Italien 2017

 

Inhalt:

 

  1. Venedig hin und zurück (Eine Schiffsfahrt zur Kunst-Biennale)
  2. Sebben che siamo donne (Volksmusik in der Basilikata
  3. Geisterstädte
  4. Zwei Fabriken
  5. Il Lago dei Cigni (Paestum)

 

 

 

 

Fast zwei Monate waren wir unterwegs in Italien: Mailand, Toskana, Campania, Kalabrien, Apulien, Veneto waren die Regionen, durch die wir gereist sind. Ich habe wie schon in vorangegangenen Jahren (s. Italien 2016) meine Reiseerfahrungen aufgeschrieben. Nach sechs Wochen habe ich die fertiggestellten Texte auf meinem Laptop versenkt, und sie sind auch mit Expertenhilfe nicht wieder rekonstruierbar gewesen. So entsteht nun hier ein Ersatz-Bericht aus der Erinnerung, und in den nächsten Wochen wird das eine oder andere Kapitel hinzugefügt. Es wird kein Reisetagebuch, kein vollständiges Abbild, sondern es werden Reflektionen aus sonnigen Wochen, die hoffentlich noch zu einem Gesamtbild wachsen können.

 

Ergänzend gibt es die mit knapperen Texten begleiteten Fotostrecken auf meiner Seite

 

https://ingoengelmann.jimdo.com/bilderblog-2017/

 

Bisher dort zu finden:

 

 -  Italienische Geheimnisse (Giordino dei Tarocchi, Niki de Saint Phalle) - 1.10.2017

 -  Rossano und die Wehmut der Erinnerung - 2.10.2017

 -  Am Lebendigsten ist es hier auf dem Friedhof (Dorfruine Pentedattilo) - 5.10.2017

 -  Stühle für Padre Pio - 7.10.2017

 -  Viermal geht die Sonne unter - 17.10.2017

 

 

 

 


 

 

Venedig hin und zurück

 

 

 

Vom Campingplatz bis zum Anleger in Chioggia fahren wir zwanzig Minuten mit dem Fahrrad. Die Sonne scheint, aber morgens um acht ist es noch etwas frisch. Das Schiff für ungefähr hundert Passagiere ist fast voll, als es mit wenig Verspätung um kurz nach neun ablegt. Eine französische Reisegruppe ist darunter, wohl aus einem Hotel in Sottomarina, dem Strandviertel von Chioggia, und Camper aus diversen Ländern von den diversen Zeltplätzen der kleinen Hafenstadt am Südrand der Lagune von Venedig. Ich bin froh, meine Regenjacke eingepackt zu haben: Zwar zeigt sich keine Wolke am Himmel, aber es weht doch ein scharfer Wind auf dem Wasser. Er putzt die Luft blank, und als wir an der südlichen von zwei langgestreckten Nehrungsinseln zwischen der Lagune und der Adria entlangfahren (die südliche ist Pellestrina, die nördliche ist der Lido, die Badeinsel Venedigs), leuchtet alles in der Morgensonne. Allerdings bescheint die Sonne sie von der Adria aus, für uns, mit Blickrichtung von der Lagune, liegen die bunten Häuserfronten leider im Schatten. Die lange Insel Pellestrina hatten wir vor drei Jahren schon mit dem Fahrrad erkundet, aber wir sehen sie jetzt erstmals bei der Vorbeifahrt vom Wasser aus. Schmale, kleine Häuschen, farbenfroh, aber auch irgendwie meist Ton in Ton: rot überwiegt, orange, ocker, mal ein grünes oder himmelblaues Haus dazwischen. Die meisten scheinen vor nicht allzulanger Zeit gestrichen, die oft in Italiens Ortschaften dominierende Patina fehlt vielfach.

Eine Werft baut Gondeln, eine setzt rostige Fischerboote wieder instand (der Rost hat auf den gesamten Betrieb übergegriffen, ist wohl ansteckend). Einige Betriebe stehen still, Hallen sind leer oder halb eingestürzt. Der Fischerinsel geht es nicht schlecht, aber die Wirtschaft hat auch ihre Einbrüche. Donna Leon hat im „Gesetz der Lagune“ einen Brunetti-Fall auf Pellestrina angesiedelt. Die Kommentare dazu im Netz sind sehr durchwachsen, vielen gehen die ausführlichen Schilderungen der Insel und der Lebensweise dort auf die Nerven. Ich bin hingegen beim Vorübergleiten immer wieder an diesen Krimi erinnert, an die verschlossenen Fischer, ihre geschlossene Gesellschaft, die sich nur auf sich selbst verlässt. Sie kennen die Lagune wie ihre Westentasche, alle Untiefen und Strömungszonen, kennen die Stürme und das Hochwasser, seit Jahrzehnten - ja Jahrhunderten.

 

Aber nichts bleibt wie es ist. Am Nordende von Pellestrina ist mittlerweile MO.S.E (modulo sperimentale elettromeccanico) fast vollendet, das Sperrwerk gegen die Überflutungen von der Adria aus, beziehungsweise eines von den drei Sperrwerken, die an allen drei Durchlässen von der Lagune in die Adria gebaut werden und im nächsten Jahr fertig werden sollen (?). Das gigantische Bauvorhaben kostete 2014 einen erheblichen Teil der venezianischen Politik Ämter und Freiheit nach Aufdeckung eines handfesten Bestechungsskandals. Naja, sagen die Pellestriner, so sind sie halt, die geldgeilen Herrn in der Stadt.

 

Das Hochwasser soll auch immer häufiger auftreten, weil die Fischer beim Muschelfischen das Sediment der Lagune wegfegen und so die Strömungsgeschwindigkeit und das Abfluss- und Zuflussverhalten des Meerwassers sich ändert. Außerdem meldet Venedigs Altstadt deswegen immer öfter „Land unter“, weil die Altstadt absinkt – nicht zuletzt durch die Erdgasförderung im Bereich der Lagune. Die Themen sind irgendwie immer überall ähnlich... Kein Fracking in der Heide, in der Lagune oder anderswo...

 

Die nächste Insel, die bis zur Altstadt Venedigs reicht, ist der Lido. Keine Fischerhäuser mehr, alles wirkt irgendwie aufgeräumter, am Südende sorgt ein großer Golfplatz für eine grüne Kulisse. Und dann die Einfahrt zur Serenissima, der „Durchlauchtigsten“. Der Begriff stammt aus der glorreichen Vergangenheit der Stadt, die einst zu den größten Europas gehörte und über ein Kolonialreich herrschte, dass das halbe Mittelmeer umfasste. Das soll hier nicht im einzelnen aufgegriffen werden, zudem es Hanns Dieter Hüsch in seinem Hagenbuch-Text „Hagenbuch in Venedig“ schon abschließend thematisiert hat, bzw. eben nicht thematisiert, sondern den Verkleidungsvortrag von Hagenbuch erläutert („sagt der Venezianer, so der Genueser“), aus dem ich herauslese, dass der Alltagwahnsinn des Strümpfe- und Hose-Wechselns auch die venezianische Geschichte in ihre Schranken verweist, und damit soll es hier nun genug sein.

 

Die Serenissima also. Vorn die Insel Giudecca und die Kirche San Maggiore, die wir mit dem Schiff links liegen lassen, und sind auch schon an der Insel vorbei, die nur das Kempinski-Hotel trägt, und sehen vor uns den Markus-Dom und den Dogenpalast, daneben die Kirche Santa Maria della Salute, und auf den Kanälen ein Gewusel von Vaporetti, den Wasserbussen der ACTV (was der HVV in Hamburg, ist in Venedig der ACTV), den Wassertaxis (meist aus Mahagoni gebaute, schnelle Boote), den Lastkähnen, Fähren, Kreuzfahrtschiffen (heute nur kleine Flusskreuzfahrer zu sehen), Carabinieri, Guardia di Finanza (der örtliche Zoll), und alles gleitet umeinander und gischtet und röhrt und es ist ein heilloses Durcheinander, das ballettmäßig choreografierte Chaos.

 Wir legen an bei San Zaccaria – nur ein paar Gässchen weiter liegt unser Ziel, das Arsenale. Dort findet alle zwei Jahre die Kunst-Biennale statt. Das Arsenale ist eine tausend Jahre alte Werft, Waffenschmiede, Kriegsschiff-Hafen, die größte Produktionsstätte im vorindustriellen Europa. Man kommt nur rein, wenn Biennale ist – oder wenn man Führungsoffizier der italienischen Marine ist, die heute hier ein Forschungsinstitut betreibt (wonach forscht die Marine??). Alle zwei Jahre versammelt die Kunstbiennale ein paar hundert Spitzenkünstler aus aller Welt, um in Länderpavillons (vor allem in den Giardini) und mit einer internationalen Sammelausstellung im Arsenale zu zeigen, wohin die Kunst geht. Uns hat vor allem gereizt, die Interaktion zwischen den historischen Gemäuern und der Kunst zu erleben. Das Arsenale bietet der Ausstellung Platz ohne Ende: Über hunderte von Metern reiht sich eine Halle an die andere, sechs oder zehn Meter hoch, Mauerstein und Rundbogenfenster, hier hat Kunst Platz. In den alten Werkstatthallen gibt es immer wieder einen neuen Blick auf ein Objekt, auf eine Wand, einen Hallenabschnitt, der schneller atmen lässt: Wow, das sieht spannend aus, was ist das, was sehe ich, assoziiere ich, was passiert hier mit mir? Am intensivsten erlebe ich das bei den Puppen der Neuseeländerin Francis Upritchard. Schon 2009 hatte sie den Neuseeländischen Pavillon der Biennale mit ihren Puppenmenschen gestaltet. In diesem Jahr ist das konzentrierter, nur sechs Figuren auf einem Tableau, die eigentlich keine Verbindung zueinander haben, unterschiedliche Archetypen, die etwas sehen oder gesehen haben, was sie bewegt, erschüttert, geprägt hat.

Ich kann verstehen, das einzelne BesucherInnen hier lange ausharren, nach den passenden Blickwinkeln für die Fotos suchen, die sie mit nach Hause nehmen wollen, und auch warten, bis andere Betrachter den Bildausschnitt verlassen haben, zu dem sie sich nun entscheiden. Aber manchmal passt auch die eine oder andere Besucherin mit ihrem konzentrierten Blick gut zum Ensemble.

 

Nicht alle Objekte haben diese mythologische Sogkraft, obwohl sie auch Ebenen transportieren, die nicht der Alltagssicht entstammen. Das riesige weiße Marmorpferd, das bis an die Decke des Ausstellungsraumes reicht, mit der kleinen Frau, die ihm gegenübersteht und es vorsichtig an der Nüster berührt, alles blütenweiß – das ergibt zumindest erstmal ein Bild, das man gar nicht betreten mag. Das gigantische Ausmaß der Kreatur, die fast kitschig-realistische Skulptur, die an größenwahnsinnige Kulturen erinnert, hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl, Was bleibt, ist Faszination. Und die ist ja häufig hochambivalent (und damit spannend).

Der türkische Pavillon (oben, zweite Reihe) – wenige Exponate betrete ich mit so viel zeitgeschichtlichem Vorbehalt. Cevdet Erek schafft eine Soundinstallation, die aus sechzehn nebeneinander postierten Lautsprechern rhythmische Laute, perkussive Klänge und Stimmfetzen in den Raum schickt, wo einen mal die und mal die Klangfarbe erreicht, je nachdem, wo man auf der schiefen Ebene des Aufgangs gerade stehenbleibt. „drummer in the battlefield scene, a momentary hesitation in her hand, may the war end”, so lautet die Übersetzung von türkischen Worten, die sich in die Klanginstallation mischen. Darauf mag man sich einen Reim machen - oder es irritierend stehen lassen, oder sich in den zentrierten Sonnenstrahl vor der „Bühne“ setzen wie das junge Paar, das den Ort und den Klang so auf ganz eigene Art verknüpft.

 

Deutsche Künstler haben Beiträge geschaffen, die mich weniger ansprechen (wie die Tuchobjekte von Franz Eberhard Walther, der als Lehrer von Künstlern wie Martin Kippenberg oder Jonathan Meese seine Verdienste hat – aber das hat ja mit diesen Objekten nichts zu tun), oder sehr (wie der Raum von Mariechen Danz, unten,  in dem mich die Schatten der gefrästen Schaltplan-artigen Objekte besonders ansprechen).

 Berichte sind immer Auswahlen und immer subjektiv, das ist ja das Schöne daran. Manches Werk habe ich völlig übersehen und es jetzt erst durch Hinweise im Internet auch auf meinem Foto erkannt: Vor allem „Law of Situation“ von Kishio Suga, der wie schon 1971 Steine knapp unter der Wasseroberfläche platzierte, so dass sie gerade so herausragen. In den beeindruckenden Hallen der Gaggiandre-Werft im Arsenal sind mir die Steine gar nicht aufgefallen. Dabei stellen sie eine sehr subtile Variante des künstlerischen Umgangs mit der Grenze zwischen Luft und Wasser dar, die auf jeweilige Art auch von Christo („Floating Piers“, Lago d'Iseo 2016, unten Mitte) oder Ayshe Erkmen mit „On Water“ (Münster 2017, unten rechts) thematisiert worden ist.

 Der Spiegelsaal von Alicja Kwade (unten links) hat mich in den Bann gezogen – aber die technische Umsetzung der unregelmäßigen Abfolge von Metallrahmen, die einen perfekten Spiegel beinhalten, und solchen, durch die man hindurchblickt, ist photografisch gar nicht so recht einzufangen – das Irritierende, Verwirrende erlebt man nur, wenn man sich selbst durch diesen Raum bewegt. Das Schiff aus Rattan und Wachs, das im Länderpavillon Singapurs steht (unten Mitte und rechts), erinnerte mich an den Phoenix des Chinesen Xu, der mich auf der NordArt in Büdelsdorf so beeindruckt hatte. Unprätentiöser, aber in dem Kontext der Marinewerft vort den Fenstern der Ausstellungshalle auf eine ganz besondere Art präsent, wird hier an ein ehemals mächtiges Reich im indonesischen Raum erinnert, an die Kunst und Kultur einer Zeit um die Jahrtausendwende. Aber die Details sind ganz egal – das Schiff wirkt atemberaubend. Aber auch dieses Schiff kommt auf dem Foto nicht so rüber. Grenzen der photografischen Eindrucksvermittlung. Und und und...(Fotos zweite Reihe unten).

Nach den drei Stunden im Arsenale, vollgeguckt und eindruckstrunken, schlendern wir noch ein wenig durch den touristischen Kern von Venedig – Palazzo Ducale, Seufzerbrücke (die rüber vom Dogenpalast zum „Neuen Gefängnis“ führt), und wieder zur Fermata Zaccaria, unserem Schiffsanleger. Die Sonne strahlt jetzt nachmittäglich, deshalb müssen fast alle Fotos von heute morgen noch einmal gemacht werden, ganz andere Beleuchtung – ganz anders Foto...

 Als wir anderthalb Stunden später wieder in Chioggia ankommen ist mittlerweile die Sonne untergegangen, der Fotograf hat Feierabend. Ich kann kaum entscheiden, ob die sonnige Schiffsfahrt durch die Lagune mit Ankunft in Venedig und Abschied in der Abendsonne beeindruckender ist oder die Stunden voller Kunst dazwischen. Alles zusammen ist so anstrengend, dass wir jetzt einen Tag Ruhe brauchen. Und die Tour nach Venedig und zurück findet ihr Ende mit einem Aperol Spritz und einem schnellen, aber leckeren Pastagericht im Wohnwagen (draußen ist es zu windig).

 

 

 

 


 

 

 

Sebben che siamo donne...

 

 

 

Rivello ist ein dreitausend-Seelen-Dorf auf einem Hügel im Hinterland des schmalen Küstenstreifens an der West-küste der Basilikata. Diese Provinz liegt im Niemandsland zwischen Kalabrien, Kampanien und Apulien, produziert wenig Aufsehenerregendes außer dem auf Vulkangestein wachsenden Aglianico del vulture, einem körperreichen Rotwein, und hat wie gesagt einen Streifen von ungefähr fünfzehn Kilometer Länge an der thyrrhenischen Küste bei Maratea. Man könnte sagen, es ist ungefähr die Schnalle auf dem Spann des italienischen Stiefels, etwas südlich von Neapel.

 

Rivello kriegt von dem Tourismus, der die schöne, kurvige Küstenstraße bei Maratea belebt, nur wenig mit. Beteiligt war es aber an den immer wiederkehrenden Erdbeben, vieles ist saniert, einiges erstmal gesichert durch Balken und Stützen, anderes verfällt. Wir genießen die Vormittagsstille auf dem Kirchberg, von dem aus man nur hier und da Stimmen hört, eine Gruppe Jugendliche scheint keine Schule zu haben und streift durch die Gassen. Als wir uns von dem friedlichen Kirchberg aus auf den Weg zu der am anderen Ende des Ortes gelegenen Kirche Santa Maria del Poggio („auf der Anhöhe“) begeben, verfransen wir uns bald in dem Gewirr schmaler Gässchen und Treppchen, keine Straße, kein Schild, kein Mensch. Wir begegnen dann doch zwei jungen Mädchen und fragen sie, wo wir einen Cafe trinken können. Sie kichern, beratschlagen sich flüsternd auf italienisch und teilen uns dann mit, sie werden uns führen, es gebe da ein Cafe um ein paar Ecken. Wir hätten es tatsächlich nie gefunden, wenn sie uns nicht vorausgegangen wären, und als wir auf dem winzigen Platz mit den drei wackligen Tischen und zusammengesuchten Stühlen ankommen, ist die Tür zum Cafe zwar offen, aber keiner da. Eine alte Frau mit tausend Falten im Gesicht, Hakennase und geblümtem Kleid erklärt uns wortreich und unverständlich, wir sollten uns erst mal hinsetzen. Die Wartezeit füllt sie mit dem kleinen Akkordeon, das sie aus dem Haus holt: ein kleines Organetto, nur drei Knöpfe in der linken Hand, und anderthalb Reihen rechts.

Es klingt zunächst, als bediene sie das Instrument wie ein neugieriges Kind, das den Balg hin- und herbewegt und dabei beliebige Harmonien erzeugt. Dann werden Muster erkennbar, eine Art dreitönigen Liedes, Tarantella, einfach, aber es geht in die Beine. Mittlerweile sind zu unseren beiden jungen Wegezeigerinnen sechs andere Jugendliche hinzugekommen, es ist die Gruppe, die wir schon vom Kirchberg aus beobachtet hatten. Sie haben fast alle ihre Smartphones in der Hand, tippen und wischen, knipsen sich gegenseitig. Als die Alte ihren Rhythmus gefunden hat, springen einige der jungen Leute auf und beginnen zu tanzen: eingehakt drehen sie sich im Kreis, Haare wehen, Lachen und Rufe, Smartphones knipsen. Die alte auf der Mauer mit dem Organetto, da denke ich an das Lied, das wir im Chor „Hamburger Untertöne“ vor über dreißig Jahren gesungen haben:

 

Sebben che siamo donne, pauro non abbiamo...

 

Wenn wir auch Frauen sind, haben wir doch keine Angst, um unserer Kinder willen und weil wir in der Bewegung gemeinsam stark sind. Das war vor über hundert Jahren, als die Landarbeiter ohne Rechte und ohne Absicherung sich zusammenzuschließen begannen, in der lega, und so heißt das Lied denn auch, La lega. Es ist neben dem bekannteren Bandiera rossa eines der mitreißendsten Lieder, die ich gesungen habe, und ich kann mir die Alte gut vorstellen, wie sie mit ihrem scharfen Profil und der metallischen Stimme zum Kampf aufsingt, das Organetto auf dem Schoß... ihr feinen Herren mit eurem hohen Stolz, öffnet lieber eure Brieftaschen – und wir Sozialisten wollen unsere Freiheit, voliamo la liberta!

 Nach wenigen Minuten ist der Spaß vorbei, die Signora rollt mit ihrem Dreirad-lieferwagen herbei und bringt uns unserern Cafe. Der (Ur-)Enkel führt seinen batteriebetriebenen Aufsitz-Traktor vor, später lässt er sich auch fotografieren, was er zunächst abwehrte. Wir müssen uns noch den Schankraum der Bar ansehen, ein origial erhaltenes Ambiente von der Jahrhundertwende zum neunzehnten Jahrhundert mit viel Holztäfelung und Glasvitrinen voller Flaschen. Es ist eine Zeitmaschine zurück in eine Ära, als noch keine deutschen Touristen auf einen Cafe vorbeischauten. Wir kaufen noch eine Flasche Aglianico zum Solidaritätspreis, die Wirtin erzählt noch dies und das (manches verstehen wir), ständig unterbrochen und korrigiert von ihrer Mutter, die das Akkordeon mittlerweile wieder verstaut hat. Die Jugendlichen ziehen weiter, sie haben frei wegen eines kirchlichen Feiertages, und wir setzen unserern Weg zu der vom Erdbeben gezeichneten Kirche auf der Anhöhe fort.

 

Auf der Rückfahrt sehen wir Rivello noch mehrmals vom Nachbarhügel aus, genießen noch den Blick von der Kapelle Santa Madonna del Perpetuo Soccorso auf dem tausen Meter hohen Bergrücken nebenan, alles wird wieder ganz klein, und die Episode mit dem Organetto scheint wie ein kleiner Traum, der uns bewahrt bleiben wird. Und die Jugend tanzt dazu.


 

Geisterstädte

 

 

 

Wer im Spätsommer oder Anfang Oktober in Italien Urlaub macht, braucht eine ungetrübte Beziehung zum Morbiden, zur schlafenden Schönen oder zur Geisterstadt. Zumindest wenn er Camping macht. Als wir heute zur Mündung der Adige geradelt sind, kamen wir an drei Campingplätzen (davon zwei geschlossen) und einer Urlaubsinsel vorbei – einer Halbinsel, um genau zu sein, der Isola Verde, und die bestand aus einem Dutzend sechsstöckiger Appartmenthäuser in einem von Schilf und Gemüseanbau dominierten Feuchtgebiet. Rechts eine Flussmündung (Adige, ganz aus Tirol runterstürzend) und links eine Flussmündung (Brenta, Regionalfluss, an der Mündung aber auch hundert Meter breit). Die vor dreißig Jahren errichteten Appartmenthäuser waren weitgehend weiß (bzw. mal weiß gewesen) mit blauen, grünen oder in terra gehaltenen Applikationen (Balkons, Fensterläden, Rolläden). Fast alle Rolläden waren runtergelassen, pro Block ein bis zwei Balkons mit Handtüchern und Handwäsche, auf den Riesenparkplätzen drei bis fünf Autos. Die kleinen Läden, Kioske und Bars sind verrammelt. Diese Einsamkeit in der Massenmenschhaltung muss man mögen, sonst wird man depressiv (oder man ist es schon und findet es deswegen normal). Die Campingplätze ähnlich wie der, auf dem unser Wohnwagen steht: eine Ansammlung von eingepackten Caravans ohne Nummernschilder, vor einigen steht gerade ein Lieferwagen und transportiert Kühlschränke, Tiefkühltruhen und Waschmaschinen nach irgendwo, ehe das aus Wohnwagen, Vorzelt, Überdach und Plastikwänden als Sichtschutz errichtete Anwesen winterfest gemacht wird. Der halbe Campingplatz ist schon eingemottet, der Gang zum Klo wird zur Tour durch die Geisterstadt, wo im Sommer aus jedem Zelt ein anderer Fensehsender erschallt und Kinder sich Schlachten mit Wasser-MGs liefern, ist jetzt gespenstische Ruhe. Dafür hat man das ganze Duschhaus für sich. Wie es kommt, dass trotzdem die morgens vergessenen Plastikflaschen mit Duschgel und Haarshampoo verschwunden sind, wenn man eine halbe Stunde später noch einmal nachguckt, wo man sie hat stehenlassen, ist ein Geisterproblem.

 

Unterwegs waren wir schon mal auf einem Campingplatz gelandet, der insgesamt wirkte wie ein Wohnwagenfriedhof. Am einen Ende waren ein paar Dutzend Caravans abgestellt, verstaubt und mit einer Schicht Piniennadeln auf dem Dach, das sah aus wie ein Abwrackplatz. Zwei, drei kleine Autos standen irgendwo rum, da waren auch zwei, drei Menschen, man hörte zumindest Stimmen. Die größeren Wohnwagenanwesen mit schmuddligem Windschutz und speckigem Überdach waren unbewohnt. Das Ganze unter großen Bäumen, unten staubiger Waldboden, die Toilettenhäuser abgerockt und mit mehreren abblätternden Farbschichten. Das sah aus wie ein Flüchtlingscamp, da wollten wir keinen Urlaub machen, wer will das schon. Der Angestellte, den der Chef abgestellt hatte, uns den Platz zu zeigen, konnten nur ganz schnelles Italienisch, und sein freundlicher Kollege nur arabisch und ein paar Brocken Englisch. Wir fühlten uns fremd und flohen schnell. Ein anderer Campingplatz, laut Internet geöffnet bis 23. September, hatte einfach schon mal am 3. September zugemacht. Chiuso. Ausnahmsweise hatte sonst mal alles gestimmt: Wir hatten die Adresse aus dem Internet, das Navi gab zu, das es diese Anschrift kannte und führte uns zu den Hinweisschildern an der Strada Statale, es gab eine Straße zum Meer (auch wenn sie immer schmaler wurde), am Tor wehte eine wenn auch arg zerschlissene italienische Flagge, und dann: Chiuso. Mit dem Gespann rückwärts zurückstoßen, rechts einbiegen und wenden. Geht doch.

 

Neben diesen Touristenfriedhöfen leben die Einheimischen. Man radelt durch kleinteilige Felder, zum Teil wenig größer als Kleingärten, ein Endverbraucher-wohnwagen als Stützpunkt, ein Zaun aus rostigen Bettrahmen mit angetäuschtem Federkern, wirkt wie ein Schnäppchen aus der aufgelösten Jugendherberge des Nachbardorfes, hier trocknet einer einen Innenhof voll Maiskolben, da fallen die nicht geernteten Tomaten vom Busch, ein altersschwacher Trecker erntet den vertrockneten Mais, fünf, sechs langgestreckte Gebäude (bei uns würde ich sagen: das war eindeutig Massentierhaltung) bröseln vor sich hin, leerstehend, jedes hundert Meter lang, da würde man bei uns sechzigtausend Hühner unterbringen, in jedem. Klein und groß, Kleine Felder und große, leerstehende Hallen friedlich nebeneinander – und hier sieht es so aus: klein hat gewonnen.

Warum macht man Urlaub in dieser Atmosphäre von Endreinigung und letztem Atemzug? Es ist eine Art von Normalität, die sich von Sensationen und Urlaubshighlights deutlich absetzt, die aber mit dem Leben mehr zu tun hat als der Rummel um Ruinen und Schätze, Höhlen und Bilderbuchküsten. Hier wird man von Grundtück zu Grundstück von einem Hund zum anderen weitergereicht, der am Zaun steht und bellt oder knurrt oder springt oder sonstwie Eindruck zu schinden sucht. Als wir zu einem leerstehenden Bauernhof einen Feldweg hineinfahren, der ein Privatweg zu sein scheint, ist bei unserer Rückkehr zur Straße die Schranke vorgelegt – nicht, dass wir nicht daran vorbeifahren könntrn, aber ein deutliches Zeichen: Eigentlich habt ihr Touristen mit E-Bikes und Fahrradhelmen (trägt kein Italiener, es sei denn, er fährt Rennrad) hier nichts zu suchen. Hier fährt der Streife fahrende Wagen der polizia communale langsamer, wenn er uns sieht, und wendet vorsichtshalber in der nächsten Grundstückseinfahrt noch einmal, eher er beruhigt weiterrollt - die sehen zwar komisch aus, sind aber wohl harmlose Touristen. Zum Schluss kriegen wir bei dem Gemüsestand am Feld von dem netten Bauern tolle Kartoffeln, ein paar leckere kleine Tomaten, die letzten am Busch, pflückt er uns auch noch, obwohl eigentlich die Tomatensaison schon vorbei ist, und wir nehmen auch eine 1 1/2-Literflasche Rotwein mit (da war wohl früher Cola oder Brause drin), als eine Art Förderung regionaler Kleinwirtschaft. Schmeckt gar nicht übel, der Tischwein. Da kann man dann wieder im herbstlichen Dunkel sinnig durch die Geisterstadt zum Toilettenhaus schlendern, nach einigen Gläsern dieses Roten.


 

 

Zwei Fabriken

 

 

 

 

 

 

 

Wenige Kilometer vor unserem schnuckeligen Campingplatz in Palizzi Marina an der Südspitze Kalabriens sind wir an zwei aufgelassenen In-dustriegebäuden vor-beigekommen, die ich wenig später neugierig erkunde. Die eine Fabrik stand sogar im Reiseführer: Gut, dass dieses Chemiekombinat nie in Betrieb gegangen ist... Aber zuerst wandere ich um das andere Gebäude in Marina di San Lorenzo herum, das direkt neben der Hauptstraße überhaupt nicht zu übersehen ist. Die verfallenen Mauern sind noch hoch genug, mich am Übersteigen zu hindern, also zunächst nur Blicke von der Straße.

 

Backsteingebäude ungefähr von 1930, eine Halle mit Betonstützen dürfte aus den siebzigern stammen. Alles schwer verfallen, was mag hier hergestellt worden sein? Nachdem ich fast um das ganze, umgefähr zweihundert Meter lange und sechzig Meter breite Gelände herumgewandert bin, eröffnet sich der Zugang: südlich angrenzend verläuft die Kleinbahn, und von dem Bahnsteig aus ist es nur ein Schritt über die halbmeterhohe Böschung, schon bin ich drin.

 In der Halle und den angrenzenden Räumen sind säckeweise Produkte verschüttet, die hier entstanden sind: Pfeifenmundstücke aus schwarzem Bakkelit, Ringe aus Metall wie Eheringe für Zwergenhochzeiten, Pfeifenköpfe aus rotgebranntem Ton, zwischen den Mundstücken ein Nikon-Objektivdeckel aus dem gleichen Material: Wurde hier auch für Nikon gearbeitet – oder war hier vor mir ein nachlässiger lost-places-Fotograf, der nicht auf sein Equipment aufgepasst hat?

Maschinen stehen herum wie verhexte Maschinenwesen, von einer bösen Fee zu hundertjährigem Schlaf verdammt, abwartend in einem Vakuum ohne Zeit und Energie. Dazwischen immer diese empörten Tauben, die es nicht gewöhnt sind, hier in ihrem Territorium gestört zu werden. Mit den Tauben hatte die Fee ein Nachsehen, sie dürfen weiter flattern. Als ich die letzte Halle verlasse, sehe ich hundert Meter weiter vorn (auf dem Weg zu meinem Ausgang) einen Arbeiter, der an einer Mauer Pflanzen spritzt (wozu denn das hier? Hier wuchert es doch überall, warum soll da an einer bestimmten Stelle die Natur beseitigt werden?). Er ist genauso überrascht wie ich, offensichtlich handelt es sich um eine Praktikumseinsatz für einen Geflüchteten, und ich gehe so selbstverständlich wie möglich meinen Weg, als hätte ich ausreichend Erlaubnisse und notarielle Stempel in der Tasche, und so grüßen wir uns nur mit Kopfnicken. Buondi. so sagt der Italienkundige, das heißt Guten Tag.

Ich habe nicht herausbekommen, wozu diese Fabrik da war. Aber mit der anderen, fünf Kilometer weiter, da hatten irgendwelche Leute wirklich was vor. Und zwar in mehreren Etappen. Zunächst war da eine Chemiefabrik, die Proteine für Tiernahrungsmittel produzieren sollte. Nachdem sie einen Tag gearbeitet hatte, wurde sie wegen der hohen Schadstoffemissionen geschlossen. Am selben Standort wurde eine Riesenreparaturwerkstatt für die Eisenbahn gebaut (grandi riparazioni), die aber schon zehn Jahre später wieder geschlossen wurde. Der Komplex ist derzeit immer noch zum Verkauf angeboten und soll vier Millionen achunderttausend Euro kosten, ein Schnäppchen. Es wurde auch ein Hafen gebaut, der aber mangels tatsächlich produzierender Betriebe in der Region nicht benötigt wurde und zudem durch die Meeresströmung schnell versandete. Angeblich wurde er eine Zeitlang von der örtliche N'Drangheta, der kalabrischen Mafia, für Drogen- und Waffenschmuggel benutzt, aber auch das ist versandet. Das Gelände der Chemiefabrik (durch die kurze Betriebsdauer glücklicherweise nicht nachhaltig belastet) kaufte die schweizerische Repower auf, ein Energiekonzern, der 2012 seinen Rückzug aus einem Mammutprojekt in Brunsbüttel bei Hamburg erklärt hatte – dort wollte er zusammen mit der Südweststrom ein gigantisches Kohlekraftwerk bauen. Das soll nun stattdessen hier in Saline Ioniche entstehen. Aber die erforderlichen Genehmigungen sind von der Regierung und der N'Drangheta bisher nicht erteilt, und so steht das Projekt in den Sternen. Man sieht das Hafenbecken vom Friedhof von Pentedattilo aus (unten rechts). Alles tot.

Konkret gibt es Überreste der Chemiefabrik, die vor sich hinrosten, der Stahlkonzern Diano stellt neben dem Hafenbecken den Zement für seinen Stahlbeton her, wirkt aber fast unscheinbar. Der Hafen liegt still und nur eine Hafenmeisterei arbeitet, keiner weiß wofür und was. Die Zufahrt zum Hafen wird von einer Düne versperrt. Einer fragt mich, wie hier die Angelmöglichkeiten sind (kann ich aber leider nicht weiterhelfen). Ein älterer Herr, der wohl vom Baden im Meer kommt, bietet mir an, seine Bilder an zusehen, er sei Maler im benachbarten Borgo Sant'Elia – ich bin skeptisch, er macht keinen sehr sympathischen Eindruck und ich wandere lieber um das Hafenbecken. Dort liegt noch das Schiff „Bayonne“ mit einem alten Auslegerbagger, in typisch italienische Altrosa bzw. dem, was der Rost davon übriggelassen hat. Ach ja, jetzt fällt mir ein, warum ich den älteren Herren nicht näher kommen lassen wollte: Ich fühlte mich angebaggert. Wenige Meter weiter hat es fußballfeldweit gebrannt. Man gut, dass die riesigen Öltanks auf dem direkt angrenzenden Grundstück wohl keine Chemie mehr enthalten. Hier brennt nur noch die Sonne.


Il Lago dei Cigni

 

 

(Paestum)

 

 

 

Vorbei an Neapel und Salerno fahren wir bis Capaccio, Ortsteil Paestum, an der thyrrhenischen Küste. Die fruchtbare Ebene geht in den Cilento über, Nationalpark, Mittelgebirge und Weltkulturerbe, und dort findet man einige Zeugen der griechischen Besiedlung vor über zweitausend Jahren. Am Meer reiht sich ein Campingplatz an den anderen, einige sehr einfach und abgerockt, unser „dei Pini“ gefällt uns aber gut, und wir sind auf einem Ableger des Villaggio weit entfernt von der Animationsbühne. Lärm kommt allenfalls von nächtlichen Diskothekenfeiern, aber es hält sich in Grenzen. Gleich fünfzig Meter hinter unserem Stellplatz steht der Torre di Paestum, von dem aus feindliche Schiffe schnell auszumachen waren. Heute kommen die Fremden nicht mit Kriegsschiffen, sondern großen Autos, zwischen den Campingplätzen liegen überraschend luxuriöse Hotels, „Savoy Beach“ oder „Miranda“, mit eigenem Strand und hohen Mauern. Als ich mich an der Rezeption unseres Platzes nach WLAN erkundigen will, entdecke ich einen Flyer mit den Veranstaltungen „Musica ai templi“, Konzerte bei den Tempeln. Morgen gibt es eine Aufführung von Tschaikowskis „Schwanensee“ mit BalletttänzerInnen. Das passt!

Am nächsten Vormittag radeln wir zu dem nahegelegenen Ausgrabungsgelände mit den drei großen griechischen Tempeln. Die sind vor ungefähr 2500 Jahren erbaut worden, die Säulenreihen stehen alle noch, die Giebel sind komplett vorhanden, nur Dächer gibt es keine mehr. Diese Tempel gehörten schon seit Jahrhunderten zur „grand tour“ der Bildungsreisenden, Goethe hat hier gesessen und darüber in seiner „Italienischen Reise“ geschrieben, Johann Gottfried Seume war da und Schiller beklagte sich in den „Horen“ über die entsetzlich unbequemen Pässe auf dem Weg nach Paestum. Aber erst im Zweiten Weltkrieg wurde entdeckt, dass neben den drei Tempeln noch eine ganze Stadt im Untergrund verborgen war. Als die amerikanische Armee die Region erobert hatte, wollte sie eine Flugbahn bauen und planierte die sumpfige Ebene. Dabei stieß man auf Säulen und andere Trümmer, und ein kundiger amerikanischer Offizier entschied, dies sei schützenswert – die Landebahn wurde an anderer Stelle erbaut. In Paestum wurde dann in den fünfziger und sechziger Jahren fleißig archäologisch geschürft, man fand das durch die alte Landstraße halbierte Amphi-Theater und den Versammlungssaal, Bäder und Wohnhäuser. Das ist heute alles zugänglich, überragt von den großartigen Tempeln für Hera und Ceres, für Athene und für Poseidon. Eine Steinmauer beschützte die Siedlung, früher war sie ungefähr sieben Meter hoch, heute sind noch Reste von drei, vier Meter Höhe über mehr als einen Kilometer zu sehen. Die Siedlung versank im Lauf der Jahrhunderte im Sumpf, bis sie dann vor einigen Jahrzehnten freigelegt wurde.

Am Abend kehren wir noch einmal in den Tempelbezirk zurück und reservieren uns zwei von den raren Sitzplätzen – vielleicht zweihundert Stühle, aber letztendlich sind wohl an die fünfhundert Menschen zu der Ballettaufführung gekommen. Wir sind früh genug da, es reicht für die dritte Reihe. Die Bühne ist an die Längsseite des Poseidon-Tempels angeschraubt, farbige Scheinwerfer tauchen alles in die Farben des Regen-bogens, die Sonne ist längst untergegangen. Die junge Compagnia Nazionale di Raffaelle Paganini mit zehn Tänzerinnen und Tänzern gibt alles, ohne andere Kulissen als die Tempelsäulen stehen sie und warten auf den nächsten Auftritt, nur in der Pause gibt es eine Umkleideaktion im Dunkel des Tempelinneren. Und mittendrin schweben sie über die Bühne, sehr lebendig, hin und wieder exakt synchron, hin und wieder von herzerfrischender Individualität... Und die Tempelsäulen stehen stark und stabil und lassen sich in verschiedene Farben tauchen ohne mit dem Kapitell zu zucken. Auch wenn das Ballett der Schwanenküken etwas zu sehr wuselt oder die eine oder andere Hebefigur etwas schief gerät, die griechische Kulisse bleibt majestätisch und lässt die ungriechischen Töne in der Abendluft verklingen. Im alten Griechenland gab es nur Gesang mit Begleitung durch ein Saiteninstrument (kithara) oder eine Flöte (aulos). Orpheus lässt grüßen, der sich auf der ordnenden Leier selbst begleitete, oder Dionysos, dessen Räusche Pan auf der Flöte untermalte. Diese altgriechische Beschränkung und die vergleichweise moderne Musik Tschaikowskys aus high-end-Lautsprechern und mit digitalen Lichteffekten, das ist eine skurrile Mischung. Geht aber gut.

Nächste Woche gibt es auf dieser Bühne eine szenische Lesung des „Piccolo Principe“, des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupery. Da sind wir aber leider schon wieder weg. Aber der kleine Prinz ist noch an uns vorbeigeflogen, im Abendrot in einem kleinen zweimotorigen Propellerflugzeug, auf dem Weg zum Fuchs. Das war einen Abend später, und wir saßen mit einem Aperol Spritz am Strand, Blick auf die rote Sonne, die hinter Capri im  Meer versank. Guten Flug, kleiner Prinz!