Italien 2018

 

 

 

1. Die Banden von Mantua

 

 

Gleich auf der ersten Radfahrt vom Campingplatz in die Innenstadt von Mantua war mir das leerstehende Fabrikgebäude aufgefallen, das an der Dorfstraße von Gambarara in der Mantovaner Vorstadt lag. Der Zaun zur Straße war wie immer intakt und gepflegt. Neben dem Fabrikgelände gab es einen Grünstreifen und dann einen Kanal, und ich konnte bei meiner näheren Erkundung am nächsten Tag an der seitlich begrenzenden Mauer entlangstromern, die Brombeerranken waren überschaubar und es machte den Eindruck, als sei dieser Weg an der Mauer im letzten Jahr mal gemäht worden. Das Wandern im kniehohen Gestrüpp hatte schon nach zweihundert Metern ein Ende: Ein Segment der Betonmauer war eingestürzt, die Büsche lagen auf dem Boden (wie war es denn dazu gekommen? Irgendwie sahen die Zweige wie glatt abgesägt aus...) und schon war ich auf dem Gelände.

 

 

Was mich erwartete, war eine atemberaubende Erfahrung der architekturästhetischen Art, wie ich sie nicht oft erlebe, auch nicht in Lost Places. Das Tor an der Giebelseite der großen Halle war zwei Meter weit offen, und ich sah in einen nach oben parabolisch abgerundeten Bau, mit Betonrippen in der Form des „Gateway Arch“ im amerikanischen St. Louis. Leergeräumt, auf dem Boden Ölrückstände und Scherben, aber im Wesentlichen war es dort ziemlich aufgeräumt.

 

In der parallel daneben stehenden kleineren Halle gab es ein einziges Objekt als Blickfang: ein ausgebrannter Lieferwagen, rostig-braun. Im Hintergrund einige wenige, gut gelungene Graffiti. Hier war die Decke nicht aus Beton, sondern aus Ziegelsteinen – ein rot-braun-ocker-farbiges Mosaik, passte gut zu dem brandigrostbraun des Lieferwagens. Nirgends ein Hinweis auf die Produktion, auf den Nutzen des Gebäudes, bevor es vor einigen Jahren geräumt worden war. Wie ich dann später von der Signorina des Campingplatzes erfuhr, war es eine Lagerhalle für Obst und Gemüse gewesen, eine Art Großmarkt, jetzt aus zunächst nicht ersichtlichen Gründen überflüssig geworden. Gemüse gab es eigentlich noch genug in der Gegend. Reisfelder hatten wir gesehen, der Weizen wurde gerade gemäht, Mais und Sonnenblumen, und auf dem Mercato Contadino, den örtlichen Bauernmärkten (gestern in Mantova, heute in Porto Mantovano) hatten wir Kirschen gesehen, Paprika, Albicocchi (Aprikosen) und Salat, nur für Zitronen mussten wir in den CONAD-Supermarkt, und da waren sie teuer und zum Teil schon am schimmeln. Das Land, wo die Zitronen blühen, war weiter südlich.

 

 

Einem älteren Artikel aus der Mantovaner Tageszeitung konnte ich bei meinen Netz-Recherchen entnehmen, dass wohl der Asbestgehalt im Deckengewölbe der Grund für die umstrittene Schließung gewesen war. Dabei gab es nebenan eine noch wesentlich belastetere Industrieruine der Papierfabrik SIVA, na ja, der Hinweis auf das eine entlastet nicht das andere. Das SIVA-Gelände bin ich dann nicht inspizieren gegangen: Eine (wenn auch mittlerweile erloschene) Internetseite gab bekannt, man suche für den unbewaffneten Objektschutz im Werk Garbarara von SIVA (und um dieses Werk handelte es sich neben der ehemaligen Gemüsehalle) noch Mitarbeiter. Okay, unbewaffnet, aber Hunde hatten die vermutlich schon und ruppig konnten die auch sein, das wollte ich nicht ausprobieren. Organisierte Banden mit uniformähnlicher Montur, da stehe ich nicht so drauf, ob in Mantua oder anderswo.

 

 

2. Ferien auf dem Bauernhof

 

Mal sind wir die einzigen auf dem kleinen Rasenplatz vor den fünf unbewohnten Mobil Homes, die immer ein bisschen Südstaaten-Ghetto-Feeling mit sich bringen (wer „Eight Miles“ mit Eminem gesehen hat, versteht was ich meine). Mal sind zwei, drei Radwanderer mit ihren kleinen Zelthütten über Nacht da, mal ein Wohnmobil aus Mailand. Der Betrieb auf dem Agriturismo ist überschaubar. Das ist auch gut so, denn die beiden Toiletten und die beiden Duschen würden größere Menschenmassen wohl kaum verkraften. Der Boss betreibt Landwirtschaft und Pferdeboxen, seine Frau den Zeltplatz. Ihr Wohngebäude wird derzeit erweitert, die Baustelle ruht. Das ältere, bewohnte Haus wird von (mindestens) drei Hunden bewacht, die ihre Aufgabe sehr ernst nehmen. Zum Glück ist ein hoher Bauzaun um das Gebäude aufgestellt, was den ästhetischen Gesamteindruck nicht vorteilhaft beeinflusst, aber den Hunden Grenzen setzt. Auf dem ganzen Gelände stehen viele Gerätschaften, die nicht unbedingt so aussehen, als wenn sie noch funktionieren würden. Einige alte Pressen und Sägen sind wohl als historisierender Schmuck gemeint, andere sind einfach so stehen geblieben, weil man sie nicht mehr gebrauchen kann, aber keinen besseren Platz für sie hat. An einem Renault-Lieferwagen hängt das Schilde „Vendesi“, zu verkaufen. Bei dem Achtziger-Jahre-R4 daneben warnt ein handgeschriebenes Plakat auf dem Beifahrersitz: Vorsicht, ohne Bremsen! In verschiedenen Ecken stehen alte Wohnwagen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Es herrscht eine Atmosphäre von Unentschlossenheit und Durcheinander. Das große Rolltor (Motor geht nicht mehr, wird von Hand betrieben) ist mit Maschendraht bespannt, der an vielen Stellen defekt ist und man muss aufpassen, dass man nicht an den rausstehenden Drahtspitzen hängenbleibt.

 

Das große, stolz wirkende Gebäude, in dem auch die sanitären Anlagen sind und eine kleine Ecke im Treppenhaus, die als Rezeption dient, besteht im Erdgeschoss im Wesentlichen aus einem Saal, der früher mal eine Kneipe gewesen ist. Der große Raum ist den ganzen Tag in ein Halbdunkel getaucht, Vorhänge zu, bunt verglaste Fensterscheiben, die Sonne bleibt draußen. Der Thresen ist noch da, eine verglaste Auslage steht leer, eine zwei Meter hohe Edelstahl-Kühltruhe brummt wuie eine Klimaanlage. Auf einer Anrichte mit Intarsienschmuck stehen in einer Ecke ein alter Fernseher aus den fünfzigern und ein noch älterer Radioapparat Marke Orion, daneben eine Registrierkasse von Olivetti. Zwei große Tische für je zwölf Personen, drei Polstersitzecken, das ist mal Gastronomie mit Anspruch gewesen, Dorf-Anspruch. Ein schönes altes Klavier von Forstmann, Berlin, und eine Nothmann-Nähmaschine. Im hinteren Geländeteil ein Schwimmbad im Gebüsch, zwölf mal zwanzig Meter, mit einem kleineren Nichtschwimmerbecken, das Wasser grün mit Algen, und das Ganze mit Paletten und alten Bettrahmen eingezäunt, damit die Gänse nicht abhauen, die jetzt im Schwimmbecken residieren. Nebenan wohnen drei Esel und sechs Schafe, etwas Gestrüpp und zumindest Schatten, aber viel Platz haben sie nicht. Das Modernste ist der Pferdestall mit einem Dutzend Boxen, aber zumindest die beiden Pferde, die wir gesehen haben, haben noch alle Rippen (wir konnten sie gut zählen). Unser Wohnwagen wird allabendlich von den drei Kaninchen besucht, die ihre Abendmahlzeit auf dem Rasenplatz des Campings nehmen.

 

 

Dieser Rasenplatz mit den Büschen und Bäumen ist ein romantisches Fleckchen Erde. Da taumelt ein Schmetterling durch Wolken betäubenden Dufts, den die beiden blühenden Linden verströmen, unter denen unser roulotte steht, Italiener benutzen für den Caravan das französische Wort. Maya, der älteste der Hunde, darf als einziger frei herumlaufen, Rentnerprivileg. Sie schnürt in aller Seelenruhe und ohne erkennbare Ziele über das Gelände. Sie ist die hundgewordene Gelassenheit, guckt immer wieder, als wenn sie fragen wollte, wofür denn nun die ganze Aufregung gut sei. Und dann wird man auch selbst wieder ruhiger, wie es dem romantischen Ort geziemt.

 

Drumherum wirkt alles etwas herunter, abgeschrabbelt, mit sichtbaren Bemühungen, einen Ort mit Ausstrahlung zu gestalten, die aber irgendwie immer halb stecken bleiben. Der Platz hat so viel Flair, aber eben auch sehr aggressive Mücken (alles Sumpfland hier), und es fehlt die leichte ordnende Hand (warum klingt das bloß so deutsch?). Wir hören von der Signorina über die Entstehung des Objekts: Das war ein Freizeitclub, wo sich Leute für ihre Erholung und zum Kochen trafen, und das vom Chef selbst gebaute Schwimmbecken war eine Attraktion, Dann kam das Erdbeben von 2012, mit einer Stärke von 5,9 auf der Richter-Skala. Ab Stärke 6 hätten ihnen Zahlungen von der Regierung zugestanden. Aber so bekamen sie nichts. Das Schwimmbecken war defekt, die Reparatur des Wassersystems hätte 25.000 € gekostet. Die haben sie nicht. Der Club wurde geschlossen, und nun müssen sie so über die Runden kommen. Die Tochter macht gerade Abi und will dann Agrarwissenschaften studieren. Vielleicht übernimmt sie den Hof einmal. Und vielleicht hat sie ein wenig mehr Geschick, diese Oase zu dem zu machen, was sie sein könnte. Vielleicht liegt der Hof irgendwann einmal wüst, wie man früher sagte: verlassen, nicht mehr bewirtschaftet, aufgegeben. Er wirkt, als wenn er auf dem Weg dorthin wäre.

 

 

3.Was soll man bloß machen mit dem Alter?

 

Wir sind ja nun auch nicht mehr ganz so jung, und manches Bücken fällt schwerer als in früheren Jahren. Die Pausen fallen etwas länger aus als ehedem. Dafür wissen wir ziemlich gut was uns gefällt und was nicht, und dass uns das, was wir selbst kochen, meist besser schmeckt als das, was wir in den Restaurants bekommen, und dass der von uns gekaufte Wein besser schmeckt als der in der Pizzeria. Im Alter wird einiges schlechter, einiges anders, und ab und zu etwas besser.

 

So ähnlich ist es mit dem Land ja auch. Die Häuser werden etwas abgenutzter, der Putz fällt schon mal ab, und irgendwann stellt sich die Frage: Lohnt sich das noch? Auf unserer Abendradfahrt neulich kamen wir an ein richtig großes altes Gehöft, so eine Art Gutshof ohne Mauer und Garten, einfach so auf dem Feld, mit einer drei Stockwerk hohen Scheune und einem leerstehenden Wohngebäude und mehreren etwas kleineren, die noch benutzt wurden. Die Scheune hatte die typischen sechs, acht Meter hohen runden Bögen – als Durchfahrt, aber auch als seitlichen Bogengang, eine beeindruckende Architektur, wohl aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Ein paar Rosensträucher blühten wild, die Natursteinmauern der Gebäude strahlten warm im Abendlicht, eine großartige Kulisse. Die Landwirtschaft war aber hauptsächlich in zwei großen, etwas abseits stehenden Hallen untergebracht, die in den letzten Jahrzehnten errichtet wurden, unprätentiös, hässlich und auch schon nicht mehr ganz frisch – hundertfünfzig Jahre würden die jedenfalls nicht halten. Und frag nicht nach Asbest. Würde sich das noch lohnen, die schönen alten Gebäude zu erhalten, statt einfach etwas Neues, Funktionales danebenzusetzen und das alte verfallen zu lassen? Was das kosten würde, das Alte zu sichern! Ich möchte nicht in den Schuhen des Besitzers stehen.

 

 

Es gibt auch Altes, das noch akkurat gerade steht. Gestern in Sabbioneta haben wir ein ganzes Städtchen gesehen, das alt war und in dessen Häusern man trotzdem auch heute noch angemessen komfortabel wohnen kann (so wirkte es jedenfalls). Sabbioneta ist ein Städtchen, das gerade mal vier, fünf Quadratkilometer bedeckt, zehn Straßen kreuz und zehn quer, und die vor über vierhundert Jahren fast alle zur gleichen Zeit entstandenen Häuser sind saniert und in den letzten Jahrzehnten neu verputzt und gestrichen. Einige sind ausgenommen, da waren vielleicht die Besitzverhältnisse unklar und man wusste nicht, wohin man die EU-Fördermittel überweisen sollte.

 

Wie kam es dazu? Das Städtchen ist vor vierhundert Jahren von einem Sproß der Gonzaga-Familie auf dem Reißbrett entworfen und gebaut, der seinen Vettern in Mantova mal zeigen wollte, was eine Harke ist. Ein Palast, eine massive Stadtmauer in roten Ziegeln, zwei Kirchen, eine Synagoge, schon ist die Mini-Herzogsstadt fertig. Und alles steht heute noch so wie damals erbaut, nichts zerstört, keine Bomben, kein Erdbeben, bis 1968 lebte der Herzog noch selbst hier. Allerdings: Lebendig wirkt hier so gut wie nichts. Zugegeben, wir waren in der Mittagszeit da; die sechs oder acht Touristen, die außer uns herumwanderten, traf man immer mal wieder. Sonst war kaum jemand auf der Straße. Kein Wunder, dass zwischen dem einheitlich neu gemachten Kopfsteinpflaster überall das Gras sprießte, es fährt ja kaum mal einer drüber. Sabbioneta ist gemeinsam mit Mantova Weltkulturerbe. Hier würde man das passender übersetzen mit „Weltfriedhofserbe“. Selten so viel historische Substanz mit so wenig Ausstrahlung und Flair gesehen. Ist das Kultur oder kann das weg?

 

 

 

4. Mühlenerbe und Knochenberg

 

Sie müssen unbedingt die Rundtour durch die Dörfer im nördlichen Mincio-Tal machen, sagte die Signora, und kreiste die Namen von vier, fünf, sechs Orten ein, die man auf keinen Fall versäumen dürfe. Nun sind wir unterwegs und fest entschlossen, die Zahl auf höchstens drei zu beschränken. Schon der erste Halt in Cavriana hält, was die Signora versprochen hat: Ein Kastell steht ruiniert über dem Dorf, die Villa Mirra zeugt von herrschaftlichen Zeiten, Kopfsteinpflaster. Das kleine Mühlenmuseum ist ausgeschildert, und auf unserem kleinen Dorfspaziergang treffen wir den Betreiber an, der uns aufschließt. Zwei große Räume hat er seinem Haus und seiner Frau abgetrotzt, er schaltet das Licht ein, sie kommt dann auch hinzu, ist ebenso stolz wie er auf sein Lebenswerk. Der drahtige alte Herr erzählt von dem richtigen Material, aus dem der Mühlstein sein muss, es klingt wie „sceglie“ - aber das Wort finde ich dann im Wörterbuch nicht, Museumskonfusion. Für Maiskolben müssen die Mühlsteine zehn Zentimeter voneinander entfernt sein, dann passen die Kolben gerade so dazwischen, für Getreide ist der Abstand entsprechend geringer. Seine Familie hat die Mühle seit drei Jahrhunderten betrieben. Früher war kein Müller sein eigener Herr, es gab immer einen Pachtherrn, der den Gewinn einstrich, für den Pächter blieb nur ein karger Lohn. Die Mühle hier wurde seit Jahrzehnten mit Elektrizität betrieben. Der alte Herr erzählt und erzählt, er versucht langsam zu sprechen, so dass wir eine minimale Chance haben, etwas zu verstehen, und will uns eigentlich auch die anderen Abteilungen noch erläutern: Da hat er Stahlhelme aus verschiedenen Weltkriegen, Handpuppen vom Jahrmarkt, Kaffeemaschinen aus der Vorkriegszeit, alles, was so bei Haushaltsauflösungen anfällt, oder Sensen und Sicheln aus verschiedenen Epochen, na ja, vieles haben wir schon im kleinen Heimatmuseum auf dem Wilseder Berg oder im Freilichtmuseum Kiekeberg bei uns zuhause gesehen. Aber mit soviel Charme und Hingabe wurden noch bei keiner Führung die Exponate gewürdigt. Eine anrührende Erfahrung. Was wird bloß aus dem Museum, wenn die beiden Alten mal nicht mehr sind?

 

 

Ein Dorf weiter treffen wir auf Denkwürdigkeiten ganz anderer Art. Solferino ist ein Ort mit Symbolkraft. Hier fand eine 1859 Schlacht zwischen den Österreichern auf der einen Seite sowie den Italienern und den sie unterstützenden Franzosen statt, die für die italienische Nationenbildung eine wesentliche Rolle spielte. Ich war vor zwei Jahren ahnungslos vom Gardasee auf einer kleinen Fahrradtour in diese Gegend geraten, hatte mich über die vielen Gedenktafeln bewundert, die fast jedes Haus schmückten, wie zerfallen es auch immer war, bis ich auf den Namen Solferino traf und dabei Henri Dunant und das Rote Kreuz assoziierte. Richtig: Nach der Schlacht bei Solferino ließen Dunant die tausenden von Toten und Verwundeten nicht ruhen, die er gesehen hatte, und wenige Jahre später wurde als „Rotes Kreuz“ die humanistische Idee in eine konkrete Organisation umgesetzt. So weit, so gut.

 

Aber das Gedenken an die Toten und humanistische Weltverbesserungen wie das Rote Kreuz gehen zu oft Hand in Hand mit einer stillen Billigung oder Rechtfertigung der militärischen Erwägungen, die zu den notwendigen Rettungstaten erst den Anlass schaffen. Erst werden die Waffen, dann die Toten gesegnet. Der Krieg wird verklärt, man kennt das von den Kriegerdenkmälern in jedem deutschen Dorf, und erst vor wenigen Jahren wurde bei uns in Buchholz ein kleiner Gedenkstein an die Verfolgten und Ermordeten aus dem Dritten Reich neben das Kriegerdenkmal gestellt, und die Kapelle auf dem alten Buchholzer Friedhof hat immer noch ein Mosaikfenster mit einem Soldaten, der den Helm zum Gebet abgesetzt hat und das Gewehr neben sich abgestellt. Es gibt dort in der Nordheide keine kommentierende Plakette, auf der nachdenkliche Erwägungen Platz gefunden hätten, nur das martialische Abbild steht da.

 

In Solferino kommts noch etwas dicker. Die „Gefallenen“ wurden nicht bestattet, sondern ihre Gebeine in einem Ossarium gesammelt. Man kommt in den Kirchenraum (es muss für sowas immer eine Kirche sein, dadurch wird alles irgendwie heilig) und sieht sich einer sechs, acht Meter hohen Wand aus Totenschädeln gegenüber. Tausende von Schädeln, an den Seitenwänden noch mehr, und im Nebenraum bis an die Decke sortierte Knochen, Schienenbeine und Speiche, Elle und Wade, alles sortiert. Vor einem Knochenregal hat der Kreisverband Fläming des Roten Kreuzes eine Gedenkschleife drapiert. Im Sinne des humanitären Auftrages, der dem Deutschen Roten Kreuz doch wichtig ist, hätte ich mehr erwartet als ein stilles Gedenken. Auf seiner Homepage wirbt das DRK: Das Deutsche Rote Kreuz rettet Menschen, hilft in Notlagen, bietet Menschen eine Gemeinschaft, steht den Armen und Bedürftigen bei und wacht über das humanitäre Völkerrecht - in Deutschland und in der ganzen Welt. Der Kreisverband Fläming in Brandenburg lässt es bei einer rot-weißen Schleife mit Blumengesteck. Vielleicht dient das Gedenken an die Toten von Solferino auch dem Gedenken an die Toten der Schlachten von Hagelsberg und Dennewitz, die 1813 in den Befreiungskriegen im Brandenburgischen dazu beitrugen, dass der Fläming zu Preußen kam. Bei Möckern im Jerichower Land trug die Landwehr dazu bei, das 10.000-Mann-Heer der Franzosen auf 3.000 zu dezimieren. 7000 Franzosen gefallen. So war das im Fläming. Aber ein Ossarium gab es auch schon früher in nahegelegenen Magdeburg. Nur: es diente zur Aufbewahrung ausgescharrter Knochen, bis sie wieder in aller Form beigesetzt werden konnten, nicht zur Show.

 

An der Wand des Ossariums von Solferino hängen Tafeln, auf den in vier Sprachen dem Poeten das Wort erteilt wird: „Den vereinigten Resten / Toter Krieger / Weihet Kränze / Und fromme Gebete / Feinde im Kampfe / Ruhen sie im Frieden des Grabes / beisammen als Brüder“. Na ja. Ob fromme Gebete und geweihte Kränze das probate Mittel sind, den Tot tausender lebensfroher junger Männer künftig auszuschließen, darf mit Recht bezweifelt werden. Und den Tod als Mittel zur Verbrüderung zu stilisieren empfinde ich als zynisch. Die Frauen von Castiglione hatten nach der Schlacht bei Solferino das geflügelte Wort „tutti fratelli“ in die Welt gesetzt („es sind doch alle Brüder“). Aber ich glaube nicht, dass sie das vorrangig auf die Zeit nach dem Tod bezogen haben, wo alle im Grab liegen (bis auf die, deren Knochen im Ossarium ausgestellt sind). Ich glaube, sie wollten aufrütteln, sich mehr um die Lebenden zu kümmern als um die Toten, so wie es einige Jahrzehnte später dann Kurt Tucholsky in seinem von Eisler vertonten „Lied vom Graben“ verdeutlichte:

 

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!

Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!

In die Gräben schickten euch die Junker,

Staatswahn und der Fabrikantenneid.

(...)

Werft die Fahnen fort!

Die Militärkapellen spielen auf zu euerm Todestanz.

 

Und mit dem ganzen Pathos des Zwanziger-Jahre-Pazifismus schlussfolgert Tucholsky dann:

 

Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben -!

 

Dieses Lied hätte ich mir trotz seiner etwas verstaubten Emotionsduseligkeit in einer Dauerschleife als Hintergrund im Ossarium von Solferino gewünscht. Oder etwas anderes, mit dem Stellung bezogen wird zu dem Militarismus und der Brutalität aller Kriege in den letzten hundertfünfzig Jahren. Dem Roten Kreuz wird heutzutage immer wieder vorgeworfen, sich mehr als Wirtschaftsunternehmen denn als humanistischen Zweckverband zu verstehen. Militarismus und Ökonomisierung der Welt hängen eng zusammen. Das DRK mischt sich da ein – auf der Seite der Ökonomie, muss man fürchten. Den Gedenkstein zur Gründung des Roten Kreuzes mit Beiträgen aus über hundert Ländern haben wir uns in Solferino dann gespart.

 

Von einer Aufarbeitung der Schlachtengeschichte in Solferino ist vor Ort noch nicht so recht etwas wahrzunehmen. Auf den Turm „Spia d'Italia“ (Spion von Italien) auf dem Berg in Solferino sind wir trotzdem gestiefelt, schräge Ebenen statt Stufen, rollatorfähig bis ganz oben. Der Weg wurde begleitet von Verdi-Opernarien und in einer Atmosphäre der unterschwelligen Heldenverehrung, mit Soldatenbildern hier und da an den Wänden, mit Videos über den Schlachtverlauf und Hinweisen auf die nationale Bedeutung dieser Geschichtsepoche. Die Aussicht bis zum Gardasee war wirklich spektakulär. Das kann man nicht über alle Aussichten in Italien derzeit sagen. Dass Italien ab 1860 ein Nationalstaat geworden ist (ausgehend vom Piemont, was die Süditaliener bis heute nervt), war (glaube ich) ein richtiger Schritt aus der ausgehenden feudalistischen Ära und aus der Fremdherrschaft heraus. Seit dem Ende Monarchie 1946 ist es eine Republik. Was heute daraus wird, von Berlusconi bis zur rechtspopulistischen Lega und dem linkspopulistischen Movimento Cinque Stelle, der neuen Regierungskoalition, weiß keiner. Aber die Faszination von Pulverdampf und Knochenbergen wird jedenfalls nicht viel helfen beim Versuch, einen Weg in die Zukunft zu finden.

 

 

5. Renaissance und Stillstand

 

Bis vor wenigen Jahren sagte mir der Name „Brenta“ nichts. Dann dachte ich, ich weiß Bescheid: Es ist ein Fluss bei Venedig. Aber es ist mehr. Der Brenta gehört zu den Zuflüssen der Lagune von Venedig. Oft wird „die Brenta“ gesagt, oft „der Brenta“. Auf jeden Fall gehört er/sie zu den Flüssen, die Schlamm und Geröll in die Lagune trugen, so dass die Venezianer schon früh in der Geschichte ihrer Stadt Sorge hatten, diese würde bald zugeschüttet. So wurden viele Zuflüsse umgeleitet. Die Brenta ist heute eine Art Kanal, der südlich von Chioggia, neben der Adige-Mündung, ins Meer fließt. Und es gibt den alten Flusslauf, der bei Fusine neben dem Industriegebiet von Mestre in die Lagune mündet. Übriggeblieben vom alten Verlauf ist der Canal Grande, die Lebensader von Venedig, der sich mitten durch die Serenissima schlängelt. Wenn man mit dem Vaporetto von der Piazzale Roma zum Marcusplatz fährt, bewegt man sich also eigentlich auch noch auf der Brenta.

 

Bekannt ist der Name aber vor allem auch wegen seiner (bau-)geschichtlichen Bedeutung. Als der Platz in Venedig knapper wurde, man also nicht beliebig repräsentativ anbauen konnte, und die reichen Familien auf Gärten, Jagd und ungestörtes Leben (was auf der Insel alles nicht ging) nicht weiter verzichten mochten, bauten sich viele Sommerhäuser auf dem Land. Es war einfach, sich mit dem Boot aus der Lagune ein Stück Richtung Padova fahren zu lassen, also wurde dort gebaut, an der Brenta. Besonders berühmt und zu einem erheblichen Teil noch erhalten sind die Prachtvillen des Architekten Andrea Palladio (1508-1580). Wir hatten schon in den vergangenen Jahren daran gedacht, eine der für Touristen angebotenen Bootsfahrten auf der Brenta mit Besichtigung mehrer Palladio-Villen mitzumachen, aber irgendwie war es dazu nicht gekommen. Über Wohnwagennachbarn auf dem Campingplatz bekamen wir in Mantova den Tip, ein Venedig-Besuch sei besonders praktisch vom Camping Serenissima an der Brenta aus zu machen, weil direkt vor dem Platz die Bushaltestelle ist und der Bus nur zwanzig Minuten bis zum Busbahnhof der Altstadtinsel Venedig auf der Piazzale Roma braucht. Kostenpunkt: 1,50 € pro Fahrt, im Vergleich zu den 7,50 € für jede Vaporetto-Tour ein Schnäppchen.

 

Und so sind wir an die Brenta gekommen. Mit dem Fahrrad kann man die Dörfer entlang des Flüsschens gut erkunden, weil gegenüber der vielbefahrenen Strada provinciale auf dem anderen Flussufer eine kleine Straße verläuft, die hauptsächlich von Radfahrern genutzt wird. Wir hatten keinen Plan von der Umgebung und von unserer Suche, zufällig landeten wir bei der Villa Valmarana (kein Palladio-Bau) und entdeckten vom Bus aus die Villa Foscari in Malcontenta (unser erster Palladio-Kontakt)

 

Etwas entfernt von der Villen-Meile an der Brenta kamen wir dann zur Villa Maser, die von den Brüdern Marcantonio und Daniele Barbaro auf der Basis eines älteren Landhauses gebaut worden war und die dabei von dem damals schon betagten Palladio beraten wurden. Mit einem himmlischen Blick über das Tal und einer eigenen, von Palladio entworfenen Kirche („Templetto“) ist es eine beeindruckende Szenerie. Die beiden Brüder, namhafte Diplomaten im Dienste der venezianischen Republik, dürften hier selten gewohnt haben – eher gefeiert und Urlaub gemacht, wenn es dann so etwas für venezianische Diplomaten gab. Wir aßen im zugehörigen Gasthof eine Kleinigkeit und kauften einen Karton Prosecco di Maser Extra Dry, der uns bei der Degustation gut geschmeckt hatte. Außerdem nahmen wir eine Flasche des fruchtigen Olivenöls mit, das auf dem Tisch stand und von dem wir daher probieren konnten, sehr lecker, Bio, und preislich im Rahmen. Das ganze fand im Kontext der Unesco-Weltkulturerbschaft statt, die auch hier für eine gewisse touristische Aufmerksamkeit sorgen soll. Außer uns sahen wir noch sechs weitere Touristen. Nicht überall, wo Unesco draufsteht, ist auch Trubel drin.

 

Zurück auf dem Campingplatz fiel mir beim Lesen meines Buches (Hanns-Josef Ortheil, Im Licht der Lagune, Luchterhand Verlag 1999) plötzlich auf, dass die Hauptperson ja denselben Namen trug wie die Brüder aus Maser: Barbaro. Zwar hatten die realen Barbaro ihre Landhäuser nicht an der Brenta, wie in dem Buch über den fiktiven Conte Paolo Barbaro aus dem Venedig der späten Republik. Neben ihrer Stadtvilla am Canal Grande hatten die echten Barbaros eben seit dem sechzehnten Jahrhundert die Villa Barbaro in Maser. Und der Conte im Roman hieß mit Vornamen Paolo (wie der Maler, der die Villa Barbaro mit Fresken ausgestattet hatte: Paolo Veronese war das gewesen). Es hatte später tatsächlich mal einen Paolo Barbaro gegeben, aber das war vor wenigen Jahren ein Ingenieur, der sich diesen Namen als Pseudonym für sein schriftstellerisches Werke ausgesucht hatte. Ich konnte nicht herausfinden, ob Gründe für seine Namenswahl bekannt sind. Er starb 2014 in Venedig. Als Wahl-Venezianer dürfte ihm der Familienname einer der vornehmsten venezianischen Häuser nicht unbekannt gewesen sein und seine Pseudonym-Wahl einen guten Grund gehabt haben. Aber welchen?

 

In dem Roman geht es um eine Liebesgeschichte, die hier nicht im Einzelnen nacherzählt werden soll (kann man ja alles lesen, sogar eine kurze Inhaltsangabe auf wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Im_Licht_der_Lagune). Mich hat beim Lesen des von der Kritik als tendenziell als etwas seicht abgewerteten Romans interessiert, wie unhinterfragt und unhinterfragbar die Bräuche und Sitten des alten Venedig hier auftreten, wie wenig Chancen Männer und Frauen haben, eigene Liebe oder Bedürfnisse zu entdecken und zu erleben. Da nutzte einem die mächtige gesellschaftliche Position auch nur begrenzt was, man kam aus dem Kläfig nicht raus, auch wenn er golden war. Der Conte war auch im Käfig, nur dass der wesentlich prukvoller war als der des „wilden“ Andrea. Ortheil interessiert sich besonders für die venezianische Sitte des „Cicisbeo“, eines Anstandswauwau, der verheirateten Frauen an die Seite gestellt wird, aber auf keinen Fall irgendeine womöglich auch noch erotische Beziehung zu ihr aufbauen darf. Er ist ausschließlich zur Begleitung und zum Schutz da. Die Enge und Formelhaftigkeit dieser Beziehung stellt die gesellschaftlichen Regeln über jedes Bedürfnis.

 

Sicher war das nicht nur im Venedig des siebzehnten Jahrhunderts so. Bis zur Renaissance hatte personale Mann-Frau-Liebe kaum eine Rolle gespielt, Heiraten fanden unter wirtschaftlichen und ständischen Gesichtspunkten statt, Romeo und Julia blieben literarische Ausnahmen. Aber eigentlich hatte ich gelernt, dass mit der Entwicklung der individuellen Perspektive in Malerei und bildender Kunst in der Renaissance etwas Neues entstand. Individualität und Subjektivität bildeten erste Wurzeln aus, Vorläufer unserers Verständnisses vom Einzelnen und seinen Freiheiten. Aber das Venedig des 16. Jahrhundert ist auch heute noch nicht völlig abgeschafft.

 

Ein anderes Buch, das ich in diesem Urlaub nicht ganz zuende gelesen habe (es ist eine Quälerei, was da mit den Menschen, speziell den Frauen, geschieht): Elena Ferrantes mehrteiliger Roman, dessen erster Band „Meine geniale Freundin“ heißt und der zweite, von mir derzeit gelesene „Die Geschichte eines neuen Namens“ (Suhrkamp 2017). Das spielt im Neapel der sechziger Jahre, also unserer Lebenszeit, und die Grenzen und Festlegungen von Familie, Wohnquartier und Gesellschaft sind grausam und erscheinen im Roman als unüberwindlich und brutal. Es ist eine Welt von Unterdrückung der Frauen, Ohnmacht der Männer (die zu Gewalt führt) und der Macht des Geldes. Im Venedig des sechzehnte, siebzehnten Jahrhunderts mag das noch angehen, man kennt das. Im Neapel unserer Zeit ist es eine erschütternde Bankrotterklärung von jahrhundertelanger gesellschaftlicher (Schein-)Entwicklung. Und dann gibt es neben den außengeleiteten Festlegungen auch noch die persönlichen Schwächen, Dummheiten oder Nachlässigkeiten, und schon ist man mal wieder selbst schuld. Oh nee.

 

Gestern schlenderten wir durch Feltre, eine fast vollständig erhaltene kleine Stadt aus der Renaissance (war nach Zerstörung 1509 und anschließendem Wiederaufbau jahrhundertelang hin- und geschoben worden, mal venezianisch, lange österreichisch, schließlich seit dem Ersten Weltkrieg endgültig italienisch). In den alten Straßen atmete die Architektur das Starre und Strenge. Es ist nicht nur die Architektur. Es sind nicht nur die Keller und Kirchen, die moderig riechen. Auch der Alltag, die Familie und jede/r Einzelne sind eingesperrt in feste Konventionen. Das riecht alles wie früher. Dabei spielt es gar nicht mal die zentrale Rolle, welche Partei oder welches Bündnis gerade die Nase vorn hat. In der Provinz Belluno ist es das Mitte-Links-Bündnis um die Sozialdemokraten, und Feltre hat seit Jahren einen Bürgermeister aus dem Mitte-Links-Spektrum. Da, wo um diese halblinke Insel herum das Meer der dominanten rechtspopulistischen Lega den italienischen Norden überflutet, steht es vielleicht noch schlechter um die persönliche Freiheit und den Schutz von Minderheiten. Das war so in Venedig (schreibt Ortheil), ist so in Neapel (schreibt Ferrante), und es ist so in Europa noch viel weiter verbreitet (befürchtet Engelmann).

 

 

6. Klein-Mailand-Wettbewerb entschieden

 

Treviso hatten wir eigentlich gar nicht auf dem Zettel. Aber wir mussten für einen größeren Einkauf einen Supermarkt ansteuern, und am nächsten gelegen wäre Mestre gewesen, und das zog uns so gar nicht an. Das wenig inspirierte Wohn- und Industriequartier auf dem Festland ist der Teil, wo Venedig in den letzten hundert Jahren wachsen konnte, und mittlerweile ist es deutlich einwohnerstärker und verfügt über ein ausgedehntes Industrieviertel mit Raffinerien, Hafen und allem, was wir so direkt am empfindlichen Ökosystem der Lagune gar nicht gern sehen – was aber aus wirtschaftlichen Gründen alternativlos zu sein jahrzehntelang behauptet wurde. Mittlerweile sind die größten Giftschleudern geschlossen.

 

Also ein Halbstundentrip in das 30 Kilometer nördlich gelegene 80.000-Einwohner-Städtchen Treviso. Nach gefühlt mindestens zwanzig Kreisverkehren (ein italienisches Kapitel für sich) kommen wir an, kaufen bei CONAD ein und parken dann am Bahnhof unter Bäumen, ein Schattenplatz für das Auto ist nicht selbstverständlich und sehr angenehm. Allerdings ist das Parkscheinsystem umständlich. Ich finde zufällig ungefähr zweihundert Meter vom Auto entfernt um eine Ecke einen Parkscheinautomaten. Dann muss ich erstmal zum Auto zurück, weil für ein Ticket die Parkplatznummer benötigt wird (ich wusste nicht, dass es so etwas gibt – hab ich bisher auch noch nie erlebt). Also nachgucken, auf dem Bordstein stehen tatsächlich vierstellige Zahlen, allerdings nur bis zu dem Auto vor unserem. Gehört der nicht nur blau, sondern gelb umrandete Platz nicht mehr dazu? Ich entscheide mich, von der Nachbarnummer extrapolierend, für 3254. Die Nummergebe ich in den immer noch zweihundert Meter entfernten Automaten ein, er nimmt im zweiten Anlauf meine Münze an, den Euro wollte er nicht, die 50 Cent akzeptiert er, der nun gedruckte Parkschein läuft daher 9 Minuten vor der Mittagspause ab. Von 13 bis 15 Uhr ist das Parken umsonst. Den Schein trage ich zum Auto zurück, und schon startet der City-Bummel.

 

 

Einen Stadtplan haben wir nicht, nur im Reiseführer gelesen von beschatteten Wasserläufen zweier Flüsschen und einem fünfkuppligen Dom. Also immer unserer Spürnase nach, wir haben da gute Erfahrungen. Was uns auffällt: Attraktiv dekorierte Cafés und Imbiss-Bars mit selbstgemachten Nudeln und mit viel Obst, sieht lecker aus und zeigt Sinn für's Auge wie für den Magen. Ein schicker, aber wenig frequentierter Bio-Supermarkt hat auch italienisches Nuss-Mus (das von Rapunzel, das wir in Buchholz immer kaufen, haben sie auch). In schmalen Laubengang-Straßen laufen wir an schicken Läden vorbei, Handtaschen, Schuhe, Blumen, alles sehr stylisch dekoriert und trendy, und fast alles ziemlich teuer. Was fehlt: Gina Laura, Esprit, Street One und einige der sonstigen üblichen Verdächtigen in deutschen Fußgängerzonen. Im Traditionscafe neben der maurisch angehauchten Prefettura sitzen ältere italienische Herrschaften bei Aperol Spritz oder Caffè macchiato, reden mit mindestens einer, meist beiden Händen, Kostüm und Business-Hemd auch bei denen, die nicht gleich wieder ins Büro müssen. Wenige Touristen dazwischen, am Rucksack erkennbar.

 

Mittendrin in der City der Dom – völlig eingebaut in eher funktionale als repräsentative Gemäuer, nur nach vorn hat er etwas Luft, weiß aber gar nicht, was er damit anfangen soll und zeigt nur ein paar unspektakuläre Säulen und ansonsten ein klassizistisches Gesicht ohne erkennbare Züge. Aber die Kuppeln sind urig, man sieht sie von der Seite, wir zählen zwar nur viereinhalb, aber das soll schon gelten (auch wenn im Reiseführer fünf Kuppeln versprochen waren). Und von der Seite muss man das Portal nicht sehen, das ist auch schön. Daneben geht es gleich weiter mit chromblitzenden Geschäften, in den Laubengängen davor Reste von Freskobemalung an den Decken. Das ist nicht so bombastisch wie die Laubengänge in Bozen, eher nebenbei, eben mit Stil. Dazwischen die versprochenen Wasserläufe, auch das eher en passant, keine spektakulären Verwinklungen, aber stille Winkel, und auch mal ein bisschen Kunst. Skulpturen im Wasser, eine vor der Deutschen Bank (ein Stier steht Kopf), und eine auf dem Rückweg Richtung Bahnhof. Man weiß, was man hat. Nur mit dem Fußball klappt es nicht so recht. Ein kurzes Gastspiel in der höchsten Liga (Seria A) wurde nur möglich, weil drei anderen Mannschaften die A-Lizenz verweigert wurde. Der FC Treviso stieg dann auch schnell wieder ab, verlor den Profi-Status und dümpelt nun in der siebten Liga. Treviso trägt es mit Fassung. Es ist eben nur Klein-Mailand.

 

 

7. Was bleibt?

 

Der Bericht einer Reise in die italienische Geschichte und Gegenwart beginnt mit der Überschrift „Die Banden von Mantua“. Eigentlich verwendet man keine Überschriften, die am Ende dann erst noch mal erklärt werden. Aber die ganze Reise lang spukte mir immer wieder das Vers-Bruchstück „Zu Mantua in Banden...“ durch den Kopf. Ich hatte keine Ahnung, in welches Gedicht das gehört. Es ist der Beginn eines Heldenepos über den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer, der Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Fremdherrschaft der Bayern und Franzosen kämpfte. Der Autor ist Julius Mosen, sächsischer Jude und später als Anwalt tätig. Mit dem Freiheitskampf gegen die Besetzer Italiens beschäftigte er sich als junger Mann auf seinen Italien-Reisen. „Zu Mantua in Banden“ ist heute die offizielle Hymne des österreichischen Bundeslandes Tirol.

 

Hofer führte die Tiroler Aufstandsbewegung. Er wurde festgenommen, in das französisch besetzte Mantua gebracht und dort 1810 hingerichtet. Knapp fünfzig Jahre später waren es dann bei Solferino die Östereicher, die sich mit Franzosen und Italienern eine Schlacht lieferten. Tirol wurde geteilt und gehört heute halb zu Italien, halb zu Österreich. Italien, Österreich, Frankreich und Deutschland inkl. Bayern sind gemeinsam in der Europäischen Gemeinschaft. Es gibt so viele historische und ethische Gründe, warum die Zusammenarbeit der Länder und der Menschen im Vordergrund stehen muss und nicht der Kampf gegeneinander. Früher waren es die Österreicher gegen die Italiener, die Franzosen auch, oder die Bayern gegen die Italiener und Franzosen, es gab immer neue Konstellationen. Und auch heute geht es allzu häufig nicht miteinander, sondern immer weiter gegen andere, wenn auch heute weniger gegen Nationen wie vor hundert Jahren, sondern eher gegen vermeintliche Machtzentren in einer „Elite“ oder gegen Flüchtlinge oder Religionen, heute vor allem gegen den Islam und unterschwelliger gegen Juden. Das hat mich in diesem Urlaub mehr beschäftigt als in früheren Jahren. Wenn Reisen tatsächlich verbindet, wie der Volksmund sagt, dann löst man damit auch die Bande, ob in Mantua oder sonstwo.

 

(Juni 2018)

 

 

 

Ergänzend zu diesen Texten gibt es Reise-Bilder aus Italien 2018 auf meinem BilderBlog

https://ingoengelmann.jimdo.com/bilderblog-2018/

mit den folgenden Kapiteln (Stand 22.7.2018):

- Die Lagune von Ravenna und die Aale

- Die Lasten von Venedig

- Rrrrrravenna (und die Mosaiken)

- Der alte Hafen von Ravenna

- Burano ist bunt - na und?

- Villen im venezianischen Hinterland

- free space - Architektur-Biennale Venedig