In den Gärten der Götter

 

Gedanken auf der Grand Tour:

In sieben Wochen von Cinque Terre nach Apulien und zurück zum Lago d'Iseo.

 

Die Grand Tour war ein Bildungselement im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Goethe hat sie gemacht, Eichendorff, Rilke und viele andere. Eigentlich führte sie über Florenz und Rom in die neapolitanische Kampania. Sie wurde zu Fuß oder mit der Kutsche unternommen. Heute fährt man mit dem Wohnwagengespann über mautpflichtige Autobahnen, und nicht jeder will nach Pompeji. Aber auch auf den anderen Wegen nach Süden gibt es viel zu lernen, zu erleben und zu bedenken. Insofern ist das hier weniger ein Reisebericht als ein inneres Protokoll in sieben Kapiteln: Von Cinque Terre im Norden in die Abruzzen und den Gargano (der Sporn am italienischen Stiefel) nach Apulien, mit den Trulli und - direkt an der Grenze zur Basilikata - den Sassi von Matera und zurück über den Lago d'Iseo mit Christo's floating piers.

 

 

Vernazza

 

Durch fünf Welten – Cinque Terre

 

 

 

Es ist nützlich, erst einmal zu wissen, wo man eigentlich ist. Gut: Italien, irgendwo zwischen Genua und La Spezia, aber was sagt das schon? Cinque Terre heißt die Region, die fünf Welten, oder Fünfland, eine genauere Übersetzung gibt es vielleicht nicht. Aber nun gehen wir erst einmal los, Erkundungsspaziergang durch die Außenbezirke des Städtchens Levanto, Richtung Meer. Zunächst die landesübliche Mischung: ein paar Häuser kurz vor oder deutlich nach dem Verfallsdatum, und dazwischen neuere, quaderige Mietblocks, mehr oder weniger üppig beblüht auf den Balkons, abgeschrabbelte Parkplätze drumherum. Dann wird es schnell muggeliger, die Gassen der Altstadt schließen die Reihen, alles ist alt, aber (oder: deshalb) würdig. Aufgemalte Stuckverzierungen, alles in ocker und erdbraun, mal rosa oder gelb dazwischen, die italienischen Farben, man hört auch fast nur italienisch, kaum deutsch oder französisch. Levanto ist ein Städtchen, das mitten im Tourismusstrudel liegt, aber wenn man den Tourismus abzieht, bliebe ein Städtchen, das sich selbst genügt. Die mittelalterliche Stadtmauer („ siecolo XIII“) ist ordentlich wieder aufgebaut, Zementfundament und originalgetreues Mauerwerk, vielleicht zwanzig, dreißig Jahre her, dass das hier aufwändig und denkmalsschutzgemäß saniert wurde. Zwischen Altstadt und Strand liegt die Straße drei Meter höher, eine neumoderne Stadtmauer, unüberwindlich, nur ein paar Tunnels führen durch zum Strand, dessen Sonnenschirmvermietungen noch auf den Sommer vorbereitet werden, überall wird gepinselt und gesägt, aber noch nicht so viel gebadet, jetzt, Ende Mai. Bei den drei alten Villen am Rande der weitgeschwungenen Bucht (zumindest eines ist jetzt Hotel, die beiden anderen wohl in Ferienappartments gestückelt) beginnt der Treppenaufstieg in Richtung Monterosso, das nächste Dorf, nächste Bucht, man muss über den Felsrücken, am alten Kastell vorbei, Blick über den hinteren Teil von Levanto. Hier kostet der Cinque-Terre-Wanderweg noch keinen Eintritt (ab Monterosso wird’s dann gebührenpflichtig). Der Blick schweift gefällig über die geruhsame Bucht von Levanto, die Nase badet in Blütendüften von Oleander, Bougainvillee, Ginster, Glyzinie, Rosen, Jasmin und einem Dutzend (mir) weniger bekannter Pflanzen. Bald sind wir hundert, hundertfünfzig Meter über dem Meer, das smaragdgrün ruht, lassen die letzten, nur noch vereinzelt stehenden Häuschen hinter uns und begegnen nur noch den zahlreichen Singvögeln und stellenweise einer Wandergruppe. Manche pusten ganz schön (die Wanderer, nicht die Vögel).

 

 

 

Am nächsten Tag erweitern wir die Kreise. 64 Euro kostet die Cinque-Terre-Tageskarte für uns vier, und darin enthalten ist die beliebige Nutzung des Zuges sowie der Wegezoll. Wir stellen überrascht fest, dass der Zug eine U-Bahn ist: nur an den Bahnhöfen der kleinen Dörfchen Monterosso, Coniglia, Vernazza und Riomaggiore taucht er aus der Unterwelt auf, ansonsten verläuft die Strecke ausschließlich im Tunnel. Unsere Überlegungen, auf welcher Seite man die bessere Sicht hat, erweist sich also als vollkommen unnütz und überflüssig. Macht aber nix, die Fahrt dauert ja nicht lange, und in Riomaggiore steigen wir aus, ein mittlerer Touristenstrom wälzt sich durch den Fußgängertunnel zur Dorfstraße, vorbei an der Flötenspielerin in der freundlichen Tunnelakustik. Die autofreie Hauptstraße die von Pizzerien und Geschäften mit Olivenöl und Honig gesäumt wird, schlängelt sich den Berg hoch. Das muss stressig gewesen sein, früher. Eine Abzweigung weiter, den Pfad zur Kirche hinauf, wird es leerer. Oben am Kastell („Geschlossene Gesellschaft“) mit dem phänomenalen Blick auf Hänge, Meer und Häuser ist es richtig ruhig. Aber als wir eine Stunde später wieder in den Zug steigen, reicht es uns mit dem großen Fluß („rio maggiore“). Es ist doch deutlich ein Ort, der nur noch mit und für den Fremdenverkehr atmet. Zurück nach Monterosso, von wo wir den Fußweg nach Vernazza nehmen wollen, zweieinhalb Stunden steile Pfade, schmal und malerisch, mal ein kleines Brückchen und mal ein massives Balkengeländer, ansonsten mitten in der Natur. Immer wieder die phantastischen Blicke steil nach unten, hundert Meter tiefer und mehr liegt das grüne Wasser, der Wanderweg ist um diese Jahreszeit noch längst nicht so voll, wie im Führer angedroht wurde. Und der Blick auf Vernazza, als wir es erreichen, ist wirklich spektakulär. Der kleine Hafen kuschelt sich zwischen den vorgeschobenen Kastell-Felsen und den vierstöckigen rot und braun gedeckt gestrichenen Häusern. Die vier Männer, die das Ruderboot zu Wasser bringen und wohl fischen wollen, sehen mehr wie Anwalt und Finanzbeamter in Jeans aus, braungebrannt, nach-Feierabend-Fischer, aber mit dem Boot kennen sie sich aus. Doch Fischer? Wohl höchstens nebenberuflich. Die kleine Piazza zwischen Hafen, Kirche und Altstadtgässchen ist lebendig-wuselig, mehr italienisches Familienleben als deutsche Touristen. Sehr malerisch das alles, die bunten Sonnenschirme passen gut dazu, es hat alles Stil, Lockerheit, Gelassenheit. Aber hier wäre ohne Tourismus denn wohl doch nicht mehr viel los, zu unkomfortabel die Wohnungen, zu schlecht erreichbar über Treppen und durch Häuserdurchgänge, und wenn es in Herbst und Winter kalt wird, schlecht zu beheizen. Wer will das schon noch? Schlechte Handyabdeckung, langsames Internet, das ist doch alles nicht mehr up to date. Aber so malerisch...

 

 

 

Diese Dörfchen kleben an fast jedem Hügel, thronen oben drauf mit dem Kichturm als höchstem Punkt, steil fallen nach drei Seiten die Felsen ab, eine enge Straße windet sich hoch und verläuft sich oben zunächst als Schotterweg, dann als Sackgasse. Zwanzig Häuser, dreißig, oft kaum mehr, ein Verwaltungsgebäude der Gemeinde, ein Dorfgemeinschaftsraum, mal ein kleiner Kiosk, drumherum wenig Wiesen und nur kleine, abgezirkelte Gärtchen, ansonsten die Macchie der Cinque Terre: Steineichenbüsche, Pinien, Ginster, stachelige Vorboten des landesüblichen Dschungels. Aber alles grün: satt, hell, frisch. Frühsommer. Und die Mauern bewachsen, beblüht, Passionsblumen, gelbe Blüten wie von Kürbis oder Zucchini, Mauer-Zucchini?

 

 

 

Runter ins Tal wird die Straße zum schmalen Gewerbegebiet, Autowerkstätten, Bootsreparatur, Gärtnereibedarf, dazwischen viel Leerstand („Vendesi“ - zu verkaufen), bei manchem Anwesen dürfte der Versuch zu spät komen, es verfällt. Die Open-Air-Pizzeria am ausgetrockneten Flussbett ist vor zehn Jahren aufgegeben worden, ein paar Dutzend Plastikstühle und eine kleine Bühne sind die bemoosten Zeugen der lukullischen Geschichte. Alles hat ein Ende. Und wir müssen erstmal damit fertigwerden, dass wir das Brötchenmesser nicht mit auf die Reise genommen haben. Einfach vergessen. Wird wohl auch ohne gehen, hoffen wir.

 

 

 

Die Cinque Terre haben auch eine andere Seite. Die Sonne wird zunehmend verdeckt, die Wolken werden grau und immer dunkler, es grollt mal in der Ferne, und dann regnet es den ganzen Tag. Hört mal eine Viertelstunde auf, und pladdert dann umso tüchtiger weiter. Alles steht unter Wasser, die Wolken sinken immer tiefer und bedecken schon die Hügel, Dass der Regen eher warm ist kann den Unmut nicht wirklich mindern. Morgen soll es wieder besser werden. Aber da sind wir schon weg.

 

 

 

 

Früher Tabacchi (Ascoli)

 

 

Dörfer in den Abruzzen

 

 

 

Die Italiener zieht es an den Strand. Und entlang der Adria gibt es fast ausschließlich Strand: Zwischen Triest und Venedig, dann weiter südlich des Po-Deltas, an Rimini vorbei und weiter bis Apulien im Süden, fast alles Strand. Hier, in der Provinz Abruzzen, reiht sich ein Badeort an den anderen. Im Hinterland steigen die Berge der Gran Sassi schnell bis knapp dreitausend Meter hoch, nur ein paar Dutzend Kilometer vom Strand entfernt, und man kann im Winter Ski laufen. Am Strand stehen die Pinien als Promenadenbegleitgrün, Appartmenthäuser warten auf Urlauber, Sonnenschirme stehen aufgereiht. Zwischendrin immer möglichst nah am Wasser die Bahnlinie Bologna-Bari, mit ihren Güterzügen und Intercitys und Regionalbahnen. Der Fahrradtunnel am Bahnhof von Pineto ist nur gebückt zu passieren, schiebend, bei Passanten ab Format XXL wird es eng. Im CONAD-Supermarkt gibt es Vollkornbrot und ein ganzes Regal mit veganen Nahrungsmitteln. Der Nachbarort hat sogar ein riesiges Einkaufszentrum, gerade ein paar Jahre alt, Universum genannt, das alle Fehler der letzten Jahrzehnte (in Hamburg fallen mir das Elbe-Einkaufszentrum ein, oder das Marktkauf-Zentrum am Harburger Bahnhof, oder das Billstedter Einkaufszentrum) eins zu eins wiederholt, verwinkelt, unübersichtlich, zu niedrig, es riecht nach verdorbenen Lebensmitteln, aber es reicht, um schnell vor Ladenschluss noch eine Flasche Aperol für den Spritz abzugreifen. Leben heißt konsumieren, oder?

 

 

 

Früher war das anders. Es gab hier keine Dörfer am Meer. Hier unten gibt es kaum Buchten, die man als Hafen benutzen kann, und die Fischer müssen die Boote noch heute an den Strand ziehen. Vom Meer her gab es nur Stress: Sturm, und Phönizier, Byzantiner, Venezianer, Dalmatiner, alle wollten immer nur wüten und herrschen. Die Menschen zog es daher schon immer auf die Hügel. Jeder Badeort von heute hat seine Geschichte ein paar Kilometer weiter im Landesinneren, dreihundert Meter hoch oder vierhundert, auf einer Felsnase, mehr oder weniger befestigt, aber jedenfalls schwer erreichbar und nicht so leicht einzunehmen. Wo Pineto am Strand aufgereiht ist, liegt Mutignano auf dem Berg. Wo Silvi Marina vom Küstenwind umfächelt ist, liegt Silvi Paese ein paar hundert Meter höher und fünf Kilometer weiter im Landesinneren. Die Küstenbesiedlung ist ein paar Jahrzehnte alt, die Bergdörfer sind 1300 entstanden oder 1500, und sie leben noch – aber was heißt das schon?

 

 

 

In Mutignano gibt es auch noch Kinder und Jugendliche, das Gruppenfoto im Bekanntmachungskasten der Kirche zeigt die Firmungsgeneration 2015/2016, ein Dutzend junge Leute in Sonntagskleidung gucken unsicher in die Kamera. Auf der Straße oder in den Häusern sehen wir nur ältere Menschen, eine freundliche Oma sitzt in der Sonne und hält einen Klönschnack mit dem Opa zehn Meter weiter, lange Pausen zwischen den Sätzen. Es passiert ja nicht dauernd was Neues. Jeder Gruß wird aufs Freundlichste erwidert. Ob ich ein Foto machen dürfe? Aber warum denn, sie ist doch nur alt! Ziert sie sich, lässt es aber gern doch geschehen. Ab und zu drängelt sich ein Kleinwagen durch die enge Dorfgasse, Parkplätze sind echte Mangelware. Oben auf dem Felsen der Wasserturm steht leer, gerade in den sechziger Jahren modern gebaut, Beton für Jahrhunderte (dachte man damals), jetzt bröselt es doch schon mächtig, der Zaun ist noch brüchiger und gewährt Einlass zum höchsten Punkt des Dorfes. Da liegt es, das kleine Nest, Dächer schief und krumm, aber urgemütlich – bloß, was sind das für Kategorien, wenn man dort leben und modern leben will? Ein Smartphone hat hier auch jeder unter, sagen wir mal, siebzig Jahren. Der stillgelegte Wasserturm verrät, dass eine ganz normale Wasserleitung nach Montignano verlegt wurde. Viele Häuser sind renoviert, frisch gestrichen, und es gibt eine überraschend große Zahl von großformatigen Wandmalereien. Ich bin an südamerikanische Volkskunst erinnert, Frida Kahlo, der Latino-Stadtteil Pilsen in Chicago, hier in Mutignano sind es ländliche Szenen, einer spielt Bandoneon, der Bauer steuert den Karren in die Scheune, Ernteszenen. Ein Haus ist auf eine kahle Hauswand gemalt, „trompe l'oeil“ auf die etwas naive Art. Aber an vielen Häusern klebt das bekannte Schild „Vendesi“, erinnern an den sizilianischen Ort, wo der Bürgermeister jedem ein Haus für einen Euro verkauft, der sich verpflichtet, es innerhalb der nächsten drei Jahre zu renovieren und zu beziehen. Der depressiv-mürrische Typ, der hier in Mutignano rauchend auf der Schwelle des kleinen Kiosks sitzt – ist es der Chef selbst, den sein schleppendes Geschäft bedrückt? Die Bar am Dorfpark (der aus einem Wäldchen mit ein paar Spielgeräten auf der Bergspitze besteht) hat ein beeindruckendes Panorama von der Terasse aus, aber keine Gäste. Und alles ist so malerisch...

 

 

 

Auch der Ort Civitella liegt ein paar Kilometer weiter malerisch am Hang und auf dem Berg. Die Häuserzeilen rund um die historische Zitadelle (Friedrich II., XIII.Siecolo, wie immer hier in der Region bis runter nach Apulien, Friedrich hier, Friedrich da...) sind aus den Steinen, aus denen auch der Fels besteht, auf den sie gebaut sind. Sie sind nicht gestrichen, einheitliche ockerfarbene Gemäuer säumen die Gassen mit den historischen Laternen. Die Fensterläden sind aus hellem Holz, alles sieht so aus, als wenn die Sanierung nicht so lange her sei, ein paar Jahre halt. Ich sehe keine entsprechenden Hinweise, aber mir scheint, hier in Civitella, sind in erheblichem Umfang Mittel geflossen, vermutlich aus EG-Töpfen („Zielgruppe 1 – besonders förderungswürdig, strukturschwach“). Der Komfort in den sanierten Gebäuden ist vermutlich angeglichen an das, was man heute erwartet, aber vieles sieht so aus, als ob es leersteht. Ist das der Mechanismus – die EG gibt Geld, alles wird besser, aber keiner bleibt, und es sieht malerisch aus, ist aber tot? Civitella macht den Anschein, Mutigano hat weniger Mittel abgekriegt, und musste weniger leiden unter den EG-Planern. Ich weiß es nicht, ich bin ja nur auf der Durchreise. Aber Mutignano hat uns wirklich gefallen, hat uns bewegt und wir wünschen ihm alles Gute.

 

 

 

Über den Dächern von Monte Sant'Angelo (Gargano)

 

 

Egal wo

 

 

Egal, wohin man kommt: Überall gibt es Häuser, Ruinen, Landschaft, Blüten, Dörfer, Menschen, Fabriken. Überall ist was los oder auch nicht, aber eines von beiden auf jeden Fall. Es gibt kein Nichts. Daher muss man auch nicht zu den großen Zentren oder Hauptattraktionen, um auf Leben und auf interessante Winkel zu stoßen. Wir fahren mit dem Fahrrad nach Bisceglie, einem kleinen Städtchen wenige Kilometer nördlich von Bari, und es wirkt so, als sei alles Interesse der Touristen verbraucht vom Gargano im Norden (dem Sporn des italienischen Stiefels) oder Bari im Süden. Für Bisceglie bleibt da kaum was übrig. Ein paar alte Kirchen, ein Turm (der seit Jahren renoviert wird und daher nicht betreten werden kann), ein Hafen mit überraschend vielen Yachten (wo kommen denn die Besitzer hier alle her?). Ansonsten aber auch große Stadtteile mit den üblichen sechsstöckigen Mietskasernen, jede Wohnung mit großen Balkon, auf dem man Wäsche trocknen oder Büsche blühen sieht, und auch wenn die Autos immer noch überwiegend klein sind, reichen die Parkplätze wie immer vorn und hinten nicht, also Bisceglie ist so etwas wie die süditalienische Normalität. Das feudale Element ist noch sichtbar, aber deutlich abgenutzt. Viele Villen stehen leer, und man hat meist nicht den Eindruck, sie warteten nur auf den Sommer und die dann einfallenden, nach Sonne und frischem Olivenöl lechzenden Hausbesitzer aus der Hauptstadt. Im Stadtzentrum überwältigen die zwei-, dreistöckigen Altbauten mit dem künstlich unmöglich herzustellenden Farbton aus verwaschenem Rot, das jetzt eher rosa ist, scheckig und transparent. Es braucht schon viele Jahrzehnte, um diesen Farbton zu treffen. Dazu ein unwirkliches Licht, Sonne plus Gewitterstimmung, der allmittägliche Gewitterregen kündigt sich an, was heißt hier Regen, ein sintflutartiger Guss, als wäre hier Regenzeit, für zwei Stunden, dann scheint wieder die Sonne. Und daraus wird dann im Laufe der Jahrzehnte dieser unwahrscheinliche Farbton, egal wo man ist, dazu braucht es keine fünf Sterne in den Touristenportalen des weltweiten Netzes.

 

 

Überhaupt ist es so eine Sache mit den Sehenswürdigkeiten oder, alternativ, den Orten abseits der ausgetretenen Pfade. Als wir durch den Gargano gefahren sind, haben sich für uns unsere eigenen Kriterien erneut bestätigt. Nicht die angepriesenen Ziele der Tourismusbürokratie sind es, die uns reizen – das wären der Nationalpark mit seinen ausgedehnten Wanderwegen durch schattige Laubwälder, mit seinen Tiergehegen und der Einsamkeit. Ist alles sehr schön, aber wir haben den Harz, und das reicht uns an schattigen Wäldern fürs erste. Der Gargano ist mit seinem höchsten Berg übrigens fast genauso hoch wie der Harz, allerdings zum Glück ohne Eisenbahn wie auf den Brocken. Was uns begeistert hat: Am Rande der Waldgebiete, auf halber Höhe, ziehen sich bunt blühende Wiesen zwischen Felsgestein und Wäldchen, in der Ferne klöppeln die Glöckchen einer Viehherde (wir stellten fest: Mal sind es sind Esel, mal Ziegen, mal sehr ursprünglich wirkende Kühe mit beeindruckend geschwungenen Hörnern). Und diese Pflanzen! Gelbe, violette, weiße, rosafarbene Blüten, grüngelbe Fruchstände wie bei Anis oder Fenchel, aber ohne deren Aroma, wer weiß, was das ist, die Esel jedenfalls lassen es stehen. Sind das Kapern an diesen Zweigen? Auch nicht die Lieblingsspeise der Esel. Wir sind eine Viertelstunde herumgelaufen und haben unser Herz weiten lassen von der Schönheit dieses Fleckchens Erde.

 

 

Als wir eine halbe Stunde später in Monte St. Angelo ankamen, einem Bergdorf sechshundert Meter über dem Meer und Luftlinie kaum drei, vier Kilometer davon entfernt (aber es dauert mit dem Auto zum Strand doch locker eine halbe Stunde), empfing uns neben der Burg (wie alles, was hier von Bedeutung ist, aus der Zeit Friedrichs des Zweiten, Hohenstaufenkönig und später Kaiser in Rom, siecolo XIII) die übliche Touristen-Abfang-Strecke mit bunt bepinselten Majolika-Tellern, Olivenöl und getrockneten Tomaten, Pizzeria und viel, viel Papst-Devotionalien (Pius ist hier der beliebteste). Das wirkt erstmal enttäuschend. Dann wird es normaler, verwinkelter, alltagsromantischer. Hier dürfen sich auch Autos durchschlängeln, denn hier wird einfach gelebt, nicht nur zur Schau gestellt. Die „Reihenhäuser“ von Monte St. Angelo sind wirklich kurios, Dutzende von „Stadthäusern“, eins wie das andere und eins an das andere geklebt wie in jeder guten deutschen Reihenhausgegend, aber hundert Jahre alt und in weiß gekalkt, wie es sich in einem süditalienischen Bergstädtchen im Gargano gehört, also ehedem weiß, man kann schließlich nicht alle zwanzig Jahre neu streichen. Der Blick über die Dächer mit ihren hellroten halbtönnchenförmigen Ziegeln und den massiven Schornsteinen ist malerisch, aber viele Dächer sehen nicht so aus, als wenn man unter ihnen wirklich noch gut leben könnte.

 

 

Der Gargano ist angeblich erdgeschichtlich eher ein Teil der Balkanhalbinsel, gehört mehr zu Albanien als zu Italien. Das Meer zwischen den beiden Ländern ist gerade mal achtzig Kilometer breit. Die Trabucchi, Holzkontruktionen mit langen Stangen, die waagerecht zehn Meter über dem Meer in die Luft ragen, erinnern mich an die hölzernen Thunfischfangleitern, die wir über den jugoslawischen Buchten hängend vor fünfzig Jahren gesehen haben, als wir das Städtchen Senj und die Orte der „Roten Zora“ besuchten, einem meiner Lieblingsbücher als Kind. Der Autor, Kurt Held, hat auch „Giuseppe und Maria“ geschrieben, den Roman zweier Kinder im Nachkriegsitalien. Die Geschichte habe ich auch geliebt. So begegne ich auch meinen eigenen Geschichten und den Geschichten der Völker, und aus Geschichten wird Geschichte. Und am Beispiel des Gargano begegnen wir auch der Erdgeschichte – aber davon kann man am wenigsten sehen, wenn es nicht Wissenschaftler aufgeschrieben hätten, hätten wir es nicht bemerkt.

 

 

Vom Gargano sind wir dann weiter südlich, hinter Manfredonia (wer bitte schön nennt einen Ort Manfredonia?) wieder in die Ebene gekommen, zu den Salinen von Margherita de Savoia. Die österreichische Königin ist Namensgeberin für eine Industrieanlage der schöneren Art, Meerwasser wird zur Salzherstellung in quadratkilometergroße flache Becken geleitet und verdunstet dort, dabei einen immer kräftigeren (hier: roten) Farbton annehmend. Wie wir es schon in Comacchio südlich von Venedig erlebt haben, sehen wir auch hier hunderte von Flamingos, die gern in dem flachen Wasser gründeln. Von der Straße auf dem Damm quer durch die Saline rüber nach Trinitatopolis aus entdecken wir sie von ziemlich nahem, fünfzig Meter sind sie weg, aber man kann nicht anhalten auf der schmalen Straße... also nur schnell ein paar Fotos aus dem Autofenster, bis der Verkehr uns wieder weiter treibt.

 

 

Und jetzt sind wir also in Bisceglie, auf dem Campingplatz unter uralten Olivenbäumen und in der Nachbarschaft von einem Dutzend mehr oder weniger verfallener Trullis bzw. der Variante, wie hier Trullis gebaut wurden. Das sind runde Türmchen aus grauen Feldsteinen geschichtet, in denen die Ernte gelagert wurde, vielleicht auch mal während der Woche übernachtet wurde, vor hundert Jahren, und die aussehen wie eine etwas grobschlächtige Vorform der berühmten runden Turmhäuschen mit nicht verfugten Dachschindeln, die weiter südlich die Touristen anlocken, den Trulli. Die Wände sind leicht geneigt, in einem Meter Höhe gibt es einen Absatz von einem halben Meter Breite, und in zwei Metern noch einmal. Es sind also kleine runde Treppenhäuschen. Im Ort haben wir heute vormittag auch schon einen von diesen Türmen gesehen, eine Ruine, in einem Neubaugebiet, auf einem Brachgrundstück, inmitten einer wilden Müllkippe. Sah nicht so aus, als wenn sich irgendwer über diese Ruine freute, eigentlich war sie nur im Weg. Bei „Tripadvisor“ habe ich die Türmchen nicht gefunden, das ist ein Internetportal mit Millionen von Nutzer-Bewertungen für alle möglichen Touristen-Orte wie Hotels, Restaurants und auch Sehenswürdigkeiten, weltweit. In Bisceglie, wie gesagt, gibt es laut Tripadvisor ein paar Kirchen, einen Turm in Dauer-Renovierung und die Dolmen in Bahnhofsnähe. Uns die örtliche Trulli-Variante am besten gefallen. Aber sie schafft es nicht in die Liste der Sehenswürdigkeiten. Und das ausgewaschene Rosa und Ocker der Altstadthäuser war auch großartig.

 

 

Weniger zu bieten hatte uns die Marmorindustrie, die mancherorts ziemlich darnieder liegt. Der große stillgelegte Fabrikkomplex Levante Marmi am Hafen von Bisceglie war gut verschlossen, was ich nicht so häufig feststellen muss (meist gibt es irgendwo eine Lücke im Zaun). Beim in der Nachbarschaft gelegenen Gebäude des ehemaligen kommunalen Schlachthofs ging wenigstens das maschinenbetriebe Tor einen halben Meter weit auf, so dass man einen Blick in den Innenhof werfen konnte. Die Marmorindustrie aber zeigt sich verschlossen. Und wir haben einen der wenigen noch arbeitenden Betriebe in wenigen hundert Meter Entfernung vom Campingplatz im Verdacht, für den Höllenlärm verantwortlich zu sein, der heute nach zwischen halb fünf und halb sechs den Schlaf aus unserem Wohnwagen vertrieb. Ich hatte erst gedacht, es könnte eine Gasfackel sein, das Fauchen des künstlichen Feuers aus meterlangem Rohr ist auch nicht von schlechten Eltern. Aber hier in dieser Gegend wird gar nicht nach Öl oder Gas gebohrt, versicherte man uns. Und als ich heute mit dem Rad durch die Felder fuhr, kam ein mir vertrautes schrammendes Raspeln in erheblicher Lautstärke von der Steinfabrik – anscheinend eine Steinmühle, die da solchen Krach macht. Vielleicht war ein eiliger Auftrag noch nicht fertig, da musste eine Früh-Frühschicht eingelegt werden. Und das hört man nachts weit, sehr weit... Man trifft eben auf unerwartete Ereignisse und Erlebnisse, egal wo man ist. Auch unter Olivenbäumen gibt es Krach.

 

 

Aber die hohen Mauern der Fabriken, auch der stillgelegten, haben mir doch keine Ruhe gelassen. Einen Kilometer von unserem Campingplatz entfernt liegt eine alte Zementfabrik, zweihundert Meter Stichstraße von der Adriatica, der Küstenstraße, entfernt. Sie steht hohläugig (kaputte Fensterscheiben) und monochrom staubig in der prallen Sonne, sechs Stockwerke hoch, mit seltsamen Überhängen in zwanzig Metern Höhe, steht leer und ist ummauert. Aber über ein Brachgrundstück mit stachligen Büschen, blühenden Gräsern und dornigen Brombeerbüschen (vielen Brombeerbüschen) kommt man von der Seite ran, und schon stehe ich auf dem Werksgelände, vor Blicken aus den noch belegten ehemaligen Werkswohnungen durch hohe Mauern geschützt. Aber das Gebäude selbst mit seinen hohlen Augen ganz oben, dem machtvollen Schweigen, der Agonie halbmeterdicker Betonstreben, die geborsten sind (wann fällt der nächste Brocken?) wirkt nicht ungefährlich. Nach einer halben Stunde gebe ich meinen unbewussten Bestrebungen nach: Ich sollte sehen, dass ich hier verschwinde. Wenn hier ein Security-Mensch mit einem großen Hund um die Ecke biegt, falle ich sofort in Ohnmacht. Fliehen könnte ich kaum, denn in kurzer Hose durch die Brombeer-Hecke, das geht nur Schritt für Schritt und indem ich jede Ranke einzeln aus dem Weg biege, sonst zerschrammt es mich abschließend, mir reichen die Ratscher jetzt schon. Also vorsichtiger Rückzug, es geht besser als befürchtet, und ich bin nassgeschwitzt wieder bei meinem Fahrrad.

 

 

Marmorproduktion gibt es aber noch sehr aktiv und flächenfordernd, ein paar Kilometer weiter im Landesinneren. Da sind Riesengruben mit senkrecht abfallenden Wänden, dreißig oder vierzig Meter tief und ein paar hundert Meter im Quadrat, da wurden die Marmorblöcke rausgeschnitten. Vielfach sind die Uferpromenaden der Hafenstädtchen hier in der Gegend gepflastert mit dem Marmor in hellem Sandbraun, glattgetreten und rutschig, Autoreifen quietschen darauf sobald sie in Bewegung kommen. Neben den Gruben türmt sich der Abraum, so dass wir zunächst dachten, hier eine regionale Eigenheit von mountain top removal zu sehen, so wie in den USA ganze Berge gekappt werden, um an die Kohle zu kommen. Aber es ist umgekehrt ein mountain top creation, in einer ansonsten flachen Landschaft steigen überall die Berge aus Sand und Marmor-Bruch auf, wie bei uns zuhause die Abraumhalden der Kali-Industrie.

 

 

Trulli, leerstehend, kurz vor Alberobello

 

 

 

TrulliLand

 

 

Gelesen hatten wir schon von den zipfelmützigen Bruchsteintürmchen, den runden Vorratsschuppen, in denen früher auch gewohnt wurde. Sie stammen aus dem sechzehnten, siebzehnten Jahrhundert, in Süditalien wohnten viele noch in Felshöhlen oder ohne Dach über dem Kopf, und diese Bauten aus dem Material der Hügel und Täler, ohne Hilfsmittel wie Nägel, Mörtel oder viel Werkzeug errichtet, waren eine erschwingliche Option für die kleinen Bauern Apuliens. Es soll ja noch viele davon geben, hatten wir gelesen, nicht alle sind verfallen, viele wurden gerettet und erlebten in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung ohnegleichen, die Schönen und Reichen entdeckten das Landleben abseits der langweiligen Strände und kauften sich ein Trullo, richteten es schnieke ein und ließen in „LandLust“ oder dem italienischen Korrelat darüber in bunter Fotostrecke berichten. Wer etwas auf sich hielt, bereitete sein eigenes Olivenöl (oder betrieb ein eigenes Weingut, wie Francis Ford Coppola zum Beispiel). In Alberobello, fünfzig Kilometer hinter Bari, ist das Zentrum der Trulli-Kultur, und da fahren wir jetzt hin.

 

 

Kurz vor dem Städtchen Alberobello, wir haben gerade die Orte mit den klangvollen Namen Casamassima, Turi und Putignano passiert, biegen wir rechts rein, um eine Minipause einzulegen und einen Schluck Wasser zu trinken. Dabei stoßen wir auf mehrere Trulli, unbewohnt, eines schon etwas verfallen, eines recht gut erhalten und vor wenigen Jahren geweißt, so wie es sich gehört, aber ebenso leerstehend. Drumherum blüht die Wiese, Mohn und weiße Blüten mit violetten Einsprengseln, tiefgün benadelte oder beblätterte Bäume spenden Schatten, die Landschaft hügelt sanft vor sich hin, es ist eine Idylle wie im Bilderbuch. Eigentlich hätten wir nach dieser Viertelstundenpause schon umkehren können, die Trulli hatten unser Herz erobert, wir hatten schöne Fotos gemacht, und waren bester Laune. Aber wir fuhren doch noch weiter nach Alberobello hinein, es gab noch einen Parkplatz, und spazierten durch die hügelan strebenden Gässchen des Trulli-Viertels, nicht einmal jeder zweite der kleinen Türmchen beherbergte ein Souvenirgschäft oder ein Restaurant oder ein Schmuckgeschäft oder sonstige notwendige Einrichtungen. Die Reisegruppen von MSC waren numeriert, die Gruppe 27 war disziplinierter als die 26er, da marschierten einzelne ganz allein herum, das war nicht geplant.

 

 

So könnte ich jetzt weiter rumätzen über das Tourismusnest der Trulli. Aber es war ja eigentlich ganz anders. Das geschlossen aus Trulli erbaute Viertel mit seinen weiß gekalkten Wänden und den graueßn Zipfeltürmen, dem bunten Blumenschmuck und dem knatschblauen Himmel mit den blendenweißen Wolken war ein Augenschmaus. Und manchmal kriegt man ja mal was ins Auge, da läuft wieder ein buntgekleideter Mensch mit lautstarkem slawischem Akzent ins Bild, aber ich bin ja auch gerade einer jungen Frau vors Auge ihres Smartphones gelaufen, so ist das eben. Die Häuschen jedenfalls waren allerliebst. Jedes hatte so fünfzehn, zwanzig Quadratmeter Wohnfläche, und eine größere Familie brauchte eben einen Zwillingstrulli. Heute findet man auch welche mit fünf, sechs Türmchen. Dass dieses Viertel so erhalten wurde, ist ein Glücksfall und absolut Weltkulturerbe. Vielleicht ist es auch besonders schön, wenn man einen wolkenlosen Sonnentag im Januar erwischt, da ist sicher weniger los, und wir haben jetzt Anfang Juni bestimmt auch noch nicht den Höhepunkt der Saison erlebt, der kommt im August, dann ist das hier wie verkaufsoffener Sonnabend auf der Mönckebergstraße. Nur nicht mit so vielen Sonderangeboten.

 

 

Wir fuhren dann weiter nach Locorotondo, wo weniger loss ein sollte, aber auch viel zu sehen. Was uns völlig überraschte: In Locorotondo, zehn Kilometer von Alberobello entfernt, erwartete uns eine Altstadt, winklig und gepflegt, bürgerlich wirkend, nicht so proletarisch geprägt wie die genauso winklige Altstadt von Bari, und wir fanden ein schnuckeliges kleines Restaurant in einer schmalen Gasse, speisten landestypisch (fave e chicorie) und lecker. Spätestens dann hätten wir nach Hause fahren können, aber wir wollten ja noch einen Ort weiter, nach Martina Franca (auf Wegweisern genannt „Martina F.“, Assoziationen weckend an die Kinder von Bahnhof Zoo). Da aber die Straße von Locorotondo nach Martina Franca gesperrt war und wir einen weiten Umweg geleitet wurden, dabei ein ums andere Mal Trulli-Komplexe passierend, die wirkten wie das Pendant von repräsentativen Reetdach-Häusern in Kampen auf Sylt, fuhren wir gar nicht erst nach Martina F. rein, sondern gleich weiter, eine andere Straße zurück nach Alberobello. Und nun waren wir gar nicht mehr aufnahmefähig, diese entzückende Strecke gebührend zu würdigen. Eine schmale, kurvige Straße, rechts und links aufgeschichtete Natursteinmauern, es passen gerade so zwei Autos aneinander vorbei, ohne sich die Kotflügel an den Mauern zu verschrammen, und Trulli in allen Lebens- und Leidensphasen rechts und links. Kein Platz zum Anhalten, ich hatte erste Symptome einer beginnenden Trulli-Vergiftung entwickelt, wegen der Überdosis, aber es war eine Strecke, die man sich merken muss: Alberobello-Martina Franca oder zurück, eine kleine Landstraße kurvt durch die Hügel, Bauern- und Ferientrullis, Weinberge und Obstbäume, das ist Trulli-Land pur. Vielleicht hat da auch George Clooney eine Datsche, aber was soll's, es ist schön dort.

 

 

Matera wird 2019 europäische Kulturhauptstadt

 

 

 

Sassi de Matera

 

Matera hat eine höchst wechselvolle Geschichte. Es nahm seinen Aufschwung vor mehr als fünfhundert Jahren, als es zu Apulien gehörte und in den fruchtbaren Ebenen des italienischen Hackens ein weites Absatzgebiet für seine handwerklichen Produkte fand. Die Menschen wohnten in den Höhlen, die in die Hänge des Flusstales gehauen wurden, das sich hundert Meter in den Hügel reingeschmirgelt hat. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden so Wohnungen für zwanzigtausend Menschen, und oben auf dem Felsen war die Kathedrale, in den Höhlen gab es verschiedene Grottenkirchen, mit dem Maßstab der damaligen Zeit gemessen ging es den Menschen gut. Allerdings waren der lungenschädliche Abrieb der Felsen, den man tagtäglich einatmete, auch damals gefährlich, es gab wenig Belüftungsmöglichkeiten, und die sanitären Installationen waren genauso unzureichend wie auch später noch. Mensch und Tier lebten in den Höhlen gemeinsam, gegen die Unbilden der Witterung wurden Mauern vor die Höhlen gesetzt und so entstanden Wohnstätten, die halb Höhle und halb Haus waren.

 

Dann gab es politische Umschwünge. Matera war plötzlich nicht mehr Teil von Apulien, sondern Hauptstadt der Basilikata. Die Grenze zu Apulien verlief plötzlich drei Kilometer östlich von Matera, das war damals wichtig. Der Handwerksstand verließ die Stadt in Richtung Apulien, aber es gab ja die Administration, die Herrschaftsinstitutionen mit ihren Arbeitsmöglichkeiten, und so konnte die Veränderung teilweise aufgefangen werden (aber auch nur zum Teil). Als dann der Sitz der Hauptstadt von Matera nach Potenza verlegt wurde, verlor Matera auch das kompensatorische Standbein der Verwaltung. Die Geschichte hängte die Stadt ab, vergaß sie und wanderte anderswo weiter. Aber es blieben die zwanzigtausend in den Sassi, den Höhlenstadtteilen. Nur wenige verdienten ihr Brot mit Arbeit, wenige konnten selbst etwas anbauen, viele hungerten und verelendeten. Italien wurde zu einer Nation zusammengebastelt, aber Matera war darin nicht vorgesehen. Hundert Jahre lang schleppte sich eine ganze Stadt dahin, betete in den Grottenkirchen, fristete eine Existenz ohne andere Perspektive als die spätere von Himmel und Hölle.

 

Der Arzt und Maler Carlo Levi lernte Matera kennen, als er von den Faschisten in den dreißiger Jahren in die Basilikata verbannt wurde. Dafür schien die Region gerade noch geeignet: Einen italienischen Gulag konnte man allemal noch draus machen. Levi schrieb seine berühmte sozialdokumentarisch-poetische Schrift „Christus kam nur bis Eboli“. Das Nachkriegsitalien empörte sich, der Kommunist Togliatti prangerte das Elend der Sassi von Matera an, und der italienische Staatspräsident de Gasperi versprach Abhilfe. In den fünfziger Jahren wurden etwas außerhalb neue Wohnviertel erstellt, zunächst mit viel Ambition und fortschrittlichen (aber auch idealistisch verklärten) Konzepten, später nur noch mit dem Minimalanspruch einer Ersatzversorgung: Die Bevölkerung der Sassi musste ihre Viertel verlassen, sie wurden umgesiedelt in Wohnblocks, in denen sie ihre gewohnte Sozialstruktur und ihre Lebensweise nicht weiter umsetzen konnten, viele gingen weg. Die Ärmsten blieben in den Sassi, bis sie zwangsumgesiedelt wurden. Seit fünfzig Jahren sind die Sassi keine Wohngebiete mehr.

 

Durch glückliche Fügung wurden die Ruinen und leerstehenden Gebäude nicht abgerissen. Die kleinteilige, verwinkelte Struktur blieb erhalten, und seit einigen Jahren und Jahrzehnten haben zaghaft Künstler, Restaurants und einfache Übernachtungsstätten dort in den zerfallenden Ruinen und leerstehdeenden Häusern Einzug gehalten. Als wir dort ankamen, wurden wir sofort von mehreren Tourismusfallen zu fangen gesucht – Führungen, Rundfahrten mit Tuktuks, Menus hier und dort. Dabei gibt es das Beeindruckendste umsonst: Gleich am Anfang hat man einen phantastischen Überblick auf die Sassi, das Gewimmel der Gassen und Treppen, der kleinsten Häuschen und der Höhlenvorbauten. Dann allerdings muss man einen Parkplatz suchen...aber auch das war Mitte Juni nicht wirklich ein Problem, zwischen 13 und 16 Uhr ist das Parken sowieso umsonst, für meine zwei Euro spuckte der Automat gleich ein Ticket bis 18:52 Uhr aus. Das war um zwei. Die Zeit haben wir dann aber auch gebraucht. Die Führungen, die uns angeboten wurden („man kommt dann mit dem Führer überall umsonst rein, und man sieht auch die verborgenen Schönheiten“) hätten bis 35 € pro Person gekostet und erst zwei Stunden später angefangen, auf französisch vielleicht schon in einer Stunde, aber da muss man erst mal sehen, ob es da Interessenten gibt... also das war alles gar nichts, zum Glück. Wir haben auf eigene Faust alles gesehen, was wir wollten, und noch den Stiftungssitz der FIA (der italienischen Umweltstiftung) gefunden, wo wir eine halbstündige Videoinstallation über die Geschichte der Sassi sehen konnten, die wirklich berührend und interessant die Geschichte dieser Stadt darstellte. Zum Heulen – allerdings auch vor glücklicher Rührung, als die Szene gezeigt wurde, in der Matera zur Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2019 gewählt wurde. Das wäre auch für uns eine Gelegenheit, noch mal wieder zu kommen. Und das Eis nach der Video-Vorführung in der charmanten Fußgängerzone war das leckerste, das wir seit langem geschleckt haben. Matera mit seinem musikalischen Flair durch die Musikhochschule (als wir am Dom vorbeikamen, übte jemand in einem Stadthaus Klarinette, sehr gekonnt, und überall rannten auf der Straße junge Leute mit Gitarrenkoffern herum) ist ein toller Ort für spannende kulturelle Events. Schon Pasolini und Mel Gibson hatten das festgestellt und ihre Filme (Matthäus-Evangelium, Passion) hier gedreht. Großes Kino, diese Stadt.

Nicht nur am Garda-See wird gern gefeiert - Italien ist laut, manchmal etr

was lauter

 

 

Geht’s auch etwas lauter?

 

 

 

Schon vor zwanzig Jahren hatten wir auf der Fahrt nach Korsika auf einem Zeltplatz bei Livorno Kontakt mit dem (unserem Eindruck nach) südlichen Hang zur Lautstärke. Auf dem Campingplatz war abends Disko, das war zur Zeit, als Techno erfunden wurde, und die Bässe wummerten bis zwölf. Erleichtert stellten wir fest, dass damit die Zeltplatzmucke beendet war. Aber die wenige hundert Meter entfernte Freiluftdisko ohne Campinganschluss feierte weiter. Bis in den frühen Morgen, ich habe selten so wenig geschlafen (Zeltwände halten bekanntlich wenig Lärm ab). Nach den zwei Wochen in einem alten Gemäuer in der Stille des korsischen Maquis hatten Linda, Simon und ich dann noch eine Woche an der korsischen Ostküste gezeltet. Und da ging der Disko-Wahnsinn weiter. Wir stellten nach zwei Tagen fest, dass die Mega-Beschallung von der Disko neben dem Zeltplatz mehr ein Lebenszeichen als eine Notwendigkeit gewesen war: Die Disko war menschenleer, aber was, wenn sich ein Gast dahin verirrt hätte und es gäbe keine laute Musik? Und wie soll man die Disko überhaupt finden, wenn man sie nicht einen Kilometer entfernt schon hören kann?

 

 

 

Wir hatten also einige Vorwarnungen erlebt. In den letzten Jahren hatten wir im Veneto auch Campingplatz-Animation und ähnliche Lärmquellen durchlitten (aber schnell wieder vergessen, was nicht immer sinnvoll ist). Auch in diesem Jahr fanden wir Campingplätze, die ruhig waren. Manchmal. Sicher, manchmal lag es nicht an den Plätzen, den Besitzen, den Geldverdienern. Auch in Cinque Terre saßen auf dem Zeltplatz ein paar junge Leute die ganze Nacht am Rezeptionsgebäude und lachten sich pausenlos scheckig über ihre eigenen Witze, wahrscheinlich waren sie furchtbar bekifft und man darf ihnen die Albernheit nicht verdenken, dass ist dann in der Verfassung mal so. Aber Lärm gab es dann doch konzentriert woanders. Nicht im Gargano, die älteren Ehepaare in den Wohnmobilen aus allen Regionen Deutschlands waren erkennbar nicht auf Animation aus, aber auf dem südlich meditativ anmutenden Campingplatz unter Olivenbäumen in Apulien lief tagsüber die Anlage am Pool, der auch für auswärtige Gäste offen stand (gegen Eintritt, es kam keiner), der Platz war eher unterbelegt, keiner von den Campern wollte tagsüber Beschallung, aber der Pool war eine erhebliche Investition gewesen, sollte sich doch möglichst zeitnah amortisieren, morgens waren immer Kinder- und Jugendgruppen aus dem örtlichen Ferienprogramm im Wasser, auch kleine Einnahmen nützen. Abends war der Platz am Restaurant mal vermietet für ein Event zum Schuljahresende der ABC-Schützen, niedlich, und laut. Bis zwölf. Nachts wurden wir dann geweckt von einem enormen Schaben und Krispeln im großindustriellen Maßstab, wohl eine Steinmühle im nahegelegenen Zementwerk, man glaubt ja nicht, wie laut sowas mitten in der Nacht sein kann. Die nächsten Abende waren dann belegt von einer privaten Feier um die Ecke, zu der eine Open-Air-Festival-taugliche Anlage gemietet worden war, samt Disc-Jockey, bis drei. Und die Feuerwerke: Irgendwo war eigentlich dauernd eines, mal direkt nebenan, mal ein paar Kilometer weiter, der Frontverlauf veränderte sich jeden Abend. Sehen konnte man ungerechterweise kaum mal was, aber hören. Nun ist ein Feuerwerk ja traditionell nach 25, 30 Minuten vorbei. Musik kann man aber eigentlich die ganze Nacht lang hören. Wenn es (wie den einen Abend in Apulien) Latin-Rock ist, intelligent-zupackende Rockmusik, ist das Wachliegen ja noch mit einer gewissen Genußkompensation verbunden. Aber der dumpfe Electrostampf, mit Vocoder und Verzerrer und allem elektronischen Schnickschnack, aber von keinerlei musikalischer Einfallsfülle getrübt, das ist schon ein hartes Los, wenn das durch die Wände des nächtlich dahindämmernden Wohnwagens wummert und den Schlaf zertrümmert. Ein italienisches Event ohne 97 Dezibel scheint keinen Pfifferling wert. Was in Buchholz bei uns zuhause einmal im Jahr zum Stadtfest erlaubt ist, dann aber auch preußisch korrekt um zwölf vorbei ist, und vielleicht noch einmal zum Schützenfest, das ist hier jedes Wochenende. Und in der Woche gibt es auch immer noch ein paar schöne Anlässe, um Krach zu machen. Zum Beispiel das Fest der Kirchengemeinde in Molfetta zum Ende des Kirchenjahres, mit Dreigänge-Menu, Wein inklusive, und hinterher gibt es Karaoke.

 

 

 

Wenn es nicht die amtlichen Animateure sind oder die Unternehmen der Tourismus-Branche, die ihre Aufgabe in der Maximal-Beschallung der Klientel sehen, oder die Diskos oder Festdirektoren, dann gibt es auch noch die Zeltnachbarn oder andere ganz private Normalmenschen mit ihren akustischen Eigenheiten. Zwanzig Meter neben unserem Platz hat ein italienisches Ehepaar seinen Sommerwohnsitz um einen Wohnwagen, ein Vorzelt, ein Vordach für das Vorzelt und einige kleinere Anbauten gestaltet. Ihr Ferienwohnsitz nimmt den Platz einer durchschnittlichen Dreizimmerwohnung ein, und natürlich haben sie ihren Fernseher dabei. Der erste Griff morgens nach dem Aufwachen gegen sieben ist der zur Fernbedienung. Frühstücksfernsehen. Vormittags sind sie auch mal zum Einkaufen, dann stellen sie solange den Fernseher ab. Ansonsten läuft er, bis das Fußballspiel gegen halb zwölf auskommentiert ist und der Spätfilm mit Liz Taylor in den früheren Jahren dann doch langweilig und man ins Bett gehen kann. Sie strellen den Ton gar nicht mal so laut, aber wenn der Platz drumherum zur Ruhe kommt, hört man ganz gut, worum es geht, ob man will oder nicht.

 

 

 

Beim Karaoke, das die Kirchengemeinde in Molfetta erst noch plant, sind sie jetzt gerade angekommen, auf dem benachbarten Jugend-Animations-Platz neben unserem Camp, es ist gleich halb elf, der Gardasee liegt ruhig und funkelt im Licht der gegenüberliegenden Dörfer, wobei – Dörfer gibt es hier ja eher nicht, Villen-Ansammlungen sind es, Geldanlage-Immobilien, aber funkeln tun sie, und sie sind wesentlich leiser als das Karaoke-Programm nebenan. Auch leise muss nicht schön sein. Aber laut ist meistens schrecklich. Wie schön, wenn jetzt gegen halb elf der Betrieb nebenan zuende geht und man das Rauschen des Sees hören kann. Mir fällt gerade auf, dass abends gar keine Jet-Skis auf dem See unterwegs sind. Das müsste doch auch geil sein. Für den 17. Juli ist ein paar Orte weiter eine Riesenparty vorgesehen, bei der jeder einen Kopfhörer trägt (gesponsort von Red Bull), man kann seinen eigenen Life-Act auswählen, fünf Djs arbeiten parallel, keiner weiß, was der andere hört und wonach er oder sie tanzt, und da alle Kopfhörer tragen, kann man ruhig mitsingen, hört ja keiner. Da ist es dann in den Ohren bzw. im Kopf jedes Einzelnen total laut. Und außen rum Stille, nur das Scharren der Füße, Beziehungslosigkeit pur. Ich habe mich gefragt, ob man optional auch Augenbinden ausgibt. Da möchte ich als einziger ohne Kopfhörer mit einem guten Teleobjektiv mal eine halbe Stunde lang freies Knipsen haben. Und dann schnell nach Hause. Patti Smith hören.

 

 

 

An manchen Stellen sind die floating piers idyllisch, an manchen chaotisch. Aber immer geschmeidig.

 

 

 

Senf am See

 

 

Christo hat seinen Job ganz hervorragend gemacht. Seine „floating piers“ auf dem Lago d'Iseo, vom 18.6.16 bis 3.7.16 nur vierzehn Tage begehbar, erfinden eine neue Landschaft und ein neues Gefühl für die Landschaft drumherum. Gelbe Kunststoffpontons, insgesamt über drei Kilometer lang, verbinden den Flecken Sulzano auf dem Ostufer des viertgrößten norditalienischen Sees mit den Dörfchen Peschiera und Segolano (?) auf dem Inselchen Monte Isola sowie dem Inseltüpfelchen San Paolo, das nur aus einem leerstehenden, verbarrikadierten Palazzo und einem baumbestandenen Park mit einer Mauer drumherum besteht. Der ganze See Iseo ist von bewaldeten Hügeln umgeben, steil ansteigend, wenig Platz für Tourismus, und er liegt insgesamt etwas im Schatten. Das wollten Christo und seine vor sieben Jahren verstorbene Frau Jeanne wohl gern ändern und hatten diese Idee, hier für einen kurzen Moment etwas Bezauberndes zu erschaffen, um die Blicke auf diesen schönen Flecken Erde zu lenken. Auf der ungefähr fünfzehn Meter breiten Pontonstraße geht man nun also auf dem Wasser, jeden Tag sind es Zehntausende, fünfundfünfzigtazusend schon am ersten Tag, da waren die Veranstalter völlig überrannt von den Schau- und Sensationslustigen, den Kunst- und Performance-Fans sowie den anderen Mitläufern. Ein ganz besonderes Schwingen entwickelt sich auf dem Pfad, die Wellen des Sees teilen sich über die Schwimmkörper und durch die Füße mit, der Boden gibt etwas nach, aber ein insgesamt völlig sicheres und unbeschwertes Gefühl stellt sich ein. Besonders um das kleine, unbewohnte Eiland San Paolo entsteht auf der dort etwas breiteren, die Insel einkreisenden sonnenblumensenfgelben Fläche eine ganz besondere Schwebung. Das Alter(n) des Ortes, seine Endlichkeit, aber auch seine unzerstörbare Grandezza mischen sich mit der in der Form strengen, in der Farbe warmen Umrandung zu einem Raum außerhalb der Zeit, die Menschen sitzen eng beieinander in den kleinen Schattenflächen unter den paar Bäumen, die über die Mauer reichen, und nur wenige durchschreiten die Fläche, als sei es besser, hier beieinander zu bleiben. Aber man mag auch gar nicht wieder weg.

 

 

Ende dieser Woche ist nun wieder Schluss, dann wird alles wieder abgebaut und recyclet. Wie bei seinen anderen Projekten, dem Berliner Reichstag, den Christo wie die Pariser Pont Neuf eingepackt hat, bei den orangenen Gates im New Yorker Central Park oder den „Surrounded Islands“ wird Christo kleine Quadrate des gelben Kunststoffs, mit dem die Pontons bespannt sind, kombinieren mit technischen Skizzen und Landschaftsgrafiken des Drumherum, und das ganze dann (Kunst? Merchandising?) vermarkten. Wir haben zuhause schon diese Materialkollagen aus Berlin und New York, sie gefallen uns sehr. Sicher gibt es dann noch andere Einnahmequellen wie Medienrechte und so, und wohl auch Sponsoren, aber vor Ort verdient Christo keinen Cent, es kostet keinen Eintritt, eher aus Versicherungsgründen darf man nur bis abends 22 Uhr die Piers betreten, dann ist für die Nacht Schluss, aber wie oft man wieder kommt, bleibt jedem überlassen.

 

 

Der Job der anderen ist durchwachsen bewältigt worden. Es gibt ja eine Menge Aufgaben, die sich aus einem derartigen Projekt ergeben. Wie kommen die Leute dahin und wie wieder weg? Wie werden sie versorgt, und wie garantiert man die Sicherheit? Wo bleiben die Massen von Autos, wo doch um den See alles eng ist, die Straßen schmal, und die Parkplätze schon an einem normalen Sommertag von Badegästen überquellen? Man hatte wohl bei der Planung mit etwas über 20.000 Besuchern täglich gerechnet, bisher waren es durchschnittlich tatsächlich mehr als doppelt so viele. Wir sind im ersten Anlauf gescheitert: Die Straße nach Sulzano war von Polizisten gesperrt worden, die uns weiterschickten in eine ungewisse Richtung, wir hatten das Prinzip nicht erkannt und waren daher nicht vorbereitet: Das Prinzip der weitläufig verteilten Parkplätze (kommunale, private, kein Konzept erkennbar) mit kollektiven Shuttle-Transporten per Bus oder per Schiff. Von den Schiffen waren viel zu wenige unterwegs und ständig überfüllt, mindestens eine Stunde Wartezeit normal. Die Online-Reservierungen von Schiffsplätzen waren schon lange vorher ausgebucht. Unklare Auskünfte und ein unzureichendes Informationskonzept führten zu herumirrenden (und das Verkehrschaos vergrößernden) ratlosen Autofahrern. Es war durchaus nicht verkehrt, Parkplätze zum Teil weit im Hinterland fünfzehn Kilometer vom See entfernt anzubieten, aber das Shuttle-System musste schon eine gewisse Sicherheit bieten, auch dort anzukommen, wo alle hinwollten. Am ersten Tag haben wir nach einer Stunde aufgegeben und sind zurückgefahren zu unserem Wohnwagen am Gardasee, sind die zwanzig Meter vom Wohnwagen bis zum Ufer gegangen und haben gebadet. Ohne floating piers, aber auch schön.

 

 

Zwei Tage später waren wir über das Internet etwas besser informiert und hatten eine Vorstellung, wie es gehen könnte. Wir standen um viertel vor sechs auf (mitten im Urlaub!) und kamen zeitig in Iseo an. Zudem begünstigte Glück unseren Weg: Der zufällig gefundene kommunale Parkplatz in Iseo hatte freie Plätze. Zwei junge Männer, die für eine (für uns gar nicht zuständige) Unternehmung arbeiteten, gaben bereitwillig Auskunft. Wo es zum Schiff geht, wo zum Bus, aber Schiff ist gar keine Option, nehmen Sie den Bus! Das haben wir getan und konnten uns eine Straße weiter gerade noch in einen Bus reinquetschen, der sonst Touristen zum Mega-Outlet Fashion Land Francia Corta transportiert, nun eben Interessierte zu den floating piers. Mit zwei 20minütigen Stops („in Sulzano ist im Moment alles gesperrt, wir müssen abwarten wie lange...“)

 

brachte uns der Bus die drei Kilometer nach Sulzano, wo man sich noch einmal fünfundzwanzig Minuten mit einer dichtgedrängten Menschenmenge bei zunehmend strahlender Sonne durch ein Labyrinth in der Art wie auf dem Flughafen drängeln musste. Das war alles zu schaffen, aber man wusste nie, um wie viele Ecken es noch geht und wie lange man noch in der Hitze durchstehen muss. Information kann doch so vieles erleichtern. Eine große LED-Wand mit dem aktuellen Stand der Wartezeit hätte manchem geholfen.

 

 

Und dann die ersten tastenden Schritte auf den gelben Pontons, und in Windeseile waren wir verzaubert. Tatsächlich hatte die leichte Brise auch dazu beigetragen, die den Weg über den See zu einem heißen, aber frischen Vergnügen machte.

 

 

Nicht alle Betetiligten haben es also immer gut geschafft, ihren Beitrag zum Gelingen des Unternehmens zu leisten. Auch die Besucher selbst: Nur wenige machten sich die Mühe, ein paar Meter den steilen Weg hochzukeuchen, von dem man aus einen Panorama-Überblick über See und piers hatte, der das Erleben erst komplettierte. Auch in Peschiera hatte man noch einmal die Möglichkeit, von dem über dem Ort liegenden Friedhof einen sehr lebendigen Eindruck des Projekts zu gewinnen. Und zum Glück kamen wir dann nach einer Wartezeit von gerade mal 45 Minuten auf das Schiff zurück nach Iseo, und auch das um zwei Stunden überzogene Parkticket (wir hatte gedacht, mit der maximal buchbaren Parkzeit von fünf Stunden kämen wir dicke aus) hat keiner uns angekreidet. Und selten hat uns ein kühles Getränk so gut getan wie der Smoothie am Hafen von Iseo, aus frischen Früchten und mit viel Eis. Da hatten wir dann schon das harmonisierende Gefühl, eigentlich hätten es doch alle ganz gut hinbekommen. Aber Christo seinen Teil doch am besten. Dieses Gelb werden wir nicht vergessen. Es gab auch anderes gelb auf Monte Isola, die beiden Sonnenschirme auf einer Dachterrasse, das Fischerboot mit seinen gelben Verzierungen, die gelben Blüten. Aber diese unorganischen gelben Wege, unorganisch weil technisch schnurgerade, kantig, monochrom, auf dem grün-blauen Wasser, das wellig und lebendig war, verhalfen der Natur zu einer ganz besonderen Geltung durch den Kontrast. Und wenn so ein ganz neuer, vorher ungeahnter Blick auf die Welt erschaffen wird, ist das Kunst.

 

 

Mehr Bilder wie bei fast allen Reisen auf ingoengelmann.jimdo.com unter dem Menupunkt "BilderBlog" ab dem Datum des 24. Juni 2016 (wird dort nach und nach ergänzt).