Song, der dem morgigen Muttertag gewidmet ist, aber er hämmert genauso durch wie die anderen, muss eine Rock-Mama gewesen sein.

 

Ragusa rockt. Irgendwie ahnte ich das schon immer, aber anders als wir es nun erlebt haben. Rock rules the world...

 

 

 

Ihr seid doch auch dabei?

 

Als ich vor einigen Monaten den Fernsehbericht über einen süditalienischen Campingplatz sah, auf dem seit Jahren eine Gruppe deutscher Wohnwagen- und Camper-Urlauber überwinterte und in der Fremde eine Art nordeuropäischer Ferienwohngemeinschaft im Süden gebildet hatte, dachte ich nicht, dass ich auch mal zu einer solchen WG gehören könnte. Aber das geht schneller als man denkt. Einige Tage nachdem wir hier angekommen waren und unsere ersten Ausflüge ins Landesinnere hinter uns hatten, fragte uns die Nachbarin vom Camper nebenan, ob wir um zehn mitgehen wollten auf einen Spaziergang. Das passte, und wir gingen mit. Giovanni aus der italienischen Schweiz war der Organisator und zweisprachige Kern der Gruppe aus deutschen, schweizerischen, englischen und italienischen Urlaubern. Wir wanderten durch ein Naturschutzgebiet, das wir noch nicht gesehen und von dem wir nichts gewusst hatten, Pinienwälder auf geschwungenen Hügeln, ganz anders als die Plastikgewächshauskultur entlang der Straßen. In der Rezeption des Platzes hatte es weder Plan noch Information über die attraktive Natur um die Ecke gegeben. Am Strand ging es dann zurück, und in der Bar wurde noch ein kleiner Aperitif genommen. Wir lernten, dass es diese Spaziergänge jeden Vormittag gibt, mal etwas länger, mal etwas kürzer, drei verschiedene Varianten stehen zur Verfügung. Nachmittags um 5 wurde eine Stunde Boccia gespielt, wir sagten Boules, weil eher französisch sozialisiert, aber das Spiel war dasselbe, und keiner musste zugucken, weil er es nicht gut genug konnte.

 

Jetzt ist es viertel vor eins, und die Gruppe startet vierzehnköpfig zum Agriturismo „Rosacambra“, der bei googlemaps fast ausschließlich positive Resonanz findet (wie ich mich hinterher versichert habe). Das Menu kostet dreizehn Euro, umfasst Vorspeisen, Nudelgericht, Fleisch- oder Gemüsehauptgang und Dessert, Wein und Wasser. Einen Cafe gibt es hinterher auch noch. Die Atmosphäre ist freundlich, wir tafeln fast zwei Stunden und fühlen uns prima versorgt. Auf dem Hinweg sind wir noch mit Annemarie, Fritz und Regina auf dem Markt gewesen, und jetzt fährt Giovanni mit seinem Roller noch Fritz zur Werkstatt, dessen Roller aus der Reparatur abholen, er hatte einen unverschuldeten Unfall, und es ist besser, das gleich vor Ort machen zu lassen, vereinfacht auch die Versicherungsauseinandersetzungen.

 

Die meisten der einzeln und in Paaren reisenden Urlauber sind schon zum achten, zehnten oder vierzehnten Mal hier. Fast alle sind Rentner. Viele sind in diesem Jahr oder früher mal den ganzen Winter hier gewesen. Da muss man sich dann ja ein Programm ausdenken, dass die Zeit nicht zu lang wird. Gestern waren wir im nahen Barockstädtchen Scicli, haben einen viertelstündigen Spaziergang gemacht und einen Cafe getrunken, sind dann nach Donnalucata gefahren, weil es dort das beste und preisgünstigste Fleisch gibt und einen Weinhandel mit offenen Weinen zu fairen Preisen. Wir haben ein bisschen probiert und uns für einen weißen Wein und einen roten Syrah entschieden, beide in Bio-Qualität und pro Liter unter 3 Euro. Der Nero d'Avola gefiel uns nicht so gut. So macht jeder seine Erfahrungen und profitiert von der Ortskenntnis der Älteren. Ein abschließendes Eis im Meerbad Marina di Ragusa rundete den Nachmittag ab. Brigitte und Annemarie sind bei uns im Wagen mitgefahren, die anderen hatten ihre Roller – mit den Wohnmobilen ist man ja sonst nicht so beweglich, aber so ergänzt sich das alles gut. Wie kommen wir denn am besten zu den Nekropolen von Pantalica? Fritz und Regina sind schon dagewesen und können uns berichten. Für Brigitte haben wir zwei Befestigungs-Straps mitgebracht. Man hilft sich, unprätentiös und nebenbei. Und als Giovanni mir so nebenbei so herzlich dafür gedankt hat, dass wir mit unserem Auto die drei anderen zum Essen mitnehmen konnten (was ja doch irgendwie selbstverständlich ist), habe ich mich darüber gefreut. Wie es so ist in informellen Wohngemeinschaften. Und wenn man sich jetzt so trifft auf dem Weg zum Bäckerauto, das pünktlich um halb neun auf dem Platz fährt, der Bäcker hupt und wirbt für „pane, cornetti“, fallen dann die klassischen Sätze wie „Wir machen heute mal das Naturschutzgebiet Vendicari“ oder „Wart Ihr heute schon drin? Wir wollten nur noch schnell Brot holen, dann geht’s ins Wasser, vorm Frühstück natürlich!“.

 

Ob ich mit der Gitarre und meinen Songs von Bob Dylan bis Tom Petty tatsächlich mal ein kleines Konzert im Gemeinschaftsraum geben soll, weiß ich noch nicht so genau. Das ist immer so eine unwägbare Wackelpartie zwischen Narzissmus und einem freundlichen Angebot an die Gruppe, bleibt mir wohl doch zu riskant. Aber auf jeden Fall bleiben wir deutlich länger auf diesem Platz als geplant. Vielleicht machen wir ja doch mit bei dem nächste Woche geplanten Ausflug zur Weinprobe in dem kleinen Weingut...und vielleicht ergibt sich dann doch noch eine Gelegenheit für ein kleines Songprogramm...

 

 

Das Alte und das Neue, Dritter Teil

 

Der alte Bauernhof inmitten gepflegter Weinberge steht seit langem leer. Es ist ein größeres Anwesen, zwei Wohngebäude mit einer Werkstatt dazwischen und ein Hofgebäude, wohl Stall und Lager. In der einen Wohnung liegen Zeitungen auf dem Boden aus dem Jahr 1988, es macht den Eindruck, dass die Wohnungen seit dreißig Jahren verlassen sind. Ob die Weißweinflasche der Cantina Sociale „Europa“ aus dem Nachbarort Petrosino dort auch schon so lange liegt, weiß ich nicht, vielleicht wurde sie auch später von Jugendlichen hier geleert, oder hier hat mal einer ein Dach über dem Kopf gesucht. In der Werkstatt stehen noch Maschinen, die man bei der Produktion von Wein oder Olivenöl benötigt hat, eine Art paariger Mühlsteine, mit denen man sicher etwas gepresst hat, und es liegt ein Berg runder, geflochtener Matten in der Ecke, vielleicht wurde damit etwas gefiltert. Die Möbel in der zweiten Wohnung sind sicher keine Antiquitäten, aber aus dunklem Holz und edel aussehend, nun zusammengebrochen und mit erblindetem Spiegel. Tauben wohnen hier und haben alles mit einer grauen Schicht überzogen. Auf einer Anrichte liegt noch ein verstaubter Bildband mit dem Titel „L'angelo e la mia filigrana“ mit Aquarellbildern von Henry Miller. Auf deutsch gibt es zwei Bücher von Miller mit dem Titel „Die Phantasie ist mein Wasserzeichen“, eben diesen Bildband, aber auch eine Sammlung mit Erzählungen. Im Original heißt der Bildband „The Angel is my Watermark“, dem deutschen Publikum schien man den Engel nicht zumuten zu wollen und übersetzte das als „Phantasie“. Wie auch immer: wer hier in der Weinbauer-Familie Henry Miller gelesen und betrachtet haben mag, ist doch rätselhaft. Ansonsten liegen noch alte Schwarzweiß-Comics herum und Buchhaltungsformulare. Das erstaunt weniger. In der Küche fallen die blauen Kacheln ins Auge und der große Backofen, der mit Holzfeuer betrieben wurde. Und im Bhintergrund tuckert der Traktor durch den Weinberg und bricht die rote Erde zwischen den Reben auf, kein Unkraut soll den Reben die Kraft rauben – das macht man anderswo seit einiger Zeit anders, da wachsen Kräuter und Blumen um den Wein, hier ist alles ordentlich und akkurat gesäubert. Das Haus steht da mittendrin wie eine Art zugewucherter Nekropole, ein kleines sizilianisches Taj Mahal, neueren Datums.

 

 

 

Syrakus – wenn man die Wahl hat

 

Wir machen einen Tagesausflug von Catania nach Syrakus: achtzig Kilometer für eine staatsbürgerliche Pflicht. Wir haben die Buchholzer Stadtverwaltung gebeten, uns die Briefwahlunterlagen für die Europawahl an ein Postamt in Syrakus zu senden, „fermo posta“, postlagernd. Wir haben unseren Plan für den „giro de sicilia“, die Rundfahrt, betrachtet und fanden, dass wir zum geeigneten Zeitpunkt eigentlich so in der Gegend von Syrakus angekommen sein müssten, und so ist es ja nun auch. Wir haben der Verwaltung die Adresse des Postamtes angegeben, das wir für die Hauptpost hielten. Dann habe ich im Netz Anhaltspunkte dafür gefunden, das das von uns bezeichnete Postamt gar nicht mehr existiert, so ganz genau konnte man das nicht verstehen. Also habe ich dem Wahlbüro noch einmal eine Änderung durchgegeben, mit der Adresse eines andern Postamtes. Na, wenn man das man alles klappt...

 

Außerdem habe ich jetzt festgestellt, das ich nicht mehr weiß, wo ich notiert habe, welche Adresse die aktuelle, letzte gewesen ist. War es das Postamt an der „Riva della Posta“ oder das an der „Via die Santo Coronati“? Ich finde meine Notizen nicht, wühle mich noch einmal durchs Internet, vergeblich. Wir werden es ausprobieren müssen. Na, wenn das man klappt...

 

Auf der Schnellstraße haben wir Catania schnell hinter uns gelassen und passieren dann die Industriekulisse der Raffinerien von Augusta, und schon erreichen wir die Außenbezirke von Siracusa, wie es hier genannt wird. Bei den alten Griechen, die hier ab 2500 v.C. gesiedelt haben, war es eine der größten Metropolen des Mittelmeerraumes, hier um die Ecke entfloh Odysseus dem Zyklopen (angeblich), hier lebte Archimedes (sicher). Die Hauptstraße ist für Sizilien breit, aber aus Lavasteinen zusammengefügt, die den Eindruck machen, als hätten sie die letzten Erdbeben doch immer wieder erheblich verschoben, es holpert enorm. Das macht aber nichts, weil der sizilianische Stadtverkehr durch in der zweiten Reihe parkende Fahrzeuge und die gegen alle Stop-Zeichen, Überholverbote und durchgezogene weiße Markierungen wie ein Ballett umeinanderschwingt, Linksabbieger nutzen jeden Meter, um sich durchzuschieben, da ragt ein parkendes Auto einen dreiviertel Meter in die Fahrbahn, also langsam vorbeischlängeln, das Durchschnittstempo ist geruhsam, alles passt, wozu braucht man da eine glatte Fahrbahndecke?

 

Ortigia, wo beide von mir angegebenen Postämter liegen, ist die Altstadt von Siracusa und ist eine durch zwei Straßenbrücken mit dem Festland verbundene Insel, vielleicht drei Quadratkilometer groß. Parken dürfen in den Straßen nur Anwohner, also müssen wir einen der großen Parkplätze suchen. Der erste ist voll, aber dann entdecken wir schnell ein zweistöckiges Parkhaus. Es wirkt abgenutzt, wie aus den späten sechzigern in die Gegenwart gebeamt, wartet aber mit erstaunlicher Technik auf: Beim Reinfahren wird das Nummernschild fotografiert (lese ich später), und wenn man wieder wegfährt, gibt man die Autonummer in das Display des Kassenautomaten ein, entrichtet die Parkgebühr und beim Rausfahren gleicht der Computer ab, ob für dieses Fahrzeug tatsächlich die Gebühr entrichtet wurde. Kein Ticket, kein Mensch weit und breit, wir können uns nur darauf verlassen, dass das auch mit deutschem Kennzeichen so funktioniert. Na, wenn das man alles so klappt...

 

Das ursprünglich gewählte Postamt existiert tatsächlich nicht mehr. In dem Gebäude residiert jetzt das seriöse „Hotel Posta“. Wir fragen gar nicht erst, ob an der Rezeption unsere Briefwahlunterlagen auf uns warten. Wir trinken nebenan einen Espresso, so nennt man die übliche Gebühr, die Stadtbesucher in Italien für die Toilettenbenutzung entrichten, und bekommen als Bonus noch einen kleinen Stadtplan und den Hinweis, das Postamt liege jetzt zwei Straßen weiter, zweimal links, dann sind wir da. Tatsächlich ist da ein kleines Postamt, bei dem man aber nicht mal wirklich sicher ist, ob es im Bedarfsfall auch Briefmarken vorrätig hätte. Auf jeden Fall gibt es dort keine postlagernden Sendungen, und als wir zu erklären versuchen, worum es uns geht, werden wir nur etwas ungehalten zurechtgewiesen, wählen könne man hier auch nicht. Dann versteht der Schalterbeamte unser Problem doch noch und bestätigt, ja, in der „Via dei Santi Coronati“, da könne das durchaus sein. Er kommt mit auf die Straße und erklärt uns genau, wie wir gehen müssen, verabschiedet sich mit Handschlag und ist überhaupt die Hilfsbereitschaft in Person. Wir nehmen den beschriebenen Weg, durch Fußgängerzone und abzweigende Gässchen finden wir das gesuchte Postamt. Eine Nummer ziehen, zwanzig Minuten warten, zwei von vier Schaltern sind besetzt, jetzt noch einer, und wir schildern erneut unser Anliegen. Und nun geht es blitzartig: Die Dame am Schalter geht in das Büro, kommt mit unseren Wahlbriefen wieder und schon haben wir sie. Unter den aufmerksamen Augen der allgegenwärtigen Videoüberwachung machen wir schnell unser Kreuzchen (vor aller Aufregung, wie das alles klappen soll, hätten wir fast vergessen, dass wir ja auch noch unsere Wahlentscheidung treffen müssen, angesichts einer Liste mit 41 Parteien eine Herausforderung, die wir aber zügig meistern). 2,80 Euro Porto für den Eilbrief per Luftpost zurück nach Buchholz, und unsere Bürgerpflicht ist auf dem Weg.

 

Jetzt sind wir (dass das alles so geklappt hat!) befreit und können uns der Stadt zuwenden. Siracusa ist ein quirliges Städtchen mit 130.000 Einwohnern und einer ziemlichen Schar Touristen. Wenn man sich die wegdenkt (vor allem auf dem Domplatz wimmelt es), ist es eine schöne Stadt. Sie macht uns den Zugang leicht, die malerische Altstadt beeindruckt uns viel mehr als beispielsweise Bari vor fünf Jahren, dort war zu vieles neu verputzt wie im Freilichtmuseum. Siracusa behält seinen Charme und arbeitet eher im Verborgenen an sich, schminkt sich nicht zu sehr. Überall werkeln Handwerker, ziehen neue Strippen, schleifen Fußböden ab, hauen Wände raus. Die Stadt pulsiert, protzt auch hier und da mit schicken Läden: Capri-Sandalen nach Maß, Ortigia-Parfüm, Max Mara, Traditions-Enoteca mit Wein und Schinken. Die Papyrus-Pflanzen am Brunnen der Aretusa, einzig außerhalb von Ägypten, mit den Enten und Fischen in dem Süßwasserteich direkt am Meer sind nett, nette Restaurants über dem Meer, am Ende der Altstadt das Kastell Maniace, das Friedrich II. ausbauen ließ, nur ist es leider zu, Öffnungszeiten nur bis 13 Uhr. Na ja, es klappt halt nicht alles.

 

Abgerundet wird unser Spaziergang durch ein ungeplantes, ungeahntes Kunsterlebnis. Als wir in jeden Hauseingang spähen, Innenhöfe inspizieren, entdecken wir eine Skulpturenausstellung. Natürlich hatten wir die Plakate in der ganzen Stadt schon gesehen, „Ciclopica - From Rodin to Giacometti“ hatte da gestanden, aber ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, dass das was für uns sein könnte. Nun sehen wir in einem barocken Innenhof quietschbunte Objekte des mexikanischen Bildhauers Sebastian, der normalerweise in seiner Heimat und auf der ganzen Welt eher großformatige Plastikobjekte installiert, immer monochrom in einer Signalfarbe, hausgroß, hier im Kleinformat auf Menschenmaß runtergeschraubt. „Ciclopica“ heißt die Ausstellung in Anlehnung an Odysseus' Zyklopen-Abenteuer, Odysseus hatte den Zyklopen geblendet und als der heulte: „Wer war das?“ hatte Odysseus geantwortet mit dem griechischen „outis“, was sowohl „bin Odysseus“ als auch „niemand“ bedeuten konnte. Darauf hatte der Zyklop seinen Zyklopen-Kumpels, als die ihn fragten, wer ihn geblendet haben solle, immer nur sagen können: „Niemand!“ Hier also nun eine Ausstellung in einem ehemaligen Kloster, hundert Skulpturen von Rodin (eine), Giacometti (zwei), Marino Marini und Henry Moore (jeweils eine). Die großen Namen sind es aber nicht, die hier überzeugen, sondern (wir finden: wie immer wieder) die Kombination alter Architektur und neuer Kunst. Die ausstaffierten Puppen in Menschengröße, die wie in einer alten Kapelle aufgebaut sind, das ist ein unglaubliches Spannungsverhältnis. Einzig die Berieselung mit süßlichen Esoterik-Klängen stört und ist völlig überflüssig. Und zur Abrundung unseres Wahl-Tages entdecken wir im Innenhof eine Figur, die uns im Stil sehr bekannt vorkommt. Wir fragen eine junge Frau vom Team, ob von dieser Künstlerin auch Figuren am Lungomare, der Meerpromenade von Reggio di Calabria, aufgestellt sind, und tatsächlich, es ist Rabarama, die Bildhauerin, die sowohl in Reggio wie auch hier mit einer Figur vertreten ist. Diese hier heißt „Transport“ und verweist auf den Weg der Seele nach dem Tod. Warum uns das so beschäftigt mit dieser (Seelen-)Wiederbegegnung? Nun, in Reggio di Calabria hatten wir vor zwei Jahren unsere Briefwahlunterlagen für die Bundestagswahl in der Hauptpost abgeholt. Jetzt hier heute die Wahlunterlagen für die Europawahl. Und beide Male Rabarama. Der Kreis schließt sich.

 

Im Parkhaus hat übrigens alles bestens geklappt. Kennzeichen eingeben, Geld einwerfen, rausfahren. Siracuse ist ganz vorn. Hier klappt (fast) alles.

 

 

 

 

Passionen und andere Schauspiele

 

 

 

Um eins beginnt die Prozession, hatten wir gehört, und dauert dann bis in die Nacht. Es ist Gründonnerstag, drei Tage vor Ostern, und im katholischen Sizilien finden überall Prozessionen statt, eine berühmter als die andere (sagen die Bewohner des jeweiligen Ortes selber), und wir haben uns jetzt pünktlich eine halbe Stunde später an der Kirche eingefunden, wo alles seinen Anfang nehmen soll hier in Marsala. Fernsehkameras sind aufgebaut, ein paar hundert Menschen drängen sich in der engen Gasse, eine Lautsprecheranlage wie für eine Freiluftdisco, römische Soldaten auf nervösen Pferden warten in einem Hinterhof auf ihren Auftritt, und die Musikanten der Banda Musicale Citta di Marsala in ihren weinroten Uniformen, zwischen fünfzehn und sechzig Jahren alt, vertreiben sich die Wartezeit mit Smartphone und rauchen. Ein Interview zweier Anzugmänner wird von den Fernsehleuten schon mal aufgezeichnet. Ansonsten passiert erstmal nichts. So gegen zwei hört man aus Richtung des Kirchenportals Stimmen, Rufe, eine Szene wird wohl aufgeführt, die dramatisch zugespitzte Befehle und Anordnungen enthält. Zwischen all den Menschen sieht man ab und zu einen Jesus mit Dornenkrone, er stürzt zu Boden und man sieht ihn nicht mehr, ein Kreuz wird gebracht und einer muss es tragen, wird wohl der Jesus sein. Die Szene zieht sich, wir hören aus den Lautsprechern uns unverständliche Reden, sehen so gut wie nichts, und um drei Uhr entschließen wir uns, langsam den Weg ins Stadtzentrum anzutreten. Wir sind um fünf zur Besichtigung der Weinkellerei Florio angemeldet, wo der berühmte Marsala-Wein produziert wird. In der Stadt erkennt man den Wegeverlauf der Prozession daran, dass die entsprechenden Straßen von Menschen gesäumt sind, die auf den Prozessionszug warten. Eine halbe Stunde später sehen wir ihn dann auch wieder, dieses Mal sind wir gerade in der ersten Reihe, da kommt das wandernde Straßentheater um die Ecke. Diese Gruppe hier spielt den Moment, als die Menge den Freispruch von Barrabas fordert, dem alten Gauner, und Jesus verurteilt: „Kreuzigt ihn!“. Pontius Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld, nur seine Gattin ergreift vehement Partei für Jesus, sie wird von einer schönen Frau gespielt und legt viel Emotion in ihren sehenswerten Auftritt. Das ist beeindruckend und bewegend, aber sie erreicht nichts.

 

 

Dann zieht der Zug weiter, und weiter hinten kommt die nächste Gruppe mit einer weiteren Station des Leidensweges. Jedes Mal ist Jesus dabei, und damit man ihn gleich erkennt, trägt er eine geschnitzte Holzmaske, die anderen Darsteller wechseln, Jesus bleibt immer gleich. Im Reiseführer stand, die Donnerstags-Prozession in Marsala seit doch sehr auf Touristen zugeschnitten, aber davon merken wir überhaupt nichts. Die Leute an den Straßen sind festtäglich gekleidete Italiener, wenige Ausländer mit großen Kameras, und die halbe Stadt ist sowieso beteiligt: Als Volk marschieren sie mit, in historischer Kleidung, Bäuerinnen, viele junge Mädchen mit allen Abstufungen des Engagements – voll Begeisterung für die Rolle, mit einstudiertem Gesichtsausdruck und stark geschminkt viele, aber auch welche, denen man den inneren Widerstand gegen die Zurschaustellung ihrer Person deutlich ansieht. Da ist viel Herzblut im Spiel, unterschiedlichster Art. Nur die Banda Musicale Citta di Marsala haben wir leider nicht gehört.

 

 

 

Einen Tag später sind wir ins benachbarte Trapani gefahren. Wir stehen wieder an der Straße, sichern uns einen guten Platz zum Fotografieren. Hier stehen heute keine Schauspielgruppen im Mittelpunkt, sondern Tragegestelle mit überlebensgroßen geschnitzten Figuren in Szenen des Kreuzweges: Jesus nimmt das Kreuz auf sich, der Garten Gethsemane, wie in Marsala Barrabas, insgesamt zwanzig Stationen. Und neben den schon vertrauten Gruppen aus dem Volk, die zwischen den Gestellen marschieren, als weitere „Hauptperson“: die Musik. Insgesamt sieben oder acht Blasorchester aus Trapani und den Orten der Umgebung, Capo San Vito, Mazara, von der Insel Favignana und dazwischen auch wieder die Banda Musicale Citta di Marsala, wir kennen die weinroten Uniformen schon. Jetzt können wir sie auch hören. Getragene Melodien, nach denen vielfach ein traditioneller seitlicher Wiegeschritt gegangen wird, Schritt zur Seite, ein offensichtlich wohlvertrautes Bewegungsmuster, keiner kommt aus dem Tritt, man kennt das. Die Musik ist klagend, aber auch massiv und fest, der Zusammenklang ist nie ganz sauber, aber das muss so sein. Es gibt wenig Schlagzeug, eine Gruppe von acht Männern mit großen Landsknechtstrommeln geht an der Sitze des Zuges. In jeder Banda dann ein oder zwei kleine Trommeln wie wir sie aus den Spielmannszügen bei uns zuhause kennen, dazu natürlich immer eine große Basstrommel und die großen Becken. Ansonsten Tuba, oft zwei-, dreimal in einer Gruppe, Waldhörner, Trompeten, Posaunen, Saxophone, alles mögliche, was aus Blech ist und in der Sonne blitzt, Klarinetten, es klingt eindringlich und sehr fest auf dem Boden. Der Rhythmus wirkt immer leicht verzögert, fast stockend, als könne das Geschehen nur mit angehaltenem Atem ertragen werden, eine ganz besondere Atmosphäre.

 

Sizilianische Prozessions-Märsche auf YouTube:

 

https://www.youtube.com/watch?v=-GlkexaBkqk

 

https://www.youtube.com/watch?v=yDAovyZJl-4

 

https://www.youtube.com/watch?v=KXWQ49ZN_Hc

 

 

Die Tragegestelle sind schwer. Jedes wird vorn und hinten von jeweils zwei Stangen getragen, jede Stange mit vier oder fünf Männern. Anders als die Sargträger bei Beisetzungen haben diese Träger aber sehr direkten Körperkontakt. Einige halten sich mit einem Arm vom Brustkorb des Vorangehenden fest, alle schwitzen und sind konzentriert auf die Kommandos – stillstehen, gehen. Ein getragener Gleichschritt, tragender Gleichschritt, und soviel Nähe sieht man sonst unter Männern selten. Besonders auffallend ist das bei dem Gestell, das von Anzugträgern getragen wird. Alle scheinen so zwischen vierzig und fünfzig zu sein, Männer „im besten Alter“, kurze graue Haare, stylische Brillengestelle, ich denke an Anwälte und Honoratioren, den örtlichen Lions-Club, alle kennen sich, lachen, scherzen, haben viel Spaß bei der Arbeit. Es sei ihnen gegönnt, aber wie sie es wohl finden würden, wenn man ihnen sagt, dass das irgendwie ganz schön schwul wirkt? Wie das eben so ist mit den Männerbünden. Irgendwo lese ich, die Träger seien Häftlinge, die hier ihre Schuld abarbeiten. Das ist (glaube ich) eine Erfindung.

 

Es gibt noch eine andere Abteilung von Männern, die nicht an den Gestellen zu sehen sind. Sie sind oft etwas älter, weißhaarig, wohlsituiert oder asketisch, im Anzug oder im Ornat, dazwischen einige in Uniform: Das sind die Würdenträger der Kirche, und mit ihnen der Bürgermeister und der Polizeipräsident und andere Offizielle. Die Kirchenmänner sind oft umgeben von jungen Mädchen, und ich werde die Frage nicht los, wer von ihnen beteiligt gewesen sein mag am weltweit beklagten Missbrauch von Jugendlichen durch Kirchenmänner. Das Gefühl ist zwiespältig, die Männer (Frauen sind fast keine dabei) sehen zum Teil gütig aus, zum Teil eher schmierig. Einige sind wahrscheinlich wirklich Wohltäter oder gute Menschen oder hilfreiche Seelenbeistände. Man sieht es eben keinem wirklich an. Aber sie sind dabei, davon gehe ich aus.

 

Die Musik ist ein guter Spiegel für die Verunsicherung, feste Basis einerseits und auch wieder schwankend, klagsam, und die Banda Communale Citta di Marsala ist eine der besten. Sie können auch fröhlich, wie ich später auf YouTube feststellen konnte. Best of Karfreitag. Best of Zwiespalt.

 

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Einige Zeit später erleben wir nach dem Straßentheater in Marsala Burgtheater in Aci Castello bei Catania. Die alte Normannenburg liegt wie eine tonnenschwere Kogge im Meer, steigt dreißig, vierzig Meter steil auf, mit scharfem Bug gegen den Ätna gerichtet. Wir wären auf unserer kleinen Radtour fast vorbeigefahren, man muss ja nicht auf jede Burg klettern, ich bin ja nicht mehr zwölf Jahre (jedenfalls laut Ausweis). Dann doch hoch und von oben ein netter Ausblick über die Zyklopenküste. Polyphem, der Ober-Zyklop, hatte sich hier nicht nur mit Odysseus rumgeschlagen (dabei sein einziges Augenlicht verloren), sondern auch den Hirtenjungen Aci erschlagen. Vielleicht war er eifersüchtig, weil Aci sich in eine Nymphe verguckt hatte und die dem jungen Mann wohlgesonnen schien, jedenfalls war er nun erschlagen, und Poseidon hatte ein Einsehen: Er konnte Aci nicht wieder lebendig machen, aber er konnte ihn in einen Fluss verwandeln und ihm so die Wiedervereinigung mit der Wassernymphe ermöglichen. Polyphem jedenfalls war so sauer, vor allem dann auf Odysseus, dass er der Legende nach eine Reihe von Lavafelsen ins Meer schleuderte, aber keinen weiteren Schaden damit anrichtete, und nun heißen die Orte hier alle Aci (Aci Castello, Aci Trezza, Aci Reale usw.) und prahlen mit der malerischen Lavaküste.

 

Oben auf der Burg sahen wir hin und wieder eine Gruppe von drei hübschen Frauen in mittelalterlichen Gewändern, die auf einer Brüstung saßen und mit dem Smartphone spielten. Aus dem Freilichtmuseum Kiekeberg bei uns zuhause kennen wir das museumspädagogische Konzept, den alten Gebäuden durch in Tracht und Kluft gekleidete Ehrenamtliche Leben und Authentizität einzuhauchen. War das jetzt auch hier so? Als wir gerade wieder gehen wollten, flutete eine Klasse ungefähr zwölgjähriger Jungs und Mädchen den Burghof, setzten sich brav auf die Stufen und hörten einer Betreuerin zu, die über ein kleines Mikro und einen vor ihrem Bauch hängenden Minilautsprecher Anweisungen gab, eine Art elektrifizierter Bauchrednerin. Klang allerdings sehr blechern. Ihre Ankündigung führte dann zum Erscheinen der drei Damen in den langen Kleidern, Brokat oder so, es ist Donna Yolanthe mit ihrer Zofe (die nicht in Brokat, versteht sich) und eine Erzählerin. Ich verstehe von ihren ausdrucksvoll vorgetragenen Reden nichts, erahne aber, dass Donna Yolanthe so erregt ist wegen ihrer umstrittenen Beziehung zu Baron Grazia, es geht finstere Machenschaften (Gift?), die Zofe spielt eine unklare Rolle, anscheinend weiß sie mehr, ist aber verängstigt.

 

Das Spiel der drei ist ausdrucksstark, es wirkt professionell und gekonnt, das ist kein Laienspiel. Nach einer Viertelstunde haben die drei ihre Szene ausgespielt, eine weitere Betreuerin mit Bauchlautsprecher erzählt die Geschichte zu Ende, und wir lassen die Normannenburg und ihre Geschichte hinter uns. Lebendige Geschichte, sowohl in Marsala mit seinem österlichen Straßentheater, als auch hier in Aci Castello, beeindruckend und bunt.

 

 

 

Nachdem wir von der Reise zurückgekehrt sind, wurden deit Anfang Juni auf meiner Foto-Homepage ingoengelmann.jimdo.com einzelne Foto-Kapitel dort hochgeladen, nach und nach. Dafür hatten die Campingplatz-WiFis nicht gereicht.