Pu der Bär und die Mentalisierung

 

Was Pu der Bär mit seiner Gemeinschaft im Hundertmorgenwald erlebt, ist angesiedelt in einer Welt voller Phantasie und Wunder. Aber es ist gleichzeitig ein bunter Spiegel unserer Welt und unseres Menschenlebens. Es steckt ein gerüttelt Maß an Psychologie in den Haupt- und Nebenfiguren, Lebensweisheit und Erfahrung. Es macht Spaß, die Geschichten aus psychologischem Blickwinkel zu betrachten und dabei auch mal mentalisierungsbezogene Betrachtungen anzustellen (die Mentalisierungstheorie ist ein psychologisches Konzept - ein paar Begriffe werden am Schluss in einem Glossar erläutert). Dabei erkennt und versteht man vieles, ohne gleich immer dicke Theorie-Bücher studieren zu müssen.

 

Ach ja, die Reihenfolge: Zunächst gibt es ein kleines Verzeichnis der ganzen Kapitel, dann kann man die Kapitel eins nach dem anderen lesen, und am Ende gibt es das Glossar mit Erklärungen der wichtigsten Fachbegriffe.  

 

 

 


 

 

Inhaltsverzeichnis:

 

 

Erstes Kapitel: Pu der Bär und die Gemeinschaft im Hundertmorgenwald – eine kleine Charakterkunde zur Einführung

 

Zweites Kapitel (in dem die Realität besonders schwer erkannt wird, weil man gerade mittendrin steckt)

 

Drittes Kapitel (In dem es um eine zentrale Frage geht: Wer bin ich – und muss das unbedingt sein?)

 

Viertes Kapitel (in dem Ambivalenz und Pohlarität verstanden werden)

 

Fünftes Kapitel (in dem es um das Fühlen geht, und um das Gegenteil: Ich fühle mich heute gar nicht)

 

Sechstes Kapitel (in dem es um das Wechselspiel zwischen Fremdheit und Kultur geht)

 

Siebtes Kapitel (oder: Wenn der Apfel fällt – wo ist dann der Stamm?)

 

Letztes Kapitel (in dem erklärt wird, dass Entwicklungen die Menschen schon immer mehr bewegt haben als Verwicklungen, und ein Missverständnis aufgeklärt wird – auch eine Art Nachwort)

 

Glossar

 

Literatur

 

 

 


 

Erstes Kapitel

 

Pu der Bär und die Gemeinschaft im Hundertmorgenwald – eine kleine Charakterkunde zur Einführung

 

Pu der Bär

Ist die Hauptperson der Geschichten: ein Bär von geringem Verstand, wie er selbst sagt, aber mit einem riesigen Herzen (und einem kaum einmal wirklich gestillten Hunger auf Honig oder Waffeln mit Kondensmilch). Pu ist uneigennützig bis zur Selbstaufgabe, ein ehrliches Fell und in seiner unaufgeregten Art von solch umwerfender Gewitztheit, dass er immer wieder aufregende Entdeckungen macht. Meistens kann er nichts dazu. Und oft wird ein großartiges Gesumm daraus, oder ein Tideldei, jedenfalls ein Pu-Lied.

 

Christopher Robin

Ist Pus bester Freund und auch die Hauptperson der Geschichte (denn ihm werden die Pu-Geschichten ursprünglich erzählt, in denen er auch selbst immer mitspielt). Chistopher Robin ist Schutz und Rückhalt in allen Lebensfragen, er kann lesen und überhaupt wäre ohne ihn alles nicht möglich.

 

Ferkel

Ist ebenfalls Pus bester Freund und in einigen Geschichten des Buches ist es sogar die Hauptperson. Ferkel ist klein, eigentlich rosa und wäre gern etwas mutiger. Aber dadurch kann es die Großen umso besser bewundern, das ist auch schön. Und ohne Ferkel als Gegenüber würde Pu auf die besten Ideen auch gar nicht kommen, also ist Ferkel eigentlich noch mehr Hauptperson als schon angegeben.

 

Kaninchen

Findet, dass es die Hauptperson ist, aber darüber besteht keine einheitliche Meinung. Kaninchen organisiert sämtliche Suchaktionen, wobei es nicht verhindern kann, dass trotzdem ab und zu jemand gefunden wird. Das passende Kleidungsstück für Kaninchen wäre eine geblümte Kittelschürze. Noch Fragen?

 

Oile

Ist eine Eule. Sie erzählt lange, lange Geschichten über irgendwelche entfernten Verwandten, die keiner kennt, und ermöglicht damit manchem ein erquickendes Nickerchen. Oile kann schreiben, jedenfalls findet Pu das. Sie kennt komplizierte Wörter, die aber im Hundertmorgenwald eigentlich keiner braucht. Schade.

 

Känga und Klein-Ruh

Sind das Familienähnlichste, was im Hundertmorgenwald zu finden ist (abgesehen von den Kleinwuslern). Känga ist eine großartige Übermutter, worauf aber keiner wirklich achtet und es ihr also auch nicht übelgenommen wird. Klein Ruh macht immer wieder verbotene Dinge, die dann plangemäß schiefgehen, das ist immer ein Hauptspaß.

 

Tieger

Kommt als letzter in den Wald, und keiner versteht ihn so richtig, ihn selbst eingeschlossen. Seine Worte versteht man schon, aber warum er immer so angibt, so viel Wind macht, und wen er damit eigentlich beeindrucken will (vielleicht sich selbst?) weiß keiner so genau. Tieger ist auf seine Art (wie eigentlich alle im Hundertmorgenwald) unglaublich zuverlässig. Man muss nur hinterher herausfinden, was man von ihm wollte.

 

 

 


 Zweites Kapitel

 

(in dem die Realität besonders schwer erkannt wird, weil man gerade mittendrin steckt)

 

 

 

Hier kommt nun Eduard Bär die Treppe herunter, rumpeldipumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Christopher Robin. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andere Art, wenn er nur mal einen Augenblick mit dem Gerumpel aufhören und darüber nachdenken könnte. Und dann hat er das Gefühl, dass es vielleicht keine andere Art gibt. (13)

 

So beginnt das erste Buch, und so lernen wir Pu kennen: als einen fühlenden Bären. Eduard Bär, das ist nämlich Pu. Er hat einen ganz offiziellen Namen, der in sämtlichen amtlichen Papieren stehen würde, wenn ihm nur einfiele, wozu er die benötigen könnte, und dieser amtliche Name ist Eduard Bär. Bis herausgefunden ist, wozu er den braucht, wird sein offizieller Name so gut wie nie auftauchen und wird immer nur sein Alltagsname benutzt, und der ist Pu. Eduard Bär kann ja beinahe jeder heißen, es gibt allein in Deutschland Dutzende: einer lebt in Mittelfranken, einer in Sulzbach-Rosenberg, einer im Nassauischen und wo sonst noch überall. Christopher Robin hatte mal einen Schwan, den er Pu genannt hatte.

 

Das war vor langer Zeit, und als wir uns verabschiedeten, haben wir den Namen mitgenommen, weil wir nicht glaubten, dass der Schwan ihn noch wollte. (11)

 

Und weil Eduard Bär einen aufregenden Namen ganz für sich allein wollte, nannte Christopher Robin ihn Pu.

 

Im Augenblick nimmt ihn seine Realität, die stufenbedingte Traumatisierung, dieses Absteigende-Treppen-Syndrom (ATS) schon sehr gefangen. Aber er lässt sich nicht hindern, das Gefühl zu erahnen, es gebe da auch noch eine andere Realität, weniger stufig, vor allem weniger traumatisierend für den Hinterkopf. Aber wie auch immer, bei einem derartigen Gerumpel kann man sich nur schwer aus der derzeitigen Realität rausfühlen.

 

Schon in dieser frühen Szene werden wir darauf hingewiesen, dass Pu ein Bär ist, der sich in vielen Phasen seines Tageslaufs in einer Verfassung befindet, die ein kleines Kind im ersten Lebensjahr gut kennt (und die wir alle später immer mehr vergessen, auch wenn wir alle mal da durch mussten). Pu befindet sich auf den (Entwicklungs-) Stufen seines Treppen(ab)ganges im Zustand der primären Repräsentation. Diese Phase frühkindlicher Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass unspezifische (in der Regel körperlich begründete) Gefühlszustände vage wahrgenommen werden: da stimmt was nicht (und das kann dann Hunger sein, Kälte oder ein zwischen den Stäben des Gitterbettchens eingeklemmter Körperteil – ein ähnliches Dilemma werden wir bei Pu noch kennen lernen, s. Kapitel 4). Die Reaktion der kleinen Person ist ebenso unspezifisch wie der auslösende Zustand: es wird gebrüllt. Die Eltern werden schon herausfinden, was im Einzelnen denn nun los ist. Das ist eine der ersten und nicht unwichtigsten Elternaufgaben: herauskriegen, warum der kleine Kerl bzw. die Prinzessin schreit. Das hat eine ganz pragmatische Seite, damit es wieder eine Ruhe gibt. Viele Eltern lieben Ruhe. Das hat aber auch noch andere Seiten, die nicht so ins Auge fallen, aber eher noch wichtiger sind. Zum Beispiel: Eltern signalisieren dem kleinen Kind durch Erledigung der „1. Elternaufgabe“, dass es ein Gefühl empfindet. Das Kind kann dieses Gefühl nicht zuordnen, weil es noch keine Ahnung hat, was das ist: ein Gefühl. Aber die Eltern können herausfinden, um welches Gefühl es sich im Rahmen des Eltern-Gefühls-Kategorien-Katalogs handelt. Sie werden dann dem Kind spiegeln, worum es wohl gehen mag, und dabei vielleicht mitteilen, worum es ihrer Meinung nach geht: du hast ja Hunger, und das ist wirklich völlig gerechtfertigt, weil die letzte Mahlzeit schon geschlagene fünf Stunden her ist, und überhaupt ist die Zeit nicht so wichtig, wann man zuletzt was gegessen hat, sondern wer Hunger hat, der hat recht. Na komm, hier ist das Fläschchen. Das Kind also brüllt, und die Eltern spiegeln. Aber man beachte: Pu ist kein Baby. Er geht auf Bärenart vor. Er brüllt nicht, er denkt (oder tut das, was in seinem kleinen Kopf diesem Vorgang am nächsten kommt). Er hätte es auch bleiben lassen können, denn allzu oft kommt er damit nicht weit. So ist das in diesem Stadium des Körperbewusstseins leicht mal, aber das wird sich ändern, später.

 

Mit der Wahrnehmung und emotionalen Verarbeitung der Realität hat man es also zunächst mal schwer, wie wir sehen. Man kennt sich erst langsam damit aus, nach und nach, und man kann jede Hilfe dabei brauchen. Als Pu einmal (wie immer) Honig braucht und eine Strategie entwickelt, wie er welchen stibitzen kann, fragt Christoph-Robin ihn, ob ihn die Bienen bemerken werden.

 

Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ sagte Winnie-der-Pu. „Bei Bienen kann man nie wissen.“ Er dachte einen Augenblick nach und sagte: “Ich werde versuchen wie eine kleine schwarze Wolke auszusehen. Das wird sie täuschen.“ (23)

 

Und im weiteren Verlauf des Projektes teilt er Christopher Robin mit:

 

Ich habe den Eindruck, dass sie argwöhnisch sind!“ „Vielleicht glauben sie, dass du hinter ihrem Honig her bist?“ „Daran könnte es liegen. Bei Bienen kann man nie wissen.“ (25)

 

In Pus Welt sind Vorstellungen wie „der andere“ und dessen mentale Verfassung in diesem Moment noch nicht angekommen: Pu ist zur Entwicklung seiner Strategie darauf angewiesen, sich was einfallen zu lassen und die Wirkung seines Planes experimentell zu erproben. Dabei stößt er schnell auf Paralleluniversen, in denen andere existieren, deren voraussichtliche Verhaltensweisen man nicht so genau ermessen kann. Hier geht es um das Paralleluniversum der Bienen, die man zu täuschen versuchen kann, aber ob es klappt, weiß keiner vorher, denn, bedenke: „Bei Bienen kann man nie wissen“.

 

In diesem Stadium liegen (noch) keine ausreichenden Kenntnisse darüber vor, wie mein Gegenüber funktioniert. Ich muss äußere Merkmale sammeln, Beobachtungen speichern, Einzelerfahrungen katalogisieren. Daraus kann ich dann mit einiger Wahrscheinlichkeit schlussfolgern, was als nächstes passieren wird. Ich habe zwar in diesem Stadium noch keine Ahnung, warum das passiert, wie das innen drin zusammenhängt, aber ich weiß, was aus der black box herauskommt, wenn ich zum Beispiel eine Attacke auf den Honig der Bienen starte. Psychologen nennen dieses Stadium „teleologisch“.

 

Neben dem wunderbaren (Honig!), aber unverständlichen (bei Bienen weiß man nie!) Kosmos der Bienen gibt es zahllose weitere Paralleluniversen. Das Wesen der Wuschels und ihrer Pfotenabdrücke beispielsweise bereitet Pu Kopfzerbrechen. Einmal wandert Pu um ein Buschgestrüpp und folgt den Spuren im Schnee. Ferkel fragt ihn, ob er einem Wuschel folge.

 

Könnte sein“, sagte Pu. Manchmal ist es das und manchmal ist es das nicht. Bei Pfotenabdrücken kann man nie wissen.“ (44)

 

Das macht die Welt spannend, aber auch unheimlich: mysteriöse Wesen folgen mysteriösen Lebensplänen, und ob sie dabei bedrohlich oder freundlich sein werden, bleibt zu oft offen (ich denke an Ferkels bibbernd-bange Frage zum Thema Heffalump: „Kam es, wenn man pfiff? Und wie kam es?“).

 

Die Suche nach den Wuschels ist noch in einem anderen Blickwinkel ganz interessant. Pu folgt den Spuren im Schnee, die er nicht genau zuordnen kann, und fragt sich, ob er da wohl einem Wuschel auf der Spur ist. Als er zum zweiten Mal um das Gebüsch herum gegangen ist, sind da plötzlich zwei Spuren. Ist er also zwei Wuschels („wenn es denn eins ist“) auf der Spur? Pu hat nur eine ungefähre Ahnung von Wuschels, irgendwie muss er früher mal was von Wuschels mitbekommen haben, was er jetzt in die Verfolgung der unbekannt wirkenden Spuren einfließen lässt. Das sind „Übertragungsspuren“, wie der Therapeut sagt, also Spuren von etwas, was wir von früher kennen und was sich in die aktuelle Erlebniswelt einfügt. Man weiß dann manchmal nicht so genau, was gerade aktuell los ist und was aus früheren Erlebnissen einfließt und sich mit der gerade herrschenden Realität mischt. Man verliert da leicht den Überblick. Christopher Robin hat es in der Pfotenabdruck-Szene besser: er sitzt auf dem Baum und beobachtet Pu von oben und erkennt, dass der seinen eigenen Spuren im Schnee folgt. Er kann von seinem Überblicksposten her einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die augenblickliche Realität dingfest zu machen. Später wird man in ähnlichen Situationen, in denen man es mit Übertragungsspuren zu tun hat (zum Beispiel wenn es früher mit der Mutter schwer war und sich das immer wieder in die aktuelle Spurensuche einmengt) für die Klärung einen Psychotherapeuten bemühen: der sitzt dann auf dem Baum und hat so einen besseren Überblick.

 

Nicht immer sind die Grenzen zwischen der unbelebten Natur und den lebenden Wesen samt ihrem Innenleben genau zu ziehen. Die psychologische Theorie ist da aber ganz streng. Zu den in der „Theory of Mind“ (ToM) beschriebenen erwachsenen Fähigkeiten gehört, dass man zwischen belebt und unbelebt unterscheiden kann, wenn man ein halbwegs vernünftiges Wesen mit einem (wenn vielleicht auch mäßig ausgeprägten) Verstand ist. Und das ist doch zumindest in der Regel das Ziel: fast jeder will doch mal diese Art Erwachsener werden, die genau weiß, was tot ist und was nicht, ohne dazu gleich eine Anstellung in der städtischen Leichenhalle annehmen zu müssen! Pu hat da noch ein gutes Stück des Weges vor sich: im obigen Textausschnitt ist er sich (ToM-widrig) nicht so sicher, welche finsteren Absichten diese Pfotenabdrücke im Schilde führen. Man kann nie wissen. Auch Pfotenabdrücke führen ein Eigenleben, man nimmt sich da besser in Acht.

 

Die Grenzen zwischen lebendigen Wesen und nicht lebendigen Dingen verschwimmt im Hundertmorgenwald schon mal. Nicht, dass das von zentraler Bedeutung wäre. Man braucht auch keine Angst davor zu haben. In einer kleinen Episode begegnet Pu einem lebendigen Ding, und wie das verläuft, soll gleich beschrieben werden.

 

Zunächst ist Pu viel mehr damit befasst, die Fremdheit zu bewältigen, die in Gestalt des kleinen Tieger in den Wald einbricht. Wie soll man aus jemandem schlau werden, der immer angibt wie drei Pfund Schmierseife, dessen Behauptungen aber sämtlich nicht haltbar sind (und dem das dann auch noch überhaupt nichts ausmacht)? Als Pu nach etlichen Verwicklungen mit Tieger zu Känga kommt, um dem neuen Waldbewohner Tieger dort endlich ein Frühstück zu verschaffen, fühlt er sich gleich mit eingeladen. Das gibt Sicherheit.

 

Und er fand eine Büchse Dosenmilch, und irgendetwas schien ihm zu sagen, dass Tieger sowas nicht mögen, weshalb er sie in eine stille Ecke trug und sich vorsichtshalber dazusetzte, damit sie von niemandem gestört werden konnte. (192)

 

Die Dosenmilch war einverstanden, und nachdem Pu sich so um sie gesorgt hatte und ihr Einverständnis fand, wurde es noch ein ganz wundervoller kleiner Imbiss. Es steht jedoch zu befürchten, dass ToM sagt: wenn man erwachsen werden will, macht man so etwas nicht - so tun, als wenn die Milch auf Augenhöhe mit einem kommuniziert und man sie gleichzeitig schützen muss wie ein kleines Baby. Das ist ja kindisch. Mit erwachsener Strenge wird einem verboten, in den paradiesischen Zustand zurückzukehren, wo alles noch miteinander verbunden war und sich austauschte, egal ob belebt oder unbelebt. In diesem Zustand verschwimmt alles, wie in einem Ozean, man nennt ihn deshalb auch „ozeanisch“ (Das Unbehagen in der Kultur, Freud 1930). Die Rückkehr zu diesem Zustand wird dann als „regressiv“ bezeichnet, was dann regelmäßig einen leicht abwertenden Beiklang hat. ToM besteht darauf, dass zum Beispiel Kuschelpuppen nicht wirklich leben und allenfalls als Übergangsobjekt eine vorübergehende Bedeutung erlangen. Pu regrediert da dann doch gern mal in den Zustand der direkten Kommunikation mit der Milch und fühlt sich gleich wieder ganz zuhause, und das mit dem fremden kleinen Tieger und dessen Frühstück regelt sich auch noch zu aller Zufriedenheit.

 

Es macht also gar nichts, wenn man sich nicht immer gleich freiwillig nach den Theorien richtet, die die Psychologen über das Leben aufstellen. Die Mentalisierungstheoretiker sprechen vom oben bereits erwähnten Teleologie-Modus, in dem sich kleine Wesen (neben Ferkel und Bären beispielsweise auch kleine Menschen) im ersten Stadium ihrer Reifung bewegen. Da es noch keine Vorstellung von sich und den anderen als getrennte Wesen gibt, und schon gar nicht von den unterschiedlichen inneren (mentalen) Zuständen, in denen sich die unterschiedlichen Wesen befinden können, ist das kleine Wesen in der Abstimmung seiner Äußerungen mit denen des Gegenübers (z.B. einer Mutter) auf die äußeren, sichtbaren Merkmale angewiesen. Es ist logisch, dass die Mutter auf den Säugling reagiert, man würde da nichts anderes erwarten. Aber umgekehrt - wie kriegt der Säugling es hin, auf seine Mutter angemessen zu reagieren, und zwar differenziert und anscheinend sinngeleitet? Die teleologische (d.h. zielgerichtete) Haltung des Säuglings hilft ihm, aus dem praktischen Erleben eine quasi statistische Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, wie die Mutter funktioniert. Und das Ganze ohne jede Ahnung davon, wie dieser merkwürdige Apparat „Mutter“ eigentlich gebaut ist und was in ihr innerlich abläuft. Dieser teleologische Modus ist eine große Kunst, die jeden Tag ein kleines Schrittchen weiter perfektioniert wird, bis er dann durch neue, bahnbrechende Erkenntnisse über die Mutter und über sich selbst abgelöst werden kann. Und so reift man aus dem Teleologie-Modus langsam heraus und wird Schritt für Schritt erwachsen(er). Pu hat Glück, dass er zu Recht aus dem passiven Verhalten der Dosenmilch den Schluss zieht, dass sie nichts dagegen einzuwenden hat, von ihm als Imbiss behandelt zu werden. Eigentlich gilt im Teleologie-Modus: bei Milch kann man nie wissen…

 

Alles macht weiter, „die Nacht und der Morgen / der Abschied von Gestern / die Freuden und Sorgen / die Zwiebeln im Kühlschrank / Alles macht weiter“ (Blumfeld 2003). Das ist der Weg der Reifung. Pu hat sich zwar noch nicht eindeutig geäußert, wie es mit seiner Intention bezüglich des Erwachsenwerdens derzeit beschaffen ist. Gleichwohl trifft er doch auch Vorbereitungen dazu. Wir können ihn dabei beobachten. Im Reifungsprozess stellt es einen ganz wesentlichen Schritt dar, sich vorstellen zu können, dass man etwas sagt, was gar nicht stimmt, und damit probiert Pu schon mal herum.

 

Christopher Robin sagte beiläufig. “Heute habe ich ein Heffalump gesehen, Ferkel.“

 

Was hat es gemacht?“, fragte Ferkel.

 

Einfach so vor sich hin gelumpt“, sagte Christopher Robin. „Ich glaube nicht, dass es mich gesehen hat.“

 

Ich habe auch mal eins gesehen“, sagte Ferkel. „Jedenfalls glaube ich, dass ich eins gesehen habe“, sagte es. „Aber vielleicht war es gar keins.“

 

Ich auch“, sagte Pu und fragte sich, wie ein Heffalump wohl aussehen mochte. (63f)

 

Der Wunsch, ebenfalls ein Heffalump gesehen zu haben, wo doch Christopher Robin damit auftrumpfen kann, ruft die verwegensten Wahrnehmungen und Erinnerungen hervor. Oder geht es um Spiegelneuronen, diese kleinen Arbeitsplätze im Gehirn, wo uns das, was wir hören und sehen, als eigenes Erleben erscheint? Wenn wir jemanden in eine Zitrone beißen sehen, ist das Mit-Erleben so stark, dass auch unsere eigenen Speicheldrüsen zu arbeiten anfangen. Ja es reicht schon, sich das Ganze nur vorzustellen (manchmal reicht es schon, davon zu lesen, und der Speichelfluss beginnt – merken Sie es schon?). So könnte man sich also vorstellen, dass Pu von Christopher Robins Heffalump-Erzählung so ergriffen wird, dass er es für ein reales eigenes Erlebnis hält. Ist aber wahrscheinlich falsch, diese Spiegelneuronen-Erklärung. Hier geht es doch wohl schlicht und einfach darum, dass Pu lügt. Okay, Notlüge, könnte man gelten lassen, er möchte nicht als vollkommen ahnungslos gelten. Aber vielleicht ist auch ein wesentlicher Antrieb, dass er rumexperimentiert: mal sehen, was passiert, wenn man die Unwahrheit sagt und keiner merkt es (oder zumindest keiner was dazu sagt). Das kann weder der kleine Mensch noch der kleine Bär von Anfang an. Um lügen zu können, muss man innerlich ein Abbild von der Realität herstellen und es umkehren, sozusagen ein Negativ anfertigen. Das reale Abbild ist die Wahrheit, das Negativ die Lüge. Jetzt kann man zwischen beiden hin- und herspringen. Das kann unheimlich Spaß machen, hat aber auch seine Tücken.

 

Wahrheit und Lüge sind aber längst nicht immer so kategorial gegeneinandergestellt, wie es dem Durchschnittskonfirmanden vorgegaukelt wird. Immer wieder verschwimmen die Grenzen im Niemandsland der verharmlosenden Scheinerklärungen oder verschleiernden Ausreden.

 

Meine Rechtschreibung ist nämlich etwas wacklig. Sie ist eine gute Rechtschreibung, aber sie wackelt und die Buchstaben geraten an den falschen Ort.“ (85)

 

erklärt Pu Eule, als er sie bittet, ihm beim Geburtstagsgruß für I-Ah behilflich zu sein, und er kann doch weder schreiben noch lesen, nur das P kann er erkennen und denkt dann jedes Mal, das müsse wohl „Pu“ heißen, und also sei er gemeint, auch wenn dort „Pudel“ steht, „Pubärtät“ oder „Pusteblume“. Genauso ein Wackelbild entdeckt man auch bei „ToM“, dem Abkürzungs-Vornamen der „Theory of Mind“. Nicht jede Theorie hat einen so schönen Vornamen, und nicht bei jeder Theorie sind die Buchstaben so wacklig, dass am Ende des Vornamens ein großer Buchstabe landet, wo es gar keine Großschreibung am Ende eines Wortes gibt. Es ist nicht direkt ein verkehrter Buchstabe am falschen Ort, aber eben doch mächtig wacklig, diese „M“ am Ende von „ToM“. Es muss Pu also nicht peinlich sein, das Wackelbild, wenn große Theorien genauso wackeln, zumindest beim Vornamen.

 

Auch Ferkel kennt im Niemandsland zwischen unwahr und wahr die grundsätzlichen Unwägbarkeiten, denen wir uns im Leben schon früh immer wieder ausgesetzt sehen.

 

Das Ferkel saß vor seiner Haustür auf der Erde, blies fröhlich in eine Pusteblume und fragte sich, ob es wohl in diesem Jahr sein würde, im nächsten Jahr, irgendwann oder nie. Es hatte gerade entdeckt, dass es nie sein würde, und versuchte, sich zu erinnern, was „es“ war und hoffte, dass es nichts Schönes war, als Pu erschien. (115)

 

Ferkel ist in diesem Spiel ganz versunken: abgesunken in eine Sphäre frühkindlichen Seins, als Ursache und Wirkung noch keine enge Verbindung eingegangen waren, ozeanisch, primärprozesshaft (wie die Psychoanalytiker sagen) wie im Traum. In diesem Welterleben gibt es noch keine Lüge, weil das Eine so wahr ist wie sein Gegenteil. Da hilft nur Hoffen – oder sich auf ein geschmeidiges, flexibles Gleiten einlassen.

 

Da verfließt noch alles miteinander. In dem Schmelztiegel gibt es aber eine Tendenz, dass sich Ähnliches zusammen findet und von Andersartigem differenziert wird. Es bilden sich Strukturen, und sie ermöglichen es, Unterschiede festzustellen. Später tritt der Unterschied in den Mittelpunkt, „jede Jeck es anders“ (Kölner Spruchweisheit). Die Ereignisse in dieser aufregenden Welt hinterlassen bei verschiedenen Teilnehmern unterschiedliche Spuren. Insofern ist die Verwicklung in die Realität immer kontextgebunden („es hängt davon ab“ – oder in Abwandlung eines Satzes von Pu: „Bei Wirklichkeiten weiß man nie“). Die Auswirkungen derselben realen Ereignisse sind nicht bei allen, die sie erleiden, objektiv und gleich. Die Unterschiede in der subjektiven Wahrnehmung und Verarbeitung spielen eine wesentliche Rolle in unserer Verständigung und unserem Umgang miteinander („Kommunikation“ und „Interaktion“). Fast alles baut auf den Unterschied auf. Wenn die Mutter frühe Äußerungen ihres Kindes (meist übertrieben) zurückgibt und somit spiegelt, baut sie kleine Unterschiede ein (Markierungen), damit der Säugling merkt: Es ist nicht die Mutter selbst, die hier spricht, sondern die Mutter-als-Spiegel-von-mir-kleinem-Kind führt mir vor, was meine eher banal (anfangs meist körperlich) empfundenen Bedürfnisse für eine tiefere Bedeutung haben können. Dieser Vorgang, der sich viele tausend Mal in den ersten Monaten oder den ersten anderthalb Jahren wiederholt, gehört zum Kern des Mentalisierungsprozesses, in dessen Verlauf der kleine Mensch lernt, dass er ein eigenständiges, einziges Wesen ist, das sich von allen anderen (womöglich sogar von der eigenen Mutter) unterscheidet und sich Gedanken über sich selbst und sein Gegenüber machen kann: versteht er/sie mich? Was geht in ihm/ihr vor? Ist das vereinbar mit den Vorgängen in mir selbst? Usw.usw.

 

Die Entwicklung der Eigenheit (Subjektivität) ist ein zentraler Vorgang. Er trifft insbesondere diejenigen kleinen Wesen, die noch eine ganze Menge Wachstum vor sich haben (im Gegenteil zu denjenigen kleinen Wesen, die immer klein bleiben werden wie die meisten von Kaninchens Bekannten-und-Verwandten, überwiegend ziemlich kleine Wusel - aber auch kleine Wesen reifen). Diejenigen, die noch wachsen, haben echt noch ein ziemlich anstrengendes Programm vor sich - wenn sie das geahnt hätten… Aber auch die, die nicht mehr wachsen, die immer ein Teil der Wusel-Gemeinschaft bleiben werden, haben es nicht leicht. Was dabei rauskommen kann, sehen wir am Beispiel der Expotition, die Christopher Robin organisiert, samt Proviant für alle, und die zur Entdeckung des Nordpohls führen soll (darüber mehr im vierten Kapitel).

 

Pst!“, sagte Christopher Robin und drehte sich zu Pu um. „Wir kommen gerade an eine gefährliche Stelle.“

 

Pst!“, sagte Pu und drehte sich schnell zu Ferkel um.

 

Pst!“, sagte Ferkel zu Känga. (…)

 

Pst!“, sagte I-Ah mit einer schrecklichen Stimme zu Kaninchen sämtlichen Verwandten-und-Bekannten, und „Pst!“ sagten sie der Reihe nach bis ganz hinten zueinander, bis es den allerletzten erreicht hatte Und der letzte und kleinste Bekannte-und-Verwandte war so erschüttert davon, dass die gesamte Expotition „Pst!“ zu ihm sagte, dass er sich mit dem Kopf nach unten in einer Spalte im Boden vergrub und zwei Tage dort blieb, bis die Gefahr vorüber war, und dann in großer Eile nach Hause ging und mit seiner Tante ein stilles Leben führte, und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er heute noch. Er hieß Alexander Käfer. (119)

 

So entscheiden sich Schicksalswege, und aus all den kleinen Einzelschicksalen wird Wirklichkeit gewoben, und Geschichte... Alexander Käfer erlebt in dieser kleinen Szene hautnah etwas mitten aus dem mentalisierungsbasierten Therapiekonzept. Er gerät nämlich in eine emotionale hochaufgeladene Verfassung, die ihn erschüttert. Ob er mentalisieren will oder nicht (wenn er sich diese Frage denn überhaupt stellt) ist völlig egal – es geht nicht. Er kann nur noch aus der Situation aussteigen und gräbt sich dazu in den Boden ein, was eine ganz normale Käferreaktion auf emotionale Erschütterungen dieser Art ist. Menschen tun dies seltener, sie müssen andere Wege finden, aus dieser zu erregten Konstellation auszusteigen. Sie stellen bestimmte Hirnareale ab, gehen mit einzelnen Hirnarealen bezüglich der Umwelt „offline“, und zwar bevorzugt bei solchen, mit denen sonst kommuniziert, Realität geprüft und nachgedacht wird. Diese Bereiche im präfrontalen Kortex (der vorderen grauen Hirnrinde) werden ausgeschaltet, und andere Bereiche regeln das Weitere in internen Kreisbahnen innerhalb des Gehirns, die nicht mehr mit der umgebenden Realität rückgekoppelt werden: das Verhalten kann dann hysterisch wirken, bizarr und unsinnig oder schlicht unverständlich. Darüber verständigen kann man sich in dem Augenblick genauso wenig wie mit Alexander Käfer, wenn er kopfüber im Boden verschwunden ist (weg ist weg, ob körperlich oder mental). Dann muss man eine Zeitlang in diesem stand-by-Zustand bleiben (bei Alexander Käfer waren es zwei ganze Tage), ehe das Leben weitergehen kann.

 

Mentalisieren ist das Zuordnen von Bedeutungen zu emotionalen Wahrnehmungen bei mir und anderen, und es kann als eine Art Puffer genutzt werden, wenn mir Dinge zu nahe kommen und mich zu sehr aufregen. Alexander Käfer wäre es besser bekommen, wenn er über das „Pssst“ hätte sprechen können, um nicht zu sehr aufgepeitscht zu werden. So bleibt ihm nur, aus der Realität der Expotition auszusteigen und mit seiner Tante ein geruhsames Leben zu leben (was nicht heißt, dass dies nicht vielleicht der angemessenste Weg war, aus den verschiedenen Optionen für sein Käferleben eine angenehme, realisierbare und erträgliche auszuwählen). Alexander entscheidet sich aber auch, an der Entdeckung des Pohls nicht teilzuhaben, und bleibt sozusagen vor der Entdeckung der Pohlarität menschlichen Empfindens (die uns später noch beschäftigen wird) stecken. Nun gut: man kann nicht alles haben. Wir sehen: Mentalisieren oder nicht - das ist keine Frage von Pu oder nicht Pu, von Käfer oder nicht, sondern es findet sich allenthalben, und wir bilden da keine Ausnahme..

 

Wenn du morgens aufwachst, Pu“, sagte Ferkel schließlich, „was sagst du dann als erstes zu dir?“

 

Was gibt’s zum Frühstück?“, sagte Pu. „Was sagst du, Ferkel?“

 

Ich sage: ‚Ich frage mich, was heute Aufregendes passieren wird‘“, sagte Ferkel.

 

Pu nickte gedankenschwer.

 

Das ist dasselbe“, sagte er. (156)

 

Die Realität ist, es wurde weiter oben schon festgestellt, aufs Heftigste subjektiv gefärbt. Ob wir in der Wirklichkeit sind oder nicht, ist nie so ganz sicher – oder ob es meine Realität ist oder deine, und wer das zu entscheiden hat und ob man Widerspruch einlegen kann und bei wem. Ob das Ganze nicht ein Traum ist, werden wir möglicherweise erst am nächsten Morgen wissen.

 

Abends, nach der Gutenachtgeschichte, sind wir jedenfalls wie immer eingeschlafen,

 

und Pu, der noch ein bisschen länger wach auf seinem Stuhl neben unserem Kopfkissen sitzt, denkt Große Dinge über Gar Nichts, bis er ebenfalls die Augen schließt, den Kopf sinken lässt und uns auf den Zehenspitzen in den Wald folgt. Dort erleben wir immer noch verzauberte Abenteuer, noch wunderbarer als alle, die ich dir bisher erzählt habe; aber jetzt, wenn wir morgens aufwachen, sind sie verschwunden. (163f)

 

So wie jeder Traum zu Ende geht (normalerweise gefolgt von einem Aufwachen und einem guten Frühstück), so geht denn auch irgendwann die Geschichte der Freunde von Pu und Christopher Robin zu Ende. Warum soll diese Enttäuschung erst am Schluss dieser Abhandlung eingestanden werden? Es ist doch von Anfang an klar! Irgendwann sind die beiden Bücher zu Ende. Christopher Robin wird in die Realität der großen weiten Welt eintreten. Christopher Robin wird fortgehen.

 

Niemand wusste, warum er fortging; niemand wusste, wohin er ging; es wusste tatsächlich niemand auch nur, warum er wusste, dass Christopher Robin fortging. Aber irgendwie hatte jeder im Wald das Gefühl, dass es nun schließlich und endlich doch passierte. (303)

 

Es ist ein unbewusster Vorgang, der sich nur gefühlsmäßig erspüren lässt. Dieser Teil der Realität geht zu Ende. Realität ist immer kontextgebunden, darauf wurde schon hingewiesen, und wenn sich der Rahmen ändert, wird auch der Raum darinnen beeinflusst und organisiert sich neu. Christopher Robin geht seinen Weg, er hat in der Schule zu lernen begonnen (wie wir aus einigen Szenen des Buches erschließen können, obwohl das Wort „Schule“ zunächst nicht fällt). Christopher Robin verliert seine kindliche Unschuld. Damit verliert er auch die Gemeinschaft im Wald, jedenfalls als realen Kontext, in dem er Abenteuer mit Pu und den Freunden durchlebt. Er stellt sich auf einen neuen Kontext ein, und zu dem gehört nicht mehr diese Gemeinschaft selber, sondern die Erinnerung unter der Überschrift „Die Gemeinschaft im Walde – eine wunderbare Kindheit“. Zu ihr kann er innerlich in Gedanken und Gefühlen zurückkehren, aber er kann nicht mehr in ihr leben. Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können - so hat der Schriftsteller Jean Paul gesagt. Aber wir sind vertrieben aus dem Paradies, an das wir uns erinnern, das hat Jean Paul verschwiegen, das mochte der Romantiker in ihm vielleicht nicht eingestehen, der Träumer, der doch in jedem Romantiker steckt. Die Zeit im Hundertmorgenwald geht in eine neue Zeitrechnung, erklimmt eine neue Entwicklungsstufe, und ob die schöner ist als die vorhergehende, mag jeder am Verlauf seines eigenen Lebens ermessen und damit fertig werden. Aufwachen! Genug geträumt! Bewusstsein ist Macht! Die Realität mischt sich immer stärker ein, und neue Anforderungen stellen sich. Schule, Beruf, Erwachsen-Werden… Alles geht weiter.

 

Es soll hier allerdings nicht der Eindruck erweckt werden, nur die Kindheit sei klasse und später werde allenfalls noch Kontrolle ausgeübt, ob man auch erwachsen genug handelt und denkt, es werde nur noch bewusst und zielgerichtet geleistet, „Kraft gewinnt über Eleganz“ und all diese Dinge. Es wird aber ziemlich anders. Aus dem kindlichen Träumen und Spielen werden Phantasie und Kreativität des Erwachsenen, die sind nicht immer überall gleichermaßen gefragt, aber trotzdem ziemlich wichtig und sehr lustvoll. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ war eine Devise des Altbundeskanzlers Schmidt. Dabei hat er doch auch mit Justus Frantz zusammen Klavier gespielt, und das ist eine Form von „Visionen haben“. Da hat er was nicht verstanden, und es fällt den vernunftfixierten Erwachsenen immer sehr schwer, das zuzugeben.

 

Auf den teleologischen Modus, der oben bereits skizziert wurde, folgen laut Mentalisierungstheorie in den frühen Kindheitsjahren die beiden anderen Haupt-Modi: „Äquivalenz“ und „Als-ob“. Der Äquivalenz-Modus beinhaltet die Überzeugung, die Welt und der eigene innere Zustand seien eins. Auch alle anderen Menschen, so ist die Person im Äquivalenz-Modus überzeugt, sind genauso gestimmt wie man selbst und alles drum herum. Ferkel zollt dieser Erfahrung Tribut, wenn es wiederholt feststellt, dass es schwer ist mutig zu sein, wenn man ein kleines Tier ist. Kleines Tier = ängstliches Tier = bedrohliche Welt = besser ich bleibe zuhause. Aber der Modus ist nicht nur schrecklich und bedrückend: später erlebt mancher einen wunderbaren Äquivalenz-Modus, wenn er verliebt ist - alles ist rosa, alle Menschen freundlich, die Vögel zwitschern und die Blumen haben sich extra für mich und meine Liebste bunt geschmückt.

 

Der Als-ob-Modus ist die Grundlage des kindlichen Spiels, also ein höchst notwendiger Schritt auf dem Entwicklungsweg. Es geht um das Wissen darum, dass zwar ein Honigtopf kein Schiff ist, man ihn aber als ein solches denken kann, wenn die ganze Welt überschwemmt ist und man keine andere Möglichkeit findet, zu Christopher Robin auf dessen rettende Warft zu gelangen. Und dann kann man ihn auch als Schiff benutzen, wenn man ihn schon so denkt. So geht es Pu, als es tagelang in Strömen gießt und langsam alles unter Wasser steht und sein Honigvorrat aufgebraucht ist, überall Wasser, er kommt auf dem Landweg gar nicht mehr weg und er kann nicht schwimmen, also reitet er auf dem leeren Honigtopf. Allerdings kommt im kindlichen Spiel wie im Als-ob-Modus meist noch ein weiteres Merkmal hinzu: der innere Zustand des Spielenden und die äußere Welt sind voneinander getrennt (also ein vollkommener Gegensatz zum Äquivalenzmodus, wo alles eins ist, ganz ungetrennt). Die äußere Welt hat mit ihren Naturgesetzen und dem ganzen Kram nicht den geringsten Einfluss darauf, dass dieses Stück Holz in meiner Hand eine Pistole ist, ein lebensgefährliches Ding, und jeder abgefeimte Räuber muss vor mir zittern! Der Als-ob-Modus ist ein mächtiges Instrument zur Bewältigung der Welt, so erscheint es zumindest dem Spieler. Wenn die Welt merkt, dass da einer im Als-ob-Modus aufzutrumpfen versucht, fällt sie nicht drauf rein, und man wird schnell enttarnt. Manchmal merkt es aber keiner, dass beispielsweise diese Wissenschaftlerin oder jener Politiker nur so tun, als wüssten sie Bescheid, und man glaubt es dann doch. Das führt dann immer zu den schönsten Irrtümern, und oft beruht das Zeitgeschehen eher auf Als-ob als auf reflektierter Auseinandersetzung.

 

In den sechziger Jahren gab es Felix, den Comic-Kater. Wenn dem etwas merkwürdig vorkam, aber auch bedrohlich wurde, erschien über seinem Kopf schon mal ein riesiges Fragezeichen, das er dann in die Hände nahm und dem Gegner kräftig über den Kopf zog. Damit war dann in der Regel die Gefahr beseitigt. So kann man den Als-Ob-Modus konstruktiv nutzen (ein klassischer Vertreter ist natürlich auch Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht). Der Als-Ob-Modus besteht aber in der lebendigen Welt-Wirklichkeit außerhalb von Comics und Geschichten im schlechtesten Fall ganz abgetrennt von der Realität (daher kann einem das Als-Ob-Fragezeichen beim Kampf gegen einen realen Feind nicht wirklich nutzen, und der reale Sumpf widersteht dem Als-Ob-Hebel des eigenen Haupthaares). Nutzbar wird der Als-Ob-Modus erst, wenn man ihn mit dem Äquivalenz-Modus integrieren und zu einem neuen Sowohl-als-auch-Modus machen kann (diese Bezeichnung klingt auch gut, ist aber von mir und erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Anerkennung). Das wäre dann ein ständiges Pendeln zwischen den Polen der Äquivalenz und des Als-ob, eine Modus-Schaukel. Gut ist es, wenn man dieses Schaukeln selbst steuern kann, ihm nicht wie bei einem Erdbeben ausgeliefert ist.

 

Festzuhalten bleibt: es gibt in der Phase der Kindheit wenig Sicherheit, was Realität ist, wie lange sie dauert und vor welchen Vertretern dieser Realität (seien es Hausmeister oder Polizisten) man sich besonders in acht nehmen muss. Pu ist zwar nicht mehr so klein und unerfahren, dass er irrigerweise denkt, alles um ihn herum sei genau so, wie er es gerade fühlt und erlebt und alle gehörten zu diesem einzigartigen symbiotischen Ganzen, in dem er mit der Welt verschwimmt. Das ist Säuglingsbrabbeln, baby talk. Pu weiß genau, das Bienen anders ticken als er. Er weiß genau, das Pfotenspuren unberechenbar sein können – und erst recht die Wesen, die solche Spuren hinterlassen. Man müsste sie berechnen können. Aber wie? Da kann man sich nur auf sein Gefühl verlassen. Und dann hat man plötzlich wieder das Gefühl, sich darauf nicht verlassen zu können, denn bei Bienen weiß man nie. Gut, dass man nicht allein ist in dieser verwirrenden Welt. Pu ist nicht nur Äquivalenz-Bär, und auch nicht nur Als-ob-Bär, aber er ist es auch. Aber er kann die beiden Spielarten des Er-Lebens nicht zusammenbringen, sie integrieren und sich Untertan machen, sondern er ist ihnen unterworfen, fällt mal in diesen, mal in jenen Modus, und wohin die Reise gerade geht, weiß man sowenig wie beim Heruntergehen der Treppe, rumms, rumms, immer mit dem Hinterkopf auf jeder einzelnen Stufe.

 

Viel mehr ist ihm noch nicht eingefallen über den Umgang mit der Welt und mit den Bienen. Er hängt sich an einen Ballon und versucht so zu wirken wie eine Wolke, um sie darüber hinwegzutäuschen, dass er an ihren Honig ran will. Aber sie lassen sich nicht wirklich täuschen, die Realität gehorcht dem Als-ob-Modus nicht wirklich, und er muss wieder runter auf die Erde (was bedeutet, dass er eher unsanft auf den harten Boden der Wirklichkeit plumpst, und wenn er Pech hat, genau in einen Stechginster). Aus dem Wechselspiel der Modi sollte, wenn alles klappt und so abläuft, wie die Psychologen es vorschlagen, später eine neue Ebene entstehen, der Reflexionsmodus. Da kann man dann selbst herausfinden, ob man lieber als-ob spielen will oder im Äquivalenz-Modus schwimmen, „to everything, turn, turn, turn, there is a season,“ so hat das der amerikanische Folk-Sänger Pete Seeger besungen, und damit einen uralten Text aus biblischen Quellen aufgegriffen. Neu ist das alles nicht, was in den Mentalisierungstheorien präsentiert wird, aber sich auf biblische Texte berufen zu können ist ja auch nicht schlecht.

 

 


 

Drittes Kapitel

 

(In dem es um eine zentrale Frage geht: Wer bin ich – und muss das unbedingt sein?)

 

 

Die eigene Identität muss immer wieder vermessen werden. Die Grenzen muss man gut kennen, sonst gibt es blaue Flecken, wenn man irgendwo gegen stößt. Wenn ich in meiner Wohnung nachts kein Licht anmache, finde ich mich trotzdem zurecht, ohne mir weh zu tun: ich kenne mich da gut aus, weiß wo die Stühle stehen und mit ihren Stuhlbeinen meine Schienenbeine bedrohen, ich habe meine vertraute Umgebung eigentlich fast verinnerlicht, zu einem Teil meiner Selbst werden lassen. Innerhalb dieser Begrenzung, meiner Haut, befinde ich mich selbst. Außerhalb ist das Andere: Stuhlbeine, Türrahmen und alles.

 

Das Verhältnis von innen und außen, Identität und Beziehung, zieht sich wie ein roter Faden durch die Erlebnisse von Pu und seinen Freunden. Ob der eigene Name oder der an der Wohnungstür, ob die eigene Stimme oder die Stimme des Nichts, ob ein Besuch bei einem Freund oder bei sich selbst – immer geht es um die Grenzerfahrung „hier bin ich, da bist du, und musst du mir eigentlich so einen Schreck einjagen?“.

 

Es war einmal vor einiger Zeit, und diese Zeit ist schon lange, lange her, etwa letzten Freitag, als Winnie-der-Pu ganz allein unter dem Namen Sanders in einem Wald wohnte.

 

(„Was heißt ‚unter dem Namen‘? fragte Christopher Robin.

 

Es heißt, dass er den Namen über der Tür in goldenen Buchstaben hatte und dass er darunter wohnte.“) (14)

 

Die Identität ist eine komplexe Angelegenheit: der Name kann davon abhängen, was für ein Schild über der Tür hängt (das könnte zum Beispiel damit zu tun haben, wer vorher da gewohnt hat – also die Biografie der Lebensumstände, oder damit, wer da jetzt wohnt - also die eigene Biografie, oder was für ein Schild mit goldenen Buchstaben man beim letzten Spaziergang durch den Wald in einem Haufen am Wegesrand gefunden hat, der eigentlich nur aus Gerümpel bestand, das jemand anders nicht mehr brauchte - also eine gesellschaftliche Variante der Biografie) .

 

Das Ferkel wohnte in einer großartigen Wohnung inmitten einer Buche, und die Buche stand inmitten des Waldes, und das Ferkel wohnte inmitten der Wohnung. Gleich neben der Wohnung stand ein zerbrochenes Schild, auf dem „BETRETEN V“ stand. Als Christopher Robin das Ferkel fragte, was das zu bedeuten habe, sagte es, das sei der Name seines Großvaters, ein Name, der schon lange in der Familie sei. Christopher Robin sagte, man könne nicht Betreten V heißen, und Ferkel sagte, doch, das könne man, sein Großvater habe ja so geheißen und es sei die Abkürzung von Betreten Vic, welches die Abkürzung von Betreten Victor sei. Und sein Großvater habe zwei Namen gehabt, für den Fall, dass er mal einen verlöre: Betreten nach einem Onkel, und Victor nach Betreten.

 

Ich habe auch zwei Namen“, sagte Christopher Robin leichtsinnig.

 

Siehst du, das beweist es ja“, sagte Ferkel. (42)

 

Ferkel wohnt zwar nicht unter (wie Pu), sondern neben dem Namen, aber auch dieser Name stiftet Identität durch seinen Familienkontext und durch sein Vorhandensein. Er ist da, und dann wird er wohl auch was zu bedeuten haben. Große, mittlere und meist sogar kleine Leser bzw. Zuhörer wissen, was es zu bedeuten haben könnte. Man ahnt, dass der Ursprung dieses Schildes ein ganz anderer ist als Namensgebung für eine alteingesessene Ferkel-Sippe, eher Sitte und Anstand, Ordnung und Bürger-schützt-eure-Anlagen, eben „Betreten verboten“. Aber ist diese Ansammlung von Über-Ich-Säulen nicht auch identitätsstiftend? Sein Name sei Friedefürst, Himmelsheld… was gibt es nicht alles für Namen. Ende des 19. Jahrhunderts war „Anna“ der meist getragene Name bei den Mädchen. Über hundert Jahre später, in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts hingegen war der beliebteste Mädchenname - „Anna“. So wird Identität gestiftet… (die Sache mit den Namen taucht auch bei den Mumins und ihren Freunden auf, aber das ist erst in Kapitel 13 dran).

 

Die Namensverleihung führt nicht automatisch dazu, dass das namentlich identifizerte Wesen nun auch gleich mentalisieren könnte. Es reicht nicht aus zu behaupten, man habe einen Großvater gehabt. Wenn die Familienstruktur (dazu gehört der Name, mit dem man als einer Familie zugehörig erkannt werden kann) nur durch die Generationenzugehörigkeit definiert wird, wenn andere in der Familie keine psychologischen oder bindungsbezogenen Bedeutungen haben, dann ist das meist mit einem eher niedrigen Niveau reflexiver Fähigkeiten (RF) verknüpft. Auf der neunstufigen Skala der Reflexionsfähigkeit (die gibt es tatsächlich!) würde Ferkel mit seiner Großvater-Story vielleicht gerade mal eine drei erhalten, und das ist ja nun echt nicht so viel. Mentalisieren und reflektieren sind nicht Ferkels große Stärke.

 

Reflexive Fähigkeiten ergeben sich im Mentalisierungsprozess durch das Ins-Verhältnis-Setzen der inneren und der äußeren Welt. Wenn man beispielsweise nur so tut, als ob man ein großer Räuber wäre und sich so durch die Welt rockert, dann weiß irgendwann jeder, dass man diese Rolle nur spielt, und kriegt nicht im mindesten die Angst, die ein so großer Räuber hervorrufen sollte (Als-ob-Modus). Wenn man aber selbst mit einer so großen Angst durch die Welt läuft, dass sie nur durch die (vermutete) permanente Anwesenheit einer größeren Ansammlung von Räubern erklärt werden kann (Äquivalenz-Modus), dann hält man nur noch nach diesen Räubern Ausschau und ist sich ganz sicher, dass sie spätestens hinter dem nächsten großen Busch lauern, weswegen man lieber umkehrt und lieber doch nicht den Weg weiter zur Schule geht, wie von der Mutter beauftragt. Erst wenn diese beiden Modi durch Reflexion des realen Verhältnisses meiner inneren und der realen äußeren Welt relativiert werden können, verlieren die Räuber der Welt ihre Bedrohlichkeit, man hat sich an sie gewöhnt, lässt sie einfach links liegen hinter ihrem Busch und geht gelassen zur Schule, es wird langweiliger und man selbst wird wieder mal ein Stück erwachsener, steigt eine (Reifungs-)Stufe höher.

 

Er ging froh vor sich hin und fragte sich, was wohl alle anderen machten und was das für ein Gefühl wäre ein anderer zu sein. (33)

 

Hier betreten wir das Allerheiligste der „Theory of Mind“ und der Mentalisierungskonzepte. Pu besteigt die Stufe der Intersubjektivität (wie es bei D. Stern heißen würde). Rumpeldipumpel, auf dem Hinterkopf, und noch eine Stufe höher… Sich einen anderen vorstellen und ihn oder sie als eine andere Person verstehen zu können ist eine erhebliche Leistung in der Entwicklung des Selbst, wo doch am Anfang zunächst das symbiotische Verfließen mit dem anderen zu einer grandiosen Ganzheit gehörte. Aber dann fängt man an zu verstehen, dass die andere (meist handelt es sich um die Mutter) nicht automatisch alles sieht und hört, was man selbst sieht und hört, manchmal muss man ausdrücklich auf etwas zeigen und zur Mutter gucken, ob sie auch überhaupt hinsieht. Vorher guckte der kleine Pu noch zu dem gezeigten Spielzeug hin und konnte gar nicht sehen, ob Mama auch hinguckt, weil er noch gar nicht wusste, dass nicht jede Mama genau dasselbe sieht wie er auch. Was für eine Kinderei, dachte er später, und fragte sich, was es denn für ein Gefühl sei, ein anderer… (Zugegeben: diese Verallgemeinerungen erfinde ich jetzt einfach so, denn eine Mutter für Pu – die hat A.A. Milne nicht erwähnt, nirgends vorgesehen, das ist jetzt nur phantasiert).

 

Die Dissoziation von der eigenen Person verläuft nicht immer so reflektiert wie im vorgenannten Beispiel, in dem Pu über das Anderssein nachdenkt. Als Kaninchen ihn wieder einmal schwindlig geredet hat und die warme Sommersonne das ihre tut, passiert es so:

 

Ferkel gab Pu einen Stups, der Pu erstarren lassen sollte, und Pu, der zunehmend das Gefühl hatte woanders zu sein, stand langsam auf und begann sich zu suchen. (255f)

 

Dann wird ihm auf den Kopf zugesagt, dass er nun ja mal wieder gar nicht zugehört habe, und er redet sich mit einem Stück Pelz raus, das ihm ins Ohr gekommen sei. Es ist für ihn (noch) nicht an der Zeit, sich darüber mehr Gedanken zu machen, was wohl mit einem los ist, wenn man sich selbst woanders sucht als man gerade ist (oder das gleich als Verrücktheit abzutun, wie es flächendeckend in Psychiatrien oder anderen Erwachsenenerfindungen passiert).

 

Auch anders herum sammelt Pu Erfahrungen damit, wie es ist, wenn eine bestimmte Person sie selbst ist oder eben gerade sie selbst nicht ist (oder zumindest nicht sein will, jetzt gerade im Augenblick eben mal nicht). Er kommt zu Kaninchens Bau und ruft in das Eingangsloch:

 

Ist jemand zu Hause?“ Plötzlich hörte man innen im Loch ein Trippeln und dann war es wieder still.

 

Ich sagte ‚Ist jemand zu Hause?‘“ rief Pu sehr laut.

 

Nein!“, sagte eine Stimme, dann fügte die Stimme hinzu: „Du brauchst nicht so laut zu rufen. Beim ersten Mal habe ich dich bereits sehr gut gehört.“

 

So ein Mist!“, sagte Pu. „Ist denn überhaupt niemand da?“

 

Niemand.“

 

Winnie-der-Pu zog seinen Kopf aus dem Loch und dachte ein wenig, und zwar dachte er: Es muss jemand da sein, denn jemand muss „niemand“ gesagt haben. Also steckte er seinen Kopf ins Loch zurück und sagte: „Hallo, Kaninchen, bist du das nicht?“

 

Nein“, sagte Kaninchen, diesmal mit einer anderen Stimme.

 

Aber ist das nicht Kaninchens Stimme?“

 

Ich glaube nicht“, sagte Kaninchen. „Jedenfalls soll sie es nicht sein.“

 

Oh“, sagte Pu.

 

Er zog seinen Kopf aus dem Loch, dachte noch einmal gründlich nach, steckte den Kopf ins Loch zurück und sagte: „Können Sie mir dann liebenswürdigerweise sagen, wo Kaninchen ist?“

 

Kaninchen besucht gerade seinen Freund Pu Bär, mit dem es sehr befreundet ist.“

 

Aber das bin ich doch!“, sagte Bär überaus erstaunt.

 

Welche Sorte von Ich?“

 

Pu Bär.“

 

Bist du sicher?“ fragte Kaninchen noch erstaunter.

 

Ganz, ganz sicher“, sagte Pu.

 

Na, dann komm doch einfach rein.“ (33f)

 

Welche Sorte von Ich?“ – was für eine abgefeimte Frage! Mancher würde aus den Grübeleien nicht wieder herausfinden, wenn er sie zu beantworten suchte. Pu hat damit nicht so viele Probleme, sein einfaches kleines Ich ist schnell und kurz benannt: „Pu Bär“.

 

Mit der Identität ist es wie mit der Haut: solange alles einigermaßen in Ordnung ist, merkt man sie nicht. Das gibt so eine alltagskompatible Sicherheit. Es kann aber auch sehr verwickelt werden, wenn so etwas schwer Greifbares wie die Identität überprüft werden soll. Handwerkszeug zur Überprüfung von Identitätskonfusionen ist meistens die Sprache. Das sei an einem kleinen Beispiel aus der Weltliteratur erläutert. Es geht (wie schon weiter vorne) wieder mal um Odysseus, an dessen Person uns Homer vieles erläutert, was zu seiner Zeit menschheitsentwicklungstechnisch los war. Als Odysseus mit seinen Kumpanen den Riesen Polyphem geblendet hat und der Gefängnishöhle schon entkommen ist, heult der Riese ihnen die Frage hinterher, wer das getan habe. „Niemand“ ruft Odysseus zurück (Homer, Odyssee, 10. Kapitel). Polyphem kann daraufhin seinen Zyklopen-Kollegen auf deren Frage nur immer wieder versichern, Niemand habe ihn geblendet und Niemand habe versucht ihn zu töten, und nun leide er furchtbar. Dann ist ja gut, sagen die, wenn das Niemand versucht habe. Da könne man dann bezüglich seines vermeintlichen Leidens nichts machen, das sei dann wohl von Zeus gesandt, das von Niemand verursachte Leiden müsse man so hinnehmen. Und wandten sich wieder ihren alltäglichen Zyklopen-Geschäften zu.

 

Odysseus hat aber den Zyklopen Polyphem nicht wirklich richtig angelogen – Niemand heißt auf griechisch outis, das klingt ganz ähnlich wie der Anfang von „Odysseus“, zumindest wenn es ein Grieche sagt, und so antwortet er dem Riesen mit einer leichten, verkürzten Abwandlung seiner Identität, sozusagen mit einem Spitznamen (Niemi würde der Übersetzer im Deutschen vielleicht sagen, Spitzname für Niemand…).

 

Bei der sprachliche Verballhornung der Identität handelt es sich um ein einfaches Stilmittel, um mittels Grenzerfahrung – vergleiche Kaninchen – das eigene Profil zu erspüren (und längst nicht immer so pfiffig angezettelt wie von Odysseus). Kaninchen wiederholt dieses Muster auf seine einfache Art und Weise immer wieder, ein Zeichen dafür, dass es noch nicht verstanden hat, was es damit auf sich hat, und solange der Beziehungs-Kern nicht verstanden ist, wiederholt man den Mist bis zum Abwinken. Auch anlässlich eines ganz anderen Spazierganges bekommt Pu es wieder mal damit zu tun:

 

Der Erste, den er traf, war Kaninchen. „Hallo Kaninchen“, sagte er, „bist du das?“

 

Wir wollen mal so tun, als wäre ich es nicht“, sagte Kaninchen, „und sehen, was passiert.“ (114)

 

Dieses Mal bleiben alle von weiteren Verwicklungen verschont, weil Pu augenblicklich und intuitiv ein Ersatz-Thema anzuschneiden weiß, das Kaninchen auf andere Gedanken bringt. Die Identitätserkundung steht dann augenblicklich zurück. Sie ist von Pu aus gesehen nicht viel mehr als ein Spiel, das immer rausgeholt werden kann, wenn gerade nichts Wichtigeres anliegt. Von Kaninchen aus gesehen ist das vielleicht etwas komplexer. Wie auch schon in der Passage mit Kaninchens Versuch, sich selbst zu verleugnen, wehrt auch in dem letzten Textbeispiel Kaninchen sofort erst mal ab, ehe überhaupt eine Verarbeitung der Begegnung beginnt (wer kommt auf mich zu? Wie fühle ich mich mit dem? Was will ich jetzt angehen, und was erwartet er wohl von mir? usw.).

 

Ehe also der Prozess der Mentalisierung beginnt, fühlt Kaninchen sich persönlich gestört, und hier bekommen wir es daher mit dem Begriff der Persönlichkeitsstörung zu tun. Darüber haben sich Psychologen nun wirklich schon ziemlich den Kopf zerbrochen. Der Psychoanalytiker Otto Kernberg nennt vier Kategorien, die bei vielen Persönlichkeitsstörungen durcheinander geraten sind. Da ist das Gefühl für sich selbst, wer man ist und wie sicher man sich bezüglich dieser Feststellung ist („Identitätsdiffusion“). Zweitens gibt es die Schutzmaßnahmen, die man trifft, um vom Leben nicht überrollt zu werden, und mit denen man sich die Welt so zurechtrücken kann, dass die Welt und nicht etwa man selbst ver-rückt wird („primitive Abwehrmechanismen“). Drittens geht es um den Abgleich des eigenen Erlebens und der eigenen Bedeutungszuordnung mit der Welt drumherum: passt das alles zusammen oder muss man (allzu) sehr kneten und zerren, um es passend zu machen („Realitätsprüfung“)? Und viertens gibt es ganz eigene Beziehungsmuster. Sie finden sich immer wieder bei denen, die besonders leicht gestört werden können, vielleicht weil sie so empfindlich auf die Welt gekommen sind. Kaninchen gehört wohl zu ihnen, setzt sich sehr zur Wehr mit seiner zwanghaften Organisationshuberei, mit seiner Besserwisserei und Ignoranz. Es setzt sich zur Wehr gegen das Fließende des Lebens, in dem man mitschwimmt und die Klippen der Existenz am besten unbeschadet passiert, wenn man sich den Strömungen ganz geschmeidig anvertraut. Das ist wie beim Paddeln in Wildwasser, ein Kanu findet seinen Weg durch den Schwall zwischen umbrandeten Felsen, da stört man besser nicht zu viel mit dem Paddel. Oder wie in der Gruppenanalyse, zu der eine erfahrene Analytikerin angehenden Therapeuten als obersten Merksatz mitteilt: was du als Gruppentherapeut auch tust, störe die Gruppe und den Gruppenprozess nicht! (Sally Willis, persönliche Mitteilung). Kaninchen experimentiert also mit sich selber, vielleicht nicht immer zu seinem eigenen Besten, und vertraut dabei nicht allzu sehr auf den Fluss des Lebens, sondern versucht ihm seinen eigenen Bauplan aufzuzwingen. Meist endet das im Chaos, und wir wissen ja alle, wie es aussieht, wenn am Ende ein Kaninchen abhaut: es staubt mächtig.

 

Pu ist da im Vergleich mit Kaninchen nicht immer so handlungsfixiert oder auf experimentelle Erprobung aus. Es geschieht ihm manches einfach so, nicht dass er darüber nachgedacht hätte, nein, wirklich nicht im entferntesten. Manchmal verstellt er sich gar nicht, sondern ist einfach so in seine Gedanken und Gefühle versunken, dass er gar nicht immer merkt, wenn er sich selbst zu verlieren droht. Einmal rennt Pu so gedankenversunken nach Hause: er will für I-Ah ein Geburtstagsgeschenk besorgen, und dieses Vorhaben nimmt ihn voll und ganz in Anspruch.

 

Vor seinem Haus fand er Ferkel, welches auf und ab sprang und versuchte den Türklopfer zu erreichen.

 

Hallo Ferkel“, sagte Pu.

 

Hallo, Pu“, sagte Ferkel.

 

Was versuchst du denn da?“

 

Ich hatte versucht den Türklopfer zu erreichen“, sagte Ferkel. „Ich kam gerade vorbei und…“

 

Lass mich mal“, sagte Pu liebenswürdig. Er griff nach oben und klopfte an die Tür. (…) “Erstaunlich, wie lange Wer-auch-immer-hier-wohnt braucht, um an die Tür zu gehen.“ Und er klopfte noch einmal.

 

Aber, Pu!“ sagte Ferkel. Das ist doch dein Haus!“

 

Oh!“, sagte Pu. „Mein Haus“, sagte er. „Dann wollen wir doch mal eintreten.“ (82f)

 

Was man Pu nicht absprechen kann: er stutzt. Irgendetwas stimmt hier nicht, und er kriegt es heraus. Er lebt nicht einfach dumpf vor sich hin und ist mal mit sich eins und mal nicht und mancher lernt das Einmal Eins nie (bei Pu heißt das im Übrigen „Eimer eins“, ein schöner Name für das grundlegende Schema abendländischer Rechenkunst). Pu stutzt, weil er intuitiv merkt, dass er eigentlich derselbe ist, wenn er vor seiner Wohnung steht und klopft, wie wenn er drinnen auf seinem Stuhl am Tisch sitzt und einen Topf Honig vor sich stehen hat. Es ist das Gefühl einer innen eingeschriebenen Identität, dass in der Szene auf eine Probe gestellt wird und sie (nicht zuletzt dank der hilfreichen Mitwirkung von Ferkel) besteht. Das Identitätsgefühl hat Pu noch nicht so lange, er ist damit noch nicht so vertraut, und wer weiß, wie sehr er sich darauf verlassen kann, wer weiß. Es wird ein weiteres Mal überprüft, als er an einem Wintermorgen Ferkel besuchen will und erwartet, es am Kamin sitzend vorzufinden. Er sah…

 

zu seiner Überraschung, dass die Tür offen war, und je mehr er in die Wohnung spähte, desto mehr war Ferkel nicht zu Hause. (166)

 

Pu beschließt also, sich zuhause noch einen Schal umzubinden und eilt zu sich heim, und ist dabei so in Gedanken, als er dort angekommen ist,

 

dass er, als er plötzlich Ferkel auf seinem besten Sessel sitzen sah, nur dastehen und sich den Kopf kratzen und sich fragen konnte, in wessen Wohnung er eigentlich war.

 

Hallo, Ferkel“, sagte er. „Ich dachte, du wärst nicht zu Hause.“

 

Nein“, sagte Ferkel, „du warst nicht zu Hause, Pu.“

 

Das war es also“, sagte Pu. „Ich wusste doch, dass einer von uns nicht zu Hause war.“ (167)

 

Ferkel ist also nicht zuhause und Pu dreht um und geht zu sich selbst nach Hause zurück, und als er dort Ferkel entdeckt, verwechselt er alles und denkt er sei bei Ferkel, denn da wollte er ja hin, und wer ist denn nun wo und wer nicht? Das ist eben die Schwierigkeit: man ist nicht nur man selbst, sondern der gegenüber ist auch ein „man selbst“. Man erkennt sich ständig selbst, und das ganz selbständig. Pu kann sich und irgendeinen anderen allerdings dann nicht immer sicher auseinander halten, wenn ihn die Begegnung sehr unerwartet erwischt und er dadurch keine Chance hat, sein Selbst im Vorwege ausreichend zu sichern. Es ist ein gutes Selbst, aber etwas wacklig…

 

Das können wir auch noch einmal beobachten, als Kaninchen eine Nachforschung anstellen lässt, um einen seiner kleinen Verwandten ausfindig zu machen. Im Verlauf dieser Nachforschung ist Pu vollständig damit beschäftigt, nicht darauf zu achten, wohin er geht. Pu sucht Ferkel nämlich nach dem etwas wirren fünfschrittigen Nachforschungs-Konzept von Kaninchen, und der erste Schritt scheint (so hat Pu Kaninchen verstanden) zu sein, dass jeder an einer ganz speziellen Stelle suchen soll, und keiner weiß wo die spezielle Stelle des anderen ist, und so muss man also, so hat Pu es verstanden, den anderen irgendwo suchen, ohne es anzuzielen. Das will gekonnt sein. Zunge rein, Pu!

 

Pu war so damit beschäftigt, nicht darauf zu achten, wohin er ging, dass er auf ein Stück Wald trat, das aus Versehen ausgelassen worden war; und er konnte nur noch ganz schnell denken: Ich fliege. Genau wie Eule. Ich wüsste gern, wie man damit aufhört – als er auch schon damit aufhörte.

 

Bauz!

 

Au!“, quiekte jemand.

 

Das ist komisch, dachte Pu. Ich habe „Au!“ gesagt ohne „Au!“ gesagt zu haben.

 

Hilfe!“, sagte eine kleine, hohe Stimme.

 

Das bin ich schon wieder, dachte Pu. Ich hatte einen Unfall und bin in einen Brunnen gefallen, und jetzt quiekt meine Stimme nur noch und geht los, bevor ich soweit bin, weil ich mir innerlich etwas angetan habe.

 

So ein Mist!

 

Hilfe! Hilfe!“

 

Na, bitte!, dachte Pu. Ich sage Sachen, wenn ich es nicht einmal versuche. Es muss also ein sehr schwerer Unfall gewesen sein. Und dann dachte er, dass er vielleicht, wenn er versuchte Sachen zu sagen, nicht dazu in der Lage wäre; also, um sicherzugehen, sagte er laut: „Pu Bär hatte einen schweren Unfall.“

 

Pu!“, quiekte die Stimme.

 

Es ist Ferkel!“, schrie Pu aufgeregt. „Wo bist du?“

 

Drunter“, sagte Ferkel irgendwie von unten herauf.

 

Unter was?“

 

Dir!“, quiekte Ferkel. „Steh auf!“ (198)

 

In dieser Szene deuten sich sehr dezent Dimensionen des Geschehens an, die nicht näher ausgeführt werden und doch einen Kosmos von weiteren neuen Erkenntnissen wie eine Milchstraße der Wissenschaft aufleuchten lassen. Pu hatte einen schweren Unfall und zweifelt an seiner Intentionalität (zum Beispiel indem er spricht, auch wenn er es gar nicht vorhatte) und seiner Handlungsfähigkeit. Der Unfall, von dem er befürchtet, ihn gehabt zu haben, muss also schwerste neurologische Schäden im zentralen Nervensystem und vor allem dem Gehirn hervorgerufen haben.

 

Nebenbei gesagt: In wenigen Bereichen der Forschung haben die Erkenntnisse in den letzten Jahren so zugenommen wie im Bereich der Neuropsychologie und Neurophysiologie – also beim Wissen darum, wie die Funktionen im Gehirn zusammenhängen und miteinander oder gegeneinander spielen, und welche Gehirnstrukturen dabei bestimmte Aufgaben übernehmen (und wenn sie ausfallen, hat man ein ganz bestimmtes Problem, aber man kann sich vielleicht nicht mehr daran erinnern, welches Problem man hat, was ja dann auch irgendwie wiederum gut ist, sagt der Volksmund, aber ich befürchte er irrt). Hier weist der Autor auf dem Umweg über Pu auf die Nachbarschaftsdisziplinen der Mentalisierung hin, auch wenn die Mentalisierung selbst in den Pu-Büchern sicher im Mittelpunkt steht – aber der Wert der Nachbarn ist jedem bewusst, der mal eine Zeitlang in einer Reihenhaussiedlung gewohnt und versucht hat, ein Einvernehmen mit den Nachbarn zu finden und aufzubewahren. Und auch dort in der Siedlung erweist sich der Wert der Identität: in mühevoller Kleinarbeit wird jeder Eingangsbereich ausgeschmückt und ausgestaltet. Keine Tür gleicht der anderen, und so bleibt man doch auch dort ganz man selbst. Es würde sich einfach in der Erwachsenenwelt nicht gehören, über die Nachbarn In den anderen Reihenhäusern wie auch in den Nachbardisziplinen des Wissenschaftsbetriebs, in unserem Fall die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften, nicht Bescheid zu wissen, und der Autor deutet das dezent an. Ein anderer würde sagen: Tieger wissen darüber am besten Bescheid. Aber nur, wenn sie Lust dazu haben. Ende des nebenbei Gesagten.

 

Bei der Entführung von Klein Ruh (der Austreibung des Fremden, etwas allgemeiner gesprochen) wird ein Identitätswirrwarr sondergleichen angezettelt. Einem ausgefuchsten, aber wirren Plan von Kaninchen folgend) springt Ferkel in einem Moment, in dem Känga abgelenkt ist, statt Klein Ruh in Kängas Beutel. Kaninchen verschwindet im gleichen Moment heimlich mit Klein Ruh. Känga bemerkt erst zu Hause, dass ihm ein Bankert untergeschoben worden ist. Känga tut als habe sie gar nichts gemerkt und behandelt Ferkel zur Strafe wie Klein Ruh, was Ferkel gar nicht behagt. So kommt es, wenn man mit Identitäten schwindelt, zu belastenden Entwicklungen (die Literatur ist voll von diesen Ränkespielen, Cosi fan Tutte, Der Widerspenstigen Zähmung und anderer Tingeltangel). Känga droht Klein Ruh-Ferkel ein (kaltes!!) Bad an.

 

Ferkel, welches Bäder nie sonderlich gemocht hatte, schauderte lange empört und sagte dann mit so tapferer Stimme wie möglich: „Känga, ich weiß, dass nun die Zeit für ein offenes Wort gekommen ist.“

 

Klein Ruh, du bist komisch“, sagte Känga, als sie das Badewasser bereitete.

 

Ich bin nicht Ruh“, sagte Ferkel laut. „Ich bin Ferkel!“

 

Ja, mein Liebling, ja“, sagte Känga beruhigend. „Und dann machst du auch noch Ferkels Stimme nach! So ein schlauer Liebling“, fuhr sie fort, als sie ein großes Stück Kernseife aus dem Schrank nahm. „Was fällt dir bloß noch alles ein?“

 

Kannst du nicht sehen?“, rief Ferkel. „Hast du keine Augen? Sieh mich an!“

 

Ich sehe dich ja, Ruh, mein Liebling“, sagte Känga ziemlich ernst. „Und du weißt, was ich dir gestern über Grimassen gesagt habe. Wenn du weiter ein Gesicht wie Ferkel machst, wirst du, wenn du groß bist, aussehen wie Ferkel – und stell dir nur mal vor, wie Leid dir das tun wird.“

 

(…) „Jetzt“, sagte Känga, „kommt noch deine Medizin und dann geht’s ins Bett.“

 

W-w-was für eine Medizin?“, sagte Ferkel.

 

Damit du groß und stark wirst, Liebling. Du willst doch nicht so klein und schwach werden wie Ferkel, stimmt’s? Also los!“

 

Sowas kommt von sowas, pflegen Besserwisser dazu zu sagen. Warum lässt sich Ferkel auch in die unsinnigen fremdenfeindlichen Exzesse Kaninchens einspannen. Besonders tragisch ist die Begebenheit für Ferkel, weil auch der hinzukommende Christopher Robin, auf dessen Hilfe Ferkel gebaut hatte, sich auf die Seite der Verleugnung schlägt. Weil das gebadete Ferkel rosig und nicht staubgrau aussieht, leugnet Christopher Robin Ferkels Identität und schlägt vor, das kleine rosige Wesen „Heinz Putel“ („Henry Pootel“ im Original) zu nennen. Ferkel rennt nach Hause und rollt die letzten hundert Meter durch den Staub, um seine alte Farbe wieder zu bekommen. So wird Identität wiederhergestellt und gesichert. Der wohltuende Anklang von Heinz Putel an Winnie-der-Pu hilft, dass dem kleinen Ferkel mit dem unerwarteten Umbenennungsvorschlag keinen allzu großer Schock versetzt wird, der sich zu einer Traumatisierung auswachsen könnte. Ein bisschen Pu steckt in dem Ganzen, das mildert.

 

Als Pu eines Nachts geweckt wird, weil ein neues Tier vor seiner Wohnung Spektakel macht, und er das neue Tier hereinbittet und feststellt, dass es Tieger ist, den er noch nicht kennt, stellt sich heraus, dass Tieger sich selbst auch nicht so gut kennt, wie man ihm wünschen würde.

 

Als er am Morgen aufwachte, war Tieger das Erste, was er sah, und Tieger saß vor dem Spiegel und betrachtete sich.

 

Hallo!“, sagte Pu.

 

Hallo!“, sagte Tieger. „Ich habe jemanden gefunden, der genauso ist wie ich. Ich dachte, ich wäre der Einzige.“

 

Pu kam aus dem Bett und begann zu erklären, was ein Spiegel ist, aber als er gerade an die interessante Stelle kam, sagte Tieger: “Entschuldige mich einen Augenblick, aber da klettert etwas auf deinen Tisch“, und mit einem Worraworraworraworraworra sprang er das Tischtuch an, zerrte es zu Boden, wickelte sich dreimal darin ein, wälzte sich quer durch das Zimmer und steckte, nach einem schrecklichen Kampf, den Kopf wieder ans Tageslicht und sagte wohlgemut: „Habe ich gesiegt?“

 

Das ist mein Tischtuch“, sagte Pu, als er sich daranmachte, Tieger wieder auszuwickeln.

 

Ich habe mich schon gefragt, was es war“, sagte Tiger.

 

Es gehört auf den Tisch und man stellt Sachen drauf.“

 

Warum hat es dann versucht mich zu beißen, als ich nicht hingeguckt habe?“

 

Ich glaube nicht, dass es das getan hat“, sagte Pu.

 

Jedenfalls versucht“, sagte Tieger, „aber ich war ihm zu schnell.“ (183)

 

Tieger hat den Unterschied zwischen beseelten und unbeseelten Wesen noch nicht verstanden, die gesamte Subjekt-Begrifflichkeit ist ihm unvertraut. Die Idee von der Eigenheit des Selbst, von der eigenen Person ist noch nicht verfügbar. Das Spiegelproblem betrifft nicht nur Tieger. Es findet sich auch bei Vampiren, die sich im Spiegel gar nicht spiegeln, weil sie nicht zu den Beseelten gehören, sondern zu den Untoten. Und es gibt Menschen, die in ihrem Selbstgefühl so stark beeinträchtigt oder gekränkt sind, dass sie sich auf einem Bild vor dem Spiegel stehend zeichnen und im Spiegel ist nichts zu sehen, kein Spiegelbild, Leere. Tieger ist im Spiegel zu sehen, aber er kann nicht verstehen, dass es ein gespiegeltes Abbild seiner selbst ist. Menschenkinder lernen das meist im zweiten Lebensjahr (man beobachtet, ob sie einen Farbfleck auf der eigenen Stirn, den sie im Spiegel sehen, wegzuwischen versuchen – also als zu sich gehörig erkennen, „Rouge-Test“). Affen und Delfine können das auch. Von Tiegern in freier Wildbahn liegen mir keine Befunde vor. Wir können mutmaßen, dass Tieger keine Mutter hatte, die ihm markierte Spiegelungen seiner affektiven Äußerungen zukommen ließ (die Gesamtpopulation der Tieger wird von der entsprechenden Fachgesellschaft als „stark bedroht“ eingestuft, weltweit gibt es nur noch zwischen drei- und fünftausend Tiere, das wundert einen nun schon gar nicht mehr). Es handelt sich bei dem Tieger im Hundertmorgenwald ja nicht nur um die Spiegelverwechslung, sondern ganz generell ist seine Selbstwahrnehmung und –kenntnis lückenhaft. Er braucht auch im weiteren immer wieder sehr konkrete Erfahrungen, bis er nach und nach feststellt, dass Tieger nicht alles auf der Welt essen, besonders keinen Honig, keine Eicheln und keine Disteln (die er nacheinander zu Favoriten erklärt, aber nur, bis er jeweils davon probiert hat). Erst den kräftigenden Malzextrakt, den Klein Ruh immer nehmen muss, den mögen Tieger dann wirklich am liebsten. So fügt sich alles, wenn nur ausreichend Erfahrungen zusammenkommen. Und Tieger ist hochexplorativ: er erkundet seine Umgebung in einem Maße, dass jeder, der ihm in die Quere kommt, sich hinterher den Sand aus den Ohren kratzen muss. Dieses sehr unternehmungslustige, ja fast hyperaktive, aber nicht wirklich emotional ausdrucksstarke und Nähe eher vermeidende Verhalten hat einiges von der unsicher-vermeidenden Bindungsstruktur, die man von einem jungen Tieger erwarten darf, der nachts plötzlich allein vor der Wohnung von Pu auftaucht. Aber vielleicht gab es ja wenigstens eine zugewandte Tieger-Omi, die ihm Rückhalt bot, so dass er zumindest den Mut zur Erkundung bewahren konnte und sich nicht ausschließlich verängstigt in jede verfügbare Ecke verzieht.

 

Zu der Frage, wer ich bin, gehört immer auch der Hintergrund, woher ich komme. Das ist also die Familie, um die es da geht. Familienaufstellung nennt sich ein Verfahren, bei dem einer seine Familienangehörigen über mehrere Generationen in ein räumliches Verhältnis zueinander setzt, meist verkörpert durch andere Gruppenmitglieder. Die Aufstellung von Familien gehört zum Repertoire vieler Therapieschulen. Wie soll man seine Familie aufstellen, wenn ganz unklar ist und bleibt, wer dazu gehörte, dazu gehört und wer künftig dazu gehören wird? Weiter oben hörten wir bereits, wie Pu und Ferkel unerklärlichen Spuren folgten (wer ist vor ihnen gegangen, sind ihre Vorgänger?) und fragen sich, ob es wohl Wuschel waren oder nicht („bei Pfotenabdrücken kann man nie wissen“). Sie folgen nicht nur vermeintlichen Wuschel-Spuren, sondern auch den Spuren der eigenen Geschichte.

 

Ferkel vertrieb sich die Zeit, indem es Pu erzählte, was sein Großvater Betreten V gegen Steifheit in den Gliedern nach der Spurensuche unternommen hatte und wie sein Großvater Betreten V in seinen späteren Jahren an Kurzatmigkeit gelitten habe, sowie anderes Interessantes, und Pu fragte sich, wie ein Großvater wohl aussehen mochte und ob sie vielleicht gerade zwei Großvätern auf der Spur waren und ob er, falls es so war, einen mit nach Hause nehmen und behalten durfte. (46)

 

Was aber zeichnet eigentlich Großväter aus – über die Kurzatmigkeit und die Steifheit in den Gliedern hinaus? Man muss hier ja nicht plötzlich anfangen zu psychologisieren. Aber nicht über Großväter zu sprechen wäre doch auch ein Verzicht auf eine ganze Reihe großväterlicher Lebenserfahrungen, auf die niemand gern verzichten wird, der Betreten V oder andere Großväter kennen gelernt hat. Im Buch über Pu wird aber darauf verzichtet, bedauerlicherweise.

 

Dieses Kapitel hat schon sehr lange gedauert. Aber so ist das mit der Zeit: sie dehnt sich aus und zieht sich zusammen, man verliert dann auch leicht den Überblick.

 

Es war einmal vor einiger Zeit, und diese Zeit ist schon lange, lange her, etwa letzten Freitag, als Winnie-der-Pu ganz allein unter dem Namen Sanders in einem Wald wohnte. (14)

 

Man überprüfe das für sich selbst: letzten Freitag, wann war das? Was war da? Und was alles nicht? Dann kann man sich ein Bild davon machen, wie lange Freitag her gewesen sein kann.

 

Es regnete und regnete. Ferkel sagte sich, dass es in seinem ganzen Leben noch nie – und es, Ferkel, war nun wirklich weiß Gott wie alt – drei, oder? Oder vier? – so viel Regen gesehen hatte. Tage-, tage-, tagelang. (129)

 

Das Zeiterleben unterliegt einer Entwicklung. Kinder erleben zunächst die Zeit gegenwartsbezogener, bis sie sich später als Erwachsene das Zeitraster technischer aneignen. Im primärprozesshaften Denken frühester Entwicklungsstufen bzw. des Traumes sind die Zeitstrukturen, wie wir sie als Erwachsene selbstverständlich finden, noch nicht in Kraft. Zeit dehnt sich, wird gestaucht, Gegenwart und Vergangenheit finden zur Gleichzeitigkeit, alles ist möglich. Der Traum meistert die Zeit. Mit der Zeit meistern wir auch unsere Träume. So greift alles ineinander. Die Zeit wird erst wirksam im Sinne unseres erwachsenen Welterlebens, wenn Christopher Robin aufbricht um den Wald zu verlassen. Das wird er aber erst begreifen, wenn es zu spät ist. Und jetzt ist das Kapitel zuende.

 

 


 

Viertels Kapitel

 

In dem Ambivalenz und Pohlarität verstanden werden

 

 

Angeblich sind Kinder eher widersprüchlichen Strebungen ausgeliefert, weil sie ihre inneren An-Triebe noch nicht so gut regulieren können wie Erwachsene. Na ja, wie weit der Einzelne im Erwachsenenalter damit kommt, seine inneren Widersprüche auszugleichen, mag jeder für sich selbst bewerten. „Der Gegensatz ist der Vater aller Dinge“, so lautet der Satz des alten Griechen Heraklit (oft fälschlich übersetzt mit „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, wie der deutsch-griechische Psychoanalytiker Mentzos kritisiert, und der sollte es wissen). Gegensätze ziehen sich an, sagt der Volksmund, und man muss innerlich einen Schritt zurück treten können, wenn man die eigenen Gegensätze erkennen und mit ihnen umgehen will.

 

 

In einem ganz besonderen Abenteuer hatte dem die Gemeinschaft im Hundertmorgenwald den Nordpohl entdecken wollen und zu dem Zweck eine Expotition auf den Weg gebracht.  Pu hatte den Pohl gefunden, es war ein Pfahl (engl. pole) und Pu rettete damit Klein Ruh aus dem Flüsschen. Wenn Gefühle also pohlar angeordnet sind wie Nord- und Südpohl und wir immer irgendwo mitten dazwischen leben, dann haben wir damit eine einfache Vorstellung von der Pohlarität emotionaler Zustände. Die gegenläufigen Anziehungs- (oder auch Abstoßungs-) energien zwischen zwei Pohlen nennen wir Ambivalenz.

 

 

Pu ist der Ambivalenz ausgeliefert, wenn sie ihm widerfährt. Er erleidet die Ambivalenz beispielsweise in einer körperlich drangvollen Art und Weise, als er zu Besuch bei Kaninchen ist und  nach einem kleinen Imbiss wieder gehen will.

 

 

Und er begann aus dem Loch zu klettern. Er zog mit den Vorderpfoten und drückte mit den Hinterpfoten und nach einer gewissen Zeit war seine Nase wieder im Freien … und dann seine Ohren … und dann seine Vorderpfoten … und dann seine Schultern … und dann…

 

„Ach, Hilfe!“, sagte Pu. „Ich geh lieber wieder zurück.“

 

„So ein Mist!“, sagte Pu. „Ich muss hinaus.“

 

„Es gelingt mir beides nicht!“, sagte Pu. „Ach, Hilfe und so ein Mist!“

 

„Hallo, sitzt du fest?“, fragte Kaninchen.

 

„N-nein“, sagte Pu sorglos. „Ich ruhe mich nur aus und denke und summe vor mich hin.“

 

„Komm, gib mir eine Pfote.“

 

Pu Bär steckte eine Pfote aus und Kaninchen zog und zog und zog…

 

„Au!“, schrie Pu. „Du tust mir weh!“

 

„Es ist eine Tatsache“, sagte Kaninchen. „Du sitzt fest.“

 

„Das kommt alles daher“, sagte Pu verärgert, „dass man Vordereingänge hat, die nicht groß genug sind.“

 

„Das kommt alles daher“, sagte Kaninchen streng, „dass man zu viel isst.“

 

„Wenn wir dich nicht herausziehen können, Pu, schieben wir dich vielleicht wieder zurück.“

 

„Du meinst, ich komme hier nie wieder raus?“

 

„Ich meine“, sagte Kaninchen, „dass es, nachdem du nun schon einmal so weit vorgedrungen bist, Verschwendung wäre, nicht in derselben Richtung weiterzuarbeiten.“

 

Christopher Robin nickte.

 

„Dann gibt es nur eins“, sagte er. „Wir werden warten müssen, bis du wieder dünner bist.“

 

„Wie lange dauert Dünnerwerden?“ fragte Pu besorgt.

 

„Etwa eine Woche, würde ich annehmen.“

 

„Aber ich kann doch nicht eine Woche lang hier bleiben!“

 

„Bleiben kannst du hier ganz leicht, dummer alter Bär. Dich hier herauszukriegen ist so schwierig.“

 

„Wir werden dir vorlesen“, sagte Kaninchen vergnügt. „Und ich hoffe, dass es nicht schneit“, fügte es hinzu. „Außerdem, mein Alter, nimmst du in meinem Haus ziemlich viel Platz ein… Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich deine Hinterbeine als Handtuchhalter verwende? Ich meine, sie sind nun mal da, - untätig.“(36ff)

 

 

Pu hängt zwischen seinem Begehr nach jeder kleinen Mahlzeit, derer er habhaft werden kann, und seinem Streben nach Bewegung und Freiheit und Andere-Tiere-im-Wald-besuchen fest. Er kommt weder vor noch zurück, er steckt fest im wahrsten Sinne des Wortes, und er muss lernen, dass es in seiner prekären Lage nicht einmal Mahlzeiten geben wird, weil er ja dünner werden soll, um wieder freizukommen. Eine echte Zwickmühle, es zwickt und drückt dort, wo er festsitzt, und er darf sich nicht einmal mit einem kleinen Mundvoll beruhigen.

 

 

Und Kaninchen besitzt nicht einmal in dieser Drucksituation, der Pu ausgeliefert ist,  genug Takt, um seine Alltagsfixierung zurückzuhalten: da steckt einer in einer echten ambivalenten Zwickmühle, und Kaninchen fällt nichts Besseres ein als die Hinterbeine als Handtuchhalter benützen. Wenn wir überhaupt mal jemanden kennen gelernt haben, der über die Auswirkungen seiner Worte auf andere keine Ahnung hat, der sich in die Notlage von Pu nicht im Mindesten hineinversetzt, dann ist es Kaninchen.

 

 

Es gibt aber auch Momente, da versetzt selbst Pu sich nicht unbedingt in seine eigene Lage und versteht weder die Lage noch sich selbst, sondern projiziert Notlagen munter nach außen, wo sie andere oder anderes treffen können, zum Beispiel Höhleneingänge von Kaninchenwohnungen.

 

 

„Angenommen, Kaninchen ist nicht zu Hause? Oder angenommen, ich bleibe beim Hinausgehen wieder in seinem Vordereingang stecken, wie es mir schon einmal passiert ist, als sein Vordereingang nicht groß genug war? Denn ich weiß zwar, dass ich nicht dicker werde, aber vielleicht wird sein Vordereingang immer dünner.“ (210)

 

 

Beim oben bereits erwähnten Niveau der Reflexiven Fähigkeiten (reflective self functioning scale, RSFS) würde Pu mit seinen Überlegungen nicht zu den Spitzengewinnern gehören. Die projektive Verlagerung der eigenen Verfassung in die Zuständigkeit der materiellen Umweltbedingungen zeugt von einer mäßig ausgeprägten Fähigkeit, sich selbst psychologisch und mental zu erklären. Aber Pu geht mit diesen Defiziten um und nutzt sie zu neuen Schritten auf dem Weg zur mentholisierten Teerunde, die sinnbildlich am Ende der Entwicklung stehen sollte.  Ein Beispiel dafür lernen wir kennen, als sich Pu und ein paar Freunde einmal auf Kaninchens Orientierung verlassen und also verlaufen haben. Pu entwickelt eine Problemlösungsstrategie, die darauf beruht, dass die Dinge widersprüchlich sind. Wenn man das als gegeben ansieht und es für die eigenen Zwecke nutzt, indem man nicht sein Ziel anstrebt, sondern dessen Gegenteil, dann ist man auf dem besten Wege zu einer bärigen Dialektik. Hier werden wir Zeugen eines bedeutsamen Schrittes in der Entwicklung eines Bären!

 

 

Sie rasteten in einer kleinen Sandkuhle mitten im Wald. Pu war die Sandkuhle allmählich leid, und er hatte sie im Verdacht, dass sie ihnen folgte, denn in welcher Richtung sie auch aufbrachen, sie kamen immer zur Sandkuhle, und immer wenn sie durch den Nebel auf sie zukam, sagte Kaninchen triumphierend: „Jetzt weiß ich, wo wir sind!“, und Pu sagte traurig: „Ich auch“, und Ferkel sagte nichts.

 

„Wie wäre es“, sagte Pu langsam, „wenn wir, sobald wir diese Kuhle nicht mehr sehen, versuchen sie wieder zu finden?“

 

„Wozu soll das gut sein?“, sagte Kaninchen.

 

„Tja“, sagte Pu, „immer wieder suchen wir den Nachhauseweg und finden ihn nicht, und deshalb habe ich mir gedacht, wenn wir diese Kuhle suchen, finden wir sie ganz bestimmt nicht, und das wäre dann gut, weil wir dann vielleicht etwas finden, was wir nicht gesucht haben, und das wäre dann vielleicht genau das, was wir in Wirklichkeit gesucht haben.“

 

„Das scheint mir nicht viel Sinn zu haben“, sagte Kaninchen.

 

„Nein“, sagte Pu traurig, „hat es auch nicht. Es begann aber Sinn zu haben, als ich damit anfing. Unterwegs muss ihm etwas zugestoßen sein. (266f)

 

 

In der Tat, und was Pus Einfall zugestoßen ist, ist das Folgende: Kaninchen hat es entwertet, hat es auf der interpersonellen Ebene diskreditiert. Das hält auf die Dauer kein Einfall aus. Pu erlebt glücklicherweise aber auch Gegenteiliges, als Ferkel ihm versichert, wie es eine von Pu entwickelte Idee schätzt (das kommt gleich).

 

 

Ambivalenz (sowie Optionen für einen konstruktiven Umgang damit) können wir in einer längeren Epsiode beobachten, die zu lang ist, um sie hier im Originaltext zu übernehmen. Fassen wir also zusammen: es geht um I-Ahs Geburtstag, den alle vergessen haben und Pu kriegt ein furchtbar schlechtes Gewissen, als er das mitbekommt, und um I-Ah einen kleinen Trost zu spenden, beschließt er, ihm ein Geburtstagsgeschenk zu machen. Das größte Geschenk, was einem Pu-Bären einfallen kann, ist ein Topf voll Honig. Pu läuft nach Hause, greift einen Honigtopf und überprüft, ob es auch Eins-A-Qualitätshonig ist. Oben auf scheint es eindeutig solcher zu sein, aber auch unten im Topf? Nun gut, jeder ahnt es: am Schluss ist der Topf leer, der Honig ist in Pus Bauch (es war Eins-A-Qualitätshonig vom ersten bis zum letzten Schleck), und er wäscht den Topf ab und beschließt, I-Ah ein Gefäß zu schenken, in dem man Sachen unterbringen kann. Genau so ein Gefäß ist dieser leere Topf Honig, der eignet sich gut.

 

 

Auf dem Weg zu Oile, die einen Geburtstagsgruß verfassen soll, trifft Pu Ferkel und erzählt ihm von I-Ahs Geburtstag. Ferkel rennt nach Hause und holt einen Ballon, der von einer kürzlich gefeierten Geburtstagsparty stammt, und macht sich mit diesem großartigen Geschenk auf den Weg zu I-Ah. Ferkel hat es dabei eindeutig zu eilig, stolpert über eine Baumwurzel, und –peng! Der Ballon ist zerplatzt. Völlig verdattert und erschrocken kommt Ferkel bei I-Ah an und teilt ihm mit, zu seinem Geburtstag wolle es, Ferkel, ihm einen Ballon schenken. I-Ah liebt Ballons über alles, er freut sich wie doll, und fragt, wo denn der Ballon sei. Ferkel zeigt eine kleine Handvoll Luftballonfetzen, und die Enttäuschung bei I-Ah ist riesengroß. Da kommt Pu mit seinem Geschenk und mit der Karte von Oile und überreicht I-Ah den Topf. Dieser fragt sich, ob er wohl seinen Ballon in dem Topf verstauen könne. Pu besserwisserisch: I-Ah, man kann doch keinen Ballon in einen kleinen Topf stopfen! Ein Ballon ist dafür viel zu groß! Mein Ballon nicht, bemerkt I-Ah stolz, packt seinen Ballon-der-vorher-so-schön-war-und-nun-in-Fetzen-hängt in den Topf, holt ihn wieder heraus und so weiter, und so wird alles gut. Der Zwiespalt zwischen dem Wunsch, I-Ah ein Geburtstagsgeschenk zu überreichen, und dem Wunsch nach jedem erreichbaren Mundvoll Honig in der näheren oder weiteren Umgebung  führt also zu einer wunderbaren Passung zwischen dem sich daraus entwickelnden Geschenk eines leeren Honig-Topfes und dem in allzu großer Eile ebenfalls herangeholten Traum-Geschenk eines Geburtstagsfeierluftballons, der dann zerplatzt ist. Nur weil der Ballon geplatzt ist und weil der Topf leer ist ergibt sich das wunderbare Geschenk. Das ist das reinste Tao-Te-King; in diesem weisen „Buch des Weges“ stehen auch lauter solche Beispiele für nicht angezielte Ergebnisse: „Wer etwas tut, zerstört es / wer etwas festhält, verliert es“. Pu und Ferkel schaffen es, Jahrtausende alte chinesische Philosophen in den Hundertmorgenwald zu holen. Einfach so, durch Ambivalenz und Pohlarität.

 

 


 

Fünftes Kapitel

(in dem es um das Fühlen geht, und um sein Gegenteil: Ich fühle mich heute gar nicht)

 

 

 

Psychologen unterscheiden bis zu zehn Grundgefühle, aus denen sie alle Zwischentöne ableiten (Interesse, Freude, Überraschung, Trauer, Wut, Ekel, Verachtung, Angst, Scham, Schuld). Besonders im Beziehungsgeschehen spielen die Gefühle eine große Rolle, sie können zum „Klebstoff“ werden, der Menschen (und ihre Vorbilder wie zum Beispiel Bären oder kleine Schweine) in sichere und enge Bindungen bringt. Teil solcher Bindungen kann bei partnerschaftlichen oder sonstwie besonders intimen Verhältnissen eine erotische Schwebung sein, die sich unter anderem aus starkem Interesse und einer körperlich empfundenen Freude speist und Nähe zum Schamgefühl hat. Auch im Hundertmorgenwald gibt es delikate Erlebnisse, auch wenn sie beileibe nicht überwiegen („beileibe“ und „überwiegen“ sind zwei sehr körpernahe Begriffe, die sich hier vermutlich nicht zufällig eingeschlichen haben). Körperliche Attraktionen, manchmal fetischistisch oder voyeuristisch verbrämt, sind auch im Leben von Christopher Robin und Ferkel nicht ausgeschlossen:

 

 

Aber Ferkel hörte nicht zu; es war schier außer sich, als es daran dachte, dass es Christopher Robins blaue Hosenträger wieder sehen würde. Es hatte sie bisher nur einmal gesehen, als es noch sehr viel jünger gewesen war, und weil es sich bei ihrem Anblick ein bisschen zu sehr aufgeregt hatte, musste es eine halbe Stunde früher ins Bett als üblich; und seitdem hatte es sich immer wieder gefragt, ob sie wirklich so blau und so anregend und hosentragend waren, wie es sie in Erinnerung hatte. (221)

 

 

Es ist sicher eine eher indirekte Andeutung einer erotischen Ebene, wenn Ferkel von den Hosenträgern schwärmt und sich fragt, ob sie wirklich so blau, so anregend und so hosentragend seien. Bei manchen Gefühlen weiß der Fühlende eben noch gar nicht so recht, wie er sie findet, wie er sie nennt oder wie er sie einsortiert.

 

 

Auch weniger angenehme Gefühle können eine bedeutsame Funktion übernehmen, so dass sie sogar vermisst werden, wenn sie nicht mehr erlebt werden. Ein Beispiel: Pu besucht I-Ah und erlöst ihn von düsteren Gedanken. Es stellt sich aber schnell die Frage, was denn passiert, wenn Düsternis weicht und kein Gefühl die so entstehende Leere füllt.

 

 

„Wie geht es dir?“, sagte Winnie-der-Pu.

 

I-Ah schüttelte den Kopf von einer Seite zur anderen.

 

„Nicht sehr wie“, sagte er. „Mir scheint es schon seit längerer Zeit überhaupt nicht mehr gegangen zu sein.“ (52)

 

 

Darüber geht ihm sogar sein Körpergefühl verloren und er bemerkt gar nicht, dass sein Schwanz nicht an der Stelle hängt, wo er hingehört, was eine Kette unabwendbarer Aktivitäten nach sich zieht.

 

 

„Du musst ihn irgendwo gelassen haben“, sagte Winnie-der-Pu.

 

„Jemand muss ihn genommen haben“, sagte I-Ah. „Das sieht ihnen ähnlich“, fügte er nach langem Schweigen hinzu. (53)

 

 

Chinesische Triaden, Tierversuchslabore, tollwütige Eichhörnchen, wer immer für diese Untat in Frage kommen könnte… I-Ah verarbeitet den Verlust zunächst paranoid. Er verlagert das emotionsauslösende Moment nach außen, irgendwelche anonymen Angreifer müssen es gewesen sein, die üblichen Verdächtigen. Das ist ein innerer Mechanismus, der meist eingesetzt wird, wenn eine negative Haltung der eigenen Person gegenüber („Ich selbst kann mich im Übrigen auch nicht leiden“) nicht ausgehalten wird und es besser scheint, dass ein anderer für meinen Schaden verantwortlich ist, als ich mal wieder selber. Desungeachtet hat I-Ah im vorliegenden Fall aber Recht, es war ein anderer. Die kurzsichtige Eule hielt den Schwanz für einen herrenlosen Klingelzug, als sie gerade einen brauchen konnte, und natürlich findet Pu es heraus und weiterer Schaden kann abgewendet werden.

 

 

I-Ah ist ein Vertreter negativer Selbstauffassung, eines nahezu wahnhaft anmutenden Negativismus, der projektiv (also nach außen verlagernd) verarbeitet wird (und dadurch auch immer wieder die paranoide Grundstimmung erhält, die I-Ah  perfekt drauf hat). Projektion nach außen ist immer dann praktisch, wenn man mit einem Gefühl nicht wirklich viel anfangen kann oder die Erkenntnis, dass man eins hat, unter der Oberfläche bleibt. Es handelt sich also immer um Situationen, in denen die hohe Kunst der Mentalisierung nicht so recht zum Zug kommt. Das Nachdenken über Gefühle, deren Einsortierung und Verarbeitung wird durch Projektion unterbrochen. Im Folgenden geht es aber anders, und aus solcher unerwarteter Neuerfahrung wird dann sogar bei I-Ah Entwicklung (versprochen!). Am Fluss wird aus negativer Philosophie über Körperhygiene  einerseits sowie mehreren (teils gelungenen, teils überflüssigen) Rettungshandlungen andererseits ein veritables Körpergefühl.

 

 

Ruh wusch sich das Gesicht und Pfoten im Bach, während Känga jedem stolz erklärte, dass Ruh sich heute zum ersten Mal selbst das Gesicht wusch, und Eule erzählte Känga eine interessante Anekdote voll langer Wörter wie Enzyklopädie und Rhododendron, welcher Känga nicht zuhörte.

 

„Ich halte nichts von dieser ganzen Wascherei“, murrte I-Ah. „Dieser moderne Hinter-den-Ohren-Unsinn. Was meinst du, Pu?“

 

„Tja“, sagte Pu, „ich meine…“

 

Aber wir werden nie erfahren, was Pu meinte, denn nacheinander kamen ein plötzliches Quieken und ein Platschen von Ruh und ein lauter Alarmschrei von Känga.

 

„So viel zum Thema Waschen“, sagte I-Ah. (122)

 

 

Klein-Ruh ist natürlich in den Fluss gefallen und wird in der lupenreinsten Zen-Manier von Pu gerettet, indem er das ihm so zur zweiten Natur gewordene Prinzip des Wu Wei anwendet und einfach das Nötige tut und dabei nebenbei das Angestrebte findet (nämlich den Nordpohl, den zu entdecken sich die Expotition aufgemacht hatte, wir sprachen schon früher von dieser kleinen Geschichte). Nur I-Ah ist noch nicht glücklich, als alle schon die Rettung erleichtert bejubeln, weil er diese positive Entwicklung verpasst hat und noch immer (vermeintlich hilfreich) seinen Schwanz ins Wasser hält, um Klein Ruh Rettung zu bringen (die aber schon längst wieder an Land ist). Immer dieser Schwanz!

 

 

I-Ah zog den Schwanz aus dem Wasser und schwenkte ihn von links nach rechts. „Wie ich erwartet hatte“, sagte er. „Kein Gefühl mehr drin. Völlig abgestorben. Genau das ist nämlich passiert. Abgestorben. Na ja, solange das niemanden stört, ist es wohl auch nicht weiter schlimm.“

 

„Armer alter I-Ah! Ich trockne ihn dir ab“, sagte Christopher Robin,  nahm sein Taschentuch und rubbelte ihn ab.

 

„Danke, Christopher Robin. Du bist der Einzige, der etwas von Schwänzen zu verstehen scheint. Die anderen denken nicht; so sieht es nämlich bei manchen aus. Sie haben keine Phantasie. Für sie ist ein Schwanz kein Schwanz, sondern nur eine kleine Zugabe hinten am Rücken.“

 

„Lass sie doch, I-Ah“, sagte Christopher Robin und rubbelte, so stark er konnte. „Ist das besser?“

 

„Es fühlt sich vielleicht mehr wie ein Schwanz an. Es gehört wieder dazu, falls du weißt, was ich meine.“ (125ff)

 

 

Der Negativismus, den I-Ah in jeder Lebenslage kultiviert und der mit seinen Folgen eine selbsterfüllende Prophezeiung aller unglücklicher Vorhersagen darstellt, wird hier ergänzt um eine positive innere Haltung, die nur durch Christopher Robin in seiner Rolle als ideelles Gesamt-Selbst eingeführt werden kann. Die körperliche Integrität wird wieder hergestellt, nachdem I-Ah seinen Schwanz nicht mehr spüren konnte. Ganzheitliches Erleben schafft I-Ah kaum aus sich heraus, er braucht dazu den kleinen Jungen, der den Traum träumt, in dem sich all dies ereignet. Lange hält I-Ah diese neue positive Haltung noch nicht aus.

Aber es wird werden.

 

 

Und I-Ah hat ja auch immer wieder recht mit seiner wiederkehrenden Haltung der Düsternis. Als ein anderes Mal sein Haus verschwunden ist, das er so sorgfältig aus Stöckern zusammengebaut hatte, einfach weg, ist er natürlich nicht in guter Stimmung.

 

„Hallo, I-Ah“, sagte Christopher Robin. “Wie geht es dir denn?”

 

„Es schneit noch immer“, sagte I-Ah düster.

 

„So ist es.“

 

„Und friert.“

 

„Wirklich?“

 

„Ja“, sagte I-Ah.

 

„Jedoch“, sagte er und sein Gesicht hellte sich etwas auf, „hatten wir in letzter Zeit kein Erdbeben.“ (171f)

 

 

Auch für einen vergleichsweise mentholisierungserfahrenen Bären ist diese Negativhaltung nicht leicht erklärlich. Pu Bär jedenfalls kann sich in I-Ahs Düsternis (so ist seine Lieblingsstimmung, und so hat er sogar sein Heim getauft) nicht hineindenken. Aber Pu nimmt das nie übel, wenn der  andere sich uneinfühlbar verhält.

 

 

I-Ah, der alte graue Esel, stand am Bach und betrachtete sich im Wasser.

 

„Ein Bild des Jammers“, sagte er. „Genau. Ein Bild des Jammers“. Er drehte sich um und ging langsam zwanzig Meter am Bach entlang, durchquerte ihn platschend und ging langsam auf der anderen Seite wieder zurück. Dann betrachtete er sich wieder im Wasser.

 

„Wie ich mir gedacht hatte“, sagte er. „Von dieser Seite auch nicht besser. Aber das stört niemanden. Es macht keinem etwas aus. Ein Bild des Jammers, aber genau.“

 

Es raschelte im Farn hinter ihm und heraus kam Pu.

 

„Guten Morgen, I-Ah“, sagte Pu.

 

„Guten Morgen, Pu Bär“, sagte I-Ah düster. „Falls es ein guter Morgen ist“, sagte er. „Was ich bezweifle“, sagte er.

 

„Warum, was ist denn los?“

 

„Nichts, Pu Bär, nichts. Nicht jeder kann es und mancher lässt es ganz. Das ist der ganze Witz.“

 

„Nicht jeder kann was?“, sagte Pu und rieb sich die Nase.

 

„Frohsinn. Gesang und Tanz. Ringel Ringel Rosen. Darf ich bitten, mein Fräulein.“

 

„Aha!“, sagte Pu. Er dachte lange nach und fragte dann: „Was sind Ringelrosen?“

 

„Bonno-Mi“, fuhr I-Ah düster fort. „Französisches Wort; bedeutet so viel wie Bonhomie“, erläuterte er. „Ich beklage mich ja gar nicht, aber so ist es nun mal.“

 

Pu setzte sich auf einen großen Stein und versuchte das Gehörte zu überdenken. Es kam ihm wie ein Rätsel vor, und bei Rätseln war er nie besonders gut gewesen, da er ein Bär von sehr geringem Verstand war. (77f)

 

 

Dabei sind Gefühle und der ganze Affekthaushalt weniger eine Sache des Verstandes, sondern des Vertrautseins mit eigenen inneren Bewegungen. I-Ah ist kein besonders gelungenes Beispiel für eine vielfarbige und differenzierte Wahrnehmung der eigenen Innenwelt oder ersatzweise zumindest der Umgebung. Weder sein Verstand hilft ihm da weiter, noch sein Gefühl. Da beides eigentlich nur zusammen wirklich gut marschieren kann, kommt er gar nicht so recht vom Fleck. I-Ah kann nur leiden, das ist recht eintönig. Im Vergleich damit sind Pu noch ein paar andere basale Gefühle nicht unbekannt, er kann sie ansatzweise differenziert wahrnehmen. Besonders ein spezielles, körperlich vermitteltes Grundgefühl ist ihm vertraut:

 

 

Ein paar Stunden später, als die Nacht gerade anfing sich davonzustehlen, wachte Pu plötzlich mit einem Gefühl auf, als versinke er. Er hatte dies Gefühl des Sinkens schon vorher gehabt, und er wusste, was es bedeute. Er hatte Hunger. (69)

 

 

Er hatte noch nicht mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein seltsames Gefühl überall in ihm rumzukriechen begann. Es fing an seiner Nasenspitze an, tröpfelte von oben bis unten durch ihn hindurch und durch die Fußsohlen wieder hinaus. Es war haargenau so, als würde jemand in seinem Inneren sagen: „So, Pu, Zeit für eine Kleinigkeit.“ (83)

 

 

Der wesentliche Unterschied zu I-Ah ist, dass Pu unter diesem Gefühlserleben nicht leidet. Jedenfalls nicht lange, so lange bis er eben einen kleinen Mundvoll gefunden hat.

 

 

Ein anderes Beispiel für ein diesmal ganz neu entdecktes Gefühl widerfährt Ferkel. Pu singt ihm das versprochene Lied über die Heldentaten vor, die Ferkel bei der Rettung von Pu, Eule und Ferkel aus Eules umgestürzter Wohnung vollbracht hat. Alle drei waren drinnen, dann – rumms! – kamen sie nicht mehr durch der Eingangstür raus, weil die ganze Wohnung auf der Seite lag und die Tür war oben als neue Zimmerdecke. Durch den Sturz des Baumhausbaums befand sich der Briefkasten merkwürdigerweise hoch oben über ihnen. Keiner kam da ran oder raus. Ferkel hatte sich raufziehen lassen (ein Seil konnte Oile transportieren, aber kein Ferkel), sich durch den Briefschlitz („Nur Briefe!“) gequetscht und Hilfe geholt. In Pus Lied hieß das unter anderem so:

 

 

Oh, tapfres Ferkel (FERKEL)! Ho!

 

Zittert Ferkel? Zagt es gar?

 

Nein Zoll für Zoll und wunderbar

 

(NUR BRIEFE? Lachhaft!) sowieso

 

Flutscht Ferkel durch, hallo!

 

 

Ferkel ist innen drin gleichzeitig oberstolz, als es die sieben Strophen hört, und aber auch ein wenig unsicher, ob es diesen Stolz auch verdient und ihn berechtigt in sich wahrnimmt, es will ja keinen um irgendwelchen Stolz bringen, den es sich selbst womöglich unberechtigt anmaßt und in Wirklichkeit gehört der Stolz ganz woanders hin und sollte jemand anders erfüllen.

 

 

„Habe ich das wirklich alles getan?“, fragte es schließlich.

 

„Nun“, sagte Pu, „in der Dichtung – in einem Stück Dichtkunst – hast du es getan, Ferkel, denn die Dichtung sagt, dass du es getan hast. Und dadurch erfahren es die Leute.“

 

„Oh!“, sagte Ferkel. „Weil ich nämlich… Ich dachte nämlich, ich hätte doch ein bisschen gezagt. Nur ganz zu Anfang. Und es heißt doch: ‚Zittert Ferkel? Zagt es gar? Nein, Zoll für Zoll und wunderbar.‘ Deshalb.“

 

„Du hast nur innerlich gezagt“, sagte Pu, „und für ein sehr kleines Tier ist das die tapferste Art nicht zu zagen, die es gibt.“

 

Ferkel seufzte vor Glück und begann über sich nachzudenken. Es war TAPFER… (294)

 

 

Für Ferkel, das kleine Tier, das doch in aller Regel eher ängstlich und voller Sorgen ist, ist das ein sehr ungewohntes Gefühl. Es ist mehr als ein augenblicklich aufwallender Affekt, der im nächsten Moment schon wieder verflogen ist, und mit ihm all diese wunderbare Energie, die einen dann durchflutet, aufwallt - und weg. Dieses Aufwallen gehört zu den Vitalitätsaffekten, wenn man zwar schon mitbekommt, dass sich da etwas in einem bewegt, aber noch nicht genau, was das wohl sein könnte. Die Vitalitätsaffekte stehen am Anfang der Entwicklung, erst später kann das kleine Kind bzw. das kleine Ferkel nach und nach richtige Gefühle voneinander unterscheiden. Für Ferkel handelt es sich bei der oben skizzierten Tapferkeitserfahrung um ein identitätsstiftendes Gefühl, das der Selbstwahrnehmung hinzugefügt und innen drin aufbewahrt wird und so einen Kern bildet für eine Seite der Persönlichkeit, die ausgebaut werden könnte (und sollte!). Tapferes Ferkel!

 

 

Gefühle sind oft pohlar angelegt: es gibt sie, aber es gibt auch das Gegenteil, und manchmal beides gleichzeitig, so wie Hassliebe oder Angstlust. Bei Ferkel sind es zum Beispiel die Größe der Tapferkeit und die geringe Körpergröße, die sich gegenüberstehen:

 

 

„Ferkel“, sagte Kaninchen, „du hast nicht den geringsten Mumm.“

 

„Es ist schwer, tapfer zu sein“, sagte Ferkel und schniefte leise, „wenn man nur ein sehr kleines Tier ist.“ (97)

 

 

Dieser Wortwechsel hatte natürlich noch vor der tapferen Rettung der Freunde aus dem umgestürzten Baumhaus stattgefunden, als noch kein Lied darüber existierte, wie tapfer Ferkel gewesen war. Damals war Ferkel noch unipohlar gewesen: klein und ängstlich. Nach dem Gesang entwickelte es die Möglichkeit zur Ambivalenz, indem es einen zweiten Pohl entdeckte, seinen Mut-Pohl, den starken und bewunderten. Jetzt konnte es hin- und herschwanken.

 

 

Gefühle wahrzunehmen ist ein wesentliches Kapitel, wie mittlerweile klargeworden sein sollte. Wirklich real werden diese innen wahrgenommenen Gefühle aber erst, wenn sie nach außen gebracht und von dort bestätigt worden sind („markiert“). Aber mit Ideen oder Einfällen nach außen zu gehen, sich anderen zu präsentieren und die Gefühle zu verarbeiten, die dabei entstehen, ist ein eigenes, weiteres Kapitel.

 

 

„Ich fand deine Idee eine sehr gute Idee“, sagte Ferkel.

 

Pu begann sich etwas weniger unbehaglich zu fühlen, denn wenn man ein Bär von sehr wenig Verstand ist und sich Sachen ausdenkt, findet man plötzlich, dass eine Sache, die in einem selbst noch stark wie eine Sache ausgesehen hatte, ganz anders ist, wenn sie herauskommt und von anderen betrachtet wird. (249)

 

 

Gefühle wahrnehmen, sich in der Begegnung mit anderen ausdrücken und deutlich machen (und damit angreifbar werden oder verletzlich), all das sind nur Vorstufen auf einem weiten Weg. Später kommt man dann zu der Wegstrecke, wo man seine Gefühlswelten mit denen verschiedener Freunde konfrontiert sieht oder das sogar selber anzettelt. Es ist eine zentrale Erkenntnis auf dem Weg zur Subjektwerdung, dass zwei dasselbe sehen oder denken können und dabei sehr unterschiedliche Gefühle empfinden, je abhängig von ihrer eigenen Geschichte, ihrer Interessenlage, ihren Vorhaben, ihren Schwächen (für Honig beispielsweise). Aber in dieser potenziellen Unterschiedlichkeit liegt auch die Würze der Begegnung, und wenn Gewürze und Kräuter gut zusammen passen, ob im Pfefferminztee oder im Honig, dann entsteht etwas ganz Feines. 

 

 

Auf der Suche nach einem neuen Haus für Eule (deren altes Baumhaus  ja umgestürzt war, was zu Ferkels Tapferkeit geführt hatte) führt I-Ah die Freunde zu dem von ihm ausfindig gemachten neuen „GEOILE“ (so soll Eules neue Wohnung heißen, wie sie angekündigt hat).

 

 

Sie kamen bald zu dem Haus, das I-Ah gefunden hatte, und kurz bevor sie ankamen, gab Ferkel Pu einen kleinen Stups, und sie sagten: „Das ist es doch!“ und „Das kann doch nicht wahr sein!“ und „Das ist es aber doch!“ zueinander.

 

Und als sie ankamen, war es das tatsächlich.

 

„Da!“, sagte I-Ah stolz und blieb mit ihnen vor Ferkels Haus stehen. „Und ein Name steht auch schon dran und alles!“

 

„Ach!“, schrie Christopher Robin und wusste nicht, ob er lachen sollte oder wie oder was.

 

„Genau das richtige Haus für Eule. Findest du nicht auch, kleines Ferkel?“

 

Und dann tat Ferkel Etwas Ganz Edles, und es tat dies in einer Art Traum, während es an all die wunderbaren Worte dachte, die Pu über es gesummt hatte.

 

„Ja, es ist genau das richtige Haus für Eule“, sagte es großartig. „Und ich hoffe, sie wird darin sehr glücklich sein.“

 

Und dann schluckte es zweimal, denn es war selbst darin sehr glücklich gewesen. (299f)

 

 

I-Ah hat so lange mehr oder weniger allein in seinem düsteren Winkel am Waldrand gestanden, wo es immer so nass und kalt ist wie sonst nirgends, und hat die Freunde nie in ihren Häusern besucht, dass er nicht einmal weiß, dass das Haus mit dem Schild „Betreten V“ neben der Tür von Ferkel bewohnt und geliebt worden ist, schon immer und die ganze Zeit lang,  aber mindestens drei Jahre. In einer großen inneren Entscheidungsschlacht, die Ferkel binnen Sekundenbruchteilen in sich ausficht, gewinnt die Solidarität mit Eule. Ferkel besteht nicht auf seinem angestammten Wohnsitz, weist nicht einmal auf I-Ahs Irrtum hin (demütigt ihn also nicht, er hat es doch gut gemeint). Und auch Ferkel gewinnt: Es wird zu Pu ziehen, wie dieser in einer ebenso schnellen inneren Umstrukturierung herausfindet und vorschlägt. Ein Mentholisierungsfest, wenn man mich fragte. Zeit für eine gemeinsame Teezeremonie. Und I-Ah hat es irgendwie vom Zaun gebrochen.

 

 


 

Sechstes Kapitel

(in dem es um das Wechselspiel zwischen Fremdheit und Kultur geht)

 

 

 

Die Welt im Wald ist überschaubar und trotz der gelegentlich hereinbrechenden Katastrophen berechenbar. Umso aufregender wird es, neue Bewohner im Wald anzunehmen und in der Begegnung vom Fremden zum Gast und zum Freund werden zu lassen. Schwierig auch besonders dann, wenn  die Fremden ganz neue Sitten mitbringen, wie Känga mit ihrem Liebling Klein Ruh.

 

 

„Hier. Sind. Wir“, sagte Kaninchen sehr langsam und betont. „Wir. Alle. Und dann, plötzlich, wachen wir eines Morgens auf und was finden wir? Wir finden ein fremdes Tier unter uns. Ein Tier, von dem wir nie auch nur gehört haben! Ein Tier, das seine Familie in der Tasche mit sich herumschleppt! Angenommen, ich schleppte meine Familie in meiner Tasche mit mir herum – wie viele Taschen ich wohl brauchte?“

 

„Sechzehn“, sagte Ferkel.

 

„Siebzehn, stimmt’s?“, sagte Kaninchen. „Und noch eine für ein Taschentuch, das macht achtzehn, ich bitte euch.“ (95)

 

 

Kaninchens Verwandte-und-Bekannte sind fast ohne Zahl, also mindestens siebzehn oder so. Noch mehr Bewohner im Wald - das hält der nicht aus, meint Kaninchen. Es schlägt den Plan vor, Kängas Tochter Klein Ruh zu entführen und dann der Mutter ein Ultimatum zu stellen.

 

 

„Wir sagen ‚Aha!‘, damit Känga weiß, dass wir wissen, wo Klein Ruh ist. ‚Aha!‘ bedeutet: ‚Wir werden dir sagen, wo Klein Ruh ist, wenn du uns versprichst, dass du aus dem Wald verschwindest und nie wiederkommst‘.“ (96)

 

 

Der Plan scheitert auf glücklichste Art und Weise und nicht zuletzt daran, dass Kaninchen beim Spielen mit der entführten Klein Ruh immer mehr Freude an dem kleinen Un-Ruh-Wesen findet und sie nicht mehr missen möchte. Er scheitert auch an der Strategie von Känga, die auf der einen Seite ein Grundvertrauen zu der Gemeinschaft und vor allem zu Christopher Robin hat, der nie zulassen würde, dass Klein Ruh etwas passiert. Auf der anderen Seite verwirrt sie aktiv die Identität von Ferkel dermaßen, dass dieses bald selbst nicht mehr so sicher ist, wer es ist, und als dann auch noch Christopher Robin ihm in den Rücken fällt und ihn „Heinz Putel“ nennen will, bloß weil Ferkel rosiger aussieht als sonst im Allgemeinen, als es also selbst zum Fremden mutieren soll, der im Wald noch nie gesehen wurde (wer hat denn schon je von Heinz Putel gehört?) da rennt es nach Hause und  saut sich vorsichtshalber noch auf dem Weg heftig ein, um sein altes Aussehen wieder zu gewinnen. Und es verbringt künftig jeden Dienstag mit seinem großen Freund Christopher Robin, weil der sonst keinen zum Spielen hätte, denn Känga bringt Pu dienstags das Springen bei und Kaninchen spielt jeden Dienstag mit Klein Ruh. Alles in freundschaftlichster Butter, das war es dann mit fremdeln oder einer Unkultur der Abschottung gegen Neue oder Neues. Denkt man.

 

 

Aber dann erregt noch ein weiterer Neubürger im Wald Kaninchens heftigen Unmut, und nicht nur den von Kaninchen. Als wenn man nicht hätte lernen können aus dem Ablauf der Ent-Fremdung bei Känga und Klein Ruh - nun geht es gegen Tieger.

 

 

„Hallo, I-Ah!“, sagte Pu. „Das ist Tieger.“

 

„Was ist?“, sagte I-Ah.

 

„Das“, erklärten Pu und Ferkel gleichzeitig, und Tieger lächelte sein glücklichstes Lächeln und sagte nichts.

 

I-Ah ging einmal ganz um Tieger herum und dann drehte er sich um und ging noch einmal in der anderen Richtung um ihn herum.

 

„Was, hast du gesagt, ist das?“, fragte er.

 

„Tieger.“

 

„Aha!“, sagte I-Ah wieder.

 

Er dachte längere Zeit nach und sagte dann: „Und wann reist er wieder ab?“ (185)

 

 

Diese unverstellte und offene Ablehnung gegenüber allem, was fremd und neu ist, führt auch dieses Mal nicht zur sofortigen Vertreibung aus dem Wald, das würde Christopher Robin auch nie zulassen (s.o.). Die distanzierte Haltung soll sich auf andere, indirektere Weise zeigen.

 

 

Sie versuchten gerade auf etwas zu kommen, damit Tieger nicht mehr so ungestüm wäre, so sehr man ihn auch mochte, es ließ sich nicht leugnen, dass er sehr ungestüm war. „Er besteht aus zu viel Tieger“, sagte Kaninchen, „darauf läuft es hinaus“. (257)

 

 

Die Welt ist nun mal keine Hüpfburg. Der Plan zur Förderung des Gestüms und zum Abbau des Ungestüms bei Tieger sieht folgendermaßen aus, und er stammt von Kaninchen:

 

 

„Wir nehmen Tieger auf einen langen Entdeckungsausflug mit, irgendwohin, wo er noch nie gewesen ist, und da verlieren wir ihn, und am nächsten Morgen finden wir ihn wieder, und dann – soviel kann ich euch versprechen – wird er ein rundum völlig anderer Tieger sein.“

 

„Warum?“, fragte Pu.

 

„Weil er ein demütiger Tieger sein wird. Weil er ein trauriger Tieger sein wird, ein melancholischer Tieger, ein kleiner Tieger, so klein mit Hut, und Leid wird es ihm tun, ein Ach-Kaninchen-was-bin-ich-froh-dich-zu-sehen-Tieger wird er sein. (…) Wenn es uns gelingt, dass Tieger sich wenigstens fünf Minuten lang klein und traurig fühlt, haben wir eine gute Tat getan.“ (258)

 

 

Tatsächlich geht auch dieser Plan auf erfreulichste Weise schief, Tieger findet immer wieder nach Hause, egal wo er gerade ist (das können Tieger am besten). Ganz im Gegensatz dazu irrt Kaninchen im Nebel umher und findet den Weg nicht und wird ein kleines und jammervolles Kaninchen, so klein mit Hut. Aber eine Strafe wird nur zur Strafe, wenn einer sie angestrebt hat. Kaninchen wollte keiner abstrafen, und so leidet es auch nicht weiter unter der Unbill, die es Tieger zugedacht hatte und nun selbst durchstehen muss: nämlich allein im Nebel herumzuirren, im großen Wald und ohne jede Orientierung. Jedenfalls trifft Kaninchen nach langem Irrweg auf…

 

 

… einen freundlichen Tieger, einen großartigen Tieger, einen großen und hilfreichen Tieger, der, wenn er überhaupt umhersprang, mit haargenau jener Anmut umhersprang, mit der Tieger umherspringen sollten.

 

„Ach, Tieger, was bin ich froh, dich zu sehen“, schrie Kaninchen. (270)

 

 

An dieser Szene wird deutlicher als je zuvor, dass Kaninchen mit seiner Abwehr des Anderen etwas in sich selbst bekämpft. Eine vernünftige Mentalisierung könnte es aus diesem Dilemma befreien, denn wer mentalisiert, der denkt über sich und den anderen nach und darüber, wie diese Unterschiede wohl aussehen werden und was der Fremde wohl in seinem Picknickkorb haben könnte und ob man davon etwas abbekommen wird. Wer das Fremde nicht interessant findet, weil er mit dem Fremden in sich selbst nicht zurecht kommt, kämpft gegen alles, was sich quer stellt. Nicht zufällig ist also Kaninchen an den meisten Ereignissen beteiligt, bei denen es um Fremdheit, ihre Zurückweisung und den Versuch der Austreibung geht (was zum Glück aber immer schief geht). Kaninchen ist ein Tier, das man sich mit buntgeblümter Kittelschürze vorstellen kann, für viele Inbegriff der Spießigkeit (was aber keineswegs gleichzusetzen ist mit Dummheit). Oder mit einem Blaumann über einem Feinripp-Unterhemd mit Goldkettchen, um ein maskulines Klischee anzubieten, oder mit einer anderen Uniform, wie sie Männer tragen  (sozusagen die Kittelschürzen der Männer).

 

 

„Kaninchen ist schlau“, sagte Pu nachdenklich.

 

„Ja“, sagte Ferkel, Kaninchen ist schlau.“

 

„Und es hat Verstand.“

 

„Ja“, sagte Ferkel. “Kaninchen hat Verstand.“

 

Es entstand eine lange Stille.

 

„Ich glaube“, sagte Pu, „deshalb versteht es auch nie was.“ (273)

 

 

Diese Textstelle wird in der Regel von den taoistischen Auseinandersetzungen um die Philosophie des Pu in den Mittelpunkt gestellt. Sie wird auch mit der jüdische Geistestradition verknüpft, dort ist es die puistische Spielart des pilpul, einer mit Widerspruch und Gegensatz operierenden Betrachtungsweise. Diese  Denkfigur setzt regelhaft den überraschenden Widerspruch ein, um vorschnelle Annäherung an rein affirmatives Wissen zu vermeiden. In dieser Textstelle steckt eine zutiefst puistische Botschaft: Verstehen hat nichts mit Verstand zu tun. Wir finden hier eine Schnittstelle mit dem „Kleinen Prinzen“ de Saint Exupérys vor: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Puismus ist Humanismus, wie er seit Dante Alighieri, Petrarca, Goethe oder Erich Fromm in Kunst, Kultur und Wissenschaft wirkt. Fremdenfeindlichkeit und die geölte Sachlichkeit Kaninchens passen nicht gut zu dieser Botschaft, daher bedarf es der Distanzierung: Pu möchte die Art von Verstand, wie sie von Kaninchen benutzt wird, nicht geschenkt. Auch wenn er das nie so hart sagen würde.

 

 

Pu hat eine andere Art von Verstand. Pu entwickelt seine Gedanken sorgsam wie seine Gedichte. Er leitet die eben zitierte Kernbotschaft über den Humanismus mit einer langen Stille ein (s.o.). Er weiß, dass man sich zum Verfassen großer Worte in die Dimension stellen muss, durch die die großen Worte des Universums gleiten, und sich von ihnen  erfassen lassen.

 

 

„Ein Gedicht und ein Gesumm sind keine Sachen, die man so einfach packen kann, nein, man wird von ihnen gepackt. Und alles, was man dazu tun kann, ist dorthin zu gehen, wo sie einen finden können.“ (289)

 


 

Siebentes Kapitel

(oder: Wenn der Apfel fällt – wo ist dann der Stamm?)

 

 

 

 

Als Christopher Robin geht, sitzt er ein letztes Mal (wie alle Beteiligten aus der Gemeinschaft und der Leser ebenfalls irgendwie intuitiv wissen), also ein letztes Mal mit Pu zusammen. Christopher Robin eröffnet Pu seine Lebensperspektive: nie wieder so ein Kind sein wie in den letzten Jahren. Das könnte deprimierend sein, aber irgendwie ist es das nicht, oder doch?

 

 

„Was tust du am liebsten auf der Welt, Pu?“

 

„Tja“, sagte Pu, was ich am liebsten tue…“ Und dann musste er innehalten und nachdenken. Denn obwohl Honigessen etwas sehr Gutes war, was man tun konnte, gab es doch einen Augenblick, kurz bevor man anfing, den Honig zu essen, der noch besser war als das Essen, aber er wusste nicht, wie der hieß. Und dann, fand er, Mit-Christopher-Robin-zusammen-sein auch etwas sehr Schönes, und Ferkel-in-der-Nähe-haben war auch etwas sehr Angenehmes, was man gut haben konnte; deshalb sagte er, nachdem er alles durchdacht hatte: „Am liebsten von der ganzen Welt mag ich, wenn ich und Ferkel dich besuchen gehen und du sagst: ‚Wie wär’s mit einem kleinen Imbiss?‘, und ich sage: ‚Gegen einen kleinen Imbiss ist eigentlich nichts einzuwenden, oder was meinst du, Ferkel?‘ und draußen ist ein Tag, in dem irgendwie Gesumm drin ist, und die Vögel singen.“

 

„Das mag ich auch“, sagte Christopher Robin, „aber was ich am liebsten tue, ist gar nichts.“ (…)

 

„Es bedeutet, dass man einfach so vor sich hin geht, sich alle Sachen anhört, die man nicht hören kann, und sich nicht weiter drum kümmert.“

 

„Aha!“, sagte Pu.

 

Sie gingen weiter, dachten an Dies und Das und kamen irgendwann an einen verzauberten Ort ganz, ganz oben in der Mitte des Waldes. (310f)

 

 

Und kurze Zeit später eröffnet Christopher Robin dann Pu, wie hart das Leben wird:

 

 

„Ich werde nicht mehr gar nichts tun.“

 

„Nie wieder?“

 

„Kein bisschen. Sie lassen einen nicht.“ (316)

 

 

Dieses Mal sind mit „sie“ wir gemeint, wir alle, die rund um das Buch und mitten in der Realität sitzen. Es sind nicht die paranoid angeklagten vermeintlichen Schwanz-Diebe, die I-Ah weiter oben bezichtigt hat. Wir Erwachsenen sind gemeint. Die Welt außerhalb des Hundertmorgenwaldes ist gemeint, da wo wir immer leben, jeden Tag, und alles machen, was diese Welt ausmacht. In unserer Erwachsenen-Welt ist kein Platz für Nichtstuer und Tagediebe. Man kann nicht immer ein kleiner Junge bleiben, wenn man in die Welt außerhalb des Hundertmorgenwaldes geht. Christopher Robin weiß das, aber er geht trotzdem. Wenn das nicht mutig ist – welchen Sinn  hätte dann das Wort „Mut“ überhaupt? Christopher Robin geht, weil er vor lauter Interesse (das war das erste der weiter oben aufgezählten Grundgefühle) nicht ein noch aus weiß.

 

 

Plötzlich begann Christopher Robin, Pu von ein paar Sachen zu berichten: Leute, die Könige und Königinnen hießen, und etwas, das Faktoren hieß, und ein Ort namens Europa, und eine Insel mitten im Meer, die man nicht mit dem Schiff erreichen konnte, und wie man eine Saugpumpe herstellte (wenn man wollte), und wann Ritter zum Ritter geschlagen wurden, und was aus Brasilien kommt. (314)

 

 

Und wenn man diese paar Sachen ganz langsam liest und sich (eine Übung praktischer Mentalisierung) ganz langsam vor Augen führt, wie das wirkt, dieses Unbestimmte („etwas, das Faktoren hieß…“), dieses Vielfarbige („Brasilien…“), dieses Selbstbestimmte („wenn man will…“), wie es langsam warm wird innen drin und dieses Gefühl leidenschaftlicher Welterkundung größerer Jungen sich in einem ausbreitet, dann kann man Christopher Robin doch auch verstehen. Er lässt ein Paradies hinter sich, den Wald und die Freunde und die vielen Abenteuer. Aber was gibt es darüber hinaus nicht noch alles!  Eine ganze Welt wartet auf ihn.

 

 

Pu hat wieder mal Pelz im Ohr und kann nicht genau verstehen, was Christopher Robin meint. Wie immer in diesen Situationen wird deutlich, dass sich das Schlecht-Verstehen doch stärker auf die Bedeutung der Worte bezieht als auf die gestörte Aufnahme akustischer Wellen. Christopher Robin erzählt von Rittern, und Pu versteht „Retter“ (wen hat er nicht schon alles gerettet, und welche weiteren Rettungen stehen noch an im Wald, morgen und jeden Tag?). Christopher Robin lässt sich dadurch nicht aus der Bahn  bringen. Er schlägt Pu zum Ritter (Retter ist Pu ja schon). Er stellt sicher, dass er mit Pu und den anderen in einer unaussprechbar - unausgesprochenen Verbindung bleiben wird, wenn er jetzt in die Welt und in die Schule geht: verstehen ohne zu verstehen. Gehen ohne irgendwohin zu gehen, dieser ganze taoistische Krempel. Worum dreht es sich? Um das Kind in uns. Ganz einfach: um das Kind in uns, wir kennen das aus esoterisch-psychologischen Ratgebern oder von Bullerbü-Erfinderin Astrid Lindgren („Ich schreibe für das Kind in mir“). Christopher Robin ist sich darüber im Klaren, dass er - auch wenn er jetzt ein neues Kapitel seines Lebens schreibt - die vorangegangenen Kapitel für immer mit (in) sich trägt und immer wieder mal darin blättern kann. Aber sie sind schreibgeschützt, er kann nichts mehr dran ändern oder ergänzen, und er kommt nicht wieder in den Original-Kontakt wie früher. In vielen psychologischen Entwicklungsmodellen wird betont, dass Reifungsschritte die vorangegangenen Phasen nicht zum Verschwinden bringen, sondern sich wie eine neue Schicht über die älteren legen, aber man kann diese älteren Schichten auch immer wieder mal freilegen und sie zur Wirkung kommen lassen. In der Mentalisierungstheorie gehören die drei seelischen Funktionsweisen ins Zentrum der frühen Reifung des Säuglings: Äquivalenzmodus, Als-ob-Modus und Teleologiemodus. Alle drei sind notwendige Entwicklungsschritte, werden aber integrativ und dialektisch auf einer höheren Ebene überwunden und tauchen im späteren Leben immer wieder mal auf, sind dann aber regulierbar und können benutzt werden, statt ihnen unterworfen zu sein (wie es in den frühen Entwicklungsschritten ist). Man spricht dann davon, dass ein „reflexiver Modus“ erreicht wurde. Christopher Robin ist auf dem Weg dorthin, und er hat nicht vor, sich aufhalten zu lassen. Pu kapiert nicht so sehr viel davon, und der Einbruch der Welt außerhalb des Hundertmorgenwaldes in sein Leben macht ihn eher wuschig, so dass sich Dinge verknäulen wie Pelzhaare im Ohr und alles kommt durcheinander und man weiß letztendlich nicht mehr ob man mehr ein Retter ist oder ein Ritter. Wenn das Außen so hereinbricht und die Grenzen funktionieren nicht mehr, das nennt man bei Erwachsenen eine Psychose. Bei Kindern ist das normaler, kommt schon mal vor,  dass die Grenzen da etwas wackliger sind. Pu ist schließlich nicht verrückt. Aber mit diesem Außen kann er nichts anfangen. Er weiß nur, dass er irgendwie die Verbindung zu Christopher Robin halten möchte, wenn der rausgeht.

 

 

Als sich Christopher Robin von Pu und dem Hundertmorgenwald verabschiedet, nimmt er auch Abschied von dem kindlichen Weltbild der drei Modi, in denen sich Pu und die anderen weitgehend bewegen. Der kindliche Charme des Pu-Universums besteht ja unter anderem darin, dass diese Welt so ganz selbstverständlich anderen Gesetzen gehorcht als unser erwachsener Alltag. Wir kennen diese Gesetze alle irgendwie, vielleicht erinnern wir uns nur sehr verschwommen daran, aber alle sind durch diese Entwicklungsräume gegangen. Es ist also irgendwie der „Hundertmorgenwald in jedem von uns“, der uns da anspricht, und wir sind da hindurchgegangen und schon lange dort angekommen, wo Christopher Robin jetzt hin will. Es gibt eine Menge Stimmen in den meisten von uns, die  ihm zurufen wollen: „Pass auf, kleiner Christoph Robin, bleib wo du bist!“, so wie man den Kasper vor dem von hinten sich anschleichenden Krokodil warnt, in schrillem Ton. Vergebens, Christopher Robin will es nicht anders. Im Übrigen: der Kasper braucht die wohlmeinende Warnung vor dem Krokodil nicht. Er kann auch allein gut für sich sorgen, oder mit Hilfe von Seppl und Gretchen. Christoph Robin kann das auch.

 

 

Wenn er Glück hat, dann weiß er auch später noch, wie wichtig die Eigenheiten jedes einzelnen seiner Freunde für die Gemeinschaft waren und dass es beim Erwachsenwerden nicht allein darum geht, dass man nun besser weiß, was es mit „Betreten V“ auf sich hat und dass die Hosenträger von Christopher Robin nicht wirklich so aufregend sind. Ziel des Erwachsenwerdens ist nicht, dass man die Gefühle und Geheimnisse der Kindheit nicht aus der Welt rationalisiert. Es wäre ja viel besser, sie zu bewahren, um jederzeit dahin zurückkehren zu können: zu den Erinnerungen an die Spiele und Abenteuer und an die Gefährten, zu den Geheimnissen und den sonnigen Spätsommernachmittagen sowie auch zum nebligen, trüben November. Allerdings sind die Erinnerungen allzu oft nicht so romantisch-verklärt wie in Pus Welt und in der von Christoph Robin. Deshalb neigen dann doch viele beim Erwachsenwerden dazu, sich lieber an gar nichts mehr zu erinnern und sich die Erklärung zurecht zu legen, dass die bedeutsame Erinnerung doch sowieso meist erst mit zehn, zwölf Jahren anfängt, vorher ist ja alles nur Kinderkram. Wie es auch immer bei anderen sein mag: Christoph Robins neue, jugendliche, bald wohl erwachsene Welt wird auf die Steine der alten Welt gebaut, die Kindheitswelt, und nur wenn diese Steine stabil sind und eine geeignete Form haben, so dass es, wenn man darauf baut, nicht so doll wackelt wie die Buchstaben von Pu,  dann ist die neue Welt eine gute Welt.

 


 

 

 

Letztes Kapitel

 

(in dem erklärt wird, dass Entwicklungen die Menschen schon immer mehr bewegt haben als Verwicklungen, und ein Missverständnis aufgeklärt wird - auch eine Art Nachwort

 

 

Dieses Kapitel erklärt einem das, was man gerade gelesen hat. Es ist also eigentlich völlig überflüssig. Man sollte vielleicht eher vorher erklären, worum es im Folgenden vor allem gehen wird, und dann liest man mit Sinn und Verstand. Deshalb könnte es auch „Erstes Kapitel“ heißen.

 

 

Aber die Summe bildet man erst, wenn alles aufgezählt ist, was sich da summiert. Also ist es eigentlich ein Nachwort. Oder man denkt sich die Kapitel dieses Buchs auf der Erde um einen herum im Kreis drapiert. Dann ist es ein nach - wie - Vor-Wort.

 

 

Pu der Bär ist mehr als die Summe seiner Teile. Wenn man über Pu in einem der beiden Pu-Bücher liest (oder es wird einem daraus vorgelesen), dann geht es natürlich zu allererst um die Hauptperson, und das ist (wie die Titel der Bücher schon zum Ausdruck bringen) nun einmal Pu. Wie jede Person setzt er sich aus unterschiedlichen Facetten zusammen, in denen sich hauptsächlich sein Wunsch nach Honig wie ein roter (goldgelber?) Faden immer wieder findet. Pu setzt sich dann immer wieder mit seinen Freunden im Hundertmorgenwald zusammen, und so ist es erstmal eine zusammengesetzte Person und dann auch eine zusammengesetzte Gruppe. Christopher Robin hat einen zusammengesetzten Namen, und Känga setzte sich aus Känga und Klein Ruh zusammen. Die wahre Hauptperson der Pu-Bücher ist ein zusammengesetztes Ganzes aus verschiedenen einzelnen Wesen, aus Ideen und Wünschen und vielen Einfällen, und zusammen ergibt das mehr als die Summe seiner Teile. In diesem vielstimmigen Gesang hat Pu die führende Melodie. Aber ohne die Harmonien (oder Missklänge) die sich mit den anderen ergeben, wäre es ein wenig interessantes Gesummse.

 

 

Man kann die einzelnen Bestandteile, aus denen sich die Gemeinschaft im Hundertmorgenwald zusammensetzt (oder die „Idee“, die in Pu steckt, seine Quintessenz sozusagen), besser erkennen, weil sie jeweils ein richtiges eigenes (Teil-) Leben führen. Auch wenn manches für sich genommen ein wenig übertrieben wirkt, die Miesepetrigkeit von I-Ah, dem Esel, oder die generalstabsmäßige Betriebsamkeit von Kaninchen – sinnvoll wird es erst durch die Ergänzungen, die die anderen mitbringen. Dadurch ist der Hundertmorgenwald wie ein breit angelegter Traum. Im Traum sind Naturgesetze wunderlichen Einflüssen ausgesetzt, zum Beispiel gehorcht die Zeit im Traum ihren eigenen Gesetzen: da kann alles ganz schnell ablaufen, man schläft nur noch mal ein paar Minuten ein und träumt einen kompletten Traum, der mindestens eine Drei-Tage-Handlung enthält, mit allen Details. Traum-Zeit ist eben nicht Echt-Zeit. Die verschiedenen Personen im Traum können allesamt zu einem selbst gehören: einer träumt, dass einer einen umbringt, und es ist ein Teil seiner eigenen Person, der in tiefem Unfrieden mit einem anderen Teil seiner Person liegt und den ungeliebten Teil am liebsten aus der Welt schaffen würde, und im Traum macht er es einfach. Die Logik (oder oft scheinbar eher: die Unlogik) eines Traumes verwirrt einen manchmal oder macht ratlos, weil vieles nicht gilt, was sonst in unserem Alltag selbstverständlich ist: normalerweise ist im Alltag ja nicht nein, schwarz ist nicht weiß, das zieht sich durch unser Leben. Widersprüchlichkeit gehört sich im normalen Leben irgendwie nicht. Wenn man jemandem sagt: „Was du erzählst, ist doch total widersprüchlich!“, dann bringt man damit zum Ausdruck, dass seine Aussage Quatsch ist und er besser noch mal neu überlegen soll. Pu würde sich vielleicht in die Ausrede flüchten, es scheine aber einen Sinn gehabt zu haben, oder zumindest begann es einen zu haben, aber dann sei ihm etwas zugestoßen, unterwegs, dem Sinn. Widersprüchlich.

 

 

In der Mathematik hat man sich seit hunderten von Jahren immer mehr und ausgeklügeltere Gedanken darüber gemacht, wie „widerspruchsfreie Sätze“ zu formulieren sind. Wissenschaftler haben festgelegt, dass die Welt durch Theorien erklärt werden soll und dass eine Theorie immer solange als Wahrheit gilt, bis reale Widersprüche auftauchen, die eine neue Theorie notwendig machen. Jeder Theoretiker fürchtet also Widersprüche, denn wenn ein Anderer ihm wirklich gut widerspricht, kann er selber mit seiner alten Theorie nach Hause gehen. Es ist einfach so, dass Wissenschaftler und andere vernünftige Menschen immer darauf bestehen, dass ihre Gedanken logisch aufgebaut sind, stimmig und vollkommen widerspruchsfrei. Und so durchzieht eine widerspruchsfreie Logik unseren Alltag wie auch die Wissenschaft. Nur nicht die Träume. In denen ist das Wichtige unwichtig und das Unwichtige wichtig, und man kann in Träumen Sachen, von denen man genau weiß, dass man sie nicht kann (zum Beispiel fliegen oder unter Wasser atmen oder komplizierte Maschinen erfinden). Jedenfalls wenn man wach ist, weiß man, dass man das nicht kann. Im Traum funktioniert also vieles so, wie es funktionieren würde, wenn unser möglichst widerspruchsfreies und durch handfeste Einschränkungen bestimmtes Leben keine widerspruchsfreie Logik und keine handfesten Einschränkungen kennen würde.

 

 

Jeder Mensch durchlebt auch außerhaslb von Träumen eine Phase, wo genau das so ist: keine Logik, keine Beschränkung im Denken. Im ersten Lebensabschnitt, der Zeit als Säugling und Kleinkind, ist zwar einerseits das Denken noch nicht ausgereift und mit dem Sprechen hapert es auch ganz erheblich (erst geht es ja eine Zeitlang gar nicht, nur „baby-talk“). Aber es gibt andrerseits ein weltumfassendes Selbstgefühl -  alles ist erlaubt  und das kleine Kind ist in dieser seiner Welt der Mittelpunkt und eigentlich ein Alleskönner. Umso verletzender sind Erfahrungen damit, dass die widerspenstige Welt beim Stolpern spitze Steine ins Knie drückt und blutige Kratzer hinterlässt, eine Unverschämtheit gegenüber seiner Majestät, dem Kind. Das Weinen folgt dann nicht nur aus Schmerz, sondern auch aus Wut und Kränkung über diese Behandlung. Das ist die Phase, wo kleine Kinder noch nicht durch zahlreiche bittere oder spannende Erfahrungen gelernt haben, wie wenig man oft ausrichten kann und wie beschränkt die eigenen Spielräume sind. „Das kann ich selber!“ – mit dieser Haltung greift der kleine Junge nach dem Löffel, haut ihn in die Suppe und schülpert alles auf die Erde. Dumm gelaufen, und man kriegt mehr Suppe in den Mund, wenn der Vater einen füttert. Später lernt man dazu, kann immer besser selber mit Löffeln umgehen, aber lernt auch, dass der eleganteste Umgang mit Löffeln nicht nützt, wenn die Suppe zu heiß ist oder es gar keine mehr gibt. Reale Beschränkungen. Es gibt Grenzen, da muss man abwarten oder ist ganz machtlos. Die Realität holt einen im Leben ein, aber nicht im Traum. Der bleibt widersprüchlich und grenzenlos. Das heißt nun aber nicht, dass das alles ganz unrealistisch zugehe im Traum, mit dem Leben nichts zu tun habe und man es möglichst schnell vergessen solle. Man kann nur damit meist nicht so komplexe technische Probleme lösen wie zum Beispiel einen bemannten Flug zum Mond oder die Herstellung laufmaschenfreier Nylonstrumpfhosen. Man kann aber einen anderen Blick auf die Welt gewinnen und manchmal Zusammenhänge besser verstehen oder den Gefühlen auf die Spur kommen, die mit dem Mond oder den Laufmaschen zu tun haben (und mit Chance viel spannender sind als die technische Seite des Raumfluges oder der Strumpfindustrie). Das hilft manchmal weiter. Aber zurück zur Geschichte von Pu, dem Bär.

 

 

Pus Geschichte ist also in vielem wie eine Traumgeschichte. Das ist auch in einigen anderen Kinderbüchern und -geschichten so: „Lippels Traum“ von Paul Maar, „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende, „Nussknacker und Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann. Die Pu-Geschichte findet im Wald statt, auch darin liegt eine innere Verbindung zum Traum. Im „Katathymen Bilderleben“ (einer psychotherapeutischen Methode, die verwandte Strukturen von Tagträumen und nächtlichem Traum nutzt) steht der Wald bildhaft für die unbewussten Bereiche der Person und des Erlebens, in denen sich die Mythen und Archetypen tummeln. Nehmen wir also den Hundertmorgenwald des Buches als eine Sphäre, die irgendwie vorbewusst bleibt. Da sind wir schon wieder in der Nähe des Traumerlebens, das hier überall eine große Rolle spielte. Der Wald verbirgt in seinem Dunkel Bedrohungen oder spannende Orte, die wir nicht direkt ins Blickfeld kriegen. Das Gesetz des Dschungels (das ist ja auch ein ganz ursprünglicher Wald) ist irgendwie anders als die Regeln unseres Alltags es sind.  Unser Alltagsverhalten ist geprägt von Vorschriften und Normen, die wir ein Leben lang, Jahr um Jahr gelernt und verinnerlicht haben. Eine ganze Kindheit hat das gedauert, immer fester wird das Gebäude unseres Alltags-Hauses, das feste Mauern aus Gewissheiten und Erfahrungen hat und eine gute Heizung für kalte Zeiten. Der erwachsene Mensch geht in den Wald, wenn er Brennholz holen will oder wenn er gesucht wird und ein gutes Versteck braucht. Das Kind hingegen ist Teil des Waldes. Es bewegt sich zwischen Einhörnern und Drachen wie selbstverständlich, auf der Suche nach dem Goldenen Vlies oder dem Schatz der Korsaren. Aber ich will nicht abschweifen.

 

 

Traum und Wald, eine wunderbare Naivität und Kindlichkeit kommen zusammen in den Geschichten von Pu und seinen Freunden. Der Hundertmorgenwald steht für Kindheit, für unbeschwerte Neugier und kreative Nachdenklichkeit – zum Beispiel über den eigenen Namen und was er bedeuten mag und wie es zu dem Namensschild an der Tür kommt, über die eigenen Wünsche und die der anderen und warum Wunschzettel so verschieden sein können und ähnliche Geheimnisse. Der Wald steht damit auch für einen Entwicklungsraum, in dem sich ganz viel tut, es wuselt und wimmelt nur so herum, und manche von den auftretenden Wesen sind etwas begriffsstutzig und andere pfiffig, manche guter Laune und manche eher übel drauf. Es bewegt sich alles im Wald, was sich auch in uns Menschen bewegt, und da es ein Wald der Kindheit ist, ist noch nicht alles so sortiert und aufgeräumt, wie wir Erwachsenen es für uns gern in Anspruch nehmen. Es ist vieles noch im Werden, vieles bisher unklar oder nur vage Hoffnung. Die beiden Bücher von Herrn Milne sind also sozusagen Entwicklungsromane, in denen viele der entscheidenden Fragen gestellt werden, die sich jedem von uns einmal gestellt haben und die wir mehr oder weniger befriedigend für uns beantwortet und danach dann wieder ganz schnell vergessen haben: wie ist es ein anderer zu sein? Was ist ein Großvater? Wann ist man man selbst, und wann ganz außer sich, und wie kommt man wieder rein?

 

 

Mit diesen Entwicklungs-Fragen hat sich die Literatur schon seit Jahrhunderten befasst, von Goethes „Wilhelm Meister“ über die „Blechtrommel“ von Günter Graß bis zu „Harry Potter“. Auch hatte jedes Weltbild seine Vorstellung, wie sich alles entwickelte. Und die Wissenschaft war ebenso schon immer interessiert an den Abläufen der Menschwerdung, der Entwicklung der Menschheit wie der des Einzelnen. Von frühen Schöpfungsmythen bis hin zur Embryonalforschung und zur Entwicklungspsychologie reicht die Palette. Wie entsteht das, was ich immer so  wenig achtsam und ohne groß drüber nachzudenken als „ich“ bezeichne? Wie kommt es vom „ich“ zum „du“? Diese Schritte macht jeder von uns, jeder einzelne Mensch, oder doch fast jeder. Aber kaum einer kann sich noch daran erinnern.

 

 

Nicht nur jeder Einzelne muss sich entwickeln. Entwicklungsschritte musste auch die ganze Menschheit bewältigen, immer wieder. Vom kollektiven Bewusstsein früher Stammesverbände dauerte es ein paar tausend Jahre, bis sich in den Worten „Bin Odysseus“  der Held erstmals in der literarisch aufgeschriebenen Geschichte als Individuum, als Unteilbarer erkennt, spürt und mitteilt: jemand, der von sich sagen kann „ich bin“. Homer berichtet in seiner Odyssee davon. Vorher hatte es eigentlich nur ein „wir“ gegeben. Wieder zwei Jahrtausende später (gerade in der Renaissance angekommen) weist die Kunst  dem Individuum als Betrachter eines Gemäldes einen festen Standpunkt vor dem Bild zu, der sich nach die Fluchtlinien der Zentralperspektive seit der Renaissance errechnen lässt. Im Gegensatz zu den Tafelbildern der Romanischen Zeit ist nicht mehr das Kollektiv die leitende Idee von Kunst und Gesellschaft, sondern das Individuum rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Individuelle Liebe siegt immer häufiger über die Vernunftehen der europäischen Höfe ebenso wie über die schon Kindern auferlegten Zwangsehen. Aus dem kollektiven „wir“ früherer Zeiten wird der Einzelne heraus differenziert. So gibt es immer mehr Bereiche, in denen sich immer mehr „Ichs“ tummeln und zusammen eine Welt ergeben. Glücklicherweise führt das nicht nur zu mehr Egoismus, sondern daraus entstehen auch die individuelle Freiheit und Autonomie. Und diese Ichs unterscheiden sich voneinander, im „Herausdifferenzieren“ steckt das Wort Differenz, der Unterschied, der jedes Ich zu einem unverwechselbaren und wertvollen Unikat macht. Bei Pu und seinen Freunden zeigt sich das in der Umkehrung: die  Differenzierung ergibt in der Umkehrung eine Zusammensetzung, eine Integration. Aus vielen recht eigensinnigen kleinen Wesen wird eine Gemeinschafts-Idee. Das ist wieder Traum-Mechanik: wo es eigentlich historisch (in der linearen Wach-Zeit) vom Kollektiv zum Individuum geht, zeigt sich im Hundertmorgenwald die Ganzheit in der Zusammenschau der einzelnen Teil-Wesen.

 

 

Auch die Tiefenpsychologie hat sich mit den beiden wesentlichen Entwicklungsebenen befasst: mit den historischen Entwicklungen des menschlichen Bewusstseins (für Wissenschaftler: z.B. Gebser 1949, Freud 1914) wie auch in unvergleichlich größerem Umfang mit der individuellen Entwicklung des Menschen vom Säugling bis zum Greis (Entwicklungspsychologie, z.B. Spitz; Piaget; Stern 1985). Im Laufe der Zeit wurde der Blick immer präziser, die Fragen wurden differenzierter. Heute fragen sich Wissenschaftler: wie lerne ich wahrzunehmen, dass ich in einer bestimmten seelischen (mentalen) Verfassung bin, dass diese sich ändert (und wovon das abhängt)? Wie komme ich auf die Idee, dass andere nicht immer automatisch dieselbe seelische Verfassung aufweisen wie ich, und wie komme ich dahinter, was den anderen wohl bestimmen und bewegen mag? Bei diesen Fragen geht es um Bedeutungen und auch um Intentionen (im Sinne von Absichten und Vorhaben). Was ist in mir los: was denke ich – aber vor allem auch: was fühle ich? Und was kann ich damit anfangen? Krieg ich meine inneren Prozesse in Kopf und Bauch zusammen, oder gibt es ein einseitiges Übergewicht (wohin auch immer?) Was passiert in meinem Gegenüber, und wie kann ich mir das zusammenreimen und es verstehen oder nachfühlen? Was ist eigentlich zwischen uns beiden los, und kann ich davon etwas verstehen? Das wären einige der Fragen zu den Bedeutungen des ganzen Geschehens.

 

 

Hinzu kommen die Aspekte der Richtung, die ich dem Ganzen geben möchte: was wünsche ich mir – sowohl hinsichtlich meiner eigenen Verfassung als auch in Bezug auf mein Gegenüber? Was will ich erreichen, was lasse ich einfach geschehen, welchen Einflüssen bin ich einfach so ausgeliefert? Und was sollte auf gar keinen Fall geschehen (fragen sich vorrangig immer auch die kleinen Tiere – auf der ganzen Welt übrigens, nicht nur im Hundertmorgenwald, denn überall müssen sich die kleinen Tiere besonders aufmerksam schützen, und sie kommen  am schlechtesten an die süßesten Früchte). All das sind Fragen einer alltäglichen Psychologie im Umgang miteinander, einer Alltagspsychologie also. Diese Alltagspsychologie sollte nach Möglichkeit nicht verwechselt werden mit der vielzitierten „Küchenpsychologie“ - da wird eher versucht, mithilfe psychologischer (Schein-)Erkenntnisse die oftmals recht rigiden eigenen Vorurteile zu rechtfertigen. Die uns interessierende Alltagspsychologie kümmert sich um grundlegende Erscheinungen des menschlichen Alltags: wie wir werden, was wir sind - und wie wir uns tagtäglich fühlen und miteinander umgehen und so weiter.

 

 

Um solche Fragen geht es seit einigen Jahren in der „Theory of Mind“ und in Erweiterung davon in dem Konzept des „mentalization based treatment“ (MBT, Bateman, Fonagy 2008). Um genau dieselben Fragen geht es aber eben auch in den beiden Büchern „Pu der Bär“ und „Pu baut ein Haus“. Wissenschaftler schreiben über MBT dicke Bücher und ziemlich viele Aufsätze in Fachzeitschriften. Sie halten selbst Vorträge mit vielen, vielen Powerpoint-Folien und veranstalten Fortbildungen, wo andere wieder neue Vorträge mit noch mehr Folien präsentieren. In den wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden komplexe Sachverhalte hochkompliziert erläutert, so dass man nach einiger Zeit nicht mehr so genau weiß, in welcher mentalen Verfassung man sich selbst jetzt eigentlich befindet. Dabei kann es vorkommen, dass ein Zuhörer nach einem längeren Vortrag ganz dösig aufsteht und im Vortragssaal herumwandert und beginnt, sich selbst zu suchen. Zumindest wirken immer wieder Zuhörer derartiger Vorträge so, als ob sie in sich selbst herumwandern und nach sich suchen.  Pu ist da direkter, er lässt uns teilhaben an seinen Erlebnissen und den Abenteuern mit den anderen Protagonisten in der verwunschenen Atmosphäre des Hundertmorgenwaldes. Deshalb ermöglicht Pu es uns, auf dicke Bücher mit langatmigen Theorien zu verzichten und das Leben im Hundertmorgenwald selbst sprechen zu lassen. Deshalb wird in diesem Bericht auch viel  direkt aus den beiden Büchern von A.A. Milne zitiert. Wenn man die richtigen Sätze aus den Büchern herauslöst und in einen Zusammenhang stellt, ergibt sich ein Neues Bild. Viele, die früher mal Geschichten von Pu gelesen oder gehört haben, fragen überrascht: das soll so schlaues Zeug sein? Ja, wenn man es mit wachen Augen und offenem Herzen liest, und wenn man weiß, wonach man sucht…  Besser als Pu kann man es nicht sagen, aber es ist wichtig, einzelne Absätze herauszulösen, und ab und zu erlaube ich mir ein paar Sätze hinzuzufügen.

 

 

Pu hat nie ganz verstanden, was es mit diesen Mentalisierungskonzepten auf sich hat, und eigentlich hat er davon wohl nie etwas ganz direkt gehört. Aber Christopher Robin hat ihm später immer viel von der Welt erzählt, wenn er in den Schulferien zu Besuch in den Hundertmorgenwald zurückkehrte. Was die Kinder da in der Schule alles lernen müssen! Pu hatte Mitgefühl für Christopher Robin, aber beim Nachvollziehen von dessen Ideen und den sich daraus aufbauenden Welten haperte es eher. Pu wurde dann immer etwas schläfrig und konnte sich hinterher nicht mehr so ganz erinnern, worum es im Einzelnen gegangen war (Obacht, Pu, Psychologen könnten diesen Zustand als „dissoziativ“ ansehen, dann würden sie dir sofort eine Therapie anbieten, statt ein zweites Frühstück).

 

 

„Die Mentalisierungswelle rollt. Nach der Mentholwelle mit After Eight (1962), Tempo Menthol (1971 im Zehner-Pack) und der Mentholzigarette Reyno (1976) wurde es Zeit für einen etwas anderen Geschmack. Durch alliterativen Anklang suchte man nach Produkten aus dem Bereich „Mental“ (lat. „zum Kinn gehörend“). Die Mental Health Bewegung entstand, Ipuro entwickelte den Raumduft Mental Balance (100 ml 11,99), und aus England erreichten uns die mentalisierungs-basierten Therapiekonzepte.“ (Engelmann 2008). Begriffe verschwimmen. Pu findet da nicht mehr durch, aber es macht ihm nicht wirklich etwas aus.

 

 

 

So läuft das mit den Begriffen im Hundertmorgenwald, zwischen Tag und Traum. Ein schönes Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung über die Kresse, die sich zwischen Pu und Ferkel entspinnt. Wird das mit dem Pflanzen der Pflanzen auch klappen? Pu erzählt, dass ihm Christopher Robin Klappziehpressensamen gegeben hat, damit klappt das ganz prima, und Ferkel merkt nur ganz schüchtern an, das heiße doch wohl Kapuzinerkresse, dachte es jedenfalls.

 

 

„Nein“, sagte Pu, „diese nicht. Die heißen Klappziehpressen.“ (S 212).

 

 

In Wirklichkeit ging es um Brunnenkresse, jedenfalls im Original-Buch von Herrn Milne: in der englischen Originalfassung sind Pooh und Piglet (Pu und Ferkel) uneins, ob es in ihrer englischen Muttersprache mastershalum oder nasturtium heißt, aber sie streiten ganz umsonst, denn in Wirklichkeit sind das zwei Worte für dieselbe Pflanze. Da kommen Begriffe ins Schwimmen. Pu kann nicht schwimmen, seine Begriffe schon. In der älteren deutschen Pu-Übersetzung von Ursula Lehrburger setzen sich in derselben Szene Pu und Ferkel auseinander, ob die Pflanze Jekürzerjelänger heiße (wie Pu sagt) oder Jelängerjelieber (wie Ferkel vermutet). Schließlich einigt sich Pu auf Jelängerjekürzer. Soviel zu der Evolution der Begriffsentwicklungen.

 

 

So ähnlich stelle ich mir das vor, wenn Pu die Erzählungen über neue entwicklungspsychologisch fundierte Mentalisierungstheorien aus Christopher Robins Psychologieunterricht mit einem halben Ohr wahrnimmt, mit dem anderen halben Ohr eine Biene summen hört und an Honig denkt und einen kleinen Imbiss, dazu eine Tasse Pfefferminztee… und schon wird aus der Mentalisierung die Mentholisierung im Sinne Pus.

 

 

Noch eine letzte Bemerkung: Nachdem Herr Milne sein erstes Buch fertiggeschrieben hatte, wurde es schleunigst ins Deutsche übersetzt. Das war in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber erst in Richtung auf das neue Jahrtausend hin wurde von Harry Rowohlt eine neue Übersetzung gefertigt, und er las den neu übersetzten Text als Hörbuch ein. Auf diese Version sollte man sich, wie ich finde, beziehen, wenn man über Pu spricht. Und vor allem: alles, was aus den Disney-Studios stammt, sollte man vergessen. Die ganzen Filme, DVDs, Plüschfiguren und sonstigen Plastikartikel des Disney-Konzerns zum Thema „Winnie Puuh“ sind verfälschende Verzerrungen und Irrwege, auf denen man sich vom Original-Pu nur entfernen kann. Das Leben ist zuckersüß, wir haben uns alle lieb, und zum Schluss jeder Episode lachen alle aber keiner weiß warum. Das geht gar nicht.

 

 

Und eine allerletzte Bemerkung: Mittlerweile gibt es eine Fortsetzung der Pu-Geschichten, die 2009 von Herrn Benedictus veröffentlich wurden (sie sind also nicht von A.A. Milne, sondern einem selbsternannten Nachfolger). Die deutsche Übersetzung stammt ebenfalls von Harry Rowohlt. Es ist von der Sprache her ein unauffälliger Nachfolger der beiden Pu-Bücher, man kennt die Figuren und erkennt sie wieder, sehr schön. Aber ansonsten hat es mit dem Pu der vorangegangenen Kapitel eigentlich nichts zu tun. Also keine Panik, wenn Sie das noch nicht gelesen haben, Sie haben eigentlich nicht viel verpasst. Lesen Sie lieber noch einmal "Pu der Bär", oder besser noch, lassen Sie es sich vorlesen, von Harry Rowohlt. Und setzen Sie sich dazu in eine Ecke, wo kein Terminkalender Sie stören kann. Es lohnt sich.

 


 

Glossar einiger wichtiger Begriffe

 

Als-ob-Modus

 

Ich baue meine eigene Welt, zumindest für dieses Spiel in diesem Moment: es gelten meine Regeln, ich spiele was ich will, die Realität kann mir gestohlen bleiben. Es ist, als ob das, was ich mir vorstelle, wirklich ist. Um das zu erreichen, muss ich eine klare Grenze zwischen mich und mein Spiel auf der einen und den Rest der Welt auf der anderen Seite ziehen. Der Als-ob-Modus ist Grundlage vieler Gedankenspiele, mit denen ich als Erwachsener Probleme vorausdenke und mögliche Lösungswege abwäge.

 

Archetypen

 

Im Verlauf der Entwicklung von Bären, Trollen und Menschen ergeben sich Grundmuster, die sich unbewusst und allen gemein durch das Leben ziehen: die Mutter und große Göttin oder der Krieger, der kämpferisch.-aggressiv nach vorn schreitet, sind zwei dieser archetypischen Figuren. Sie sind vielfach spirituell oder religiös überformt und mit Mythen und Legenden gesättigt. Ferkels Großvater oder der Zauberer im Mumintal dürften solche mehr oder weniger konturiert personifizierten Archetypen sein.

 

Äquivalenzmodus

 

Ich bin in der Welt, und meine Gefühle und die Weltlage durchdringen sich so untrennbar, dass alles eins ist: wenn ich schwarz sehe, ist alles schwarz. Wenn ich verliebt bin, ist alles rosa. Charismatische Menschen fangen andere mit ihrer mit größter Selbstverständlichkeit vorgetragenen Äquivalenz-Begeisterung ein. Massenphänomene sind immer auch Äquivalenz-Phänomene. Aber überhaupt jede menschliche Begegnung, jede Spiegelung mit den entsprechenden Spiegelneuronen hat Äquivalenzanteile.

 

Bindung

 

Jeder Mensch macht in seiner frühesten Kindheit bestimmte Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen: sind sie zuverlässig, sind sie emotional annehmend und wärmend oder kalt und abweisend? Wenn alles gut geht, entwickelt sich eine sichere Bindung, die im Leben später viele Vorteile bietet: man kann auf andere zugehen, ohne sich dauernd Gedanken darüber zu machen, ob sie es gut meinen oder nicht, ob man vorsichtshalber angriffsbereit sein sollte oder sich lieber gleich verdrücken. Eine unsicher Bindungsfähigkeit kann zur Folge haben, dass man die Begegnung mit anderen meidet, wo immer es geht, oder sich abhängig an andere klammert, weil man sich selbst nicht zutraut, sonst mit dem Leben fertig zu werden.  Ganz extrem wird es, wenn keine Sicherheit erlebt wurde und entsprechend alles durcheinander geht: die desorganisierte Bindung enthält große Risiken für schwere psychische Belastungen oder Erkrankungen. Sicher gebundene Menschen trauen sich viel mehr zu, sie erkunden die Welt neugieriger und stehen daher fester im Leben als scheue, unsicher gebundene.

 

Kaspar-Hauser-Syndrom

 

Wenn jemand isoliert aufwächst, keinem aus der eigenen Familie oder der eigenen Art begegnet, der ihm das Leben beibringen könnte, leidet er unter Hospitalisierungsschäden. Kaspar Hauser war so einer, der angab, er habe sein ganzes Leben in Dunkelheit und Einsamkeit eingesperrt verbracht, bis er mit 16 Jahren unter Menschen kam und mühsam das Sprechen lernen musste. Kaspar Hauser hatte aber nicht gelernt, wie er in Beziehungen mit anderen Stabilität finden kann, verletzte sich selbst und verstarb letztlich an seinen Wunden.

 

Konflikt

 

Auf der Grundlage einer normalen Entwicklung der Persönlichkeit kann es zu Widersprüchen zwischen Triebzielen (sexuelle Anziehung, aggressive Ablehnung usw.) und Beziehungsrealitäten geben. Die daraus entstehende Spannung nennt man Konflikt, der Begriff bezieht sich sozusagen auf die Software menschlicher Beziehungen (im Gegensatz zum Strukturbegriff, der die Hardware betrifft).

 

Mentalisierung

 

Mit Mentalisierung ist die Fähigkeit bezeichnet, sich und die anderen unter der Annahme zu betrachten, dass seelische Prozesse die zwischenmenschliche Interaktion wesentlich formen. Ich reagiere aufgrund meiner eigenen Erlebnisse, meiner Eigenschaften und meiner Verletzungserfahrungen - und mein Gegenüber aufgrund seiner eigenen. Wenn wir miteinander klarkommen wollen, geht das nur, wenn jeder sich über seine eigenen aktuellen Gefühlslage einigermaßen bewusst ist und seine eigene diesbezügliche Biografie im Hintergrund sieht. Das klingt sehr kompliziert und ist es auch, aber man lernt es ja auch über Jahre und Jahre und hat im Laufe der Zeit in der Regel eine erhebliche Kompetenz, das schnell und sozusagen nebenbei zu beachten und zu befolgen. Wenn nicht, kracht es.

 

Narzisstisch

 

Narziss war im alten Griechenland ein junger Mann, der sich nur mit sich selbst beschäftigte und darüber sogar die Liebe der Nymphe Echo verschmähte. Er verliebte sich so in sein eigenes Spiegelbild, dass er in einem Teich betrachtete, dass er daran zerbrach. Man spricht von narzisstischen Störungen, wenn jemand in seinen Beziehungen zu anderen so eingeschränkt ist, dass er seine Lebenskraft nur aus sich selbst zu schöpfen meint – sich aber letztlich damit darüber hinwegtäuscht, dass er zu einem ausgeglichenen geben und Nehmen im Umgang mit anderen nicht in der Lage ist.

 

Persönlichkeitsstörung

 

Früher wurden Menschen mit seelischen Problemen in zwei Gruppen eingeteilt: neurotische und psychotische Menschen. Wer auf relativ entwickelter, reifer Ebene im Spannungen gerät, entwickelt neurotische Symptome. Wer in seiner Entwicklung banaler gestört ist, entwickelt eine psychotische Persönlichkeit. In den letzten Jahrzehnten ist eine dritte Gruppe hinzugetreten, die schwere strukturelle Probleme wie bei psychotischen Menschen mit einer nach außen oft unauffällig funktionierenden Persönlichkeit verbindet, wie sie neurotische menschen aufweisen können. Persönlichkeitsstörungen sind in frühen Entwicklungsphasen (oft vor dem Hintergrund traumatischer Verletzungen) erworbene Strukturmängel, die später Beziehungsstörungen und systematische Konfliktmuster nach sich ziehen. Meist handelt es sich um eher stabile Störungen, deren Bearbeitung und Beseitigung lange Zeit brauchen kann. Der Ort für die Inszenierung von Persönlichkeitsstörungen ist die äußere Bühne der Beziehungen und Interaktionen.

 

Reflexiver Modus

 

Weder der Als-ob-Modus noch der Äquivalenz-Modus sind „falsch“, sie stellen notwendige Requisiten des Verhaltens und Erlebens dar. Wichtig wird aber, zwischen ihnen wechseln und sie nutzen zu können. Dazu braucht man die Integration von Als-ob und Äquivalenz in einem übergeordneten Modus, in dem sie abgewogen und in ihren Begrenzungen genutzt oder abgeschaltet werden können: den reflexiven Modus.

 

Regressiv

 

Entwicklungsprozesse laufen progressiv ab: Fähigkeiten werden ausdifferenziert, man erhöht seine Möglichkeiten, sich mit der Realität zu arrangieren und sie zu beeinflussen. Dazu benutzt man auch im Laufe der Entwicklung innerpsychische Mechanismen, die immer besser darauf eingestellt sind, in Notlagen reagieren zu können. Bei Überforderungen kann es aber passieren, dass diese „reiferen“ Mechanismen nicht schlagkräftig genug sind und man auf ältere zurückgreift, die man als Kind schon kennen gelernt hat. Sie sind „archaischer“, sehr wirksam, aber wenig feinsteuerbar. Sie passen sozusagen nicht zu der Entwicklungsstufe, die man eigentlich erreicht hat. Eigentlich verhält man sich „kindischer“. Man nennt das „regressiv“.

 

Struktur

 

Grundlage für die Gestaltung menschlicher Beziehungen ist das Handwerkszeug, mit dem wir Beziehungen aufbauen und sichern können. Dazu gehören Selbst- und Selbstwertgefühl, der Umgang mit den eigenen Wahrnehmungen und Affekten, Fähigkeit zur Beleuchtung der eigenen inneren Bewegung und Beachtung derjenigen des Gegenüber usw. Erst wenn diese Strukturrahmenbedingungen einigermaßen gesichert sind, können daraus Beziehungen und Interaktionen werden, die stabil und intensiv sind (und in deren Kontext es dann zu Konflikten kommen kann).

 

Teleologischer Modus

 

Kleine Kinder lernen mit weniger als einem Jahr Zusammenhänge zwischen ihrem Verhalten und den Reaktionen anderer kennen. Sie sind wirksam, es tut sich etwas, wenn man etwas tut, das ist die Botschaft. Wie die Ursache und die Wirkung zusammen hängen, was in den Beteiligten abläuft, bleibt dabei zunächst vollkommen unklar. Klar ist nur das Ziel (griech. Telos). Es bleibt aber eine „black box“ in Gestalt der beteiligten Personen (und damit das erhebliche Risiko einer Fehlinterpretation). Dieses Risiko wird später geringer, wenn die innere psychische Verarbeitung der eigenen Person und der anderen in den Blick kommt und man sich vergewissern kann, ob man mit seiner teleologischen Deutung recht hatte.

 


 

 

 

Literatur

 

Bateman, A.W.; Fonagy, P. (2004): Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept. Psychosozial-Verlag Gießen 2008

 

Benedictus, D. (2009): Pu der Bär. Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald. Übersetzt von Harry Rowohlt. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg

 

Blumfeld (2003): Alles macht weiter. Auf der CD „Jenseits von Jedem“, WEA 5050466-7469-2-4

 

Dornes, M. (1993): Der kompetente Säugling. FischerTaschenbuch Verlag

Engelmann, I. (2008): Mental Mumin. Ausblick auf die NAPP-Tagung 2008. http://napp-info.de/sites/default/files/veroeffentlichungen/nappo%2016.pdf

 

Fonagy, P.; Gergely, G.; Jurist, E.; Target, M. (2002): Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Klett Cotta Stuttgart 2004

 

Freud, S. (1914): Der Moses des Michelangelo. GW X 172-201 (1946)

 

Gebser, J. ( 1949): Ursprung und Gegenwart. Band 1- 3. München 1973: Deutscher Taschenbuch Verlag

 

Heigl-Evers, A.; Heigl, F.; Ott, J. (1993): Lehrbuch der Psychotherapie. Gustav Fischer Lübeck Stuttgart Jena Ulm 1997³

 

Hoff, B.; Shepard, E.H. (1983): Tao of Pooh. Egmont Books London 2003 (New Ed.)

 

Lao-Tse (ca. 300 v. Chr.): Tao Te King. Reclam Verlag Stuttgart 1961

 

Milne, A.A. (1926): Winnie-the-Pooh. Puffin Books 1992

 

Milne, A.A. (1928): The House At Pooh Corner. Puffin Books 1992

 

Milne , A. A. (1926): Pu der Bär. Pu baut ein Haus. Neu übersetzt von Harry Rowohlt (1987/88). Cecilie Dressler Verlag Hamburg 2006.

 

Stern, D. (1985): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett Cotta Stuttgart 1994, 4. Aufl.

 

Tyerman Williams, J. (2000): Bei Pu auf der Couch. Bärenschlaue Psychologie. Hoffmann und Campe, Hamburg 2004

 

 

 


 

 

 

Dieser Text entstand in den Jahren 2006 bis 2015 und fand zunächst seinen Niederschlag in Vorträgen (Hochschule Magdeburg, Stadtbücherei Buchholz) und Beiträgen in Zeitschriften (NAPPO - Mitgliederrundbrief der Norddeutschen Arbeitsgemeinschaft Psychodynamische Psychiatrie, Jahrbuch Musiktherapie). Hier sind diese Beiträge erstmals zusammengefasst und erweitert zugänglich.