- Harzer Lerchen und die Türen von Blankenburg (2013)

 

- Treptow revisited: STOMP und das sowjetische Ehrenmal (Berlin 2003)

 

- Tango für Burg P. (Pisak, Kroatien 2002)

 

- Finnischer Tango und plattdeutsche Lieder (Järvenpää, Finnland, 2004)

 

- Kritikos (Agios Nikolaos, Kreta, Griechenland, 2006)

 

- Leipzig 2007

 

- Pappenheim (Altmühltal, 2007)

 

- Satemin (Wendland, 2007)

 

 

 

Harzer Lerchen und die Türen von Blankenburg (2013)

 

 (mehr Fotos:

http://ingoengelmann.jimdo.com/bilder-blog-2013)

 

Der nördliche Harz und sein Vorland Richtung Osten gehört zu Sachsen-Anhalt, und bis vor 24 Jahren war hier DDR. Als wir 1990 erstmals in Quedlinburg waren und auch die Rosstrappe und den Hexentanzplatz besucht haben, waren die Straßen noch echte Herausforderungen, und statt Kaufhaus gab es in Quedlinburg einen Krammarkt mit überproportional vielen Polen und „Fidschis“ unter den Verkäufern (so hießen damals die vietnamesischen Menschen, die man zum Arbeiten in die DDR geholt hatte und wie im Westen vergessen hatte, dass die Gäste hier auch leben wollten – und so heißen sie noch heute immer wieder mal).

In Quedlinburg waren wir vor ein paar Monaten zum Abschluss unseres Sommerurlaubs wieder. Die Fachwerkhäuser waren sorgfältig saniert und renoviert, die Straßen neu („alt“) gepflastert, und man roch kaum noch Braunkohle aus den Schornsteinen und gar keine Zweitakt-Motoren mehr. Es fahren kaum noch Trabbis. Wenn das Alte, das jahrzehntelang ungepflegt blieb und verfiel, in die Gegenwart gebeamt wird und nun erst richtig alt aussehen soll und gleichzeitig gepflegt, dann kommt eine seltsame Mischung zustande, die uns in diesem Sommer nicht wirklich gefallen hat.

Aber es gibt ja noch so viele andere Städte und Dörfer im und am Harz, und deshalb bin ich für drei Tage hierher gefahren. Das reservierte Zimmer liegt in Ilsenburg, im Stellwerk des Städtchens direkt am Bahnhof, gerade frisch renoviert und als Pension hergerichtet. Fünf Zimmer, natürlich keine Rezeption, und auch keiner da, als ich das Zimmer beziehen will, ich muss erstmal telefonieren (hätte man mir als Handy-Muffel ruhig vorher sagen können bzw. im Internet vorwarnen, denn dass ich ein ausreichend aufgeladenes Mobiltelefon am Mann habe, ist gar nicht so selbstverständlich). Aber alles gut, mit hochrotem Kopf kommt der Vater des zuständigen Sachwalters auf dem Fahrrad angekeucht, und er hat einen Schlüssel für mich, mehr Formalitäten braucht es nicht. Ich wohne im „Ilse“-Zimmer – benannt nach dem Flüsschen, das ein paar hundert Meter weiter sprudelt und hüpft, aber auch nach meiner Mutter, die ja ebenfalls Ilse heißt. Passt.

Auf der Herfahrt hatte ich schon einen kleinen Vorgeschmack genippt auf die ostfälische Fachwerkkultur. In Osterwieck war ich staunend durch ein 4000-Seelen-Städtchen gewandert, das nicht so aufgemotzt war wie Quedlinburg (ist eben kein Vorzeigeobjekt), aber doch überwiegend ganz gut auf den Stand gebracht, geschätzt ein Fünftel (oder so) der Häuser waren dabei allerdings auf der Strecke geblieben, leerstehend, abblätternd, bröckelnd. Vielleicht waren es auch weniger, aber sie fallen mir Westler eben auf – nicht nur wegen meines Fotoapparats und der Faszination des Alten, Vergehenden. Sondern auch weil es „bei uns“ diese Ruinen ja nicht gibt, oder doch fast nicht. Osterwieck hat mir ausnehmend gut gefallen, aber wovon die Leute dort leben, blieb mir rätselhaft. Fremdenverkehr habe ich jedenfalls kaum festgestellt, und die örtliche Paintball-Halle in einem alten LPG-Gemäuer schien auch stillgelegt zu sein.

Ilsenburg allerdings überrascht mich nun mit fast völligem Fehlen der leerstehenden Gespensterhäuser. Alles ist aufgeräumt und angemalt, eher unaufgeregt, und zwischen den Fachwerkhäusern sind nicht wenige verputzte, teilweise neu gebaute Häuser, die nicht unbedingt Harz-Architektur verkörpern. Ilsenburg baut auf Fremdenverkehr, hier starten die Wanderungen auf den Brocken, und man hat Tradition: Heinrich Heine hat hier im Gasthof „Zu den Roten Forellen“ gespeist und „guten Wein genossen“, wie er in den oft spitzen Prosa-Fragmenten von seiner „Harzreise“ berichtet. Der spritzig-vermurmelten Ilse, dem kleinen Harzflüsschen und Namensgeberin des Städtchens, hat er gar ein Gedicht gewidmet (das indes nicht zu seinen größten Leistungen zählt, wie ich finde). Auf dem Weg von Göttingen nach Weimar und zu Goethe war Heine auf Wanderschaft durch Clausthal und in Zellerfeld gekommen (die erst hundert Jahre später zum Doppelnamen-Städtchen zusammengeschlossen werden sollten), war auf dem Brocken und in Wernigerode – und eben auch in Ilsenburg. Allerdings ist dieser Ort nicht, wie man von Heine bis zum heutigen Tourismusbetrieb monokulturell schließen könnte, auf die Fremden und ihr Geld angewiesen gewesen. Vielmehr war es schon immer ein Gewerbe- und Industriestandort. Walzwerke und Hochöfen stehen hier schon seit langem und werden zum Teil auch heute noch betrieben. Einer, der Anfang der sechziger Jahre republikflüchtig geworden war, kam wieder zurück – mittlerweile war er Personalchef von Thyssen-Krupp geworden. Heute arbeiten hier neunhundert Mitarbeiter an Nockenwellen für Thyssen. Radachsen für Eisenbahnwaggons baut man in der Radsatzfabrik, Blech wird produziert, die Gießerei in der alten Fürst-Stolberg-Hütte hat allerdings kürzlich aufgegeben. Der Bahnhof wird regelmäßig angefahren, schon heute von DB und Veolia mit dem Harz-Elbe-Express HEX (diese Namen!), und die DB weicht wohl demnächst dem privaten Unternehmen Erixx (dto.). Ilsenburg musste für sein Gewerbe westliche Investoren ins damalige VEB-Boot holen, die Georgsmarienhütte ist heute mit von der Partie, aber es brummt doch irgendwie zumindest ein bisschen, und so erklärt sich das aufgeräumte Ambiente auch dadurch: es scheint keine arme Stadt zu sein. Als ich abends zum Rauchen vor bzw. hinter das Stellwerk-Haus trete, sehe ich über die Bahngleise hinweg zur Radsatz-Fabrik und durch die Dunkelheit rollen da immer wieder glänzende zweirädrige Achsen über den Hof, bewegt von Geisterhand auf unsichtbaren Schienen wie an Bändern, und wenn sie hinten bei den anderen ankommen, sagt es dunkel klingend „klonk“. Spät am Abend ist dann der Vierzig-Achser perfekt, liegt eine an der anderen. Die Fisch- und Speisegaststätte, die ich früher am Abend der „Roten Forelle“ aufgrund des deutlich moderateren Preisgebarens vorgezogen hatte, hatte sich allerdings als besserer Imbiss erwiesen und enttäuschte dann doch auf ganzer Linie. Nicht alles, was aufgeräumt ist, kann den Spielraum nutzen. Dem massigen Schnauzbart-Typen, der in der Speisegaststätte sein Abendbier trank, begegne ich später noch mal wieder, als er im Bistro bei seinem Frühstücksbier sitzt. Gestern war vierundzwanzigster Jahrestag, sinniert er. Brockenöffnung. Hätte auch keiner mehr geglaubt. Und wo er gearbeitet hat, in dem Sperrholz-Teil des Ilsenburger VEB, da seien die Arbeitsbedingungen besser gewesen als das, was er später im Westen gesehen hat.

Am Dienstagmorgen nutze ich den ersten Sonnenschein (der zum Glück erst gegen halb neun einsetzt, schließlich haben wir schon Dezember), um mit dem Fotoapparat weiteren Fachwerk-Highlights entgegen zu fahren. Die erste Station ist Blankenburg. Im Sommer waren wir hier nur durchgefahren, mit knappen Zeitbudget und festgelegt auf die Entdeckung der Teufelsmauer, einer Sandsteinformation, die sich über Kilometer durch das Harzvorland zieht und uns bei Timmerode mit dem Hamburger Wappen entzückt hatte (so nennen sie den dreizinnigen Felsen, der dem hansischen „Tor zur Welt“ ähnelt). Damals beim Durchfahren hatten wir gedacht: Blankenburg, das könnte man sich auch noch mal ansehen. Stimmt. Und wie! Es ist an diesem Tag mein erster flow: eine kleine Stadt mit engen Gassen und städtisch-aufragenden Fachwerkhäusern, die ausreichend gealtert sind, dass man ihnen das über der Tür verzeichnete Geburtsjahr auch glaubt: 1683, 1701... Man sieht nicht so sehr den wohlsituierten Lebensstandard, den ich in Ilsenburg zumindest erahne, alles ist einfach, normal, und es herrscht ein unaufgeregtes Treiben ohne Weihnachtsmarkt (der kommt erst noch) und mit dem allgegenwärtigen Poltern und Klötern von Sanierungsarbeiten. Dass sie man bloß vorsichtig sind mit dem Aufräumen! Ich staune über diese stimmige und schöne Atmosphäre, als mich eine Dame mittleren Alters fragt, was ich denn da schönes fotografiere. Alles, was alt ist, erwidere ich wahrheitsgemäß, aber sie kann mit der Antwort nicht viel anfangen. Das Haus, dessen Schaufenster und Firmenschild ich gerade geknipst habe, eine alte Drogerie, sei zum Glück (sagt sie) jetzt endlich geräumt. Es sei ja furchtbar gewesen: keine Garage, und das auf der Straße geparkte Auto muss hier im Innenstadtbereich morgens um zehn weg sein und darf erst ab achtzehn Uhr wieder vor dem Haus geparkt werden. Das scheint, erschließt sich mir später, eine ganz ausgefieselte Idee der Tourismusstrategen und Städteplaner zu sein: ab zehn müssen die Innenstadtstraßen autofrei sein, in der Straßenmitte fahren zwei Poller hoch (und wer bis dahin nicht weg ist, schafft es nicht mehr, bis die Polizei ihn rauslässt, wie komme ich da jetzt nur auf die Assoziation zu Wegelagerei?). Also ich verstehe: das Leben in Blankenburg ist nicht stressfrei, aber dafür haben sie Türen, ich sage ihnen, Türen... ich kann gar nicht zu knipsen aufhören, geschnitzte Portale an Bürgerhäusern, die jedes fürstliche Schloss zieren würden, stilvolle ausgewogene Kompositionen, auch schlichte Ausführungen, die einfach stimmig sind, also die Türen von Blankenburg, das ist ein Kapitel für sich.

Hochgestimmt fahre ich weiter nach Thale und Friedrichsbrunn, weil dort ein Pionierfreizeitheim leer steht (habe ich im Internet gelesen), und weil ich auf Rügen so ein Feriendorf erforscht hatte, wollte ich nun mal sehen, wie das in Friedrichsbrunn aussieht. Es gibt den Bau tatsächlich, ich finde ihn problemlos. Aber er ist zwar leer und das Grundstück zugewuchert, aber erstmals begegne ich zu meiner Überraschung einem derartigen Bauwerk, bei dem keine einzige Scheibe kaputt ist, und auch bei sorgfältigem Umkreisen erschließt sich mir kein Zugang in das Gebäude. Das ist selten: irgendwo ist eigentlich immer ein Fenster auf oder so, und man kann eintreten, ohne Einbruchswerkzeuge benutzen zu müssen. Hier muss ich draußen bleiben. Bei der alten Fabrik an der Ilsenburger Hochofenstraße, direkt über der Ilse gelegen, gab es den Zugang vom Bahndamm aus, wenn man sich dann links hoch hielt, war da der ansonsten rundherum untadellige Zaun einfach zuende, ich war auf dem Grundstück und konnte das ehemalige Trafohaus mit der Elektrozentrale betreten. Bis auf einen einzigen herumliegenden Porzellan-Isolator war aber nichts zu sehen gewesen…Hier, in Friedrichsbrunn, nicht mal das.

Die Fahrt geht weiter in Richtung Stolberg, und kurz vorher biege ich ab zum Auerberg, auf dem ein Aussichtsturm in der Konstruktionsweise „des Pariser Eiffelturms“ (Reiseführerprosa) steht. Ich parke an einem Edelhotelkomplex im Tal, es geht wohl zu Fuß auf den Berg, schließlich bin ich im Harz und nicht in der Zivilsation, wo man mit dem Auto überall hinkäme. Also los. Die Ausschilderung ist ausreichend rätselhaft, um den Aufstieg zu einem kleinen Abenteuer zu machen, der Weg ist ungefähr anderthalb Kilometer weit und überwindet kaum mehr als hundert Höhenmeter, das wäre ohne ein bisschen Zusatzabenteuer geradezu öde. Nach einer halben Stunde komme ich oben an. Das Josefskreuz (so heißt der Turm) ist einhundertzwanzig Jahre alt und aus Eisen und Nieten zusammengeschweißt, helltürkis gestrichen und sieht einfach wunderbar aus. Ich bin ein bisschen überrascht, dass außer zwei Wanderern mit Hund (die müssen ja unterwegs sein, Hunde brauchen Auslauf, Menschen ohne Hund offensichtlich nicht) niemand sonst den Weg auf den Auerberg nimmt – das ist doch eine echte Attraktion hier! Ich bin gespannt auf den Ausblick von der noch 38 Meter höheren Aussichtsplattform. Aber die Tür zum Treppenaufgang (ich weiß: 200 Stufen, ich bin gut vorbereitet) ist mit Vorhängeschloss gesichert. Nach ausführlichem Studium der Informationstafel entnehme ich: die Öffnungszeiten von 11-16 Uhr gelten zwar im Winter (November bis April), aber nur Mittwoch bis Sonntag. Heute ist Dienstag. Das stand im Reiseführer anders, von Ruhetagen war da keine Rede, auch nicht im Dezember. Auf dem Rückweg zum Auto hilft mir die „Straße der Lieder“: alle paar hundert Meter stehen einladend zwei Holzbänke, so dass eine kleinere Gruppe im Halbkreis Platz nehmen kann, und bei jeder Station steht die erste Strophe eines bekannten Volksliedes. So gehe ich pfeifend wieder bergab: Wem Gott will rechte Gunst erweisen... kein schöner Land... horch, was kommt von draußen rein... nur bei der „Köhlerliesel“ muss ich streiken, ich kenn das einfach nicht, keine Ahnung wie sich das pfeift.

Kurze Zeit später Ankunft in Stolberg, und der zweite Superflow des Tages. In drei Täler gepresst steht eine ganze kleine Mini-Stadt für 1400 Einwohner mit Kirche und Schloss und allem Drum und Dran und ist einfach nur atemberaubend hübsch. Das Stadtrecht bekam Stolberg schon vor dem Jahr 1300. Bis vor drei Jahren war es eine Stadt, dann wurde sie zwangseingemeindet. Jetzt gehört sie zur Gemeinde "Südharz", was zu einem Landkreis aus Mansfeld und Roßla gehört. Da muss man schon mal auf 700 Jahre Stadtrecht verzichten.

Obwohl sonst kaum jemand auf der Straße ist, steht für mich ein Mann mit einer Grillhütte bereit und verkauft mir eine Thüringer Bratwurst im Brötchen. Auf die „Harzer Lerchen“ verzichte ich: erst hinterher lese ich, dass das Würste sind, die beim Braten pfeifende Geräusche von sich geben. Muss ich nicht haben. An der Kirche wird gebaut (kennt man hier ja nicht anders), und der Reisebus, der die Gäste durch die Stadt schleppt, passt kaum durch das Nadelöhr am Marktplatz, rumpelt über den Bordstein, na geht doch. Ich steige die Stufen zum Schloss hoch, vorbei an den Handwerkern auf dem Kirchturm, lasse sie unter mir, die Sonne verschwindet schon um vierzehn Uhr hinter dem Berg, nur privilegierte Ortslagen haben noch weiter helles Licht, andere dösen im Schatten, Reif liegt auf den Nordhängen. Das Schloss ist nach vorn, zum Tal hin, renoviert. Das schöne Ocker, an den Fenstern braun abgesetzt, ist jetzt weiß und  an den Fenstern grau, stylisches Design, kühl und distanziert. Von hinten sieht man noch, wie schön das früher war (vielleicht ist die weißgraue Hochnäsigkeit historisch getreu, keine Ahnung, aber wie es in den letzten hundert Jahren aussah, ist schöner, wie ich finde – aber danach fragt ja keiner, auch mein in meiner Erinnerung wunderschön gelbes Celler Schloss haben sie ja hell verschandelt, fast weiß, weil das dem Original entspricht, von vor ein paar hundert Jahren, und genau so weit geht mir diese Historientreue am Arsch vorbei, nämlich ein paar Jahrhunderte, also ehrlich). Das Schloss war in DDR-Zeiten dem Volk zugeeignet. Über dem Eingang ist nur ein Hauch, kaum zu entziffern, ein ferner Schatten in alten deutschen Lettern: Erholungsheim Comenius. Davor noch ein paar Buchstaben, die gar nicht mehr identifizierbar sind (inzwischen rausgefunden: soll FDGB heißen, Betreiber des Ferienheimes ab 1947).  Im Innenhof hängt eine alte Übersichtskarte, von der die lackierten Wanderwege schon fast völlig abgebröselt sind, und die Legende hängt nur noch in kleinen Fetzchen: Buslinien errate ich, und hinter der Kfz-Werkstatt steht der sachdienliche Hinweis: „Trabant“. Ich fürchte, diese letzten Zeichen der jüngeren Vergangenheit sind bald ganz weg, wie auch das schöne Ocker an den Wänden. Muss man nicht 24 Jahre nach der Wende ein bisschen sorgfältiger mit Vergangenheit umgehen? Könnte nicht Rache als Hauptmotiv, wie Vergangenheit ausgelöscht wird, langsam mal zurücktreten? Für Stolberg war es nur eine Episode, was sind vierzig Jahre plus die zwölf davor angesichts der über vierhundert Jahre Stadtgeschichte? Ein bisschen Großzügigkeit kann sich dieser Ort locker leisten. Nur ein Haus ist hier im Krieg den Bomben zum Opfer gefallen. Das wars. Nach der Wende sollte das Schloss zum Hotel werden. Die haben es vergeigt, fast wäre alles durch Wasserschäden (unzulängliche Dachreparaturen) hin gewesen. Nun macht es der Denkmalsschutz, danke schön, aber sachte, bitte...

Am nächsten Tag ist es vorbei mit der Sonne. Allerdings bleibt es zunächst wenigstens trocken. Ich fahre zum Blochhauer, da ist in Ilsenburg ein Parkplatz und ein Spielplatz, aber ich will nicht spielen, ich will wandern. Oder besser: spazieren gehen. Auf den Spuren von Harry Heine, der sich umbenannte in Heinrich, um als Jude wenigstens eine kleine Chance zu haben, als Jurist in den Staatsdienst aufgenommen zu werden. Als er vom Brocken in Richtung Ilsenburg kam, war er auch auf dem Ilsenstein. Und den erwandere ich jetzt, das sind immerhin fast drei Kilometer, eine Strecke… und fast zweihundert Höhenmeter… na gut, ich sagte ja, spazieren gehen. Wie auch immer: es lohnt sich. Der Ilsenstein ist ein Granitfelsen, der sich aufgefaltet hat und über dem Ilsetal in den Himmel ragt. Vorn auf der höchsten Spitze hat der Fürst zu Stolberg ein Gedenkkreuz errichten lassen, wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Napoleon, die den Fürsten an der Seite Preußens sahen. Es ist echt nicht viel Platz an der Gedenkstelle, vier Füße heißt es können auf der Stahlplatte stehen, die am Felsen verschraubt ist und auf der das Kreuz steht. Heine soll daran gehangen haben, um nicht abzustürzen, und es lässt sich vorstellen, dass auch unterstellt es habe keine akute Sturzgefahr bestanden, der Schwindel jeden locker übermannen kann auf dieser Felsnadel mehr als hundert Meter über dem Tal, und zwar senkrecht, und nicht nur vorn, sondern auch rechts und links. An dieser Stelle soll früher eine kleine Burg gestanden haben, 1007 erbaut, um das Tal zu überwachen. Ilsgund hat der Schlossherr der Sage nach geheißten, und seine Tochter Ilse kam (umworben con einem kühnen Rittersmann) ums Leben und badet nun in den schäumenden Fällen der Ilse, und wer sie beobachtet wird verwandelt in eine alte Tanne. Wenn ich mir die Gegend so ansehe, scheint es zahlreiche Voyeure gegeben zu haben...Hundert Jahre später hat der Papst die Burg schleifen lassen. Schade, war eine gute Lage, und ganz unverbaubarer Blick. Jetzt gibt es nur noch eine abgeschrabbelte Ausflugscafébaracke, und die ist bis auf weiteres „wegen Umbau“ geschlossen. Papst Franziskus, übernehmen Sie.

 

 

 

Treptow revisited: STOMP und das sowjetische Ehrenmal

(Berlin 2003)

In der riesigen alten Lagerhalle am Hafen Treptow ist mit tiefschwarzen Vorhängen ein Drittel des Raumes für die rund 500 Zuhörer und eine Bühne abgeteilt. Es ist immer noch so warm, dass ich im Hemd allein vom da sitzen schwitze. Früher wurde hier wahrscheinlich Stückgut gelagert, oder es wurden Massengüter geliefert, bergeweise. Heute gibt’s Berge von Geräuschen. STOMP sind acht junge Leute aus aller Welt, schwarz aus HipHop-Amerika, rothaarig wie aus England, zwei sehen asiatisch aus. Sie machen Geräusche, zart-filigrane, und mit mächtig Krach, stampfend geradeaus oder schlenkernd und mit Verzögerungen, mit Witz und Kraft und sehr sanft, alles hat seine Zeit. Vieles hab ich darüber schon gelesen, angefangen von der artfremden Nutzung der Besen bis zu der Zeitung undd en Nirosta-Spülen – alles wird zu klack! und doing- und schschrrrsch… Dann kommen zu den Alltagsinstrumenten Struktur, Bewegung und Szene, und es wird zum Gesamtkunstwerk, nur ohne Worte. Die Zeitungsnummer: aus gutturalem Stöhnen und ungeduldigem Seitenumblättern wird ein Chor zunehmender Geräusche, reißend und knisternd, eine Zeitung wird zu einem immer aufgeregteren Vogel, schlägt mit den Flügeln, und die ganze Gruppe der Zeitungsleser sitzt um den herum, der schon von Anfang an mit der Zeitung gekämpft hatte, ungeduldig, ruhebedürftig, das Bild wird immer chaotischer auf engstem Raum, und Stille – vorbei. Es ist nicht nur diese Zeitung, die wir ja alle kennen (aber nur selten drauf hören), es ist auch das Bild aus der morgendlichen U-Bahn oder von der Pause auf Montage, es sind die Typen: der Rülpsende und der Gackerer und der Loser und der Rastlose, wir sitzen da und hören uns. Oder das Zauberstück von den flexiblen Plastikrohren, die einen so märchenhaft weichen und doch gut sichtbaren Ton geben, so ein weiches „womm“, sie sind atonal aufeinander abgestimmt, hauen eine flauschige Melodie in den Raum, wechseln die Plätze und doch bleibt jeder an seinem Platz, ein Geflecht mit fest gewirkten Flächen und Löchern, die doch nie so groß sind, das man durchfallen könnte. Die Gags innnerhalb der Nummern oder zwischen aufeinanderfolgenden sind oft irgendwie unrhythmisch, und das ist ja der Witz, freestyle, und man atmet bewusster. Wasser – auch andere Step- oder Musikshows arbeiten mit Wasser in ihren akustischen Nummern. Hier hat das Wasser seinen Klang, seine musikalische Funktion (und ist nicht nur komisch, weil man davon so nass wird). Der Blechbecher wird angetickt, tick-tick-tiddick-tick, und während bei zunehmender Schräglage des Bechers das Wasser langsam rausfließt, verändert sich die Tonhöhe des „tick“. Das alles in atemberaubendem Tempo, koordiniert und in eine musikalische Struktur eingebunden. Ich hab im Netz gelesen über die kreativ-witzigen Einfälle die das Team von STOMP präsentiert, womit man im Haushalt alles Musik machen kann. Das ist nur die Oberfläche, der lockende Duftstoff, der Köder. Dahinter wird uns das Wesen von Klang und Musik erklärt, über das Einfallstor des Rhythmus geht es in den Klang der Welt. Wir hocken erstaunt und fühlen uns vertraut mit Dingen, die uns täglich umgeben, und von denen wir doch nicht mehr wussten, wie sie sich anhören.

Treptow revisited

Vor ungefähr vierzig Jahren war ich zum ersten Mal in Treptow. Bei der Stadtrundfahrt der IJGD („Internationale Jugendgemeinschaftsdienste“ – ein Verein, bei dem unsere Eltern mitarbeiteten) wurde das sowjetische Ehrenmal besichtigt. Natürlich. Ich war 12 und erinnere mich an riesige Steinquader, rampenförmig ansteigend, in lieblicher Parklandschaft, etwas Großartiges hatte mich angeweht. Fünfzehn Jahre später war es wieder eine Stadtrundfahrt während eines Ein-Tages-Trips nach Ostberlin. Ich erinnere mich an viel Nebel, zu sehen gab es eigentlich gar nichts, aber wir waren auch in Treptow, in diesem Nebel, da bin ich mir sicher. Ein sowjetisches Ehrenmal als Nebel-Schemen.

Nun ein weiteres Kapitel der Begegnung mit Treptow. Simon und ich sind für fünf Tage mit dem Wohnwagen meiner Eltern nach Berlin gekommen, der Wagen steht auf dem Campingplatz in Kladow an der Südwestspitze Westberlins. Gerlinde ist in England, fortbildungsbedingt. Simon wird im Verlauf unserer Herrenpartie zwölf Jahre alt. So wie ich damals, beim ersten Mal. Ich zeige Simon „mein“ Berlin: Spandau, wo früher unsere Verwandten wohnten. Ich habe mit meinem Cousin Lutz im Staatsforst beim Manöver der Tommys kiloweise messingene Geschosshülsen gesammelt und sie dann beim Altmetallhöker verscherbelt. Vom Erlös gab es dann am Kiosk Fassbrause – kannte ich noch gar nicht. Lecker. Ich besichtige mit Simon die Dinos im bezaubernd verstaubten, liebenswerten Museum für Naturkunde. Und wir fahren nach Treptow, zum sowjetischen Ehrenmal. Die riesigen Steinquader erwarten uns, der russische Granitsoldat mit dem Kind auf dem Arm, und wir diskutieren lange im herbstlichen Sonnenschein über Kriegswahnsinn und Nazis und Stalin, Deutsche und Russen. Wieder weht uns irgendetwas an, eine Trauer über die Welt und die Verachtung gegenüber den Menschen und der Wunsch es besser zu machen. Simon erinnert sich eine Zeitlang später noch an den schwarzen Hund am Teich im Treptower Park. Welche Erinnerungen bleiben ihm? Was erzählt er seinem Sohn in dreißig Jahren?

 

Zwei Jahre später fahren wir beiden wieder nach Berlin. Wieder so eine Herrenpartie. Diesmal nehmen wir uns ein Hotelzimmer, wir buchen im Internet, und das Hotel liegt in Treptow (ich behaupte: zufällig buchen wir dieses Hotel, aber irgendwie verfolgt es mich, dieses Treptow). Ich kenne mich schon langsam aus: die große Ausfallstraße am Volkspark entlang (damals noch alles Baustelle, jetzt ist vieles schon fertig). Die Bürgerhäuser am Park, gepflegte Wohnblocks, mittelständisches Flair. Wenig Geschäfte. Das Hotel liegt an der Spree und mitten im Gewerbegebiet, am anderen Ufer vorsichtig bis entschlossen renovierte Betriebe und Werkstätten, eine Spielhalle mitten im Gewerbe, ob das gut geht? Das Hotel ist für unseren Geschmack eine vollklimatisierte Luxus-Enklave mitten in einer Stadt, die nach ihrer Zukunft sucht. In dieser Gegend ist das nicht unbedingt die Zukunft als Regierungssitz, der liegt westlicher, in Mitte und so, davon merkt man hier bisher nicht viel. Hier geht es weiter nach Dresden und Frankfurt/Oder, unweit grenzen die Plattenwüsten von Hellersdorf und Marzahn an, riesige Flächen liegen brach: alte Güterbahnhöfe und Flughäfen, Fabrikhallen und leerstehende Häuserzeilen.

Vieles ist bunter geworden, gepflegter, neuer. Altbauten sind respektvoll modernisiert oder kosmetisch aufgepeppt. Straßen sind gut im Schuss, neue Straßenlaternen (im historischen Stadtkontext gern auf alt getrimmt). Und man kann erkennen, wie die Modernisierung sich auf wenige Ausschnitte fokussiert und so die Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs und der Alltagskultur „auf den Stand“ bringt. Dabei kommen Lebensräume heraus, die mir Angst machen. Am schnellsten und modernsten ist die Schaffung von Wohnraum, rasant hochgezogene Blocks, Eigentumswohnungen, dekorativ aufgehübscht und einfallslos bis zum Abwinken. Dazu kommen zwei weitere Kategorien: die zum Tanken und die zum Shoppen. Riesentankstellen mit angeschlossenem Kleinstwarenhaus säumen die Ausfallstraßen und sorgen vor allem am späteren Abend für einen leicht amerikanischen Highway-Anklang. Und das Park-Center (gemeint ist in dem Namen ist der Treptower Volkspark daneben, nicht das Parkhaus) bietet von McDonalds über Saturn bis Toys’R’Us das Nötigste, daneben ein Ufa-Palast mit acht bis zehn meist verzichtbaren Filmen gleichzeitig. Und zu Fuß erreicht man in zehn Minuten das sowjetische Ehrenmal… Gleich in der Nähe unseres Hotels baut die „Stiftung Kaufstätte“ einen hochverdichteten Baukomplex mit tausenden von Quadratmetern Verkaufsfläche und integriertem Parkhaus. Drumherum ist unentschlossenes Wohngebiet mit alter Substanz und den allgegenwärtigen Sonnenstudios, unsicheres Gewerbe gemischt mit Brachland. Quartier und Quarrée, Mercado oder einfach Center, die Namen sind eh egal, globalisiert, folkloristisch verbrämt. Unter den neuen Dächern der Einkaufszentren kriegt man die zeitgeistige Einheitlichkeit (Gesichtslosigkeit) noch besser hin als kurz nach der abgebrochenen Revolution von 1989 die Einkaufsstraßen von Ribnitz-Damgarten, Neustrelitz oder anderer Mittelzentren – und die waren schon ganz schön blitzartig vereinheitlicht, S. Oliver und Elizabeth Douglas waren schnell da, Rossmann und Eduscho. Ein dritter Schwerpunkt der Vereinheitlichung ist im Alltag stets erlebbar: Dier Supermärkte. Fast alle gehören den Billigketten an, Lidl, Aldi, Netto und Norma und wie sie alle heißen. Man nehme ein Grundstück von ca. 3000 Quadratmetern, setze eine flache Normhalle darauf, mit leicht geneigtem Dach, hundert bis dreihundert Parkplätze drum herum, fertig ist der Supermarkt. Grundstücke gibt’s hier überall, und die Discounter ebenfalls. Wie viele kleine Lebensmittelgeschäfte hat jeder dieser Märkte vernichtet? Zehn , zwanzig? Wieviele Einzelhandelsfilialen fallen dem nächstgelegenen Einkaufscenter zum Opfer?

 

In den alten Vierteln hält sich noch dieser oder jener Höker, da gibt es noch Stammkunden und soziale Bezüge. Anders fühlt sich das in Hellersdorf an. Hier gibt es Straße um Straße nur Wohnblocks, sechs Stockwerke hoch, Blumenmeere auf den Balkons, die architektonische Spitzenleistung ist der glasverkleidete Fahrstuhlschacht, der außen an die Hausfassade geklebt ist. Selten habe ich mich in der Millionenstadt so orientierungslos gefühlt wie in Hellersdorf. Wir suchen das Kino „Kiste“, wir wollen einen bestimmten Film sehen, und der läuft laut Berlin-Programm nur hier. Ganz am Ende der Neubautenwüste, am Fußweg zu der das hier beginnende Brachland querenden S-Bahn liegt das Haus „Kiste“. Es ist eine Art Jugendzentrum, alles sehr improvisiert und gebraucht, und wir fühlen uns irgendwie nicht gemeint, fremd: Simon zu jung, ich zu alt, und beide nicht von hier. Ausgerechnet hier, wo unscharfe Assoziationen marodierender Glatzen-Gangs durch den Hinterkopf zucken, wollen wir Michael Moore’s „Bowling for Columbine“ sehen? Gibt es das hier auf DVD über den Fernsehbildschirm, oder verweist der Programmzettel wirklich auf ein Kino in der Kiste? Es ist noch zu früh, und wir essen erst mal was im nahegelegenen Restaurant, gelegen im Erdgeschoss eines Wohnblocks, wo sonst. Wir gestehen uns im Gespräch gegenseitig ein, dass uns die „Kiste“ nicht übermäßig viel Vertrauen einflößt. Wir holen das Auto und entdecken ein paar hundert Meter weiter die örtliche Infrastruktur: das Hellersdorfer Einkaufszentrum. Mit McDonalds, Saturn und…und… und mit einem Großkino mit acht Vorführungen. Wollen wir nicht lieber in dieses klimatisierte Medienkonsumzentrum gehen? Aber nach kurzer Sichtung der Programplatte von „Doppelt blond“ bis „Gekotzt wird später“ steigen wir wieder ins Auto und fahren zurück zur „Kiste“. Da ist es lebendiger geworden. Zwei Dutzend Jugendliche trinken Milchkaffee und Bier, wir sitzen zu sechst in dem kleinen Kino-Saal, und der Film ist Klasse.

 

Was man kennen lernt, davor hat man keine Angst mehr.

Frei nach Michael Moore könnte man zusammenfassen: Es geht um die Kombination von Entfremdung (nicht so ökonomisch verkürzt wie bei Marx) als beziehungslose Distanz zu Menschen und Arbeit auf der einen Seite, auf der anderen Seite Konsum. Entfremdung macht Angst. Konsum verspricht Angst zu binden, zu bändigen. Die Kombi funktioniert derzeit ganz gut.


Tango für Burg P.
(Kroatien 2002)

Unser Haus liegt in dem kleinen dalmatinischen Fischerdörfchen Pisak gleich unterhalb der Kirche. „Burg P“ hat die deutsche Besitzerin es genannt. Es drückt sich mit einigen anderen hundertjährigen Steinhäusern auf dem Felsabhang über der Adria zusammen unter den Wind, der heute von den Bergen kommt. Er wühlt in den Büschen und Bäumen, fächelt durch die kleinen, mückengitterbewehrten Fenster, es ist auch jetzt am Abend immer noch viel zu warm für lange Hosen oder ein Hemd. Das Häuschen ist von seiner Besitzerin in Handarbeit mit Mosaiken ausgeschmückt. Auf dem Esstisch für ein Dutzend Gäste, der auf der Terrasse gemauert ist, sind die Kacheln in ihren Lieblingsfarben gelb und blau. Im kleinen Regal neben dem japanischen Radio mit CD-Player stehen zwei Dutzend CDs. Bach und Ravel, Miles Davis’ legendäres Album „Kind Of Blue“, Tango: argentinischer Tango, finnischer Tango, alles ältere Aufnahmen, eine kleine Weltgeschichte des Tango. Und Musik, die in Plattenläden unter „Weltmusik“ steht: Klezmer, Baseler Pfyffer und Tamboure, auch was aus dem kroatisch-slawischen Raum. Das Kocani Orkestar spielt Gypsy Mambo, die rumänische Roma-Band Taraf de Haidouks spielt die südosteuropäische Tanz-, Liebes- und Leidensmusik. Hajduk Split heißt der renommierteste Fußballclub der Region, der 2001 mal wieder kroatischer Meister wurde. Die kroatische Fußballmannschaft ist bei der Fußball-WM im letzten Monat recht sang- und klanglos ausgeschieden, nachdem sie in den Europa- und Weltchampionaten der vorangegangenen Jahre immer wieder für Furore gesorgt hatte. Auf der Speisekarte des kleinen Restaurants über dem Hafen, in dem wir gestern wieder gegessen haben, war Goran Ivanisevic abgebildet, der kroatische Tennis-Star der neunziger Jahre. Nebenan will die Besitzerin ihr Haus verkaufen, was lange nicht recht voranging, weil die Scheidungsauseinandersetzungen mit ihrem Mann immer wieder stockten. Der war ehemals Fußball-Profi und ist als solcher eine Art regionaler Volksheld, da mochte sich kein Anwalt die Finger verbrennen. Die Haiducken sind unter uns… Im nahegelegenen Omis, dem Badeort und ehemaligen Piraten-Nest, ist das jährliche Festival des klapa angekündigt, der traditionellen mehrstimmigen Männergesänge. Nach Split kommt der italienische Rock-Star Zucchero. Heute war in Split auch schon der Dalai Lama. Ach ja – eine CD mit tibetanischer Ritual-Musik steht auch im Regal.
Mit dem Touristen-Schiff (einem umgebauten Kümo-Stahlkasten für ungefähr 150 Passagiere) fahren wir ein Dreieck von Makarska nach Hvar und von dort auf die Insel Brac. Die Riesenboxen auf dem Ruderhaus sorgen dafür, dass wir nirgends auf dem Schiff der Musikberieselung entkommen können. Sie spielen vorwiegend populäre kroatische Schlager – angepopte und keybordverstärkte Versionen älterer Stücke, die aufgrund der vielfach vorhandenen bosnischen oder serbischen Wurzeln (das heißt: Feindkultur!) im Bürgerkrieg der zurückliegenden Jahre und in den Jahren danach verpönt waren. Jetzt darf man das alles mehr oder weniger wieder machen, der populärste serbische Sänger hat kürzlich erstmals wieder eine ausverkaufte Tournee in Kroatien gegeben. Heute auf unserem Schiff spielt DJ Steuermann für die italienischen Gäste „Volare“ und für die tschechischen eine fröhliche Klarinetten-Polka mit vielen Zischlauten im Text. Für uns Deutsche gibt es ein Medley mit traditionellem deutschem Liedgut: „Bier her, Bier her, oder ich fall um“ gehört dazu, „Rosamunde“ und ähnliche Perlen. Ich erinnere mich an den Auftritt der „Combo Montana“ 1975 im Schützenhaus des Heidedorfes Fintel, die haben alles gecovert, was rockte und durch ihre Marshall-Türme passte: Creedance Clearwater Revival, Stones und Bay City Rollers, alles eben, was tanzbar war. Wenn die Stimmung so etwas nach zwölf auf dem Höhepunkt war, kam es deutsch: „Mein Herz, das ist ein Bienenhaus“ rockten sie dann, den „Schneewalzer“, und heute (die Combo Montana gibt es immer noch) dürfte wohl der „Anton aus Tirol“ dazugekommen sein.
Darko hat sein Auto vor fünf Jahren für ein paar hundert Kuna gekauft. Es hat einige Einschusslöcher aus dem Krieg, ist Baujahr 1973 (also fast 30 Jahre alt), ein Opel Ascona von unbestimmter Farbe, irgendwie hellbraun, etwas heller als Rost. Darko hatte noch einen Opel-Motor in der Garage, einskommasieben Liter, der passte prima zu der Zweiliter-Maschine des Ascona. Aus beidem hat er das Beste zusammengebastelt und fährt damit seit fünf Jahren durch die Gegend. Einmal war eine Scheinwerferbirne kaputt – das war alles. Wenn er jetzt noch ein Gläschen Wein trinkt, findet der Wagen den Weg nach Hause auch von allein, sagt er. Außerdem kennt er doch alle Polizisten vom gemeinsamen Dienst in der größten Stromzentrale des Landes, er hat da während des Krieges in der Steuerwarte gearbeitet, mindestens zwanzig Polizisten und Soldaten waren in einer Schicht mit ihm zusammen. Das E-Werk macht Strom aus dem Wassergefälle der Cetina, die bei Omis ihre Schlucht aus dem Landesinneren durch die Ausläufer des Biokovo-Gebirges gräbt. Ihr Wasser wird abgeleitet, durchs Gebirge geführt und stürzt dann durch Rohre auf die Turbinen, mit denen der Strom erzeugt wird. Im Krieg kamen dauernd die serbischen Flugzeuge und wollten das Werk bombardieren, aber das ist ja so in den Berg hineingetrieben, da ist mit Bomben von oben gar nichts zu machen, tut mir leid. Aus dieser Zeit kennt Darko die Polizisten und braucht vor Alkoholkontrollen keine Angst zu haben. Den Krieg hat er überhaupt alles in allem ganz gut überstanden. Es ging nicht so heiß her wie damals, als die Türken vor fünfhundert Jahren hier herrschten. An diese Zeit erinnert das Bronze-Denkmal über der Schlucht der Cetina, da wo es in das E-Werk hineingeht (also in den Berg rein). Damals hatten die Türken die Frau gefangen genommen, an die jetzt erinnert wird, und sie hatte ihnen gedient, denn Widerstand war zwecklos. Aber sie wartete insgeheim auf ihre Gelegenheit, und wummms! da hatte sie schon das Munitionsdepot der Türken in die Luft gejagt und mit ihm mehrere tausend Tonnen Fels, das hätten sie nicht gedacht, und jetzt ist sie eine Heilige und hat eine eigene Bronze-Statue.
Der letzte Krieg war nicht überall so risikoarm gewesen wie im E-Werk über der Cetina. Sasa kommt aus Slawonski Brod, das liegt im Norden Kroatiens. Seine Familie war schon vor langer Zeit nach Berlin gegangen. Er selbst hat den Krieg deshalb nur aus der Ferne beobachtet. Er hat einen kroatischen und einen deutschen Pass. Der Ort, aus dem seine Mutter stammt, liegt 20 Kilometer weiter südlich, eine kroatische Enklave auf bosnischem Territorium. Der Ort wurde von den Bosniern „Supermarkt“ getauft, weil man dort alles holen konnte, was man brauchte: Möbel, Fenster, Türen. Die Felsen im Fluss waren rot von Blut. Sasa ist fremd geworden in seiner Heimat, wo sie sich gegenseitig umgebracht haben. Hier an der Küste war alles etwas ruhiger. Heute taucht der Krieg noch in Erinnerungen auf, in Gesprächen, und in Alltagsärger: Sasas Cousin muss für sein Haus an der Küste ein paar Felsen wegsprengen, es müssen Löcher für 20 Stangen Dynamit gebohrt werden. Was das kostet, allein der Sprengstoff, stöhnt der Schwager, im Krieg hätte er das alles völlig einfach beiseite schaffen können, heutzutage musst du das ja alles bezahlen! Das große Hotel in Topice, in den sechziger Jahren eine Top-Adresse mit seinen über 100 Zimmern, jeden Abend Tanz, Spitzenorchester aus ganz Jugoslawien und dazu Cocktails mit Meerblick auf der Seeterrasse – jetzt steht es leer, da waren Kriegsflüchtlinge einquartiert, und seitdem ist es völlig verkommen, rottet vor sich hin, wer soll denn das noch wieder sanieren? Und die Musik ist verklungen.


Finnischer Tango und plattdeutsche Lieder
(Järvenpää 2004)

Neun Vertreter des „Freundeskreises Buchholz-Järvenpää“ besuchten die künftige Partnerstadt vom 21.-24.10.2004 zu einer privaten Kennlern- und Informationsreise. Voller Eindrücke kehrten sie zurück, und ein paar davon versucht Ingo Engelmann festzuhalten.

„Bei den Finnen müssen mindestens zehn Teller mit Schinken, Käse, Lachs und so weiter auf dem Abendbrottisch stehen, wenn Besuch kommt. Sonst bin ich keine gute Hausfrau“, erklärte Oili Luoma aus Järvenpää, als sie uns im Oktober begrüßte. Meine Frau Gerlinde und ich wohnten bei Oili und ihrem Freund Heikki, die anderen sieben Buchholzer aus der kleinen Gesandtschaft des Freundeskreises Buchholz-Järvenpää waren bei vier weiteren Familien mit großer Gastfreundschaft aufgenommen worden. Wir waren für vier Tage nach Finnland geflogen, um die künftige Patenstadt kennen zu lernen. Für uns beide war es die erste Begegnung mit Finnland, andere aus unserer Gruppe waren schon oft hier gewesen und sprachen zum Teil sogar die Landessprache (die uns doch sehr unzugänglich schien – aber auch das änderte sich in den paar Tagen). Järvenpää ist so groß wie Buchholz und von der Landeshauptstadt Helsinki so weit entfernt wie Buchholz von Hamburg, beides also Satelliten von maritimen Städten, und bei beiden Städten spielte die Eisenbahn eine Rolle in Geschichte und Gegenwart. Wir waren gespannt und wurden nicht enttäuscht – von der Entenbrust im Järvenpää-Talo zur Begrüßung über die Karelia-Torte mit Frischkäse und den Rentierschinken bis zum Lakka-Likör wurde für unser leibliches Wohl gesorgt ohne Ende. Informationen, Eindrücke und kulturelle Events wechselten sich nahtlos ab, ein umfangreiches Programm sprengte den Zeitrahmen nahezu.

Dabei passte der Besuch gar nicht gut in den kommunalen Kalender. Wir waren zwar eine private Gruppe und keine Delegation der Stadt Buchholz, aber der stellvertretende Bürgermeister war dabei, eine Ratsfrau und der Vorstand des Buchholzer Freundeskreises. So gab es doch eine semioffizielle Begrüßung durch Vertreter der Stadt mit einem ausgezeichneten Essen in dem Tagungs- und Ausstellungszentrum der Stadt. Aber es waren Tage unklarer Zukunft in der Kommunalpolitik, weil am letzten Tag unseres Besuches die Kommunalwahlen stattfanden und niemand sicher sagen konnte, mit wem man es nach der Wahl zu tun haben würde. Überall standen die Plakate mit den Portraitfotos der Kandidaten, achtzig Gesichter auf einem Plakat, alphabetisch geordnet, und es schien eine ganze Menge Parteien und Gruppierungen zu geben, die ihre Leute ins Rennen schickten.

Nach der Begrüßung im Talo führte uns Helena aus Järvenpää durch die Ausstellung, die anlässlich des hundertsten Geburtstages von Ainola hier zu sehen war: in dieser Holz-Villa hatte Jean Sibelius mit seiner Familie gelebt, der Komponist der finnischen Nation, und das Haus mit Blick auf den Tuusula-See hatte er nach seiner Frau Aino benannt. Ein traditionelles Holzhaus mit Jugendstilelementen und Garten im Wald, der Kamin grün gekachelt wegen der Synästhesie des Komponisten – er „hörte“ Farben, und grün hörte er als D-Dur, als harmonische Grundstimmung, die vielleicht manchmal das ausglich, was die Familie zu erdulden hatte durch die geforderte Rücksichtnahme auf das autokratische Familienoberhaupt („Psst! Papa komponiert!“). Ainola lag bei unserem Besuch schon im Winterschlaf, aber betreten konnten wir das nahe gelegene Haus des Malers Pekka Halonen auf einer Halbinsel im See: wo immer man aus dem Fenster schaute, sah man Wasser. Eine Traumlage. Halonen war Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach Järvenpää gezogen, um mit den MalerkollegInnen Eero Järnefelt und Venny Soldan-Brofeldt mit ihren Mitteln an der Gestaltung der finnischen Nation mitzuarbeiten. 1904 war dann Sibelius ihnen gefolgt, heraus aus dem (damals) kleinbürgerlichen Helsinki in die Natur. Hier sollte mit der „nationalen Romantik“ (dem finnischen Jugendstil) eine neue finnische Identität entstehen, die sich von den schwedischen und russischen Ursupatoren absetzte und die Gründung des jungen Staates 1917 kulturell vorbereitete. Zeitweise gab es fast so etwas wie ein finnisches Worpswede am Tuusula-See. Bilder der hier lebenden Maler haben in der Kunsthalle eine repräsentative Heimat gefunden, auf die eine Stadt von der Größe Järvenpääs mächtig stolz sein kann (und ist).

Ein weiterer Meilenstein der kulturellen Entwicklung in Järvenpää beeindruckte uns ebenfalls, obwohl nicht alt, sondern ganz up-to-date: das moderne Gymnasium Järvernpä-lukio mit seiner Offenheit, der galerieumrandeten Agora, den Computer-Arbeitsplätzen in allen Ecken, der elektronischen Ausstattung jedes Klassenraumes mit installiertem Beamer und allem Drum und Dran. Wir atmeten den Geist, der Finnland Pisa-technisch ganz nach vorn gebracht hat. Eine gymnasiale Oberstufe, deren Durchlaufen der Schüler zeitlich selbst strukturiert: wenn er seine Scheine schnell beisammen hat, kann er in zweieinhalb Jahren fertig sein, wenn er mehr Zeit braucht, kann er sich die nehmen.

Nach so viel Geist und Kultur tat es gut, abends auf der Bowling-Bahn etwas für den Körper zu tun. Hier lagen die Leistungen beider Länder gleichauf, soweit man das in den durchmischten Mannschaften feststellen konnte: Rosi Koltscharsch, auf deutscher Seite für die perfekte Vorbereitung der Reise und die Planung des Programms verantwortlich, lag ziemlich Kopf an Kopf mit Lothar Mallon, der ihr von Järvenpää aus zur Seite gestanden hatte. Beide bowlten offensichtlich ebenso ausgezeichnet, wie sie Reisen vorbereiten konnten.

Der nächste Tag begann mit der Besichtigung der örtlichen Ausstellung von HONKA-Häusern aus Massivholz, von der Sauna-Hütte bis zum repräsentativen Bungalow. Danach ging die Fahrt nach Helsinki, wo neben der Uspenskij-Kathedrale (ein touristisches Muss!) und dem Kaufhaus Stockmann (optional) vor allem die Felsen-Kirche imponierte, die in das Fels-Fundament der Stadt gesprengt wurde und in der Geborgenheit der Natur-Wände mit wunderbarer Klavier-Musik vom Band aufwartete. Einige fehlende Details in Ergänzung der kundigen Führung durch Lothar Mallon lieferte seine Frau Raija von zuhause per Handy-Lautsprecher (wir sind in Nokia-Land). Das Sibelius-Denkmal gefiel uns ebenso wie der Imbiss mit Hack-Piroggen und Kaffee im Zelt am Südhafen bei garantierten 17° Celsius (draußen war es doch deutlich ungemütlicher). Eine Fahrt mit der Ringlinie der Straßenbahn vervollständigte das Bild einer gewachsenen Stadt, ohne Narben des Krieges, mit viel Wasser und Wind und großen Plätzen. Und ich habe endlich begriffen, dass es nicht zwei große finnische Städte gibt mit den Namen Helsinki und Helsingborg, sondern dass dies ein Beispiel ist für die allenthalben anzutreffende Zweisprachlichkeit: jede Straße, jeder Ort hat einen finnischen und einen schwedischen Namen. Rund um die Uspenskij-Kathedrale kommt noch ein russischer hinzu. Ansonsten ist die Bewertung der russischen Traditionen durchwachsen – so soll Alvar Aalto (1898-1998), der finnische Star-Architekt, ein etwas uninspiriert wirkendes Granit-Gebäude für eine Handelsbehörde oder etwas ähnliches so an den Hafen gebaut haben, dass man von dort aus die Kathedrale nicht sehen kann, deren Anblick doch mit der unerwünschten Erinnerung an die fremden Herren früherer Zeiten verbunden ist. Das Gebäude widersprach zwar dem Bebauungsplan, aber es diente dem finnischen Selbstbewusstsein. Die Sprachen und Namen sind auch Symbole: in Porvoo (siehe unten) lebten früher so viele Finnland-Schweden, dass die schwedischen Straßennamen obenan standen und darunter die finnischen. Inzwischen sind die Straßenschilder komplett ausgetauscht und überall steht der finnische Namen oben.

Dem erwähnten Alvar Aalto begegneten wir abends dann wieder: eines der wenigen Privathäuser, die er gebaut hat, diente dem Komponisten Kokkonen in Järvenpää seit 1969 als Domizil. Rund um den Flügel herum konstruiert, an dem der Hausherr stand und sann, ist es ein klares, kühles Paradebeispiel funktionaler Ästhetik. Zwölf Herren mit Krawatte, einer mit Rollkragen und ich als einziger mit offenem Hemdkragen standen in der Runde mit den deutlich einfallsreicher gestylten Damen, jeder ein Glas Sekt in der Hand, es gab eine Einführung in die Geschichte des heute als kommunales Zentrum genutzten Hauses durch Helena, die uns auch schon so viel über Sibelius und Ainola berichten konnte. Dann wurde wieder gegessen, viel und gut, und der Calvados war auch hervorragend, ebenso wie der Lakka-Likör. Die kühle Atmosphäre des Hauses hielt den Temperatursteigerungen durch die angeregten Gespräche und den Verdauungsschnaps nicht stand, und es war ein Abend, der Deutsche und Finnen sicher wieder ein Stück näher zueinander gebracht hat. Ein Glück aber doch auch, dass so viele Finnen Deutsch sprechen (oder aus Deutschland kommen, wie der Literatur-Professor, der die finnisch-deutsche Begegnung aus der Wiege heben half). So konnten wir Raijas Erzählungen von den Motorschlitten-Touren im hohen Lappland oder den notwendigen Arbeiten im Sommerhaus am See gut folgen. Überhaupt überraschte uns, wie viele Finnen unseren Fragen auf deutsch antworten konnten: weil sie in Deutschland gelebt hatten (wie unsere Gastgeberin Oili, die ihre Krankenschwesternausbildung in Köln erhalten hatte), weil sie mit Deutschen verheiratet waren oder weil Geschäfte sie immer wieder nach Deutschland brachten. Desungeachtet erwies es sich aber auch als unschätzbar, dass wir mit „unserer“ Helena aus Buchholz eine fließend zweisprachige Dolmetscherin hatten, die in Finnland geboren und nun in Deutschland lebend in beiden Ländern zu Hause war und ist.

Die sprachliche Fürsorge setzte sich fort, als Raija am nächsten Morgen einen Spaziergang durch das historische Städtchen Porvoo anführte. Wir erfuhren über die Teerimprägnierung der Dächer, die den neuen Bestimmungen der EU nicht entspricht, was möglicherweise zu unhistorischen Veränderungen an der Domkirche führten könnte. Dabei verpesten diese Dächer die Luft vielleicht (hörten wir) nicht so sehr wie die Motorschlitten, mit denen heutzutage jeder durch den Norden brettert, was aber wiederum (wie wir auch gehört hatten) doch auch mächtig Spaß macht… die Zeiten sind kompliziert. Die verschlungenen Gässchen zwischen den pastellfarben gestrichenen Holzhäusern wirkten wie Kindheitsträume von Bullerbü und Kalle Blomquist oder, geografisch genauer, der Mumin-Familie. Das Wetter spielte mit und begeisterte mit stimmungsvollem Wechsel zwischen etwas trübem Herbst und besonnter Freundlichkeit.

Letztes Kapitel des offiziellen Reiseprogramms war am Samstag der gesellige Abend mit der Volkstanzgruppe Sirpakat, die auch schon in Buchholz gewesen war. Begleitet wurde sie von einer wunderbar dezenten Musik (Akkordeon, Mandoline, Kontrabass), aber den Namen der Gruppe konnte ich mir nicht merken – nur, dass es auf deutsch etwas mit „Steinbruch“ zu tun hatte. Und neben finnischem Tango spielten sie vor allem immer wieder Humppa – eine volkstümliche tanzfreundliche Musik, die so klingt wie sie heißt, ohne dass sie abgleitet in das uns Deutschen vertrautere „Humbta Humbta Täterää“. Wir wurden zwanglos integriert in die Tänze, lernten etwas ohne Druck (Pisa?), und wir revanchierten uns mit ein paar deutschen Liedern, darunter „Dat du min leevsten bist“ in einer ungeprobten Kollektiv-Version mit Gitarrenbegleitung. Und als es später im Kaminzimmer etwas schummriger wurde, neben dem finnischen Bier auch Jägermeister und Pflaumenschnaps schon merklich einwirkten, da wurden finnische Lieder auch von mit der Sprache nicht so vertrauten deutschen Zungen bewältigt, es gab die grenzüberwindende Begegnung in der Musik zwischen dem deutschen Querflötisten und dem finnischen Mandolinen-Spieler, und wie immer in Finnland wurde gegrillt, bis keiner mehr konnte. Auch wir Finnland-Unerfahrenen konnten uns mit „kiitos“(danke) und „kippes“(Prost) schon über das nötigste unterhalten und mussten nicht mehr so neidisch auf Wolfgang Messow sein, der nahezu fließend finnisch sprach, oder Helena Eischer – obwohl sie als in Deutschland lebende Finnin sprachlich ja „außer Konkurrenz“ startete.

Am Tag des Abflugs waren Gerlinde und ich dann noch mit Oili und Heikki in ihrer Hütte am See – mitten in der Idylle der unendlichen finnischen Wälder, und doch in einer halben Stunde von Järvenpää erreichbar. Es wurde wieder gegrillt, und nach dem Programm der letzten Tage wurden wir ruhiger, blickten über den See in den diesigen Sonntagmittag und wünschten uns, wir könnten länger bleiben. Gut zu wissen, dass nur zwei Stunden Flug zwischen Buchholz und Järvenpää liegen.


Kritikos
(Kreta 2006)

Montag, 16.10.06
„Kritikos“ heißt „Der Kretische“ und nicht etwas „Der Kritiker“ oder schlimmeres, was als kennzeichnender Charakterzug ja zum unterzeichnenden Touristen gut passen würde, aber es heißt einfach nur „Der Kretische“. Wir sind ja auf Kreta, und der im Glas duftende Wein (fast wie Portwein, mit einer Honignote und wie die Kräuter, die sich in Ritzen des kretischen Gesteins klammern) ist sechs Jahre alt und heißt „Kritikos“.

Sonnabend sind wir im dunklen Regen angekommen, oder genauer: im Dunklen und im Regen. „Drive slowly“, hatte die junge Griechin am Thresen von europcar am Heraklioner Flughafen gesagt, „it has rained“. Da haben wir uns noch nicht so viel bei gedacht. Heute haben wir im Gebirge die Schlammzungen gesehen, die vielfach von den Hängen über die Straße gespült wurden, inzwischen wieder getrocknet: es hat nicht geregnet, es hat geschüttet. Das ist nun vorbei (hoffen wir), gestern gab es noch ein kleines Nach-Nieseln, heute ist es trocken. Und mild, es ist zehn Uhr abends und ich sitze auf dem Balkon. Da wo es unten dunkel ist liegt das Meer, ein dunkles Loch, gesäumt von dem kleinen Lichtermeer des Städtchens Agios Nikolaos, auf einer kleinen Insel mitten im Golf von Mirabello blinkt ein Leuchtfeuer, hinten die Lichterperlenketten der Strandpromenade entfernterer Dörfer, zehn Kilometer weg am gegenüberliegenden Ufer.

Gestern sind wir vormittags durch das nette kleine Agios Nikolaos spaziert, mit seinem Café-gesäumten kleinen See im Zentrum und mit der prätentiösen zweihundert Meter langen Fußgängerzone. Nachmittags dann in die andere Richtung: durchs Dörfchen Elounda (das soll vornehm sein, wie wir hörten??) in die Berge, vier- bis sechshundert Meter hoch, haben verfallene Mühlen umklettert (für die Olivenpresse?) und den Duft von Salbei, Rosmarin und anderen Kräutern und Gräsern aus dem Wind geschnuppert. Im einem für uns namenlosen Dorf war die kleine griechisch-orthodoxe Kirche ernst und mit viel aufrechter Gläubigkeit ausstaffiert, Ikonen und viel Gold und Weihrauchfässchen. In der Basilika von Agios Nikolaos hatten wir uns an die Uspenskij-Kathedrale in Helsinki erinnert, zwar viel weiter nördlich, aber auch (russisch-)orthodox. Das scheint kein fröhlicher Glaube zu sein, aber fest. Kapellen gibt es überall, viele mit Tonnendach, manche als Mini-Basilika, und die kleinen halbmeterhohen Kirchlein an den Straßen, wie Marterlkreuze in Bayern, an jeder Kurve wird gebetet und geandachtet.

Und Oliven. Überall Olivenbäume: junge und alte und ganz, ganz alte mit verknarzten Stämmen und über und über voll mit Olivenfrüchten. Jassas, grüßt uns die alte in Schwarz gekleidete Frau, ich denke, das heißt „jassu“, ist das die Mehrzahl?

Montag waren wir auf der Lassithi-Hochebene, ein Plateau auf 800 Meter Höhe zwischen Bergketten, die die Zweitausender-Marke schon mal überschreiten. Kreta ist 2500 m hoch, vom Strand bei Null geht das steil nach oben. Die Zeus-Höhle bei Psichro ist ein beliebter Anlass, das gemietete Auto mal zu verlassen (ein Parkplatz voller Leihwagen) und unsere anschließende Wanderung am Rande der Hochebene erinnert an Frau Holle. Zahllose übervoll hängende Apfelbäume (grün, rotorange geflammt, dunkelrot) riefen: erntet mich, pflückt doch, es wird mir zu viel! Nun, wir nahmen ein paar, sie waren saftig, süß, klein (und andere Sorten hartschalig, etwas bitter oder mehlig), so viele verschiedene Sorten, und alle nicht EG-genormt. Nun erntet sie keiner mehr.


Dienstag, 17.10.06
Lato heißt der dorische Adlerhorst auf dem Bergsattel über dem Tal, in dessen fernem Auslauf Agios Nikolaos in der überraschenderweise dort verharrenden Sonne liegt, hier alles voller Wolken, alles feucht und grün und wie frisch gewaschen. Die ausgegrabenen Mauern repräsentieren eine um die dreitausend Jahre alte Burg mit Werkstätten, Akropolis und Zisterne, was man so braucht. Nahtlos gehen die Reste früherer Zivilisation über in real existierende Natur, Felsen, Büsche, Kräuter. Der allgegenwärtige Salbei duftet, ehe die Gewitterbö den Duft fortreißt. Es ist rutschig auf den Steinen, aber es regnet nicht mehr, und gern wären wir den schmalen Pfad weiter gewandert, aber der Zaun der Administration für archäologische Fundstellen bremst uns. Er umzieht den ganzen Berg von Lato, 2 € Eintritt pro Person.

Dann schlendern wir durch das nahegelegene Kritsa (dem aufmerksamen Studierenden touristischer Führer bekannt durch die früher blendend weiße kleine Kirche „Panagia Kera“, heute denkmalsgetreu wieder mit der (früher unter dem weißen Putz verborgenen) Natursteinfassade). Die touristische Hauptstraße von Kritsa ist nett, aber wir müssen den Versuchungen wiederstehen: unser Gepäck war schon auf dem Herflug am Limit, was sollen wir denn hier lassen als Ausgleich für die Tischdecke aus Lochstickerei oder die wirklich schöne Olivenholzschale, geschnitzt entlang den Linien des Holzes und seiner Astlöcher? Es bleibt beim kleinen Buttermesser, auch aus Olivenholz, aber vielleicht doch kein vollwertiger Ersatz… wiegt aber weniger als 5 Gramm. Die Treppen und Gässchen locken, und dann beginnt der Regen. Tröpfchen, erst ein Schleier nur, schwebend, dann Tropfen, klatschen hernieder, Windböen treiben eine Front von Tropfen durchs Dorf, eine wilde Tropf-Choreographie, wie ein Schwarm winziger durchsichtiger Fischchen, mal hier und mal dahin getrieben. Unter Schirm und in Regenjacke wähnen wir uns als Teil der Choreographie – ihr regnet, wir schützen uns, eine Art touristisches joint-venture. Aber das Gleichgewicht der Kräfte schwindet schnell, und es schwindet zu unseren Ungunsten. Die Tropfen verdichten sich zu einem dreidimensionalen, in die Höhe wie Breite und Tiefe gehenden Vorhang, einem Netz, das pausenlos neu fällt, getrieben von heftigen Böen, dann prallen sie auf und verdichten sich zu Rinnsalen, die die Straße heruntereilen, sich vereinen und bald ein Ganzes sind, die Straße als Bach, wir stehen unter einem Vorbau und sind von oben beschützt, aber der Regen kommt auch von vorn und von der Seite, und von unten droht die Flut und überschwemmt den komfortabel erhöhten Gehsteig, auf dem wir uns sicher fühlten. Wasser stürzt von Wellblechdächern wie hundert Wasserspeier, schießt aus talwärts strebenden Nebengässchen auf die Hauptstraße, und nochmals wird die Sintflut stärker. Wo ein Mülleimer dem Strom im Weg steht, gibt es eine halbmeterhohe empörte Fontäne, und wenn er schlau ist, kippt er bald von selbst um. Wir retten uns in ein kleines, nett schäbiges Restaurant. Gleich müssen die netten jungen Wirtsleute erstmal die großen Türflügel zur Straße zukämpfen, weil der Sturm Regenschwaden in den Raum treibt, und es sind doch schon alle nass.

Nach dem Essen ist es fast trocken, und auf dem Weg zum Auto geht alles wieder von vorne los. Nasse Hosen, nasse Rucksäcke, umgeklappte Schirme ohne Sinn und Verstand. Im Auto ist es dann sicher, wenn auch feucht, oder? Nie bin ich durch solche Sturzbäche gefahren, immer in der Hoffnung, dass unter der nächsten, zehn oder zwanzig Meter langen straßenbreiten Pfütze, dem nächsten Straßensee nach wie vor Asphalt vermutet werden darf. Autos werfen die Netze aus Regenwasser weit nach rechts und links, wenn sie durch die Pfützen fahren, bloß nicht stehen bleiben. Aus den Seitenstraßen schießen rotschlammige Bäche, rauschen talwärts und gurgeln in halbmeterhohen Kaskaden um Stromkästen, Müllcontainer und Felsen.

Wir sind heil angekommen in der „Heimlichen Liebe“ in Elenika, unserem Hotel. Der Himmel bleibt wolkenverhangen, Gewitter auf Gewitter zieht über uns hinweg. Als ich im Abenddunkel auf dem Balkon stehe und mich freue, über mir einen Stern blitzen zu sehen (die Wolken scheinen sich zu verziehen, da klart es auf, oder?) sind es in Wirklichkeit Regentropfen, die am Rand des Balkondachs hängen, und in ihnen spiegelt sich die abendliche Beleuchtung von Agios Nikolaos.


Freitag / Sonnabend 20.10./21.10.06
Zwei Stunden in Agios Nikolaos rumlaufen und nach lohnenden Foto-Objekten suchen heißt immer auch ein bisschen das neue Kreta leugnen. Der Fotoapparat klickt bei der kleinen Kapelle über dem Jachthafen, bei der malerischen Straße himmelhochaufwärts ins Blau, die von Ficusbäumen und knallig blühenden Bougainvillea-Büschen gesäumt ist. Er klickt bei dem von zwei neuen Stahlbetongerippen eingekeilten bröckelnden Häuschen, dessen geschnitzte Haustür hauptsächlich von ein paar Resten knatschgrüner Lackfarbe zusammengehalten wird. Er klickt nicht in den langweiligen Wohngebieten mit moderner Bausubstanz und entsprechendem Wohnkomfort, wo die Stahlarmierungen der Betonkonstruktion noch einen Meter über das oberste Stockwerk hinaussprießen und wie dünne mahnende Finger noch jahrzehntelang rostig in den Himmel weisen. Er klickt nicht beim großen Parkplatz des neuen Lidl-Marktes mit seiner europaweit gleichen Standard-Architektur, er klickt nicht bei den zahllosen Baulücken, wo vor Jahren oder Jahrzehnten etwas neu angefangen wurde und nicht fortgesetzt oder einfach etwas Altes zusammengefallen ist und wo sich jetzt vor allem eines ballt: Müll. Bauschutt, Plastik in allen Farben und Fetzenformen, alte Waschbecken und Autoreifen, Matratzen und Reste einer Mofa – alles liegt rum und gammelt. Das gilt für das Städtchen Agios Nikolaos, aber auch die Dörfer sind versifft. Das kleine Tapes, fünfzehn Kilometer in den Bergen, wo die befestigte Straße aufhört, besteht aus ungefähr zehn bewohnten und doppelt so vielen leer stehenden Häusern, die langsam verfallen. Zwei alte Männer dösen in der Nachmittagssonne, ein paar Frauen handarbeiten am Stuhl neben der Haustür, oder besorgen den Garten. Wenn man unten am Ende des Ortes den Weg zu den Ziegenhügeln weiter oben nimmt und um die erste Ecke biegt, sieht man die zehn Meter höher am Steilhang hinter dem Ort beginnende Müllkippe. Sie reicht bis zum Lauf des jetzt trockenen Baches und zieht sich über den Weg noch etwas in die Olivenhaine hinein. Ich kann mir nicht helfen: wer so mit seiner Umwelt umgeht, dem traue ich keinen respektvollen und qualitätsbewussten Umgang mit Wein oder Olivenöl zu. In einem der leer stehenden Häuser kann man durch die blinden Fensterscheiben einen alten Webstuhl stehen sehen. Sonst nichts. Vielleicht haben sie hier die Wolle ihrer eigenen Schafe versponnen, gefärbt mit Naturfarben und zu kleinen Teppichen gewebt, die in den Touristenmeilen hier den Gästen angeboten werden (obwohl heute gemunkelt wird, die meisten davon kämen aus Bangla Desh oder Taiwan). Damals haben sie wohl in Einklang gelebt mit ihrer Insel und ihren Ressourcen. Heute ist alles aus Plastik, das nicht vergeht, und die Müllkippe ist kein Komposthaufen. Auf der Müllkippe hinter dem Dorf ist es aus den Augen, aber auch die nächste Generation hat noch etwas davon.


Cretan Embassy – die Botschaft hör ich gern! Fünfzig Meter entfernt vom See im Zentrum von Agios Nikolaos liegt das Restaurant. Wir sitzen draußen in der lauen Sonnabend-Abend-Luft und lassen uns einfangen vom Charme eines um und um begrünten Hofes zwischen dreigeschossigen Wohnhäusern, der bestimmt ist vom Sonnengelb der Häuserwände, dem Grün der Pflanzen und dem Bunt der lackierten Blumenkübel, dem Pastell der Tücher, die überall in den Fensteröffnungen und anderen Nischen wehen und dem leuchtenden Blau-Lack-Geländer an Treppen und Balkonen. Indirektes Licht, jazzige Barmusik und zwei Frauen, die den Laden unter sich haben und nach unserer Einschätzung zusammen gehören. Ich bin erinnert an die freche Atmosphäre in überwucherten Innenhöfen ethnischer Außenstellen in Greenwich Village, New York, USA. Eine Mischung aus mutigem Wurf, sicherem Geschmack, wenig Geld, viel Spaß und vielen Ideen. Das Essen war gut. Die Preise waren nicht ohne.


Montag, 23.10.06
Loutro ist eine Art Thomas Mann’scher Zauberberg für Touristen. Der Ort schmiegt sich in die kleine Bucht, die sich nach Südosten öffnet, der Morgensonne entgegen, und die Bucht ist mit den ungefähr zwölf Hotels gut gefüllt, und es bleibt noch Platz. Die Häuser sind niedrig, mal drei Geschosse, aber das passt schon. Alles ist weiß gekalkt, Türen und Fenster sind blau lackiert: ultramarin, veilchenblau, himmelblau. Dazwischen die roten Blüten von Geranien und Hibiskus und die violetten Bougainvilleen. Wir schlendern unter Markisen zwischen den Geschäften und Tavernen am Berghang und den zugehörigen Tischen, den schattigen Terrassen am Wasser, ein Idyll ohne Autos, ohne Hektik, die griechischen Männer sitzen, trinken Kaffee, rauchen, schweigen oder besprechen Geschäfte. Arbeiten müssen die anderen, vielleicht aus Albanien, oder die weniger Begüterten. Die Gäste sind (wie ich) schon mal vor langer Zeit hier gewesen, mit Rucksack während des Studiums oder kurz danach, jetzt kommen sie wieder, verdienen gut, tragen teure Treckingsandalen und den Wanderrucksack von Jack Wolfskin, den es in der Bergsportzentrale daheim als Schnäppchen für 120 € gab, den brauchen sie für die Tagestour nach Agia Roumeli oder in die Ardena-Schlucht hinein so weit man kommt. Hinter dem Ort steigen die Berge schnell auf, sechs- bis achthundert Meter, und von hier nach Westen gibt es fast nichts mehr, nur Felsen und Sträucher. Die Gäste sind nicht auf Konsum aus. Sie wissen, was sie wollen, manche kommen jedes Jahr, schon lange, und gegen Abend sitzt man an dem großen Steintisch bei der Kapelle und beobachtet den Sonneuntergang. Heute war er so golden wie schon lange nicht mehr. Es gibt so viel Komfort, wie man sich als alternativer Wohlstandsbürger zugestehen kann, und die Abgeschlossenheit atmet eine Exklusivität, die nicht nur erkauft, sondern auch gefüllt werden muss. In diesem Jahr lesen alle „Der kretische Gast“. Bei „Nikos Rooms“ liegen auf einem Tischchen Spiegel- und Stern-Ausgaben der letzten Wochen, ausgelesen von abgereisten Gästen und für die nächsten zur freien Verfügung. So viel Kollektivgeist muss sein.


Leipzig 2007

Unser Hotel liegt neben dem Stadion von Lok Leipzig – ein Traditionsname im deutschen Fußball, und das Stadion ist schon etwas heruntergekommen mit allerdings recht neuen Flutlichtmasten und einem neuen Raubtierzaun, der das Oval des mäßig gleichmäßigen Grüns von der Zuschauertribüne und dem Rest der Welt abtrennt. Er ist über zwei Meter hoch, oben nach außen schräg, so dass man nur schwer drüberklettern kann. Die Realität des (ost-)deutschen Fußballvandalismus hat den Verein einiges gekostet. Aber vielleicht gab es einen Sonderfonds im sächsischen Innenministerium, gespeist aus dem Soli, reserviert für außerordentliche Sicherungsmaßnahmen (Zäune, Mauern…)
Wenn man vom Park-Hotel Diani Richtung Innenstadt fährt, mit dem Fahrrad (wie wir), dann rollt man durch die blühenden Landschaften, wie sie sich 18 Jahre nach der Wende (die neuen Bundesländer sind volljährig!) präsentieren. Ein halbes Dutzend Großplatten drapieren sich jenseits des Südfriedhofs, jede zehn Stockwerke hoch, hundert Meter lang und sechs, acht Meter tief. Richtige Scheibenhochhäuser, das eine oder andere im kompletten Leerstand, immer schön alles im rechten Winkel und mit der bürokratischen Mischung aus Parkplätzen und pflegebedürftigem Rasen dazwischen, eigentlich viel Platz. Wenn man den Triftweg langfährt, hat man auf der linken und rechten Straßenseite ein vorher-nachher-feeling im Modus der Gleichzeitigkeit: blassgelbe Fassaden hier auf der rechten Seite mit grünen Fensterläden und Sprossenfenster, alles ganz frisch, eine geschlossene Straßenfront im freundlichen 3-Geschoss-Zuschnitt. Die Häuser dürften so um die Jahrhundertwende gebaut sein, die Wohnungsbaufolge des industriellen Booms Ende des 19. Jahrhunderts, kleinbürgerlich und alles etwas einfacher als im Waldviertel von Leipzig. Auf der anderen Straßenseite sind die Häuser ungefähr genauso alt, aber wohl noch nie gestrichen seit dem Erstbezug, leerstehend, mit apokryphen Einschusslöchern in Kachelfassaden, bröckelnder Putz an schmutzigbrauner Originalfassade, die Fenster sind vor dreißig Jahren erneuert worden, aber das hat’s wirklich nicht gebracht. Der halbe Triftweg harrt noch seiner Wende und dem finalen Erblühen.
Dann fährt man in die Zwickauer Straße und erreicht die Gegenwart: Die alten Messehallen sind zum Teil schon weg, in einem Glas-Stahl-Monster offeriert BMW seine auch hier in Sachsen gebauten Produkte, drumherum ist viel Platz, hin und wieder ist ein historisches gebäude von 1845 oder so stehen geblieben und massiv aufgehübscht, viel Farbe und neue Fenster in Stahloptik, daneben der Parkplatz mit elektronischer Schranke, den allgegenwärtigen Bodendeckern und einigen SUVs, deren Besitzer Überstunden machen. Die Arbeitslosenquote liegt in Sachsen bei dezenten 16%. Praxisklinik, ein „Konsum“-Supermarkt in der "Straße des 18. Oktober" (wir rätseln: ein Wende-Datum? Wohl doch eher die Völkerschlacht von 1835), und wieder die modernisierten Plattenbauten mit dem Versuch, an der Fassade dem Beton durch regelmäßige Muster eine eigene Ästhetik zu entlocken (Versuch misslungen). Daneben die sanierte Fassade des Bayrischen Bahnhofs, wunderbar klassizistisch und hellenisierend mit den Säulen, und an diesem Ort völlig daneben. Drumherum Baustelle en gros, Leipzig baut seine U-Bahn, obwohl der Untergrund das eigentlich nicht zulässt und sie zudem völlig überflüssig ist. Der Anzahl und Ausdehnung der Baustellen nach zu urteilen durchmisst der City-Tunnel die nördliche Hemisphäre oder verbindet doch zumindest Leipzig mit Bitterfeld.

Voll Dankbarkeit für so viel historische Detailtreue nimmt man an vielen neuen Ampeln das alte DDR-Ampelmännchen zur Kenntnis. So viel Liebe zur alten DDR! Auf einem innerstädtischen Wegweiser stehen untereinander das Fundbüro und die Ausländerbehörde. Also doch nicht nur Feingefühl…
Was fehlt? Alles, was in Würde alt geworden ist. Es ist alles entweder neu oder edelsaniert oder es fällt gerade zusammen. Die Lücken des Zweiten Weltkriegs sind überall zu sehen, das gibt es in dem Ausmaß im Westen nicht. Eine Stadt wird im Schweinsgalopp in die Moderne gezerrt. Es ist ganz sicher viel Geld in diese Modernisierung geflossen. Nicht annähernd so viel Geld und Geist scheint in die Fragen investiert worden zu sein, wie Leipzig seinen Weg in die Zukunft selbst findet und entwickelt (die alten Fehler jeder Entwicklungspolitik). Böse Gedanken, Leipzig so neben die Dritte Welt zu stellen. Aber ich bin in meinen Gedanken erinnert an meine Erfahrungen auf der Tansania-Reise. Dort stellten viele Fachleute der Entwicklungshilfe ihr Scheitern fest, ihre Ratlosigkeit und die Aneinanderreihung von Fehlern, aus denen nicht gelernt wurde. Ein Land aus einer jüngst noch bestehenden „Rückständigkeit“ in die globalisierte Gegenwart zu ziehen, kostet gar nicht so wenig, die Rezepte hat man schon ausprobiert damals zuhause, müsste doch auch hier jetzt wieder klappen, wirtschaftliche Kerne bilden und den Fremdenverkehr ankurbeln, aber der Prozess zerreißt das Land, die Stadt, das Opfer. Es bleibt dieses Gefühl der Zerrissenheit, auf dem Weg mit dem Fahrrad vom Park-Hotel Diani in das Zentrum von Leipzig.


Altmühl 2007 (Pappenheim)

Wie schwer es ist, sich daran zu gewöhnen, nach der Uhrzeit auf dem Handy zu gucken, wenn die Batterie der Armbanduhr plötzlich alle ist.

Im Klosterhof von Weltenburg: im Angesicht der Klosterkirche und der Klosterbrauerei lebt der Innenhof mit Biergartenmobiliar von der Sinnenfreude: Geschirrklappern aus dem Küchentrakt, ein Mönch in Kutte sitzt mit Touristen am Tisch, eine Atmosphäre von „wo zwei satt werden, da ist auch genug für den dritten“ (wo ist die Anmutung von Kommerz und Profitstreben, die sonst die Biergartenluft schwängert?)

„Kerzenautomaten in der Leichenhalle – Neue Geräte!“ (am Eingangstor zum Friedhof in Eichstätt)

Die Alte Mühle in Wettelburg bei Treuchtlingen ist für 80.000.- € zu haben (wie uns das Bäuerchen im Vorbeiradeln zuruft): Ein zugewachsenes, verwunschenes Gebäude, im hinteren Teil völlig verfallen, Idyll, stammt von 1676.

Kräutergarten und „Feuchtbiotop“ auf der Burganlage von Pappenheim zeugen von Zeitgeist, sind aber arg heruntergekommen. Der Seidelbast und der gelb blühende Busch daneben sind so ineinander verwachsen, als blühe der Seidelbast gelb. Das irritiert – wenn man nun etwas Falsches lernt von alle den (z.T. fehlplatzierten) Schildern??!!

Träume: „To sog nischt kejnmol“ im psychiatrischen Altbau gegen die Angst der aggressiven Skins, die wie eine materiell fühlbare Wolke im Gebäude steht. Die Analytikerin mit der schwarzen Maske vorm Gesicht. Meine Gitarre ist kaputt.


Wendland
(Satemin 2007)

Hier ist Rübenkampagne. Trecker mit übermannshohen Reifen ziehen jeweils zwei Hänger, bis oben voll mit Zuckerrüben. Wenn das Gespann vom Feld auf die Straße einbiegt, gibt es eine schwarze Schlammspur auf dem Asphalt – Rutschgefahr. Vorsicht, Zuckerrüben!

Der Markthof Satemin ist eines von sieben oder acht Rundlingshäusern, die 1850 neu errichtet wurden: ein großer Brand hatte das halbe Dorf eingeäschert. Der Markthof steht dunkel, erst muss Frau Schmuckert von Herrn Neddens, den ich am Handy erreicht habe, angerufen werden und losgeschickt und mir aufschließen. Ich bin der einzige Gast, da kann ja nicht immer einer an der Rezeption hocken. Aber abends, sagt Frau Schmuckert, da komme noch wer…
Ich höre dann die Stimmen, um halb acht, es ist recht hellhörig und ich wundere mich über die laute Unbekümmertheit, sind hier alle Gäste so? Ein Instrument blubbert auf, es ist eine Posaune, spielt einen Lauf, gar nicht schlecht, was ist denn das für eine Richtung? Plötzlich setzen wie auf Befehl andere ein, ein ganzes Orchester, alles Bläser, und sie spielen Weihnachtschoräle. Waldhörner, Posaunen, eine Tuba muss dabei sein, Trompeten… in der Marktstube übt das örtliche Blasorchester, eines von den dreien, die Herrn Neddens leitet. O Du Fröhliche, Es ist ein Ros entsprungen, die sind gar nicht schlecht! Das ist keine alltägliche Probe, das ist eine Generalprobe für den zweiten Advent, vermute ich. Später, als im Hotelzimmer-TV der HSV sein UEFA-Cup-Spiel gegen Dynamo Zagreb anstößt, sind sie schon bei launigen Schützenfestmelodien angekommen da unten, Walzer- und Marschtakt, Serenaden… gute Laune in Satemin. So ist das hier.
Am Freitagabend sind weitere Gäste angekommen, ältere Herrschaften sitzen beim Frühstück, suchen nach der Marmelade (ich kann weiterhelfen, ich bin ja schon zwei Frühstücke im Vorsprung). Die eine Frau hat einen Sohn, der ist 50, und eine Tochter mit 47 Jahren, sie wird also so Mitte siebzig sein, und die anderen ungefähr genauso. Und dann tauschen sie ihre e-mail-Adressen aus. „Ich hab auch e-mail, ich schreib ja fast nichts Anderes mehr…“