Das Verhältnis von Tieren, Menschen und anderen Lebewesen ist kompliziert. Wir machen es uns irgendwie einfach: Meistens essen wir die anderen auf. Dies ist keine Vegetarier- oder Veganer-Seite. Aber es gibt eine Menge zu sagen über unsere ethische und praktische Lebensart.

 

- Die "Nutzung" der Tiere. Was der Normalesser von Jonathan Safran Foer und Karen Duve lernen kann (2011)

Vortrag beim "Runden Tisch für Natur-, Umwelt- und Tierschutz" in Buchholz

 

- "Mensch-Tier-Beziehung im Fokus" - Seit Herbst 2012 veranstaltet der Runde Tisch Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchhoklz eine Veranstaltungsreihe mit Vortragenden aus recht verschiedenen Kontexten (bisher: Imkerei, Jagd, Bio-Schlachtung, Legehennenhaltung biodynamisch, vegane Lebensweise). Berichte über diese von 30-35 Personen besuchten Vorträge habe ich für die Webseite des Runden Tisches geschrieben (die aber derzeit, März 2013, gerade nicht aufrufbar ist). Hier die Berichterstattung.


Die „Nutzung“ der Tiere
Was der Normalesser von Jonathan Safran Foer und Karen Duve
lernen kann (oder muss)


Es geht um die Nutzung von Tieren. Die Definition von wikipedia verdeutlicht das Feld:
Nutztier bezeichnet ein Tier, das vom Menschen wirtschaftlich genutzt wird. Als Mast- und Schlachttiere (Fleischtiere), Milchtiere, Fett-, Leder-, Daunen- oder Felllieferanten, Zuchttiere und Arbeitstiere dienen Nutztiere insbesondere der Versorgung mit Nahrung, Kleidung und anderen tierischen Rohstoffen sowie der Arbeitserleichterung. Speziell in der Landwirtschaft werden Vieh, Geflügel (Federvieh) und andere Hoftiere in vielfältiger Form als Nutztiere gehalten. Aber auch außerhalb der Landwirtschaft treten bestimmte Haustiere als Nutz- oder Gebrauchstiere in Erscheinung und werden vom Menschen als Jagdtiere, Wachtiere, Transportmittel und zu sonstigen Zwecken (etwa auch als Labor- und Versuchstiere) genutzt. Auch gezähmte Wildfänge (bspw. Arbeitselefanten) und nicht domestizierte Tiere wie Fische und domestizierte aber ungezähmte Tiere, wie Honigbienen können Nutztiere sein, wenn ihre Haltung ökonomischen Zwecken dient.

Ein Gegenbegriff zum Nutztier ist das Luxustier (hauptsächlich Heimtiere), dessen private Haltung nicht dem Unterhalt des Halters dient. Daneben werden auch Gebrauchstiere, die weniger zu wirtschaftlichen als zu persönlichen oder dienstlichen Zwecken eingesetzt werden (etwa dienstlich, beruflich oder gewerblich genutzte Reitpferde, Gebrauchs- oder Arbeitshunde), in der Regel nicht als Nutztiere bezeichnet. Auch Zirkus- und Zootiere gelten im Allgemeinen nicht als Nutztiere.

Ich habe mich auf zwei Bücher gestützt: „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, 2009 erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich, und „Anständig essen“ von Karen Duve, erschienen 2011. Ergänzt habe ich das um eigene Überlegungen. Das bleibt ein Stückwerk, patchwork, ein Mosaik – ich hoffe, dass man zum Schluss etwas erkennen kann.


1. Der Rahmen: wie sind die Autoren vorgegangen?

Jonathan Safran Foer ist Schriftsteller. Mit seinen Büchern „Extrem laut und unheimlich nah“ oder „Alles ist erleuchtet“ hat er weltweit Bestsellerlisten erreicht. „Tiere essen“ hat er geschrieben, weil er seinem kleinen Kind eine verantwortliche Erziehung zum Umgang mit der Welt bieten wollte und sich dafür mit der Frage nach der richtigen Ernährung und dem richtigen Umgang mit Tieren konfrontiert sah. Er hat ein Jahr lang wissenschaftliche und populäre Werke zur Aufzucht und der Verarbeitung von Tieren gelesen und sich in das System der Tiernutzung eingearbeitet. Dann hat er Mastbetriebe, Schlachthöfe und Fischfarmen besucht (manchmal auch nachts und heimlich) und parallel seinen Bewusstwerdungsprozess nachgezeichnet. Dabei setzt er vielfältige Fakten ein, beschreibt Grausamkeiten und Unfassbares in spannendem Stil. Viele Gespräche mit Züchtern, Veganern und Tierschützern werden protokolliert. Das Buch liegt schwer im Magen – man kann es eher in kleinen Portionen vertragen, als es in einem Rutsch durchzulesen. Foer stellt eine Unmenge Fragen, einen Teil beantwortet er für sich selbst, aber er bietet keine allgemeinen Lösungen für alle an. Foer lebt in den USA und betrachtet die Fragen aus der dortigen Warte, außerdem ist er Jude und befasst sich auch mit den Sprüchen und Widersprüchen seiner Kultur bezüglich der Tiere.

Auch Karen Duve ist Schriftstellerin. Seit ihrem vielgerühmten Erstling „Regenroman“ (1999) hat sie eine Reihe weiterer Romane, Märchen und Kinderbücher verfasst. Seit 2009 wohnt die gebürtige Hamburgerin in Brandenburg auf dem Land. Für ihr Buch hat sie sich dort einen längerfristigen Selbstversuch vorgenommen: Sie hat sich zunächst zwei Monate lang ausschließlich von kontrolliert biologischen Lebensmitteln ernährt, dann zwei Monate vegetarisch und im Anschluss vier Monate vegan gelebt. Die letzten zwei Monate ihres Selbstversuchs ernährte sie sich frutarisch. Die Genüsse, Zweifel, Verzichtsmomente, die Diskussion in der Familie und mit ihrer Freundin sind locker und unangestrengt geschrieben. Im Gegensatz zu Foer lässt sich Duve so durchlesen, möglichst in einem Rutsch, man möchte wissen, wie es für sie ausgeht, wie sie ihre Schlussfolgerungen aus dem Versuch zieht, und wird dabei nicht überfordert. Auch Duve hat viel gelesen über die Materie, bringt ihr Wissen ein, überfrachtet den Leser aber nicht.


2. Das Furchtbare

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, ob man besser keins oder wenig Fleisch essen sollte, kommt man nicht an der Praxis der Fleischproduktion vorbei. Dazu gehört die Züchtung, die Mästung und das Töten. Ein paar Stichwörter zu diesen Bereichen, ehe es dann weiter geht zu ethischen und psychologischen Überlegungen.

2.1. Massentierhaltung
Seit Jahrzehnten ist aus der beschaulichen Landwirtschaft, in der idyllisch und überschaubar Tiere aufgezogen und geschlachtet wurden, ein Industriezweig geworden, die Agrarindustrie. Der Fleischkonsum in den Industrienationen ist rapide gestiegen (Produktion weltweit von 1950 bis 2000 verfünffacht), der Pro-Kopf-Verbrauch weltweit hat sich auf 36 kg im Jahr mehr als verdoppelt. Das sind die Zahlen der FAO (Food and Agriculture Organization der UNO). In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch zwischen 60 und 80 kg im Jahr, schreibt Duve. Ich rechne nach: das sind 200 Gramm pro Tag, eine ordentliche Fleischportion, jeden Tag, 80 Millionen mal bundesweit. Nicht jeder isst Fleisch, nicht jeder jeden Tag – viele essen also deutlich mehr als ein Kotelett oder zwei Frikadellen am Tag.

Welcher Alltag steht hinter solchen Zahlen? Eigentlich wissen wir es seit langem. Die Mastbe-dingungen in den industrialisierten Großanlagen sind immer weiter entfernt von artgerechten Anforderungen. Seit Upton Sinclair 1905 in seinem Roman „Der Dschungel“ die Schlachthöfe von Chicago mit ihren für menschliche Mitarbeiter und sicher noch viel mehr für die tierischen Opfer unwürdigen und beleidigenden Bedingungen beschrieb, ist vieles im Bereich der Fleischindustrie sauberer geworden – aber nicht weniger grausam. Durch die immer größeren Verarbeitungszahlen und den ökonomischen Druck, der zu immer knapperen Kostenkalkulationen zwingt, können die einzelnen Individuen immer weniger beachtet werden. Das betrifft die Lebensbedingungen wie auch das Töten.

Mastbetriebe sind heutzutage autarke Systeme, die den Schlaf-Wach-Rhythmus unabhängig von der Umwelt regulieren. Einziges Kriterium ist die schnelle Turbo-Gewichtszunahme oder (bei Legehennen) die Zahl der gelegten Eier. Nachdem Käfighaltung und Spaltenböden zunehmend kritisch diskutiert wurden, gibt es bei diesen Mastbedingungen Bewegung. Aber die riesige Masse von Tieren bleibt oder wächst immer weiter, Sozialverhalten sowie Körper- und Spielbedürfnisse bleiben völlig unterdrückt und unbeachtet. Das ist so grundlegend artungerecht, dass eine Diskussion sich erübrigt. Hühner und Schweine haben eine differenzierte Fähigkeit, mit ihresgleichen umzugehen. Bei mehr als vierzig oder fünfzig Individuen um sie herum sind sie überfordert und gefährden sich und andere, picken und beißen. Tote Tiere sind in der Massentierhaltung die Regel: mit 4% Schwund rechnen Massentierhalter. In einem Stall mit 40.000 Hühnern sind das alle sechs Wochen ca. 1600 Hühner, die verenden. Ihre Kadaver werden entsorgt.

Vor einem halben Jahr schrieb ich in meinem Blog auf utopia.de:
Die Tierfabrik Lohmann gehört zu den weltweit führenden Produzenten von Legehennen. Nahezu jedes weltweit gelegte Ei geht irgendwie auf Lohmann in Cuxhaven zurück. Weil nur weibliche Hühner Eier legen werden die männlichen gleich nach der Geburt zermanscht und weggeschmissen. Einfach unbrauchbar. Den weiblichen Hühnern geht es dann an die Krallen: sie werden abgeschnitten, und die Schnäbel werden gekappt. Das tut den Tieren weh, aber sonst verletzen sie sich gegenseitig in den zu kleinen Hallen, in denen zehntausende dieser Legehennen im Vollzug ihrer täglichen Pflicht bei Kunstlicht und Chemiefutter vegetieren.

Dafür wurden die Geschäftsführer von Lohmann jetzt angezeigt und sollten angeklagt werden. Aus dem Prozess wird aber nichts. So leicht klagt keiner gegen Lohmann. Man ist ja nicht irgendwer. Es gab eine Expertise der niederländischen Universität Wageningen (ein Flecken mit 37.000 Einwohnern und einer Life-Science-Universität, die 8000 Studenten hat – eine Art Bildungsmonokultur mit freilaufenden Studenten in Bodenhaltung), der zufolge das Amputieren von Zehengliedern und Schnäbeln nicht gegen Tierschutzrecht verstößt. Wageninger Forscher („…Menschen, die mit Kopf, Herz und Händen arbeiten“) arbeiten an Lösungen „für alles, was der Mensch zum Leben braucht: gesunde und schmackhafte Ernährung, eine intakte Umwelt, lebendige Natur und Raum für Erholung und Nahrungsmittelproduktion“(www.wageningenuniversity.nl/de).

Die Geschäftsführer von Lohmann sagen: wir konnten gar nicht wissen, dass das nicht richtig ist, die männlichen Tiere umzubringen und die weiblichen zu quälen. Bei Lohmann Animal Health, einer der Unter-Firmen des Imperiums, heißt es dazu: „Unser Ziel ist es, durch neue Technologien innovative Lösungsansätze in der modernen Tierhaltung zu realisieren und einen wesentlichen Beitrag zur Leistungsfähigkeit und Gesunderhaltung von Tieren zu leisten.“ (www.lah.de) Die Lohmann Tierzucht GmbH wird da etwas deutlicher: “So entstand sehr schnell bei LOHMANN TIERZUCHT das Prinzip „Für jede Haltungsform das geeignete Huhn – für jeden Markt das richtige Ei“. (www.ltz.de)

Der schon terminierte Prozess (er sollte im April 2011 stattfinden) wurde abgesagt, die Anklage zurückgezogen. Lohmann bleibt juristisch unbehelligt.

Die Lebensbedingungen in deutschen Geflügelfabriken sind aus Berichterstattung in Fernsehen und anderen Medien bekannt. Die Ausstrahlung von Aufnahmen aus Fabriken, die für die Firma Wiesenhof produzieren, hat vor wenigen Wochen zu europaweiten Reaktionen geführt. Die drei größten Lebensmittelketten der Schweiz haben Wiesenhof-Produkte aus ihren Läden entfernt. Trotzdem bleibt das Kürzen von Schnäbeln, Schwanzkupieren ohne Betäubung, brutale Misshandlung von Tieren durch unqualifizierte Mitarbeiter, ungezielte Überdosierung von Medikamenten wie z.B. Antibiotika aktenkundig, aber weiterhin üblich.

Weniger im Bewusstsein verankert, aber von zunehmendem Umfang ist die Massentierhaltung bei Fischen. Pangasius-Filet, ein zunehmend beliebter Kantinen-Fisch, weil er billig und geschmacks-neutral ist, kommt aus dem Mekong-Delta. Die Fischkäfigfabriken haben das riesige Flussdeltas im Süden Vietnams zu einer Kloake werden lassen. In Fischfabriken andernorts ist die Konzentration von Lachsläusen, die sich durch die Haut der Fische hindurchfressen und Geschwüre bilden, in den Lachsfarmen 30.000 mal so hoch wie in natürlicher Umgebung. Die Sterblichkeitsrate von Farm-Lachsen liegt zwischen 10 und 30 Prozent. Nicht besser steht es um die Tiere, die bisher meist nicht in Farmen gezüchtet werden, sondern in den Weltmeeren gefangen. Shrimps machen oft nur 20 Prozent des auf sie ausgerichteten Fangs aus – aber wenn dieser Trawler auf Shrimp-Suche ist, werden die restlichen 80 Prozent wieder ins Wasser geworfen, was die meisten Tiere nicht überleben. Foer sagt, wenn ein Sushi-Teller Platz bieten sollte für alle Tiere, die als Beifang getötet, aber nicht verwertet wurden, müsste jede Portion einen Teller von 1,5 m Durchmesser haben. Die Auswirkungen der Schleppnetze, die Kilometer um Kilometer alles vom Meeresboden wegfegen, was nicht niet- und nagelfest ist, vergleicht Foer mit der Abholzung des Regenwaldes. Man sieht die Folgen nur nicht so gut.

2.2. Schlachthöfe
Sowohl Foer als auch Duve haben festgestellt, dass die Lebensbedingungen in der Massentierhaltung noch vergleichsweise wenig geheimgehalten werden. Man kann da reinkommen, erlaubter- oder unerlaubterweise. Deutlich mehr Wert wird auf die Geheimhaltung bei den Schlachthöfen gelegt, und das hat gute Gründe. Was hier an Brutalität und Grausamkeit praktiziert wird, soll keiner sehen, keiner wissen. Die behördliche Aufsicht ist selten, oftmals finden Kontrollen angekündigt statt und man kann sich also gut darauf vorbereiten, und die Veterinärämter fühlen sich häufig mehr den Produzenten als den Tieren verantwortlich.

Tötungsmethoden werden nicht nach dem einzig legitimen Ziel ausgerichtet, Leid so weit wie möglich zu vermeiden, sondern nach Ökonomie und äußeren Erfordernissen. Durch die BSE-Hysterie und die damit verbundene Sorge, aus Nervenzellmasse könne weitere Infektion erfolgen, wurde die Tötungsmethode für Rinder vielfach verändert – als Folge kommen immer mehr Rinder noch lebendig in den Fließbandbetrieb der Zerlegung. Wie bei Schweinen und Hühnern ist bei Rindern die Quote derjenigen, die noch nicht tot sind, wenn ihnen Speise- oder Luftröhren herausgerissen werden oder Extremitäten abgeschlagen werden, erschreckend hoch. Die Taktgeschwindigkeit und die Verrohung der in der Tötung beschäftigten Mitarbeiter machen jede Rücksichtnahme auf das Leiden der Kreatur lächerlich. Duve errechnet, dass jährlich ungefähr fünfhunderttausend Schweine noch leben, wenn sie mit kochendem Wasser übergossen werden und in den Zerlegungsprozess kommen. Das ist Folter, die durch die wahnwitzigen Stückzahlen in den Schlachtbetrieben sofort Massencharakter erhält. Hier wird systematisch und in großem Umfang gefoltert.

2.3. Tiernutzung
Ein weiteres Kapitel systematischer Grausamkeit sind die Produktionsbedingungen für Lebensmittel, die uns zunächst unproblematischer erscheinen mögen: Milch, Käse, Eier. Zwar nehmen die produzierten Mengen hier ab (Eier in den letzten zehn Jahren von zehn Milliarden auf 8 Milliarden/Jahr) oder bleiben annähernd auf demselben Niveau (Milch bei 29 Millionen Tonnen/Jahr), aber die Leistung des Einzeltieres wird immer weiter nach oben getrieben. Das heißt: mehr Milchleistung pro Kuh, mehr Entzündungen des Euters, mehr Kälber ohne Mütter, weniger Licht und Gras und mehr Stall- und Anbindehaltung usw. Die Industrialisierung unserer Ernährungswirtschaft lässt dem einzelnen Agrarindustriellen da kaum eine andere Wahl.


3. Philosophie, Ethik, Antispiezismus

Wie kommen wir eigentlich darauf, dass es erlaubt ist (ja sein muss), Tiere zu essen? Es ist ganz natürlich, sagen viele. Die Natur bietet ohne Ende Beispiele für rücksichtsloses Jagen und Verspeisen anderer. Man könnte es von daher als natürlich ansehen, dass Tiere verspeist werden – von Raubtieren oder vom Menschen.

Dieser simple Biologismus geht aber daran vorbei, dass es im Verlauf der Geschichte Entwicklungen gibt, die manchmal als Evolution bezeichnet werden, manchmal als Geschichte – z.B. Bewusst-seinsgeschichte. Menschen haben andere Menschen schon seit mehreren Jahrtausenden nicht mehr gefressen, hier herrscht ein relativ konsequent durchgehaltenes Tabu. Dieses Tabu ist kein Naturgesetz, sondern eine kulturelle Errungenschaft. Deshalb muss die Frage gestellt werden, ob es einen weiteren Schritt in der Weiterentwicklung kultureller Muster bedeuten könnte, auf die Tötung und den Verzehr von Tieren zu verzichten.

Solche Fragestellung zwingt sich förmlich auf, wenn die aktuellen Bedingungen der Tierproduktion und –verarbeitung betrachtet werden. Die tierfeindlichen Lebens- und Sterbebedingungen genügen in keinem Fall einer wie auch immer gearteten Moral. Sie sind zutiefst unmoralisch.

Darüber hinaus beschäftigt Philosophen und Tierechtler die Frage, wie das Verhältnis von Mensch und Tier überhaupt einzusortieren ist. Ist der Mensch die Krone der Schöpfung, die alles darf, nur weil sie es kann (und weil es gut schmeckt)? Wie viel unmoralische Handlung beim Mast- und Tötungsprozess wäre erlaubt, wo ist die Grenze? Tierrechtler propagieren die rechtliche und moralische Gleichstellung von Mensch und Tier. Daraus folgt sicher nicht eine Gleichstellung der Bedürfnisse und der Vorlieben, da gibt es wie unter Menschen eine Menge Unterschiede. Aber wer sollte diese in einer Hierarchie gegeneinander abwägen dürfen? Was ist erlaubt, und was berechtigt zum Überleben? Bei Menschen stellt man solche Fragen im demokratischen Diskurs nicht. Und bei Tieren? Wenn Tiere die gleichen Rechte genießen würden wie Menschen, dann müsste man sie in Frieden ihr Leben leben lassen. Dann würde es nur einen winzigen Bruchteil der Hühner geben oder der Schweine, aber die wären geschützt wie die Kinder. So könnte ein ethisch begründeter Traum gehen.


4. Psychologie

Die oben angeführten Grausamkeiten sind eigentlich mehr oder weniger genau bekannt. Die Öffentlichkeit weiß, wie Tiere gemästet und umgebracht werden. Trotzdem essen die Menschen Fleisch in nie gekanntem Umfang, werden Milcheiweiß und Eier in unzähligen Zubereitungen oder Fertigprodukten verarbeitet. In Umfragen äußern sich überwiegende Mehrheiten zustimmend, man sollte Tiere nicht quälen und eine andere Ernährungsweise dürfe ruhig etwas teurer werden. Im Alltag spiegelt sich das nicht wieder: Der Anteil von biologisch produzierten Eiern an der Gesamtproduktion stagniert, auf dem Fleischmarkt bewegt sich mal etwas in die Richtung und mal ein wenig in die, aber eine Trendwende in der Fleischproduktion ist nicht in Sicht. Im Bio-Supermarkt gibt es Gemüse, Schokolade, Bier aus biologischer und kontrollierter Herstellung, aber wenig Fleisch. Meine Hypothese: das deutet nicht auf einen verringerten Fleischkonsum hin, sondern das Fleisch wird dann doch weiter im konventionellen Handel gekauft. Schätzungen gehen von vier bis sechs Millionen vegetarisch lebenden Menschen in Deutschland aus, über Veränderungen oder Trends gibt es kaum Zahlen.

Ein Faktor, der bei der Bewertung dieser Widersprüchlichkeiten eine Rolle spielt, ist der Gestaltungswille. Wer in unserer Gesellschaft etwas in Richtung auf stärkere Berücksichtigung der Tierrechte verändern möchte, weil die dahinter stehenden Grausamkeiten seinem moralischen oder politischen Willen zuwider laufen, der muss darauf vertrauen oder bauen, dass man etwas verändern kann und soll – und er muss die Aktivität dazu entwickeln. Wenn man in Betracht zieht, dass nur wenig mehr als die Hälfte aller Wähler von der Möglichkeit Gebrauch macht, bei den kürzlich abgehaltenen Kommunalwahlen die örtliche Politik mit zu gestalten, der wird vorsichtig in der Bewertung des gesellschaftlichen Gestaltungswillens. Die fünfzig Prozent, die gewählt haben, sind zum großen Teil ihrem gewohnten Ritual gefolgt. Ein kleinerer Teil hatte das Ziel und das Bedürfnis, aktiv etwas zu verändern.

Bei Wahlen kriegt mal der und mal der ein paar Stimmen dazu oder gibt welche ab. Dann verändert sich die Anzahl der Parlamentssitze. Das sieht dann so aus, als wenn sich etwas tut. Das weiß man. Aber eine der Grundfesten unserer Lebensweise verändern? Bauern gab es schon immer, sie haben immer Tiere gehalten und geschlachtet, und wir haben sie gegessen. Und wenn mich das Gewissen noch so zwickt – wie soll man an dieser Lebensweise etwas verändern, womöglich weltweit? Da gibt mancher gleich auf und schaltet lieber ab, um sich der kognitiven Dissonanz zwischen der eigenen Moral, den verfügbaren Informationen und der Realität nicht dauerhaft aussetzen zu müssen. Das könnte sonst nämlich auch krank machen. Oft wird hier die Macht der Konsumenten beschworen. Aber erst mal bin ich der einzige Konsument, dessen Entscheidungen ich bestimme. Da stehe ich ziemlich allein. Ändern sich die Gesellschaft und die Not der Tiere, wenn ich auf meine hundert Gramm Rindersalami verzichte? Ist das nicht ein hilfloser, allenfalls symbolischer und faktisch ineffektiver Akt? Da lassen es viele dann doch gleich sein und leben so weiter wie bisher.

Ein weiterer Faktor ist der oft schwierige Umgang zwischen kompromissbereiten Menschen und denen, die grundsätzlich eine andere Ordnung fordern und keine Kompromisse eingehen wollen (weil ja auch kein Tier nur ein bisschen getötet werden kann). Viele kennen vielleicht diese Partygespräche über die Ernährung, wenn mindestens ein Veganer im Raum ist. Es kommt dann leicht zu erhitzten Debatten (wie sie auch Karen Duve bei ihren Familientreffen protokolliert). Diese sind schnell sehr grundsätzlich und sehr kontrovers. Die Moral ist auf Seiten der Veganer, das wird auf Partys selten bestritten (und auch Foer und Duve sehen das so). Aber Fleischesser fühlen sich nicht gern moralisch herabgewertet (oder wollen partout nicht einsehen, dass sie sich selbst für einen Weg der moralischen „Minderwertigkeit“ entschieden haben). Die vegane Argumentation ist so etwas von political correct und „gut“ (weiter über das „Humane“ hinaus, animalisch sozusagen). Nach meinen eigenen Erfahrungen droht die vegane Haltung tatsächlich immer wieder ideologische Züge anzunehmen. Dem Aspekt der Tierrechte wird absolute Priorität eingeräumt, das ist ungewohnt und wird außerdem schnell übertrieben. Und da verschwimmen die Grenzen zur Ideologie als „falschem Bewusstsein“. Die Welt besteht nicht nur aus Unrecht gegenüber Tieren.

Verschärfend kommt hinzu, dass selbst da, wo Veganer pragmatisch oder unmissionarisch und letztlich schlicht unideologisch argumentieren, die Umwelt davon ausgeht: das sind alles Ideologen, und dann wird von der Mehrheit schnell gegen etwas an argumentiert, was z.B. Veganer so gar nicht vertreten. Oder: Überspitzte Äußerungen werden verallgemeinert, als sei es unwidersprochenes Gedankengut aller Veganer. Auf einer Tierrechtler-Internetseite fragte einer, warum denn die Feuerwehr zu einer brennenden Tierfabrik hin rase, sie solle sich lieber um die gequälte Kreatur kümmern. In dem Gebäude waren noch keine Tiere – also sollte man es doch in Ruhe abfackeln lassen. Das halte ich für ideologisch. In diesen Bereich gehört auch die (wahrscheinlich eher überflüssige) Auseinandersetzung darüber, ob es „Tier-KZs“ gibt oder dieses eine unpolitische Relativierung des Holocaust ist.

Aber auch die Gegner laufen in die von ihnen immer kritisierte Ideologiefalle. Die taz-Kolumnistin Julia Seeliger warf der veganen Szene vor wenigen Wochen vor, sie kümmere sich nicht um die Hungernden in Ostafrika, wolle wie der Ethikphilosoph Peter Singer Behinderte abschaffen und verhalte sich faschistoid. Derartiger Schaum vor dem Mund sagt eher etwas aus über diese Kritiker(in), die sich gegen etwas wehren, von dem sie unbewusst ahnen, dass es auch für sie nicht verkehrt wäre. Frau Seeliger war selbst früher Vegetarierin. Sie hat sich anders entschieden, was ihr Recht ist – und benutzt jetzt den veganen „Gegner“, um mit dessen verbaler Vernichtung das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen.

Tatsächlich teilen einige Veganer (wie auch andere Ideologen) die Welt in gut und schlecht, in schwarz und weiß auf. Diese Spaltung, die ohne differenzierende Grautöne auskommt, verrät mangelnde Souveränität und auch fehlenden Mut, sich den anstrengenden Kompromissen zu stellen. In der Psychologie folgt dann manchmal der Hinweis, man solle mehr auf Mentalisierung achten: sich in den Gegenüber eindenken, sich seine Reaktionen und Gefühle vorstellen und die beim anderen wahrgenommen oder vermuteten Gefühle neben die bei sich selbst wahrgenommenen stellen, das ist Mentalisieren. Das Wechselspiel zwischen mir und den anderen in diesem mentalisierenden Sinne wird zu einem fließenden Prozess mit wechselnden Schwerpunkten und Positionen, sehr flexibel und den wechselnden Realitäten angemessen. Wer schwarz-weiß denkt, lebt in abgehackten und wenig geschmeidigen Bewegungen.

Der Gegenüber im Kommunikationsprozess kann ein anderer Mensch sein. Aber vielleicht auch ein Tier, warum nicht? Darüber haben die menschlichen Psychologen bisher weniger nachgedacht.

Meine persönliche Bestandsaufnahme ist kein Ruhmesblatt. Ich habe sechzig Jahre lang Fleisch gegessen und tue es bis heute, wenn auch seit Jahren in deutlicher Veränderung. Ich habe als Kind gelernt, dass Fleisch etwas Besonderes ist, das es sonntags gibt und manchmal auch an Werktagen, aber nicht immer. Geblieben ist das Image des Erstrebenswerten, des besonders Guten. Seit den sechziger, siebziger Jahren habe ich erlebt, dass das Besondere immer besser verfügbar war. Das war Fortschritt. Solche jahrzehntealten Erfahrungen lege ich nicht innerhalb kurzer Zeit ab. Ich habe außerdem auf einer ganz anderen psychologischen Ebene viel erlebt mit politischen Zielsetzungen, die nicht erreicht werden konnten. Kapitalismuskritik hat mich im Studium und danach viel beschäftigt. Die Ziele haben sich relativiert, die Erwartungen sind geschrumpft. Grundlegende Veränderungen erwarte ich nicht oder nicht mehr so, wie ich das früher hoffte.. Das unterscheidet mich von vielen jüngeren Leuten, auch von Veganern. Wenn auch nicht nur von ihnen. Ich esse in einer Kantine, in der das vegetarische Angebot (vegan gibt es nicht) karg und schlecht ist. Die Fleischgerichte sind kompletter, schmecken besser, so ist das meistens. Zuhause, wo ich selbst einkaufe und koche, geht das anders. Da wird kaum Fleisch verarbeitet, keine Eier, viel Gemüse, Sojasahne, Kokosmilch.

Früher, als ich jung war, gab es in der Weltsicht der politischen Szene eine Riesengruppe, für die man sich einsetzen wollte, das waren die Proletarier. Man kannte vielleicht nicht so viele, aber man war dafür. Ob die wollten oder nicht. Heute sind die Tiere das neue Proletariat. Das ist mir zu kurz gegriffen, oder ich habe es noch nicht verstanden. Brauchen wir andere oder ganze Gruppen oder Teile der Gesellschaft bzw. der Welt / der Schöpfung, für deren Befreiung wir uns einsetzen? Was ist mit meiner eigenen Person?

Ein kleiner Einschub hier bezüglich der eigenen Person. Jonathan Foer schreibt: „Zwei Freunde bestellen Mittagessen. Der eine sagt: „Ich habe Lust auf einen Burger“, und bestellt sich einen. Der andere sagt: “Ich habe Lust auf einen Burger“, denkt aber daran, dass es Dinge gibt, die ihm wichtiger sind als seine Gelüste, und bestellt etwas anderes. Wer ist da der Gefühlsmensch?“ (S. 87) Foer meint eindeutig: der, der aus guten und emotional wichtigen Gründen verzichtet. Aber ich frage mich, wie weit diese Lustfeindlichkeit gehen darf oder soll. Foer’s Haltung ist (wie ich finde) eindeutig lustfeindlich. Er steht dazu. Darf man, soll man lustfeindliche Strategien verteidigen? Muss man lustfeindlich sein wollen, um die Welt zu retten?

Dazu gibt es eine kleine Geschichte von Me-Ti, die Bert Brecht aufgeschrieben hat: „Tu kam zu Me-ti und sagte: ich will am Kampf der Klassen teilnehmen. Lehre mich. Me-ti sagte: Setz dich. Tu setzte sich und fragte: Wie soll ich kämpfen? Me-ti lachte und sagte: Sitzt du gut? Ich weiß nicht, sagte Tu erstaunt, wie soll ich anders sitzen? Me-ti erklärte es ihm. Aber, sagte Tu ungeduldig, ich bin nicht gekommen, sitzen zu lernen. Ich weiß, du willst kämpfen lernen, sagte Me-ti geduldig, aber dazu musst du gut sitzen, da wir jetzt eben sitzen und sitzend lernen wollen. Tu sagte: wen man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen, und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz, wenn man nach Genuss strebt, wie soll man da kämpfen? Me-ti sagte: wenn man nicht nach Genuss strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen?“ (Me-ti, Buch der Wendungen, S. 90).

Und nicht zuletzt ist das Thema Fleischessen auch ein Männer-Frauen-Thema. Männer essen doppelt so viel Fleisch wie Frauen. Wahrscheinlich kommt das noch aus den Zeiten der Jäger und Sammler. In vielerlei Hinsicht haben wir diese Zeiten ja überwunden. Warum nicht auch beim Fleischessen?


5. Umwelt

Die Debatte über die Ernährung, über das Für und Wider des Fleischessens und des Umgangs mit der Schöpfung in Gestalt von Tieren ist nicht zu trennen von der Diskussion über die Umwelt und ihren Schutz. Duve weist darauf hin, dass fast ein Fünftel aller Treibhausgasemissionen durch die Fleisch- und Milchproduktion verursacht werden. Die Abholzung der Regenwälder in Südamerika und Asien sind zu einem erheblichen Teil ausgelöst durch die Futtermengen, die man zur Mast der Tiere benötigt. Das Futter muss (noch) angebaut werden, dazu braucht man riesige zusätzliche Landflächen. Außerdem braucht Tiermast enorm viel Wasser. In China beträgt der Anteil von Fleisch an der Ernährung 16%, aber 50% des Wasserverbrauchs gehen auf das Konto der Fleischproduktion.

In den USA werden sechsmal so viele Antibiotika an Tiere verfüttert wie an Menschen. Der hemmungslose Einsatz von Antibiotika und anderen pharmazeutischen Produkten in der Tier- und Fischproduktion führt zu einer Anreicherung mit Pharma-Chemie im Grundwasser. Dieser Prozess wird verstärkt durch die massive Eintragung von Gülle in den Boden. Wir sind stolz auf unsere sauberen Kläranlagen, die unsere Abwässer und menschlichen Ausscheidungen reinigen. Die Fäkalien von Masttieren werden einfach auf den Acker gesprüht. Ein Mastschwein erzeugt ungefähr doppelt so viele Fäkalien wie ein Mensch. 46 Millionen Schweine wurden 2010 in Deutschland „erzeugt“. (Übrigens bedeutet das einen „Selbstversorgungsgrad“ von 110%...) Ihr Kot wird auf den Acker gebracht, in zunehmender Menge und zunehmend bedenklicher Zusammensetzung. Davon könne auch Infektionen ausgehen, wir kennen die Namen: Schweingrippe, Vogelgrippe… Ständig entstehen neue Viren, mutieren, sind Bakterienstämme resistent gegen herkömmliche Antibiotika (MRSA, Methicillin- resistenter Staphylokokkus aureus). Sie sind in allen Mastbetrieben und in der Gülle zu finden.

Unsere Umwelt wird durch Tierproduktion basal (Klimawandel) und durchgängig versaut (Grundwasser, Regenwälder, Wasserverbrauch usw.). Außerdem beeinflussen durch die globale Vernetzung unsere industrialisierten Produktionsweisen die ganze Welt. Jean Ziegler, Schweizer Politiker und Sonderberichterstatter der UNO für Ernährungsfragen, bringt das auf einen kurzen Nenner: Afrika hungert aufgrund unserer europäischen und US-amerikanischen Land-wirtschaftspolitik. Ein in Sprötze zu niedrigen Preisen industriell produziertes Hähnchen trifft in Afrika auf teurere (wenn auch vielleicht artgerechter aufgewachsene) einheimische Produkte und verdrängt diese vom Markt. Schon hängt wieder ein Marktsegment am Tropf der Industrienationen und der Konzerne.

Kulturell, soziologisch und biologisch wird unsere Umwelt systematisch vergiftet, damit das Hähnchen im Supermarkt unter 3€ das Kilo kosten kann.


6. Zusammenfassung

Bei Foer ist die Konsequenz aus seinen Ermittlungen und Überlegungen, dass es kein Fleisch für ihn und seine Familie gibt. Über vegane Lebensweise ist in seinen Ausführungen nicht so viel zu finden, aber die vegetarische Linie ist für ihn ein Muss. Foer ist da rigoros, er überlässt jedem die eigene Entscheidung, nachdem er auf jedes Argument pro Fleischessen ca. 95 dagegen aufführt. Nach der Lektüre seines Buches war ich beunruhigt, aber auch innere Abwehr machte sich breit. Meine auf die Lektüre folgenden, veränderten Einkaufsentscheidungen erfolgten aus einem schlechten Gewissen heraus und belasteten den Essgenuss.

Bei Duve geht es entspannter zu. Sie ist entschlossen, nur noch Bio-Artikel zu kaufen. Sie wird kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung essen – egal, wo sie gerade is(s)t. Sie stellt sich vor eine dreifache Alternative:
- ethisch konsequent und mit chronisch schlechter Laune vegan leben /
-mal so, mal so – ab und zu ein Stück Bio-Fleisch oder Bio-Käse schadet nicht /
-das Übergewicht moralischer Betrachtungen im Leben reduzieren und so wenig Schaden wie möglich anrichten.
Ihre Wahl ist die letzte der drei Alternativen. Sie nimmt sich vor, den Fisch-, Fleisch- und Milchkonsum auf höchstens 10% des früheren Niveaus abzusenken. Das glaubt sie kann sie schaffen, das ist das entscheidende Kriterium. Leder und andere tierische Produkte sind für sie künftig tabu. Sie wird ihr Konsumverhalten generell überprüfen.

Und sie sollte sich (füge ich hinzu) überlegen, wie sie arbeiten kann an den Zusammenhängen, die die Lebensweise und alles was damit zu tun hat in Politik einwirkt und umgekehrt. Beschäftigung mit der Ernährung geht nicht ohne politische Betätigung. Die Fleischindustrie ist eine der hässlichsten Masken unseres alltäglichen kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das fängt in Buchholz an und umspannt die ganze Welt. Wer in einem solchen Geflecht einzelne Mini-Fäden umspannt, verändert das gesamte Gefüge. Vor Ort beginnt die Veränderung, bei mir und in meiner Welt.



Literatur:

Duve. Karin (2011): Anständig essen. Ein Selbstversuch. Galiani, Berlin. 335 Seiten, € 19,99 (gebunden)

Foer, Jonathan Safran (2009): Tiere essen. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 400 Seiten, € 19,95 (gebunden) 280 S., € 9,99 (Taschenbuch)


 

 

Mensch-Tier-Beziehung im Fokus (Erster Vortrag am 6. November 2012)


 ”Bienen” (G. Klenota, Kakenstorf)


Im Rahmen der Veranstaltungsreihe  „Mensch-Tier-Beziehung im Fokus“ referierte der Imker Günter Klenota aus Kakenstorf. Er schilderte seinen Werdegang als Bienen-Fan und –Fürsorger und stellte an den Beginn der Entwicklung die wilden Bienenvölker, deren Honig  zum Beispiel in Südostasien unter abenteuerlichen Umständen geerntet wird. Die Beziehung zwischen Bienen und Menschen führte von diesen wilden, eher ausbeuterischen Methoden zu besser abgestimmten Systemen, in denen die Biene eher zum Haustier wird und der Imker Verantwortung trägt für die angemessene Versorgung und Pflege der Bienenvölker. Günter Klenota betreut zur Zweit ca. 30 Bienenvölker, wobei er Wert darauf legt, dass es sich um gesunde und kräftige Völker handelt, die sich durch regelmäßiges Schwärmen regulieren und weiter entwickeln. Das war ein Beispiel von vielen, in denen sich Günter Klenota vom mainstream der Imkerei  unterscheidet. Schwarmträgheit gilt häufig als besondere Qualität, weil Völker mit hoher Schwarmneigung mehr Arbeit machen.

Einige Nachfragen gab es bei der Fütterung der Bienen. Oft wird ihnen Zuckerwasser verabreicht, weil es genauso ein Kohlehydrat darstellt wie Honig. Aber spricht nicht die oft betonte antibiotische und generell gesundheitsfördernde Eigenschaft des Honigs dafür, dass Bienen ihren eigenen Honig brauchen, um gute Widerstandskraft aufzubringen? Zumal Günter Klenota ja darauf hinwies, dass ein Bienenvolk oft bis zu fünfmal so viel Honig herstellt, wie es selbst zum Überwintern benötigt. Es wäre ja dann lediglich ein wirtschaftlicher Aspekt, ihnen auch diesen relativ geringen Honig-Anteil zu verweigern und durch das billige Zuckerwasser zu ersetzen.

Günter Klenota ist es nicht bange um die Bienen. Die Gefährdung durch Varroa-Milben ist nicht zu unterschätzen, aber zum Glück nicht so ansteckend wie die Faulbrut, die zur Vernichtung des gesamten Volkes führt. Gute Pflege, sinnvolle Platzierung der Bienenkästen da, wo auch ausreichend Tracht verfügbar ist, und ein gutes Auge für das Bienenverhalten sind erforderlich. Vieles ist nach wie vor unbekannt, man muss eigene Erfahrungen sammeln und einsetzen, Imkerei ist kein vorgefertigtes Hobby, sondern eine kleine Wissenschaft vom Leben. Die Begeisterung von Günter Klenota war ansteckend, und die Zuhörerschaft fühlte sich bei ihm und seinem Vortrag auch in der etwas kühlen Umgebung des Bio-Marktes gut aufgehoben.

(Ingo Engelmann)


 


Mensch-Tier-Beziehung im Fokus (Zweiter Vortrag am 4. Dezember 2012)


“Die Jagd – Segen oder Fluch?” (J.P. Wichmann, Hanstedt)


Die zweite Veranstaltung des Runden Tisches zum Thema „Mensch-Tier-Beziehung im Fokus“ beschäftigte sich mit der Jägerei. Hegeringleiter Wichmann aus Hanstedt stand Rede und Antwort in einem kontroversen Themenfeld.

Zunächst beschrieb er die Notwendigkeit, Tiere im Fall einer übermäßig wachsenden Population abzuschießen, damit das Gleichgewicht in der Natur nicht aus der Balance gerät. Die ungefähr 300.000 Jäger in Deutschland schießen in diesem Rahmen 50.000 Tonnen Wild pro Jahr, das als hochwertigstes Fleisch auf den Markt kommt. Die Tiere leben bis zum Abschuss in der Natur, sind gesund ernährt und unterliegen nur dem Stress, das zu ihrem Wildtierleben dazu gehört. Zudem seien Wildschweine extrem dickfellig und  viel weniger stressanfällig als das gezüchtete Hausschwein. Ethisch sehe er keine Probleme, jede Zeit schaffe sich ihre Ethik selbst, was früher ethisch zulässig war, sei heute verwerflich, und das werde sich sicher weiter entwickeln, so dass gültige ethische Aussagen nur zeitgeistig flüchtig seien. Zu verschiedenen Bereichen jägerischer Aktivität nahm Herr Wichmann distanziert Stellung: er fahre nicht ins Ausland, um dort möglichst Trophäen zu erjagen, die es hier nicht gibt – da fehle ihm die Beziehung zu dem Tier, daran sei er nicht interessiert. Er verzichte auch heute eher mal auf einen Schuss, weil er sich sage: “Diese Idylle mit diesen Tieren möchte ich nicht stören, lass sie mal laufen!“

Die von Herrn Wichmann offensiv gesuchte Diskussion mit den zwanzig Zuhörern zeigte eine Reihe kontroverser Betrachtungsweisen. Wiederholt tauchte dabei die Frage auf, welche Berechtigung und Begründung zum Töten von Tieren ethisch vertretbar sei. Herr Wichmann wies auf ein interessantes Detail hin: solange das Wildtier lebt, gehört es niemandem.  Erst wenn der Jäger es erlegt hat, geht es in sein Eigentum über. Könnte das nicht als Hinweis auf ein der Jägerei innewohnendes Macht- und Aneignungsstreben verstanden werden? Solche psychologischen Betrachtungen sind natürlich in der Jägerei nicht alltäglich und es gab hier keine Annäherung der Positionen. Der Aspekt der Umkehrbarkeit („was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ – Volksmund) spielte eine Rolle: warum ist es verwerflich, dass Wildschweine Gärten umpflügen – aber wir können sie umgekehrt abschießen, weil sie zu viele geworden sind? Es war unbestritten, dass man Landwirtschaft und Jägerei als miteinander eng verknüpfte Systeme verstehen muss: der verstärkte Maisanbau begünstigt die Zunahme der Wildschweinpopulation, es kann nur eine von verschiedenen Optionen sein, dieser Zunahme durch Abschüsse zu begegnen. Wozu muss dieser Maisanbau sein?  Welche Beeinflussungen muss das Wild durch gentechnisch verändertes Pflanzengut oder andere chemische Spritz- und Düngestoffe hinnehmen?

Einigkeit bestand darin : es ist ein interessantes und komplexes Thema, in dem Ideologien nichts zu suchen haben – ganz gleich, ob sie von Tierschützern (manchmal) oder von Jägern (fast immer) stammen. Bei dieser Veranstaltung lag die Ideologielastigkeit auf Seiten des Jägers, der keinen Zugang fand zu dem Standpunkt, Tötung müsse hinterfragt werden. Das passte nicht in sein Weltbild.

(Ingo Engelmann)


Nachtrag:

Sowohl die Veranstaltung als auch der Bericht wurden beim Runden Tisch kontrovers diskutiert. Um sich ein eigenes Bild auch von Jäger-kritischen Aspekten machen zu können, hier einige Internet-links:

http://jagdkritik.ch/unsinn-der-jagd/jagereien/833-genf-s-wildtiere-leben-gut-ohne-die-jagd.html

http://albert-schweitzer-stiftung.de/tierschutzinfos/tiervideos/jagdkritik

http://www.abschaffung-der-jagd.de/jaegerluegen/index.html

http://www.abschaffung-der-jagd.de/plaintext/fakten/studiegegenwildschweinjagd/index.html

http://www.tierrechte.de/images/stories/Infomaterial/100014.pdf

 


 

 

Mensch-Tier-Beziehung im Fokus (Dritter Vortrag mit Diskussion am 8. Januar 2013)


Referent: Bio-Schlachter Heino Cohrs


Die Beschäftigung mit verschiedenen Blickrichtungen auf das Verhältnis von Mensch und Tier wurde fortgesetzt mit dem Bio-Schlachter H. Cohrs, der unter anderem für Privatkunden und Bio-Höfe wie Wörme und Arpshof schlachtet. Der von der Familie seit Generationen geführte Schlachterladen musste geschlossen werden, als eine Fortführung mit Familienmitgliedern nicht mehr gewährleistet war.

 

Damit war Herr Cohrs schnell bei einem flächendeckenden Problem der artgerechten Tierhaltung und –schlachtung angekommen. Die Bezahlung der qualifizierten Angestellten führt zu hohen Preisen und ist daher oft nicht in der Lage, sich gegenüber der Billig-Konkurrenz aus konventioneller Massentierhaltung und Großschlachthöfen zu behaupten. Diese Schieflage wird seit 2010 verschärft durch neue EU-Auflagen. Hygiene-Vorschriften wurden verschärft, selbst erfahrene Fachmänner wie Heino Cohrs mit Gesellen- und Meisterbrief (seit 1985) hätten eine neue Zulassung erwerben müssen und sich den neuen Vorschriften unterordnen. Diese sind aber ausgerichtet auf die Produktionsbedingungen der Agrarindustrie: die Desinfektion von Betrieben bis zur leblosen Sterilität macht nur „Sinn“, wenn man mit computergestützten Automaten eine möglichst lange haltbare Ware herstellen will (z.B. acht Tage haltbares Hackfleisch), das aber keine Bakterienkulturen mehr enthält, wie sie in traditioneller Fleisch- und Wurstherstellung gebraucht wird (z.B. zur Bindung in Bratwürsten sowie zur Geschmacksbildung). 10000 Kleinbetriebe haben seit Inkrafttreten dieser neuen EU-Richtlinien aufgeben müssen.

 

H. Cohrs kann sich in seinem beruflichen Alltag darauf einstellen, dass Tiere auch nach kurzem Transport (nach 15-20 Kilometer sind sie bei ihm angekommen) zur Ruhe kommen müssen und eine Vertrauensatmosphäre entstehen muss, die es ermöglicht, das Tier schmerzfrei zu betäuben. Nur wenn er davon überzeugt ist, nimmt er die eigentliche Tötung vor. Das unterscheidet diesen Vorgang von der Massentötung im Schlachthof, die von Mitarbeitern aus Billiglohnländern am Fließband erledigt wird. Dort gibt es keine Sicherheit, dass die geplanten Vorgänge (elektrischer Stromschlag, CO2-Vergasung) auch funktionieren – die hohen Zahlen von Tieren, die nicht betäubt sind, wenn sie ins Säurebad kommen oder die Zerlegung beginnt, sind aus den Massenschlachthöfen bekannt.

 

In der Diskussion der 30 Zuhörer (vom theoriefesten Veganer bis zum Bio-Bauern mit Demeter-zertifizierter Tierzucht) bewegte sich vorwiegend in zwei Themenbereichen: wie können Bio-Höfe erhalten und gestützt werden, die eine wesentliche Bastion gegen die Lebensmittelindustrie und Monsanto sind? Und welche ethische Legitimation gibt es, Tiere zu töten – ob so brutal wie im Schlachthof oder so vertrauensvoll wie bei H. Cohrs?

 

Es gibt Bio-Firmen wie Demeter oder Neuland, die eigene Vorschriften für die Tötung von Tieren haben. Sie verfügen aber nicht über eigene Schlachthöfe, und die kleinen Betriebe (wie der von Herrn Cohrs) werden durch die EU-Richtlinien zerschlagen. Supermarktketten lassen das bei ihnen erhältliche Bio-Fleisch in konventioneller Schlachtung produzieren. Wer also den Bauern nicht kennt, wo das Tier aufwächst, und den Schlachtprozess nicht überblickt, der möglicherweise ganz gruselig und tierquälerisch ist, der sollte (so meinte ein Diskutant) dann doch ganz auf Fleisch verzichten. Ob es vorstellbar ist, eine vertretbare (was ist hier vertretbar??) Tötungspraxis in genossenschaftlich geführten Bio-Schlachthöfen zu installieren, konnte niemand wirklich ermessen. Kann man eine artgerecht tötende (??) Parallelstruktur neben der konventionellen tierverachtenden Fleischindustrie entwickeln? Hier sind Fragen und Forderungen an die Höfe und Bauern sowie die Bio-Verbände zu stellen. Bio-Fleisch aus Supermärkten wirkt meist wie ein Etikettenschwindel.

 

Entscheidend ist aber die grundsätzliche Frage danach, woher der Mensch überhaupt die Berechtigung nimmt, Tiere zu töten. Viele kennen aus den Erzählungen in der eigenen Familie (damals bei Oma) die Probleme, die auftreten, wenn ein vertraut gewordener Hase geschlachtet und auf den Tisch gebracht wird. Es gibt aber auch den Bauern, der sagt, ich kann überhaupt nur ein Tier essen, dessen Leben ich in intensiver Beziehung und Zuwendung begleitet habe. Wie ist das mit den Beziehungen zum Tier – den eigenen Hund würde ja auch der Bio-Schlachter nicht töten und verwursten? Wie ist das mit der Ausbeutung der Tierwelt – und auch der Pflanzenwelt, die ja zur Ernährung auch gezüchtet und durch Essen vernichtet wird? Klar: die Weizen- und Sojaproduktion auf der Welt geht zu überwiegendem Teil in die Tiermast, wo aber ein um den Faktor zehn geringerer Ertrag an Nahrungsenergie daraus wird. Diese Pflanzen direkt in die Ernährung der hungernden Menschen zu leiten würde den Hunger beenden. Aber das ist nicht das Interesse der Großkonzerne (Monsanto möchte bis 2050 die Ernährung der Welt monopolistisch regieren). Wenn Weizen und Soja direkt in die Ernährung gehen, ohne den Umweg über die Tiermast zu nehmen, würde es für alle reichen – sogar wenn man die Pflanzen biologisch anbaut, und das ist nun gar nicht das Interesse der Biochemiekonzerne, die an ihren Genpatenten, Pestiziden usw. verdienen wollen (und von der EU unterstützt auf diesem Weg immer weiter vorankommen). Auch darauf wurde in der Diskussion zu Recht verwiesen.

 

Viele Fragen, sehr auseinanderdriftende Positionen (zum Teil kaum versöhnbar), aber trotzdem ein angeregtes Gespräch und ein sachlicher, zurückhaltender Referent in einem schwierigen Kontext: die dritte Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Mensch-Tier-Beziehung im Fokus“ zeigte einen Weg, wie die notwendige Diskussion geführt werden kann.


 

 

Mensch-Tier-Beziehung im Fokus (vierter Vortrag mit Diskussion am 05.02.2013)


„Legehennen in biologischer Landwirtschaft“ (Hubertus v. Hörsten, Hof Wörme)


Seit 1986 bewirtschaftet Hubertus von Hörsten den Hof Wörme bei Buchholz nach Demeter-Kriterien biologisch-dynamisch. Damit die Bio-Basis langfristig gesichert ist, wurde der Hof in eine Genossenschaft umgewandelt. So gibt es neben der Bäckerei und dem Gemüsebau Viehhaltung in verschiedenen Bereichen: Schweinezucht, Rinder und Ziegen – und seit vier Jahren Legehennen. Nachdem die Milchwirtschaft durch den Preiskampf der großen Konzerne für den Hof Wörme wirtschaftlich nichts mehr hergab, entstand mit den Hennen ein neues Standbein für die Landwirtschaft. Kühe werden zwar auch noch gehalten – aber man sieht sie fast nie, weil sie mit ihren Kälbern die ganze Sommerzeit draußen auf der Weide sind. Milch wird nicht mehr produziert

 

Die Haltung von Legehennen nach Demeter-Kriterien ist von vielen Hemmnissen gekennzeichnet. Der Weltmarkt für Eier und Legehennen (wie auch für den Bereich der Masthühner) wird von drei Konzernen weltweit dominiert. Einer davon ist die Firma Lohmann aus Cuxhaven. Die Firma hat mit Bio nichts am Hut und konzentriert sich auf vier Hybridlinien, daneben gibt es keine wirtschaftlich nutzbaren Hühnerrassen mehr – da hatten Schweinezüchter besser aufgepasst und aussterbende Rassen wie die Bentheimer und andere gerettet, die für den Bio-Bauern eine bedeutsame Rolle spielen. Bei den Hühnern gibt es erst neuerdings Ansätze, neben dem Weltmonopol der vier Lohmann-Hybriden andere möglicherweise vielfältiger nutzbare Rassen zu züchten.

 

Auch für Bio-Bauern ist die Wirtschaftlichkeit ein wesentliches Kriterium der Tierhaltung. Wenn ein Huhn nur 200 oder noch weniger Eier im Jahr legt, rechnet sich die Investition größerer mobiler Ställe nicht, und der Bauer kann von seiner Arbeit nicht leben. Die Demeter-Richtlinien für die Haltung von Legehennen und die Produktion von Bio-Eiern sehen noch strengere Auflagen vor, welche Sicherheitspausen einzulegen sind, wenn beispielsweise eine Antibiotika-Behandlung erforderlich wird (die es in Wörme bisher nicht gab) oder wenn eine der vorgeschriebenen Impfungen erfolgte. Die Erfahrungen in Wörme zeigen, dass eine Stallgröße von ca. 400 Legehennen optimal ist. Der Bauer kann den Überblick behalten, ob es Unregelmäßigkeiten im Bestand oder im Auslauf gibt. Die Hühner reagieren positiv auf strukturierende Kontakte: morgens begrüßt der Bauer die Hühner im Stall, macht einen Mittagsrundgang und verabschiedet sich am Abend. Wichtig ist auch die Fütterung mit weitgehend hofeigenem Futter (Weizen, Grünfutter usw.), nur wenige Produkte müssen zugekauft werden, weil z.B. Sonnenblumen hier in der Nordheide nicht gut gedeihen.

 

Eine besondere Rolle spielen die männlichen Küken, die traditionell in der industriellen Eierproduktion einfach geschreddert werden, weil sie zu nichts gut sind. In Kooperation zwischen dem Hof Wörme, dem Bauck-Hof bei Amelinghausen und weiteren biologischen Höfen und Großhändlern wird ein Projekt („Bruder-Hahn“) aufgebaut, das auch den männlichen Küken ein Leben ermöglicht. Sie sollen ein halbes Jahr in möglichst artgerechter Umgebung aufwachsen, ehe sie dann ebenfalls getötet und vermarktet werden. Konventionelle Hähnchen werden ungefähr 32 Tage (weniger als fünf Wochen) gemästet. Bio-Hühner brauchen dazu 10 Wochen, die Bruder-Hahn-Tiere 22 Wochen. Das verursacht Kosten, für die im Bruder-Hahn-Projekt ein Aufpreis von 4 ct. Pro Ei berechnet wird.

 

Warum braucht der Bio-Landbau denn überhaupt die Nutzung (und in der Regel Tötung) von Tieren? Wie wäre es, sich auf Gemüsebau zu konzentrieren? Ziel des biologisch-dynamischen Landbaus ist es, eine gesunde Natur zu bewahren und (wieder) herzustellen. Es gibt die grundlegende Zielsetzung, dabei keine künstlichen Mineraldünger einzusetzen. Wenn man die z.T. recht mageren Böden in der Heide und auch anderswo aufbessern will, braucht man dazu tierischen Dünger. Am besten eignen sich Kuhmist und der Hühnerkot. Ohne diese Stoffe wäre der biologische Landbau nicht aufrecht zu erhalten. Nach dem Abschied von der Milchwirtschaft auf dem Hof Wörme ist die Legehennen-Haltung mit dem gesammelten Hühnerkot also ein wichtiges Element für den gesamten Hof mit allen seinen verschiedenen Betriebsteilen.

 

Und immer wieder funkt die Wirtschaftlichkeit dazwischen, wenn es um tiergerechte Lebensbedingungen geht. Es wäre wünschenswert, dass jedes Tier (und auch jeder Mensch, der das möchte) Nachwuchs zeugen und aufziehen kann. Diese Erfahrung, im eigenen Nachwuchs in die Zukunft zu leben, ist ein existenzielles Grundrecht, sagen viele. Aber wenn Legehennen Eier ausbrüten dürften (und wenn auch nur punktuell oder in wenigen Fällen), stößt das schnell an wirtschaftliche Grenzen: Hühner, die sich um Küken kümmern, legen keine Eier. Das bedeutet Verdienstausfall bei weiterlaufenden Kosten (Futter, Kapitaldienst für Investitionen). Außerdem eignen sich die Hybrid-Rassen überhaupt nicht für diese Strategie – nach den Mendelschen Gesetzen gibt es aus diesen Eiern mal diese, mal jene Rasse, die Legeleistung ist unterschiedlich und betriebswirtschaftlich nicht tolerabel.

 

Und, so brachte es Hubertus von Hörsten in seinem überaus informativen Stegreifvortrag auf den Punkt, das Verhältnis von Tier und Mensch ist eben ein letztendlich überaus unausgewogenes: Er esse, sagte er, gern Fleisch. Da wir alle gern den entgegengesetzten Fall verhindern wollen (wer wird schon gern gefressen?) bleibt es auch im biologischen Landbau bei den bekannten Herrschaftsformen. Um es ganz ohne Ironie zu sagen: das Verhältnis ist kein gleichberechtigtes „Ihr gebt uns was ab und wir geben euch was ab“, ihr kriegt Futter und ein Dach über dem Kopf, wir kriegen dafür Milch und Eier. Wir kriegen deutlich mehr: wir beschneiden euer Tier-Leben auf wenige Jahre, dann geht es in die Schlachtung.

 

Allerdings – so zeigte die freundliche Diskussion – sehen die Bedingungen auf dem Höf Wörme viel friedlicher aus. Es gab daher auch keine Kontroversen in der Debatte, sondern eher technische Detailfragen über die gelbe Lupine und neue Rasse der „Bleues“ (bei der die weiblichen Tiere als Legehennen nutzbar sind und die männlichen als Masthähnchern, es also keine Tötung jedes zweiten Tieres gibt). Wirklich neue Erkenntnisse über die Beziehung zwischen Mensch und Tier gab es so nicht, aber die Einsicht, dass sich Mensch und Tier im biologisch-dynamischen Landbau doch mehr in der gegenseitigen Abhängigkeit erleben. Insofern unterscheiden sich die Herrschaftsverhältnisse dann eben doch von der traditionellen Agrarindustrie, wo noch Verhältnisse an der Tagesordnung sind, die schlimmer sind als jedes System von Sklaverei und Menschenhandel jemals gewesen ist.

 

Ingo Engelmann


 

 

Mensch-Tier-Beziehung im Fokus (fünfter Vortrag mit Diskussion am 5. März 2013)


Sonja Heiermann: „Vegan – eine Frage der Logik“

 

Der Runde Tisch für Natur-, Umwelt- und Tierschutz in Buchholz hat mit seiner Veranstaltungsreihe „Mensch-Tier-Beziehung im Fokus“ eine überraschende Kontinuität geschaffen. Zur fünften Veranstaltung waren erneut über 30 Interessierte in den Bio-Supermarkt Aleco gekommen. Die Veganerin Sonja Heiermann, im zivilen Beruf Sängerin und Gesangslehrerin, berichtete über vegane Lebensweise als logische Konsequenz:

 

-          aus Nachdenken über die Umwelt und die Zukunft der Erde

-          aus Beschäftigung mit dem eigenen Körper und seinem Wohlergehen

-          aus ethischen und philosophischen Erwägungen

-          aus Widerstand gegen Großkonzerne und deren Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur

-          und aus verschiedenen weiteren Überlegungen.

 

Vegane Lebensweise verzichtet auf jedes Produkt, das aus Tiernutzung entstanden ist. Zentral gehört dazu natürlich der Verzehr von Fleisch (wie bei Vegetariern). Darüber hinaus werden aber auch Produkte aus der Tierhaltung gemieden: Eier, Milchprodukte (wie Yoghurt, Käse oder Milchspeiseeis), Honig, Leder und Wolle in Kleidungsstücken oder Möbelbezügen sowie Produkte, zu deren Entwicklung Tierversuche vorgenommen wurden. Die Liste lässt sich verlängern, man ahnt ja nicht, worin heutzutage alles tierische Produkte versteckt sind!

 

Das Vorurteil, vegane Ernährung sei langweilig und führe zu blassem und kränklichem Aussehen, ist heute durch wissenschaftliche Untersuchungen und lebendige Zeugenschaft quietschvergnügter Veganer widerlegt. Immer wieder wird kranken Menschen, bei denen verschiedene traditionelle medizinische Behandlungsmethoden versagen, ein Umsteigen auf vegane Ernährung geraten (auch von konservativen Medizinern).

 

Die Zukunft der Welt

Schon heute ist weltweit längst nicht überall die Versorgung mit sauberem Trinkwasser gewährleistet. Trotzdem werden Unmengen von sauberem Wasser in der Tiermast eingesetzt. Pro Kilo Lebensmittel wird bei der Fleischerzeugung zwischen zehn- und hundertmal so viel Wasser benötigt wie bei der Herstellung von Kartoffeln oder Getreide.

 

Die Tiermast belastet die Umwelt mit erheblichen Methanmengen. Der Treibhauseffekt wird durch die zunehmende Tiermast angeheizt. Der Landverbrauch z.B. in Südamerika ist immens, und für Tiermast und Sojaanbau (Tierfutter) werden Regenwälder abgeholzt. Die Konsequenzen der Tierproduktion für die Umwelt sind katastrophal. Wer nicht vegan lebt, fördert die Umweltzerstörung. Ist das vernünftig?

 

Der Blick auf die Evolution

Vielfach wird behauptet, der Mensch sei immer ein Fleischfresser gewesen und es sei unnatürlich, ihn nun auf den Verzehr von Gemüse und Obst beschränken zu wollen. Das stimmt nicht. Verschiedene Organmerkmale beim Menschen (z.B. die Länge des Darms) weisen darauf hin, dass der Mensch den Wiederkäuern nahesteht. Der menschliche Organismus kann kein Vitamin C synthetisieren – das können aber Raubtiere, die manchmal über längere Zeit keine pflanzlichen Ergänzungsnahrungsmittel finden und in diesen Phasen sich ihr Vitamin C selbst herstellen müssen. Und so weiter… viele Details sprechen dafür, dass es eine biologische Vorbestimmtheit des Menschen, Fleisch essen zu müssen, nicht gibt. Wir sind nicht gezwungen, Fleisch zu essen. Warum sollte es dann vernünftig sein?

 

Ethik und spirituelle Energie

Religiöse Grundsätze verboten früher das Töten auch von Tieren. Heute will das die Kirche zum Teil selbst nicht mehr wahrhaben. Der Paradies-Mythos versinnbildlicht in vielen Weltbildern ein friedliches Miteinander. Herrschaftsfreiheit ist ein wesentliches Moment vieler fortschrittlicher Geisteshaltungen. Die Herrschaft des Menschen über das Tier (nur mühsam gebändigt durch Bestimmungen des Tierschutzes) wiederholt und verschärft heute die Tragödien, die es in Sklavenhaltersystemen der vergangenen Jahrhunderte gegeben hat. Damals ging es Mensch gegen Mensch, heute Mensch gegen Tier. Auch diese Phase wird überwunden werden, wie das Zeitalter der Sklaverei – weil es vernünftig ist.

 

Lebhafte Diskussion

Der Vortrag von Sonja Heiermann regte eine lebhafte Diskussion an. Es ging um die Legitimation, in (meist längst nicht mehr existierenden) ausgewogenen Kreislaufsystemen Menschen in bestimmten Situationen berechtigt sein können, für ihren Bedarf ein Tier zu erlegen (Indianer und Bisons, Eskimos und Fische oder Robben). Diese Debatte bleibt aber recht akademisch, weil diese Sonderbedingungen selten gegeben sind – bei uns ganz sicher nicht. Es ging auch um den Holocaust-Vergleich: ist es zulässig, das Elend von Millionen und Abermillionen von getöteten Tieren mit Millionen von ermordeten Juden zu vergleichen? So wurde zu bedenken gegeben, dass man die Analogie zu KZs nicht allein mit der Menge betroffener Opfer (die Zahl der getöteten Tiere ist sogar noch viel höher) begründen kann. Der rassistische Hass auf ein bestimmtes Volk (und einige andere, kleinere Gruppen von politisch, sexuell oder religiös Verfolgten) hat ein eigenes Format, er ist nicht zu vergleichen mit dem zweckbestimmten Nutzen der Tiere (wozu man sie umbringt, um ihr Fleisch zu essen). Ob das eine schlimmer ist als das andere – darüber ist trefflich zu streiten. Aber es ist einfach anders.

 

Das bewegende Schlusswort der Veranstaltung sprach ein Teilnehmer, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. Er berichtete, wie er durch vegane Lebensweise die Verschlechterung seiner Erkrankung aufhalten konnte. Wer weiß, wie es ihm heute gehen könnte, wenn er darüber früher informiert gewesen wäre. Aber gut, dass er jetzt vegan leben und diese Botschaft verbreiten kann.

 

*

 

Kommentar:

Veganer brauchen sich nicht zu verstecken. Die Diskriminierung einer ethisch gut begründeten Lebensweise ist heute nicht mehr zu rechtfertigen. Und Veganer haben es nicht nötig, sich dauernd zu erklären oder gar zu entschuldigen.

 

Trotzdem gibt es immer wieder Anzeichen eines Erklärungsnotstandes. Die in der Regel hervorragend informierten Vertreter einer fleischfreien oder veganen Lebensweise können zahlreiche Fakten vortragen, die ihre Entscheidung begründen. Manche ihrer Argumente lassen alle Andersdenkenden oder   –essenden alt aussehen. Trotzdem ist die überwiegende Mehrheit aller Verbraucher nicht vom Fleischkonsum abzubringen. Das verbittert manchen Gutmeinenden unter den Tierrechtlern und führt zu verstärkten Argumentationsbemühungen. Was dabei rauskommen kann, ist eine verzweifelt an ihrer erkannten Wahrheit festklebende relativ kleine Gruppe von Menschen, die den Zugang zum Denken, Fühlen und Handeln der überwältigenden Mehrheit verliert. Und das sind Kennzeichen einer Kleingruppe, die man gemeinhin als „Sekte“ bezeichnet. Wichtig bleibt in der Diskussion um den Lebenswandel (fleischfrei, fleischarm, frugan, vegan oder wie?), mit dem Anderen und seinen Grundsätzen respektvoll und tolerant umzugehen. Ob und wo Grenzen der Toleranz zu setzen sind, muss sehr vorsichtig und umsichtig diskutiert werden. Das ist eine Grundlage der Arbeit des Runden Tisches für Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchholz, der eine bunte Gruppe verschieden verorteter Menschen zusammenbringt und Vorreiter dieses Diskussionsprozesses ist..

 

Ingo Engelmann