Mental Mumin

 

oder

 

"Total durch den Wind - aber das sind die meisten, die wir kennen"

 

 

 

Mumin lebt mit seinen Eltern im Mumintal. Die Trollfamilie mit den dicken Nasen hat eine bunte Menge mehr oder weniger skurriler Freunde: den Schnupferich, das Schnüferl, das Snorkfräulein, einige Hemule, eine Gafsa, ein Homsa und die Mymla mit ihren Kindern, dann die Morra und die Filifjonka, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie werden hier in eigenen Kapiteln vorgestellt, um ihre Eigenart und ihre Kompetenz zu würdigen. Sie leben, denken und fühlen in einer selbstverständlichen Eleganz, Mentalisierungsfähigkeiten und psychologisches Fingerspitzengefühl durchziehen ihre Erlebnisse und Abenteuer. Es ist an der Zeit, das subtile psychologische Wissen, mit dem die Autorin Tove Jansson ihre Freunde aus dem Mumintal ausgestattet hat, ausdrücklich zu würdigen.

 

 

 



 

Inhalt

 

 

Erstes Kapitel (in dem wir die Muminfamilie und ihre Freunde noch näher kennen lernen)

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Zweites Kapitel (in dem beschrieben wird, wie man in der Welt ruht – die Muminmutter zum Beispiel)

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Drittes Kapitel (in dem es auch darum geht, wie man sich an der Wirklichkeit abarbeiten muss, vor allem als Vater)

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Viertes Kapitel (in dem wir sehen, dass man seinen Weg gehen muss, und Mumin geht schon mal los)

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Fünftes Kapitel (in dem noch mehr Freunde auftreten und jeder ein kleines Kunststück mit Träumen, Nörgeln oder der eigenen Phantasie zeigt)

 

Die narzisstischen Seepferdchen

 

Dilemma zwischen Als-ob und Äquivalenz:  Homsa feat. die Kleine Mü

 

Die Mymla, die Tochter der Mymla und die Kleine Mü

 

Das Snorkfräulein

 

Die Misa

 

Tofsla und Vifsla:  Gästsla  willkommseln!

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Sechstes Kapitel (in dem verschiedene Arten von Entwicklungen vorkommen - auch welche von Namen)

 

Erstens:  Ein Hemul zu sein ist nicht so einfach (ein Therapiebeispiel)

 

Zweitens:  Überhaupt jemand zu sein ist auch nicht leicht  (Ti-ti-uu)

 

Drittens:  Vom Werden des Eichhörnchens

 

Viertens:  Onkelschrompel am Ende

 

Fünftens:  Hunde und Wölfe (Knick)

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Siebtes Kapitel (in dem das Zusammenleben im Mumintal so etwas wie eine Ordnung erhält)

 

Weg und Zeit

 

Gastfreundschaft, Weihnachten und andere Rituale

 

Die Morra, das Reden und das Fühlen

 

Bühne als Bild: Das Theater

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

 

Nachbemerkung: Nicht der kürzeste, sondern der schönste Weg

 

 

 

 


Eine Liste der Muminfamilie und ihrer Freunde

 

 

 

Mumin

 

Ist das einzige Kind seiner Eltern und weitere Mumins gibt es in der Gegend nicht. Er bewundert seinen Vater und kuschelt gern mit seiner Mutter. Er ist der Anführer seines Freundeskreises, weil er am meisten nachdenkt und  mutig ist. Alles in allem ist er die Hauptperson der Mumin-Bücher. Ohne ihn ist es langweilig im Mumintal.

 

Muminmutter

 

Ist Dreh- und Angelpunkt des Alltags im Mumintal: sie kocht großartig, weiß immer einen Rat (von ihr dürften die Ratgeber „99 Tricks und Kniffe für den Haushalt“ und so weiter stammen), kann gut für sich selbst und für andere sorgen. Ohne ihren Mumin wäre es ihr aber wohl doch zu langweilig im Mumintal.

 

Muminvater

 

Hat eine schwere Kindheit gehabt, ist daher in seiner Vaterrolle nicht wirklich sicher. Wissenschaftlich interessiert, Forscher und Entdecker, Schriftsteller und Hausmeister. Wenn er sich selbst mehr wertschätzen könnte, wäre er zufriedener. Ohne seinen Sohn wäre es ihm vermutlich etwas öde im Mumintal.

 

Schnüferl

 

Ist Spielgefährte Mumins. Er scheint von der Muminfamilie adoptiert, sein Vater ist verschwunden, von einer Mutter weiß man nichts. So wundert es nicht, dass er kein sehr starker Typ ist, Verantwortung scheut und immer darauf hinweist, dass er für die Folgen bitteschön nicht verantwortlich gemacht werden möchte. Ansonsten kann man auf ihn bauen, wenn es nicht zu schwer ist.

 

Der Schnupferich

 

Ist eher ein Einzelgänger. Mit Mumin verbindet ihn eine tiefe Seelenverwandtschaft, beide verstehen sich in der Regel wortlos. Er ist älter, zieht immer mit dem Zelt allein in die Welt, raucht Pfeife und spielt Mundharmonika. Sein bekanntestes Lied ist „Alle kleinen Tiere tragen Schleifen am Schwanz“. Der Schnupferich leidet irgendwie immer unter seinen Einblicken in die Welt und die Menschen. Insofern ist er so etwas wie ein Therapeut.

 

Snorkfräulein

 

Ist die Freundin von Mumin. Sie ist ein bisschen eitel, was ihr durch ihre koketten Stirnlocken erleichtert wird, und ermöglicht Mumin die ritterlichsten Heldentaten: er darf sie immer wieder mal retten. Als Burgfräulein ist sie ein bisschen zu rund – aber das entspricht im Mumintal wohl eher dem dort herrschenden Schönheitsideal.

 

Hemule

 

Entwickeln immer wieder eine beachtliche Sammelwut. Ansonsten sind sie ordnungsliebend und etwas zwanghaft, also zum Beispiel ideale Polizisten oder Naturwissenschaftler. Sie tragen weite Gewänder, die kleiderähnlich aussehen, und wirken dadurch etwas tuntig.

 

Homsa

 

Homsas spielen Rollenspiele, bis sie selbst den Überblick verlieren. Manchmal gerät die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit ins Wanken, manchmal wankt aber auch nur der Homsa (zum Beispiel wenn die Wirklichkeit sich nicht so verhält, wie der Homsa es ihr in seinem Rollenspiel zugedacht hat).

 

Und sonst noch

 

Dazu kommen Filifjonken, Gafsas, ein Bisam, die Mymla und ihre Töchter, die Misa, und viele andere Mäuse und Kleintiere, die im Mumintal mal vorbeigucken oder denen die Familie auf ihren Fahrten begegnet.

 


 

Erstes Kapitel (in dem wir die Muminfamilie und ihre Freunde noch näher kennen lernen)

 

 

Tove Janssons Vorfahren stammen ursprünglich aus Schweden. Sie waren aber dann nach Helsinki gezogen, als das noch zu Russland gehörte, und erst als Tove drei Jahre alt war, gründete sich im Jahre 1917 die Republik Finnland. So trafen die uralten skandinavischen Troll-Geschichten auf ein neues, junges (Staats-)Wesen, nämlich Finnland, wie auch auf ein neues, junges Menschen-Wesen, und das war Tove Jansson. Aus solchen Begegnungen von Geschichte und einzelnem Mensch wird übrigens auf geheimnisvolle Weise Kultur. Tove Jansson wurde später Malerin, aber Berühmtheit erlangte sie als Verfasserin der Mumin-Geschichten. Zuerst tauchten die Figuren in Comic Strips auf, die in englischen Tageszeitungen abgedruckt wurden. Dann schrieb Tove Jansson insgesamt neun Bücher über die Mumin-Familie und ihre Freunde.

 

 

Nach der Gemeinschaft im Hundertmorgenwald geht es bei den Mumins um eine Familiengeschichte. Waren die Familienstrukturen bei Pu und den anderen noch ausgesprochen rudimentär (die alleinerziehende Mutter Känga, Ferkel hatte mal einen Großvater…), so steht nun eine Familie im Mittelpunkt. Sie besteht aus Mutter, Vater und Mumin-Sohn, Mumin ist also Einzelkind. Hinzu kommt eine bunte Truppe von Freunden, Nachbarn, Nebenfiguren, die allesamt schräg sind und vorwiegend gutmütig oder allenfalls naiv, aber selten böse oder übelwollend (allenfalls die Morra macht da eine Ausnahme, aber die hat es auch schwer, und manchmal kann man sie fast verstehen). Wir werden nun viel über eine Mutter und einen Vater erfahren (ob das gleich immer einen Rückschluss auf „die Mütter“ oder „die Väter“ erlaubt, muss dahingestellt bleiben). Der Sohn ist auf dem Weg – und das gilt nun mal für alle Jungs in seinem Alter. Da scheint eine gewisse Allgemeingültigkeit in diesem oder jenem Aspekt sicher gestellt. Außerdem geht  es noch um das Schnüferl, den ängstlichen Kameraden von Mumin. Dann ist da noch der Schnupferich, ebenfalls ein Freund von Mumin, aber älter, und vor allem irgendwie weise. Er zeltet immer ein wenig abseits und spielt wunderbare Melodien auf seiner Mundharmonika aus Gold und Palisander. Das Snorkfräulein ist eine große Bewunderin von Mumin, und sehr stolz auf ihre Stirnlöckchen. Die Mymla hat zwei Töchter: die Kleine Mü und die Tochter der Mymla (die in keiner der Geschichten mehr Eigenname aufzuweisen hat als „Tochter der…“). Die Kleine Mü ist vorlaut, frech und unabhängig, und dabei von einer manchmal beängstigenden Scharfsinnigkeit. Hinzu kommen noch die Hemule, Homsas, Filfjonken, Gafsas, Kleinwusler, und und und… Es ist immer etwas los im Mumintal.

 

 

Die Geschichten spielen vorwiegend in eben diesem Mumintal, einem geografisch nicht näher einzuordnenden Tal im Norden der Welt, wohl irgendwo kurz hinter Bullerbü. Menschen gibt es dort nicht. Es gibt im Wesentlichen auch keine (geschichtliche) Entwicklung, keine Historie, alle sind schon immer dagewesen oder tauchen plötzlich auf, ohne dass sich jemand darüber wundert. In manchen Geschichten ist der Muminvater gerade nicht da, weil er mal wieder auf Tour gegangen ist, oder die ganze Muminfamilie ist weg und die Gäste in ihrem Haus müssen selber zusehen, wie sie zu Recht kommen. Meistens geht es um den Mumin-Sohn, und manchmal muss sich der ganz schön selbständig durchschlagen, wenn er beispielsweise als einziger mitten im Winter aufwacht und die ganze Familie liegt weiter im Winterschlaf. Das Leben wird bestimmt durch den Lauf des Jahres und die Katastrophen in der Natur (Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Kometenabsturz…), aber daneben gibt es (anders als bei Pu) viele Attribute der Zivilisation: man wohnt in Häusern und benutzt Porzellan und Petroleumlampen, fährt mit Klinkerbooten und einmal kommt ein komplettes Theater vorbeigeschwommen und dient als Rettungsfloß.

 

 

Weite Verbreitung fanden die Geschichten der Mumins bei uns in Deutschland durch die TV-Version der Augsburger Puppenkiste 1959/60 und später dann durch Trickfilmfassungen aus Russland und Japan in den siebziger und achtziger Jahren. Es lässt sich leicht vorstellen, was die Disney-Studios aus der Mumin-Familie gemacht hätten, wenn sie die unglückliche Idee gehabt hätten, diese auch noch zur Geisel zu nehmen (wie „Winnie-The-Poo“). Das Familien-Idyll wäre mit einer fürsorglichen Überhausfrau, einem erfinderischen Vater-Denker und einem wohlerzogenen, aber neugierigen Sohn ähnlich besetzt wie manche US-Soap. Aber die Mumins haben mehr zu bieten, und zum Glück können wir uns in aktuellen, neuen Übersetzungen des Originaltextes auf die Suche nach dem Mehr begeben.

 

 


 

Zweites Kapitel (in dem beschrieben wird, wie man in der Welt ruht – die Muminmutter zum Beispiel)

 

 

Die Muminmutter ist von grenzenlosem Vertrauen in ihre Familie und ihre Welt beseelt. Dabei versteht sie es, den Haushalt pragmatisch in den Zusammenhang des größeren Weltgeschehens zu stellen. So sorgt sie zum Beispiel dafür, dass man über eine sich ankündigende Naturkatastrophe nicht vergisst, dass in dieser Lage ein Ausflug mit leckerem Picknick angebrachter wäre als eine Weltuntergangsklage, und schon hat sie die Situation ein bisschen gerettet. Als ein Vulkan ausgebrochen ist und alles mit Asche verdreckt hat und sich dann auch noch ein Komet ankündigt, der auf die Erde und das Mumintal zu stürzen droht, bleibt sie bodenständig und locker:

 

 

„Der Bisam hat gesagt, der Komet fällt heute Abend ins Gemüsebeet“, erzählte die Muminmutter. „Und das ausgerechnet jetzt, wo der hässliche graue Staub endlich vom Gemüse weggepustet worden ist… Naja. Da habe ich eben das Jäten bleiben lassen…“ (KM 162)

 

 

Mumin-Mutter ist pragmatisch aus das Naheliegende und Umsetzbare orientiert. Ausflüge gehören auch bei Katastrophendruck immer wieder mal dazu, das weiß sie. Aber sie weiß auch, dass das längst nicht alles ist. Ausflüge gehören eher zum operativen Alltag, sind notwendige Tricks, um die Klippen der Normalität zu umschiffen oder Katastrophen den Anschein des Normalen zu geben. Aber sie sind nicht existenziell. Ausflüge sind die Würze, aber die Substanz ist das Reisen. Im Gespräch mit ihrem eher pathetisch veranlagten Mann dient ihr die Nacht als Sinnbild für alles, was den alltagspraktischen Nutzen eines Ausflugs übersteigt: „Reisen“ steht für unbekannte Länder, für andere Bewusstseinsebenen („unterwegs sein“ heißt in der Drogenszene, dass man Rauschmittel konsumiert), für Träumen („Traumreisen“) und viele andere tiefen-psychologische Bedeutungen. So bringt sie die poetische Beschreibung des Muminvaters auf den Punkt:

 

 

„Ein Boot in der Nacht ist etwas Wundervolles. Genauso muss man ein neues Leben anfangen, mit einer brennenden Sturmlaterne an der Mastspitze, hinter einem verschwindet die Küstenlinie in der Dunkelheit, die ganze Welt schläft. Nachts reisen ist das Schönste, was es überhaupt gibt.“

 

„Da hast du bestimmt Recht“, sagte die Muminmutter. „Tagsüber macht man Ausflüge, aber nachts reist man.“ (MI 26)

 

 

Die Ausflüge tagsüber dienen der Pflege der Stimmung, dadurch bleibt man bei Laune und verliert nicht die Lust, Obst einzukochen. Auch der Ausflug bringt durchaus manchen Aufwand mit sich:

 

 

„Sie holte Decken, Kochtöpfe, Birkenrinde, Kaffeekannen, Berge von Essen, Sonnenöl, Zündhölzer, alles, worin und womit man isst, sie packte Regenschirme ein, warme Sachen, Magenpulver, Kochlöffel, Kissen, Mückennetze, Badehosen, eine Tischdecke sowie ihre Handtasche. Sie rannte hin und her und überlegte, was sie vergessen haben könnte, und schließlich sagte sie: „Jetzt ist alles fertig! Ach, wird das schön, sich am Meer ausruhen zu dürfen!“ (MdG 61)

 

 

Man erkennt an den Utensilien unschwer, dass es sich um einen Ausflug an den Strand handelt („Mutter will baden!“). Aber die Mumin-Mutter packt ungefähr die gleichen Sachen ein, als es eine Flucht vor dem Kometen gibt, die nur als Ausflug getarnt wird, um dem Furchtbaren einen harmlosen Anstrich zu geben. Ein Ausflug dient der Stabilität. Durch einen Ausflug und seine immer gleiche Form kann man sichergehen, dass alles so bleibt und nichts verloren geht. Die nächtliche Reise hingegen reicht an existenzielle Sphären, erobert neue Lebens- und Spielräume, bedeutet Wachstum.

 

 

Die lakonische Art der Muminmutter vermittelt Sicherheit nach außen, für ihren Mann und ihren Sohn und alle anderen drum herum. Für sich selbst innen drin kann sie diese Sicherheit allerdings gar nicht immer aufrechterhalten. So ist das mit dem Weisen des Weges: welche Unsicherheit den Wegführer beseelt, welche bangen Fragen nach „rechts oder links?“ ihn umtreiben, merkt man nach außen meist nicht. Und die Muminmutter weiß sich zu helfen. Das kann man beispielsweise miterleben, als die Familie aufbricht, um einen Leuchtturm zu beziehen, auf einer einsamen Insel, auf der sie außer einem schweigsamen, leicht versponnen Fischer niemanden antreffen und insgesamt einer rätselhaften Mixtur aus Verfall, Naturbedrohung und Belastungserprobung für die eigenen Nerven begegnen.

 

 

Die Muminmutter versucht auf der Insel alles Mögliche, um die vier Rosenbüsche zum Anwachsen zu bringen, die sie aus dem Mumintal mitgebracht hat. Aber der Wind ist zu kalt und zu stark, die Erdkrumen sind zu klein und alle Kraft ist aus ihnen herausgewaschen vom ewigem Inselregen und den immer wieder hoch aufsteigenden Fluten. Also beginnt sie (als Ersatz für den mickernden Insel“garten“) im Wohnzimmer oben im Leuchtturm mit einem Tintenstift einen Zweig auf die weißgekalkte Wand zu malen. Es wird ein Geißblatt, und dann kommen weitere Pflanzen, ganze Bäume dazu, die rundherum laufende Wand wird immer mehr mit Garten gefüllt. Als sie fertig ist, strahlt die Abendsonne durch das Leuchtturmfenster, und als die Muminmutter einen selbst gemalten Apfelbaum umarmt (die Borke ist rissig und warm), da ist sie plötzlich mittendrin in ihrem Bild. Als die Familie von ihrem Tagwerk auf der Insel zum Leuchtturm zurückkehrt, treffen sie die Muminmutter nicht an, die sich hinter einem Baum ihres Wohnzimmer-Gartengemäldes versteckt.

 

 

Die Muminmutter stand hinterm Apfelbaum und beobachtete, wie ihre Familie Tee kochte. Sie sahen alle leicht verschwommen aus, als bewegten sie sich unter einer Wasseroberfläche. Das, was passiert war, hatte die Muminmutter nicht besonders überrascht. Endlich befand sie sich in ihrem eigenen Garten, wo alles an seinem Platz war und so wuchs, wie es wachsen sollte. Das eine oder andere war nicht ganz richtig gezeichnet, aber das machte nichts. Sie setzte sich ins hohe Gras und lauschte dem Kuckuck, der irgendwo hinterm Fluss rief. Als das Teewasser zu kochen anfing, war die Muminmutter fest eingeschlafen. Den Kopf hatte sie an ihren Apfelbaum gelehnt. (MI 170f)

 

 

Es gibt ein kleines Durcheinander, als die Familie auf der Suche nach der Muminmutter auf der ganzen Insel nicht fündig wird, auch wenn die Kleine Mü versichert, man finde Mütter immer in irgendeiner Ecke wieder, wenn man nur genau nachsehe. Dann ist auch tatsächlich die Mutter wieder im Wohnzimmer und behauptet, nur einen kleinen Spaziergang gemacht zu haben.

 

 

„Du darfst uns keinen solchen Schrecken einjagen!“, sagte der Muminvater. „Wir sind es gewöhnt, dass du abends im Haus bist, vergiss das nicht.“

 

„Genau das ist ja das Schlimme“, seufzte die Muminmutter. „Man braucht Abwechslung. Man gewöhnt sich zu sehr aneinander, alles ist immer gleich, nicht wahr, Liebling?“

 

Der Muminvater starrte sie verunsichert an, aber sie lachte nur und nähte weiter. (MI 174f)

 

 

Wir dürfen diese Episode ruhig als Hinweis auf eine leicht anarchische Grundstruktur der Muminmutter nehmen. Hinter der Fassade der runden, gütigen, verlässlichen (wenngleich manchmal scheinbar etwas einfältigen) Mutter verbirgt sich ein starker Charakter, der den kindlichen Als-ob-Modus genial zu nutzen versteht. Als das Inselabenteuer nahezu unerträglich wird und nacheinander alle Träume zerplatzen, so auch ihr Traum vom selbst angelegten Inselgarten, geht sie in ihren Ersatz-Garten, den sie auf die Wand des Wohnraumes im Leuchtturm gemalt hat. Sie umarmt die Bäume, die sie mit der für Fischernetze vorgesehen Farbe und grobem Pinsel auf die weiß gekalkte Wand gemalt hatte, und versteckt sich im Obstbaum-Wald-Wandbild. Dort tankt sie Seelenkraft in ihrem Als-ob-Garten und kehrt dann zur Familie zurück, um den anderen weiter Mut machen zu können. Das ist eine Funktion ihrer mütterlichen Fürsorge, für die sie durch die Als-ob-Energie gestärkt wird. Aber daneben gibt es ja noch die andere, eher nicht muttchenhafte Seite der Muminmutter. Sie macht im reflektierenden Gespräch mit ihrem Mann deutlich, dass sie dessen kleinbürgerliche Erwartungen nicht erfüllen wird – oder nur soweit, wie sie selbst es angebracht findet. Man braucht Abwechslung, reklamiert sie. Was in dieser rundlichen Mutter wohl noch alles steckt! Dabei ist auch völlig klar, dass sie durch ihre kleinen Impulse zur Belebung der familiären Interaktion (man braucht Abwechslung) ihre innige Bindung an ihren Mann keine Sekunde infrage stellt. Denn obwohl er ihr das mehrstündige Wegbleiben erheblich übel nimmt, treibt er es doch selbst viel bunter. Er bleibt manchmal nämlich gleich Monate lang weg. Aber sie nimmt ihm das nicht krumm.

 

 

Es ist schon lange her, da lief der Muminvater einmal von zu Hause weg, ohne etwas zu erklären und sogar ohne selbst zu verstehen, warum er fortmusste.

 

Hinterher sagte die Muminmutter, er sei schon längere Zeit seltsam gewesen, aber wahrscheinlich war er nicht seltsamer als sonst. Das sind so die Erklärungen, die man sich hinterher ausdenkt, wenn man verwirrt und traurig ist und eine Erklärung braucht, mit der man sich trösten kann. (…)

 

Wohin er sich auch begeben haben mochte,- er war jedenfalls zu Fuß gegangen und nicht gesegelt. Und natürlich konnte er in jede beliebige Richtung gegangen sein  und in jede Richtung war es gleich weit. Es hatte also keinen Sinn, ihn zu suchen.

 

„Er kommt, wenn er kommt“, sagte die Muminmutter. „Das hat er früher immer gesagt und er ist jedes Mal zurückgekommen, dann wird er das diesmal auch tun.“

 

Niemand machte sich Sorgen, und das war gut so. Sie hatten beschlossen, sich nie umeinander Sorgen zu machen. Dadurch gaben sie sich gegenseitig ein gutes Gewissen und so viel Freiheit wie möglich. (123f)

 

 

Die Freiheit, die hier eine Rolle spielt, ist vielleicht für die Muminmutter wesentlicher als für ihren Mann, zumindest als Idee. Der Muminvater nimmt die Freiheit gern ganz handfest in Anspruch. Aber die Muminmutter braucht das Freiheitspostulat in ihrem Seelenapparat als ausgleichendes Gewicht gegen die familiäre Einbindung, auf die sie sich dann wiederum in dieser Pohlarität gut einlassen kann. In Analogie zur Unterscheidung von „Ausflug tagsüber“ und „nächtliche Reise“ könnte man sagen, der Vater benutzt eine Tagsüber-Freiheit, während die Mutter ihre Freiheit nachts braucht, zum Reisen. Wenn sie ausreichend „innere Reisefeiheit“ hat, kann sie tagsüber Mutter sein, mit allen Verpflichtungen.

 

 

Es bereitet ihr dann auch wenig Gewissensbisse, die Übermutter zu sein. Als Mumin von der Hemul-Polizei verfolgt wird, zweifelt sie keinen Augenblick daran, dass ihr Sohn im Recht ist und sie rückhaltlos zu ihm stehen kann, ohne nach weiteren Anhaltspunkten suchen zu müssen, was denn im Einzelnen passiert ist. Da ist sie wieder ganz Mutter, und das ist gut so.

 

 

„Flieht!“, rief die Muminmutter. „Die Polizei ist hier!“

 

Sie wusste nicht, was ihr Mumin getan hatte, war aber fest davon überzeugt, dass sie damit einverstanden war. (SM 158)

 

 

Als Mutter befindet sie sich auf gewisse Weise in einem immerwährenden Äquivalenz-Zustand: Ich bin die Mutter, Mumin ist mein Sohn, und mit dem, was er macht, bin ich einverstanden, das ist sozusagen eine unauflösliche Verknüpfung. Das braucht man nicht zu hinterfragen, man muss es nicht reflektieren, es ist so, wie es ist. Eine Rose ist eine Rose ist eine Mutter.

 

 

Als Mumin beim Versteckspiel in den Zauberhut krabbelt (er hat ja keine Ahnung, dass es ein Zauberhut ist, der steht da einfach so rum), passiert etwas Schreckliches. Der Leser weiß schon aus vorhergegangenen Episoden des Kapitels, dass sich Dinge, die in den Zauberhut geraten, in irgendetwas Anderes verwandeln. Die Veränderung ist zum Glück vorübergehend: aus Eierschalen werden kleine Wölkchen, auf denen man reiten und die man steuern kann, das lädt die Kids ein zu einem unterhaltsamen Wolken-Scooter-Turnier - bis die Wolken sich verdünnisieren. Aus Flusswasser wird Himbeersaft. Und aus Mumin wird, als er sich im Hut versteckt hat, sein Gegenteil: seine kleinen Äuglein und kleinen Öhrchen werden groß wie Teller, ein ungewohnt dünner Bauch trägt kaum den großen Kopf, und der Schwanz sieht plötzlich aus wie eine Flaschenbürste. Mumin selbst merkt die Verwandlung zunächst gar nicht, erst die garstigen Angriffe der Spielkameraden, die ihn nicht wieder erkennen und von ihm wissen wollen, was er denn für ein hässlicher hergelaufener Kerl sei, machen ihm klar, dass da was nicht stimmt.

 

 

„Nie im Leben bist du der Mumin“, sagte das Snorkfräulein verächtlich. „Mumin hat kleine hübsche Ohren, aber deine sehen aus wie Topflappen!“

 

Mumin fasste sich verwirrt an den Kopf und erwischte zwei schrecklich große, zerknitterte Ohren. „Aber ich bin der Mumin!“, rief er verzweifelt. „Warum glaubt ihr mir denn nicht?“ (MdG 36f)

 

 

Und was liegt in einer so verzweifelten Lage näher, als sich an das einzige Wesen zu wenden, auf das sich jeder verlassen kann, in welcher Notlage er sich auch immer befindet, an die Mutter?

 

 

„Glaubt mir denn niemand?“, rief Mumin aus. „Mutter, schau mich genau an. Du musst doch dein eigenes Muminkind erkennen?“

 

Die Muminmutter sah ihn genau an. Lange blickte sie in seine angsterfüllten Telleraugen und sagte dann ruhig:

 

„Ja, du bist mein Mumin.“ (MdG 37)

 

 

Und schon verwandelt er sich just in dem Moment wieder zurück, der Zauber ist ja wie bekannt glücklicherweise zeitlich begrenzt. Wenige Minuten zuvor hatte die Mutter ihren Mumin noch ganz fremdelnd gefragt, was er denn für ein kleines Tier sei. Dann hat er sie angefleht, sie also aus der zufällige-Zeugin-Rolle in die der Mutter versetzt. Nun ist sie als Mutter gefordert, und dieses Wiedererkennen, das dann abläuft, passiert  nicht von allein – da guckt eine Mutter genau hin, hat sich in die Mutter-Äquivalenz begeben, in der sie nicht zu täuschen ist, während sie vor einigen Minuten nur eine war, die zufällig vorbeikam. Eine Nachbarin, sozusagen. Wenn sie als Mutter gefordert ist, ist sie da.

 

Mit einer Mutter, die solcherart in sich ruht und derart verlässlich ist, kann man sich den Fährnissen der Welt unerschrocken stellen. Da braucht es keinen Alltag, der einem fortwährend ein nachgemacht-plüschiges Biedermeier vorgaukelt, damit man nicht beunruhigt wird, sondern die Welt darf ruhig mal etwas aus dem eingefahrenen Gleis geraten. Auch hierfür noch ein kleines Beispiel: Als sie auf der Insel dem schweigsamen Fischer begegnet sind, bleibt die Muminmutter ganz gelassen.

 

 

„Der war doch ein bisschen seltsam, oder?“, sagte der Muminvater unsicher.

 

„Er war sehr seltsam“, versicherte die kleine Mü. „Total durch den Wind.“

 

Die Muminmutter seufzte und versuchte die Beine auszustrecken.

 

„Aber das sind die meisten, die wir kennen“, sagte sie. „Mehr oder weniger.“ (MI 35)

 

 

So kann man nur in sich ruhen, wenn man sicher gebunden durchs Leben geht. Man kann sich auf seine Familie verlassen, auf den Mann und den Sohn, auf den Garten und auf den verhaltenen Irrsinn der Welt.

 

 

Hier soll eine kleine Nebensache nicht übergangen werden, die bei der Gestaltung der Muminmutter eine Rolle spielen könnte. Es gibt nämlich Anzeichen dafür, dass die Begebenheiten um die Über-Mutter nicht ausschließlich unparteiische Wiedergabe originaler Abläufe aus dem Mumintal ist. Vielmehr ist es wohl auch die Autorin Frau Jansson, die hier ihr Mutterbild in romantisierenden Farben zeichnet. Ein Beispiel: Als die Geschichte mit dem Zauberhut denn zu guter Letzt doch noch ziemlich aus dem Ruder läuft und der Bisam aus Versehen sein Gebiss im Zauberhut lagert und dann in wilder Flucht das Mumintal verlässt, möchte man doch zu gern wissen, was denn so Schreckliches aus dem Gebiss des Bisam geworden ist, was ihn also so in die Flucht schlägt. Aber:

 

 

Sie erfuhren nie, was dem Bisam so fürchterliche Angst eingejagt hatte, er weigerte sich nämlich, darüber zu sprechen. (MdG 64)

 

 

Und es folgt eine Fußnote, in der Frau Jansson mitteilt:

 

Wenn du wissen willst, in was das Gebiss des Bisams verwandelt wurde, kannst du ja deine Mutter fragen. Sie weiß es bestimmt. Anm. d. Autors

 

 

Das ist erstens unbefriedigend, denn meine Mutter konnte mir die Frage nicht beantworten, und ich finde es doof, wenn von renommierten Bauchautorinnen gegebene Versprechen nicht eingehalten werden. Zweitens ist es eine dermaßen überzogene Idealisierung der allwissenden Mutter, dass der sichere Boden zuverlässiger Berichte aus dem Mumintal damit endgültig verlassen worden ist. Und drittens hätte ich mir gewünscht, dass sich Tove Jansson als „Autorin“, nicht als „Autor“ versteht, die Fußnote also mit „Anm. d. Autorin“ signiert. Wer die Mutter idealisiert und sich selbst als Frau nicht ernst nimmt wirft damit einen Berg Fragen auf. Und die sollen wir dann wahrscheinlich wieder alle unseren Müttern stellen.

 

 

Mumin

 


 

Drittes Kapitel (in dem es auch darum geht, wie man sich an der Wirklichkeit abarbeiten muss, vor allem als Vater)

 

 

Der Muminvater hat es schwer. Im Gegensatz zu seiner Frau steckt er voller Fragen und voller Zweifel. Er will die Welt verstehen, hat also eine faustische Seite, aber er ist auch Vater und damit ziemlich überfordert. Zwei Herzen, ach… So ist einer, der nicht sicher gebunden im Sinne der psychologischen Bindungstheorie ist, sondern unsicher-ambivalent. Mal weiß er, was er will, dann ist er wieder grenzenlos verunsichert. Ein anderer Vulkanausbruch (nicht der mit dem Kometen, dieses Mal kommt ein Hochwasser) verdeutlicht die unterschiedliche Herangehensweise von Muminmutter und –vater:

 

Während die Muminmutter auf der Veranda verschnaufte, sah sie den Frühstückstisch an. Die ganze Tischdecke war voller Ruß.

 

 

„Ojemine“, sagte sie. „Es ist so heiß. Und so rußig. Wirklich lästig, diese Feuer speienden Berge.“

 

„Wenn er ein bisschen näher wäre, könnte man sich wenigstens einen Briefbeschwerer aus Lava holen“, sagte der Muminvater sehnsüchtig. (SM 15)

 

 

Als wissenschaftlich denkender Mumin hält er sich an den Dingen fest, die ihm Halt geben, wenn alles durcheinander geht. Ein Briefbeschwerer aus Lava – an diese Möglichkeit zu denken gibt Sicherheit, wenn der Vulkanausbruch das Ende signalisiert. Wenn erhebende Dinge und neue Erkenntnisse ihr Erscheinen ankündigen, dann ist es für ihn immer am schönsten. Aber der Muminvater ist kein einsamer Abenteurer, er hat Familie. Das ändert alles, wenigstens meistens.

 

 

„Das ist bloß der feuerspeiende Berg, der sich rührt. Wenn ich mir die vielen Briefbeschwerer aus Lava vorstelle…“.

 

„Wo liegt denn dieser Berg?“, fragte Mumin.

 

„Auf einer kleinen Insel“, antwortete der Mumin-Vater. „Auf einer kleinen schwarzen Insel, wo nichts wachsen kann.“

 

„Findest du es nicht ein ganz, ganz klein wenig unheimlich?“, fragte Mumin und schob seine Pfote in die des Muminvaters.

 

„Doch, ja“, antwortete der Muminvater freundlich. „Ein bisschen gefährlich ist es schon.“ Mumin nickte begeistert. (SM 21f)

 

 

Also keine Briefbeschwerer, denn Vater ist man eben nicht nur in den Ferien. Und für den Sohn spielt man dann auch mal „es ist gefährlich“, wenn unter der Oberfläche die Forscherseele darauf brennt, dort zu sein, wo es kracht und Ruß aus dem Krater geflogen kommt. In der vorliegenden Geschichte gibt es dann noch eine glückliche Fügung: zwar bleibt der feuerspeiende Berg weiterhin in weiter Ferne, aber die durch seinen Ausbruch ausgelöste Flutwelle setzt das Mumintal unter Wasser und die Familie muss ein ungewöhnliches Rettungsboot besteigen, das sich als ein verlassenes Theater erweist, dass durch die Flut weggeschwemmt worden ist und nun am Mumin-Haus vorbeidümpelt. Wenn so etwas passiert, dann gibt es natürlich viel zu entdecken, und alles ist wieder gut. Darüber später mehr.

 

Im „wundersamen Inselabenteuer“ geht es um eine Insel, auf der ein Leuchtturm steht, den die Familie bezieht. Wir hörten schon von den seltsamen Ereignissen um die Muminmutter auf der Insel. Auch der Muminvater erlebt hier Bewährungsproben, die er auf seine Art bewältigt. Die Kreativität der Muminmutter ist seine Sache nicht. Er will schließlich den Sachen auf den Grund gehen. Wenn da nicht bloß immer wieder dieser allgegenwärtige Alltag wäre.

 

 

„Und im Leuchtturm gibt es ja eine Menge zu tun“, fuhr die Muminmutter fort. „Kleine Regale bauen, zum Beispiel! Irgendwelche netten Möbel, nicht wahr? Diese fürchterliche Treppe reparieren… und dann das Dach, du weißt schon…“

 

Ich habe keine Lust, etwas zu reparieren, dachte der Muminvater. Und Seegras aus dem Netz zupfen will ich auch nicht… Ich will große, starke Sachen bauen, ich will so viel und so gern – aber ich weiß nicht… Vatersein ist so schrecklich schwierig! (MI 107)

 

 

Der Muminvater wird oft fast zerrissen von der Sehnsucht nach Weite und Wissen, die ihn in die Ferne treibt. Er stellt immer neue Beobachtungen und legt umfangreiche Aufzeichnungen an, er skizziert wissenschaftliche Projekte ohne Ende. Allein -  er kommt nicht weiter, es bleibt bei den Skizzen, schon wieder entdeckt er neue ungeklärte Probleme, stellt sich bisher ungedachte Fragen und verzettelt sich völlig. Aber nicht nur diese Unrast verhindert das Gelingen der Untersuchungen. Es ist auch sein sensibles Wesen, die Empfänglichkeit für die inneren Berührungen, auch wenn ihn diese immer wieder aufs Neue erschrecken und verunsichern. Aus seinen Aufzeichnungen:

 

 

„Kann es sein, dass gewisse Tatsachen sich verändern, nur weil es Nacht ist? Folgendes untersuchen: Wie verhält sich das Meer in der Nacht. Beobachtung: meine Insel benimmt sich in der Dunkelheit völlig anders, d.h. A: gewisse eigenartige Geräusche und B: etwas, das zweifelsohne als Bewegung bezeichnet werden kann.“ Er hob den Bleistift, zögerte, dann fuhr er fort: „In Klammern: Ist es möglich, dass ein starkes Gefühl, also bei einem selbst, die ganze Umgebung verändern kann? Beispiel: ich habe mir wirklich große Sorgen um die Muminmutter gemacht. Dies untersuchen.“ (MI 176)

 

 

Immerhin bemerkt er doch, dass das vorübergehende Verschwinden der Muminmutter ihn emotional aufwühlt. Aber was hat das denn bloß zu bedeuten? Sein Verstand kann die Frage nicht beantworten, und er kennt keine anderen Wege, mit dieser Frage umzugehen. In der Regel bleibt es bei dem Versuch, die Empfindungen zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Betrachtung und sie damit beherrschbar zu machen. Meistens überkommen ihn unkontrolliert Gefühle, behindern seine intellektuellen Bemühungen und lassen ihn in endlose Schleifen und Kreisbewegungen taumeln. Im Übrigen wird hier noch einmal deutlich, dass es eher die Muminmutter ist, die die Vereinbarung trägt, sich keinerlei Sorgen umeinander zu machen. Als die Mutter im gemalten Garten (s.o.) verschwunden war und die Familie die ganze Insel nach ihr abgesucht hatte, sorgt der Muminvater sich mächtig um sie.

 

 

Er entdeckt bei der Gelegenheit auch ein weiteres Phänomen, dem er aber leider angesichts drängender anderer Fragestellungen nicht weiter nachgeht. Er entdeckt nämlich bemerkenswerte, ja eigentlich sogar fast beunruhigende Wechselwirkungen zwischen sich selbst und dem Rest der Welt, die zum Äquivalenzmodus gehören. Seine große Sorge bei der Suche nach seiner Frau hat ihn so erfüllt, dass er innerhalb und außerhalb seiner Person nichts mehr als nur allein Sorge wahrnehmen konnte. Ein starkes Gefühl kann die ganze Umgebung verändern. Nichts anderes ist mehr wichtig oder wirklich. Nur noch Sorge. Umso verunsichernder war die Reaktion der Muminmutter, als diese wieder aufgetaucht ist, auf seine Sorge: er beklagt sich, dass sie ihnen so einen Schrecken eingejagt hat, und sie lacht nur und spricht davon, dass man  nicht in überkommenen Ritualen stecken bleiben sollte. Der Muminvater kann auch nach Abklingen der affektiven Aufgewühltheit diese Haltung der Muminmutter nicht nachvollziehen. Er ahnt zwar den Äquivalenzcharakter seines Verhaltens, aber er kann es nicht überwinden, kann nicht mentalisieren und sich in seine Frau versetzen. Er kann also seine Affekte erkennen oder wahrnehmen, oder er merkt doch zumindestens, dass sich da etwas in ihm bewegt, aber er kann diese Gefühle nicht nutzen.

 

 

So schrieb er zum Beispiel: „Die Meeresströmungen sind etwas Einmaliges und Wunderbares, dem man noch nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet hat“, oder: „Die Wellenbewegung ist etwas, das immer unser Staunen erregen wird…“, und dann ließ er das Heft sinken und verlor sich in Empfindungen. (MI 138)

 

 

Er findet sich nicht in seinen Empfindungen, er verliert sich in ihnen. Aber er bleibt  dem Weben der Welt und dem Atem der Affekte glücklicherweise nicht immer und ausschließlich so ausgeliefert. In einem intensiven Gespräch mit seinem Sohn erkennt er plötzlich, wie er Beziehungen aufnimmt und schützen kann: er muss verstehen – die Anderen, die Dinge, die Umstände, die Regeln. Der wissenschaftliche Zugang zur Welt stellt seinen Versuch dar, das Verstehen zu fördern, aber er scheint wenig erfolgreich. Der andere Weg ist eher angedeutet, er hängt mehr mit Gefühlen zusammen, mit gernhaben oder lieben und solchen emotionalen Regungen. Dieser Weg ist anders als das wissenschaftliche Durchdringen, vor allem ist er  keine Einbahnstraße, sondern er führt hin und her: um so verstehen zu können, muss man lieben – und umgekehrt. Der Weg ist interaktiv, wie die Mentalisierungstheoretiker sagen würden. Wir werden dann Zeugen davon, wie der Muminvater für seine interaktiven Gehversuche lieber einen etwas weniger intimen Partner sucht (also lieber so einen,  wie ihn das Meer bei seinen Inselstudien darstellt). Sein Sohn  merkt das irgendwie sofort, dass es um viel mehr geht als um das Meer, viel mehr.

 

 

 „Ich muss das Meer verstehen, um es lieben zu können. Und wenn ich das Meer nicht liebe, werde ich auf dieser Insel nicht froh.“

 

„Das ist genau wie mit den Leuten“, sagte Mumin eifrig und setzte sich auf. „Das mit dem Liebhaben, meine ich.“ (MI 192)

 

 

Der Muminvater lässt sich nicht davon abhalten, das Experiment auf seine Art und Weise durchzuführen, und wendet sich an das Meer, nicht an „die Leute“. Der Vorteil liegt auf der Hand: ihm widerspricht dabei keiner. Typisch Muminvater: die richtige Richtung, richtige Empfindungen, stimmt irgendwie alles. Aber dann entscheidet er sich doch für den falschen Adressaten, für ein Übergangsobjekt statt eines personalen Gegenüber, es bleibt halbherzig. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass der Muminvater da mit sich selbst spricht.

 

 

Der Muminvater stellte sich innerlich auf das Meer ein, heute fiel ihm das ganz leicht. Und dann unterhielt er sich im Kopf genauso selbstverständlich mit dem Meer, wie seine Vorfahren es früher getan hatten.

„Du bist doch so groß und hast es gar nicht nötig, andere irgendwie zu beeindrucken“, sagte der Muminvater zum Meer. „Das ist deiner nicht würdig. Ist es dir tatsächlich so wichtig, eine klägliche kleine Insel in Angst und Schrecken zu versetzen, der es ohnehin nicht leicht fällt, über die Runden zu kommen? Sei lieber froh, dass sie sich traut so weit hier draußen zu liegen!“ (…)

 

Der Muminvater beugte sich vor und starrte die aufgewühlte See mit strenger Miene an. „Eins hast du nicht begriffen“, fuhr er fort. „Dies ist eine Insel, um die du dich kümmern solltest. Du solltest sie lieber beschützen und trösten, statt dich so aufzuspielen. Hast du verstanden?“

 

Der Muminvater horchte in den Sturm hinaus, doch das Meer konnte ihm nicht antworten.

 

„Mit uns hast du es auch versucht“, sagte er dann. „Du hast dir alle möglichen Schikanen ausgedacht, aber es hat nicht geklappt. Wir haben es geschafft. Ich bin dir auf die Schliche gekommen, und das hat dir nicht gefallen. Wir haben trotzdem weitergemacht. Stimmt’s? Übrigens“, fuhr er fort, „das mit der Whisky-Kiste war anständig, das muss ich der Gerechtigkeit halber zugeben. Ich hab verstanden, was du damit meintest. Du kannst eine Niederlage einstecken. (..) Und das alles sage ich bloß – oder fast bloß – weil ich dich gern habe.“ (MI 212f)

 

 

Denn das ist ja auch Vater-Sein: sich kümmern, trösten, und sich zum richtigen Zeitpunkt einen Whisky verschaffen. Eine Kiste davon wurde als Strandgut angespült, als der Vater gerade besonders böse auf das Meer war. Und sich selbst dabei immer ein bisschen mögen, das scheint denn doch auch ein Stück Vatertum zu sein. Muminvater spricht mit dem Meer in sich. Und das ist unergründlich…

 

 

Wenn man so über die Experimente, Gedanken, Grübeleien und Eskapaden des Muminvaters liest, fragt man sich immer wieder, wie der denn eigentlich zu einem derart verwinkelten Charakter gekommen sein mag. Antworten darauf bekommen wir nicht wirklich. Aber in dem Band „Muminvaters wildbewegte Jugend“ finden wir doch Hinweise. Begonnen hat das Ganze ja bekanntlich in einem hemulischen Waisenhaus, vor dem der damals noch ganz kleine Muminvater in einer Einkaufstasche abgesetzt worden war. Die hemulische Erziehung ist ja insgesamt umstritten, aber die Hemulin, die diesem wohl in früher Privatisierungsphase gegründeten Institut vorstand, war ganz besonders ignorant und hatte sicher von Mentalisierung noch nie etwas gehört. Damals waren die Qualitätssicherungskriterien eben noch nicht auf dem heutigen Stand. Vermutlich war der Laden noch nicht mal zertifiziert. Besonders schwer wog dieser Sachverhalt, weil es sich um eine Waiseneinrichtung speziell für elternlose Mumintrolls handelte, die gemeinhin andere Anregung brauchen als das vielleicht bei jungen Hemulen der Fall sein mag. Muminvater erinnert sich:

 

 

Ich fragte die Hemulin zum Beispiel, warum alles so sei, wie es war, und nicht genau das Gegenteil der Fall sei.

 

„Das wäre ja noch schöner“, sagte die Hemulin dann.

 

„Ist es so, wie es ist, etwa nicht gut?“ Sie gab mir nie eine anständige Erklärung… Fragen wie: Was wann? Und Wer wie? haben für Hemule keine Bedeutung. Manchmal wollte ich zum Beispiel wissen, warum ich ausgerechnet ich sei und nicht jemand anderes.

 

„Weil wir beide Pech gehabt haben! Hast du dich gewaschen?“, war die Antwort der Hemulin auf diese wichtige Frage. (MWJ 15)

 

 

Dann überschreitet der Muminvater in seiner wildbewegt werdenden Jugend erstmals das Verbot der Hemulin, ans Meer zu gehen, er haut einfach ab,  und hat ein Erlebnis. Worin dieses wenig herausragende Erlebnis im Einzelnen besteht, spielt keine besonders große Rolle – es geht um den „Vorgang an sich“.  Es ist das erste Erlebnis, das er sich allein verschafft und somit ein Meilenstein seiner Mumin-Werdung. Psychologen könnten sagen: er hat seine Intentionalität ausgebildet. Er kann selbst etwas bewirken, und er kann selbst entscheiden, in welche Richtung er gehen will. Er ist weder hilflos ausgeliefert (was er bei der Hemulin bis zum Überdruss erlitt), noch ist es ihm egal, wohin die Reise geht. Man muss allerdings auch zugeben, dass dem Muminvater nicht immer klar ist, warum er eine bestimmte Richtung einschlägt, mal haut er auch einfach ab, muss unterwegs sein, das wirkt schon mal ein bisschen wie ohne Sinn und Verstand, ein bisschen aktionistisch, wie Männer es eben manchmal sein können. Aber die Bewegung steht für ihn im Mittelpunkt. Es ist unerheblich, was Inhalt des oben erwähnten Erlebnisses war, wichtig ist allein, dass es passierte. Und so zieht er los, weg von der Hemulin, weg vom Waisenhaus, in die Welt und lernt sie alle kennen: den Wald, die Vögel, Fredriksson und die anderen Väter: Jojoks, Vater des Schnupferichs, und das Schusseltier, Vater des Schnüferl. Und er gründet seine Familie, und nun hängt er in dem Schlamassel zwischen Welt, Abenteuer, Vater-Sein und Familie. Da sollen einem wohl Fragen bleiben, und Zweifel.

 

 


Die kleine Mü

 


Viertes Kapitel (in dem wir sehen, dass man seinen Weg gehen muss, und Mumin geht schon mal los)

 

Auf der schon mehrfach erwähnten Insel macht wohl jeder aus der Familie wesentliche Erfahrungen. Auch Mumin lernt sich auf eine Art und Weise kennen, die ihm bisher nicht vertraut war.

 

 

Mumin und die kleine Mü lagen auf dem Bauch in der Sonne und guckten ins Dickicht hinein. Es bestand aus niedrigen, zornigen kleinen Tannen und noch kleineren Zwergbirken, die ihr Leben lang mit den Stürmen hatten kämpfen müssen. Jetzt krochen die Bäumchen eng aneinander hin, um sich gegenseitig zu schützen, die Wipfel hatten aufgehört zu wachsen, aber die Äste klammerten sich überall am Boden fest.

„Toll, dass sie so wütend sein können“, sagte die kleine Mü voller Bewunderung.

 

Mumin spähte unter die dichte Masse aus kämpfenden Bäumen, wo die Stämme sich wie Schlangen hin und her bogen und wanden. Er sah den Teppich aus kriechendem Tannenreisig und braunen Tannennadeln und darüber lauter Höhlen und Grotten aus Dunkelheit.

 

„Schau mal“, sagte er. „Die Tanne da hält eine kleine Birke im Arm, um sie zu retten.“

 

„Glaubst du, ja“, sagte die Mü düster. „Ich glaube, die Tanne da hält sie gefangen. Das hier ist genau die Art von Wald, in der Leute gefangen gehalten werden. Es würde mich gar nicht wundern, wenn jemand da drinnen gefangen gehalten würde – so!“

 

Sie schlang Mumin die Arme um den Nacken und kniff ihn.

 

„Lass das!“, schrie Mumin und riss sich los. „Ist das wirklich wahr? Wird da jemand drinnen gefangen gehalten…?“

 

„Du nimmst dir immer alles so zu Herzen“, sagte die Mü verächtlich.

 

„Überhaupt nicht“, rief Mumin. „Aber ich sehe eben, wie ein Gefangener da drin sitzt! Das wird sofort ganz wirklich, ich weiß nie, ob  jemand es ernst meint oder mich auf die Schippe nimmt. Ist das dein Ernst? Ist da jemand drin?“

 

Die kleine Mü lachte und stand auf. „Sei nicht so doof“, sagte sie. (MI 70f)

 

 

Die Kleine Mü ist Mumin eindeutig überlegen, wenn es um die Fähigkeit geht, sich Dinge vorzustellen, die Phantasie blühen zu lassen und damit (wie in diesem Fall) anderen einen Schrecken einzujagen oder sie sonstwie hinters Licht zu führen. Mumin ist da argloser, er glaubt den Worten ihre Wirklichkeit, ist nicht so wendig, hinter die Dinge zu schauen wie die Kleine Mü. Dafür ist seine Welt noch deutlich spannender als ihre. Sie ist eher schon abgeklärt, muss den Nervenkitzel suchen, andere durch selbstgebastelte Spitzen provozieren. Sie braucht den Kick. Mumin dagegen ist den unvorhersehbaren Wendungen seiner Welterkundung ausgeliefert, und das macht sein Leben so packend, und der Kick wird von allein mitgeliefert. Seine besondere Art ist dabei, dass er sich nicht abschrecken lässt. Das geht bei jemandem, der sicher gebunden ist, und Mumin hat seine verlässliche Mutter und seinen zweifelnden (aber darin irgendwie auch authentischen) Muminvater. Dauernd passieren Mumin Dinge, die nun wirklich keiner ahnen konnte, und selten kann man sicher sein, ob sie wirklich gut ausgehen werden (es sei denn, man verlässt sich einfach auf den guten Willen der Autorin). Aber Mumin geht seinen Weg unbeirrt weiter und hat bald ein neues Projekt, ein neues Spiel im Sinn. Manchmal trifft er dabei auf Schönheit, die er sonst nie gesehen hätte. Als das Hochwasser das ganze Erdgeschoss des Muminhauses überflutet hat, holt er versunkene Vorräte aus der Küche.

 

 

„Mutter, jetzt tauche ich“, sagte Mumin.

 

„Verbiete es ihm! Bitte, bitte!“, bat das Snorkfräulein ängstlich.

 

„Nein, warum denn?“, sagte die Muminmutter. „Wenn er es nun mal spannend findet.“

 

Mumin blieb kurz stehen und atmete dabei so ruhig wie möglich. Dann tauchte er in die Küche hinunter.

 

Er schwamm bis zur Speisekammer, dort gelang es ihm, die Tür zu öffnen. Das Wasser in der Speisekammer war weiß von Milch mit vereinzelten roten Tupfen aus Preiselbeerkompott. Ein paar Brotlaibe schwammen an ihm vorbei, gefolgt von einem Makkaronischwarm. (SM 28)

 

 

Und das ist dann ebenso einfach wie schön. Einfach schön. Es ist die Belohnung dafür, den Schritt zu machen: ich will da jetzt tauchen, und wenn es auch gefährlich ist, es ist mein Weg.

 

 

„Jedes Kinderbuch sollte einen Pfad beinhalten, wo der Autor innehält und das Kind allein weitergeht. Eine Bedrohung oder eine Freude können niemals wirklich erklärt werden. Ein Antlitz kann niemals vollkommen enthüllt werden“ hat Tove Jansson mal gesagt. Eigentlich ist es ja wichtiger, was ein Autor in seinem Text geschrieben hat, als was er darüber aussagt. Aber dieses Zitat soll nicht unterschlagen werden, weil es ein Ziel der Autorin beschreibt, das auch im Text gut wieder zu finden ist und beispielhaft erläutert werden kann. Jeder geht seinen Weg, und darin soll man ihn unterstützen und auf ihn vertrauen, dann geht es auch gut. Ein knappes Motto, aber es steckt eine Menge drin. Mumin weist das gerettete Seepferdchen darauf hin, dass er „seinen Weg gehen“ muss, wie im nächsten Kapitel ausführlicher beschrieben wird. Das Motiv des Weges taucht auch an anderer Stelle auf:

 

 

Der Weg wand sich fröhlich hierhin und dorthin, er schnörkelte und hüpfte in alle Richtungen und manchmal verknotete er sich vor lauter Ausgelassenheit um sich selbst. Auf so einem Weg wird man nicht müde, und wahrscheinlich kommt man darauf schneller ans Ziel als auf einem Weg, der langweilig schnurgeradeaus führt. (KM 102)

 

 

Die belebte Natur hat ihre Wirkung – nicht nur narzisstische Seepferdchen beeinflussen ihre Umgebung inklusive Mumin oder die Sorge des Muminvaters erfüllt die ganze Insel. Auch der Weg seinerseits hat fast ein eigenes Leben, eine eigene Persönlichkeit. Vielleicht finden wir darin ein kleines bisschen nordische Naturromantik wieder, der Weg macht einen wach (wie oben geschildert), oder er ähnelt einem, wie der Muminmutter auf der Insel:

 

 

Vor ihnen machte der Fels einen Buckel, lauter kühn ansteigende Steilhänge, die sich grau und zerfurcht übereinander türmten.

 

Hier ist alles zu groß, dachte die Muminmutter. Oder ich bin zu klein…

 

Nur der Weg war genauso klein und unsicher wie sie selbst, er und sie tasteten sich gemeinsam zwischen den Klippen hinauf und kamen gleichzeitig oben an, wo der Leuchtturm auf schweren Betonfüßen dastand und wartete. (MI 42)

 

 

In einer anderen Geschichte macht sich Mumin zusammen mit dem Schnüferl auf einen  Weg, den sie nicht kennen und der ungeahnte Gefahren bieten könnte, aber auch ungeahnte Phantasien freisetzt. Eine gute Planung (belegte Brote), eine mütterliche Unterstützung der Sonderklasse (kein Problem!), und eine unerwartete Entdeckung am Ziel (das Meer!) ergeben den Stoff, aus dem eine gute Expotition wird. Der Weg ist wieder mal auf der Grenze zwischen toter Materie und lebendiger Natur (er schlüpft in den Wald, man sieht ihn förmlich atmen und hüpfen, ein lebendiger Weg…). Die Gefahren oszillieren zwischen den realen Unwägbarkeiten unbekannter Gegenden auf der einen Seite und Produkten kindlicher Phantasie auf der anderen. Wege sind wichtig, aber man kann sich sehr täuschen, sie führen in die Irre oder werden immer länger. In dem Film „Theo gegen den Rest der Welt“ guckt Marius Müller-Westernhagen als Fernfahrer in seinem Taschenkalender auf der letzten Seite nach, wie weit es vom Ruhrgebiet bis Sizilien ist (dahin ist sein  Truck entführt worden). Die Europakarte hinten in seinem handtellergroßen Taschenkalender, hinter der Liste der kirchlichen und staatlichen Feiertage, zeigt: das ist ein Katzensprung! Kaum einen Daumenbreit entfernt! Oder ein anderer, weiter Weg: am Ende der Gershwin-Oper „Porgy and Bess“  macht sich der beidbeinig amputierte Porgy auf seinem Rollwägelchen auf den Weg, seine Geliebte in New York zu suchen, auf den Weg also von New Orleans nach New York, auf einem Rollwagen. I’m on my way. Manchmal ist der Weg, den man gehen muss oder will, eine skurrile Angelegenheit. Und auch Mumin macht seine Erfahrung mit dem Weg:

 

 

An dem Morgen, als der Muminvater die Brücke über den Fluss fertig gebaut hatte, machte Schnüferl, das kleine Tier, eine Entdeckung. Es entdeckte einen ganz neuen Weg. Der Weg schlüpfte an einer dunklen Stelle in den Wald und das Schnüferl blieb lange stehen und schaute hinter ihm her.

 

Das muss ich Mumin erzählen, dachte es. Diesen Weg müssen wir gemeinsam erforschen, allein riskiere ich das nämlich nicht. (…) (KM 5)

 

 

Als das Schnüferl nach Hause kam, war Mumin gerade damit beschäftigt, eine Schaukel aufzuhängen.

 

 

„Hallo“, sagte das Schnüferl. „Ich hab ganz allein einen eigenen Weg entdeckt. Er sieht gefährlich aus.“

 

„Wie gefährlich?“, fragte Mumin.

 

„Ich würde sagen, enorm gefährlich“, antwortete das kleine Schnüferl ernst.

 

„Dann müssen wir belegte Brote mitnehmen“, sagte Mumin.

 

„Und Saft.“ Er ging zum Küchenfenster und sagte: “Mutter, wir essen heute unterwegs.“

 

„Aha“, sagte die Muminmutter. „Kein Problem“. Sie legte die Brote in den Korb, der neben dem Spültisch stand. Dann holte sie eine Pfote voller Bonbons aus einer Büchse und zwei Äpfel aus einer anderen, tat vier Würstchen von gestern dazu und eine Flasche Saft, die immer fertig gemischt auf dem Bord über dem Herd stand.

 

„Prima“, sagte Mumin. „Bis später. Wir kommen, wenn wir kommen.“

 

„Macht’s gut“, sagte die Muminmutter. (KM 6f)

 

 

Sie erforschen den Weg, trotz aller Gefahren, die ihrer dort harren könnten, und als der Weg fast verschwunden ist und sie eigentlich nicht weiter wissen, finden sie das Meer. Mumin springt hinein und taucht, bis das Schnüferl Sorge hat, er könne ertrunken sein. Aber Mumin hat keine Zeit für Sorgen:

 

 

„Übrigens ist mir eine Idee gekommen, während ich dort unten war. Eine ausgezeichnete Idee, aber die ist ein Geheimnis.“

 

„Wie groß?“, fragte das Schnüferl. So groß wie ‚Möge der Abgrund mich verschlingen‘?“

 

Mumin nickte.

 

„Möge der Abgrund mich verschlingen“, haspelte das Schnüferl herunter. „Mögen die Geier meine dürren Gebeine fressen und möge ich nie mehr Eis essen, wenn ich das Geheimnis aller Geheimnisse nicht bewahren kann. Und?“

 

„Ich werde Perlenfischer und verstecke meine Perlen in einer Kiste“, sagte Mumin. „Alle weißen Steine sind Perlen. Alle, die sehr weiß und sehr rund sind.“ (KM 12)

 

 

Natürlich nur die Steine aus dem Meer, nicht die, die das Schnüferl am Strand findet (Mumin konstruiert sofort ein Perlen-Steine-Monopol), wer eine Phantasie hat, darf bei ihrer Ausgestaltung auch an sich selbst denken. Sie sind einen Weg gegangen und in einer Phantasie angekommen, in einer Als-ob-Situation (mentalistisch gesprochen). Diese Als-ob-Welt ist rituell gerahmt, der aus fernen Kinderzeiten überlieferte Zauberspruch des Schnüferl vom Abgrund und den Geiern dürfte ausreichen, den Spiel-Raum gegen unangemessene Realitätseinwirkungen zu sichern. In der betreffenden Geschichte sind das immerhin ganz schön harte Realitäten, die alles prüfen, was nicht niet- und nagelfest ist: ein Komet rast auf die Welt zu, wird vielleicht am siebten August auf die Erde treffen, und dann gibt es vielleicht nicht mal mehr eine einzige Stein-Perle, die übrig ist. Das Meer hat sich schon bald zurückgezogen, alles ist rötlich-heiß geworden… Mumin weiß übrigens meist ganz genau, wann es an der Zeit ist, aus einem Als-ob-Spiel auszusteigen und mal nachzugucken in der Welt, worauf man noch so aufpassen muss. Als Schnüferl sich beklagt, dass die Flucht vor dem Kometen langweiliger ist als das Perlen-Spiel, das sie am Tag zuvor so schön begonnen hatten, weist ihn Mumin zurecht. Schnüferl jammert:

 

 

„Immer nur graue Ufer, die gleich aussehen, und nichts zu tun. Wir hätten Perlen fischen und in der Höhle kleine Regale bauen können…“

 

„Perlen“, sagte Mumin. „Das waren doch bloß weiße Steine. Das hier ist Ernst, vergiss das nicht. Die Welt kann jeden Moment untergehen, und wir sind unterwegs, um zu erforschen, was man dagegen tun kann. Gestern hast du von nichts anderem geredet als von gefährlichen Sternen.“ (KM 37)

 

 

Am Ende ist der Untergang untergegangen, und Schnüferl hat zwar das Geheimnis seiner Höhle lüften müssen (die wurde als Zuflucht gebraucht), aber der Name seiner Katze ist immer noch sein Geheimnis. Mögen die Geier seine dürren Gebeine…

 

 


 

Fünftes Kapitel (in dem noch mehr Freunde auftreten und jeder ein kleines Kunststück mit Träumen, Nörgeln oder der eigenen Phantasie zeigt)

 

Die narzisstischen Seepferdchen

 

 

 

Als die Muminfamilie auf der merkwürdigen Insel mit dem Leuchtturm angekommen ist, entdeckt Mumin bei seinen einsamen nächtlichen Strandgängen die Seepferdchen. Ganz anders als die kleinen Dinger, die in riesigen Schwärmen die großen Weltmeere durchwimmeln, handelt es sich hier um richtige Pferdchen. Barbies Lieblingspferd Tawny ist nichts dagegen, zwar kann Tawny auch laufen und wiehern, aber diese Pferdchen auf der Insel sind kleine Zauberwesen, wie Mumin mit klopfendem Herzen feststellt. Und sie sind hemmungslos in sich selbst und die Welt verliebt, aber vor allem in sich selbst, wie Mumin zu seinem klammheimlichen Leidwesen noch feststellen wird. Auf narzisstische Seepferdchen sol man keine Hoffnungen bauen.

 

 

Alles ist eins, Seepferdchen und Insel und Meer, alles äquivalent unabgegrenzt. Es finden sich Anklänge an das „ozeanische Gefühl“, von dem Freud an Romain Rolland schreibt. Dabei handelt es sich um ein sehr regressives Geschehen auf der Stufe, in der der kleine Mensch/Mumin noch ganz ungeschieden von der Mutter und mit Welt und All verschmolzen ist. Solche Seepferdchen sind das. Und Mumin selbst verschmilzt mit ihnen, und der Ozean nimmt alles auf, aber Regression ist ja auch oft ein endliches Geschehen, und hinterher fehlt einem irgendwas, oder man spürt es doch noch ganz tief innen drin, eine Erinnerungsspur, die sich ozeanisch ausbreiten kann…

 

 

Mit erhobenen Köpfen und fliegenden Mähnen liefen die Seepferdchen über den Sand, ihre Schwänze flossen in langen, glänzenden Wellen hinter ihnen her. Sie waren unbeschreiblich schön und leicht, und das wussten sie auch, sie kokettierten hemmungslos und ganz selbstverständlich – miteinander, mit sich selbst, mit der Insel oder dem Meer, das war alles eins. Ab und zu warfen sie sich ins Wasser, das um sie hochspritzte und im Mondschein Regenbogen bildete, dann liefen sie unter denselben Regenbogen zurück, warfen sich Blicke zu und neigten die Köpfe, um die gebogene Linie ihrer Hälse und Rücken und den Schwung ihrer Schweife zu betonen. Es war, als würden sie vor einem Spiegel tanzen.

 

Jetzt standen sie still und rieben sich aneinander, dabei dachte jedes offensichtlich an sich selbst. Während Mumin sie betrachtete, geschah etwas Komisches, das möglicherwiese ganz natürlich war – er glaubte plötzlich, ebenfalls schön zu sein, er fühlte sich leicht, verspielt und überlegen und lief hinunter zum Sandstrand und rief: “Was für ein Mondschein! Und diese Wärme! Man könnte fliegen!“

 

Die Seepferdchen scheuten, bäumten sich auf und galoppierten davon. Mit aufgerissenen Augen rasten sie an ihm vorbei, die Mähnen strömten hinter ihnen her, die Hufe trommelten in Panik, dabei war jedoch klar, dass das alles nur Spiel war. Ihr Erschrecken war nur gespielt, sie genossen es geradezu, und Mumin wusste nicht, ob er Beifall klatschen oder sie beruhigen sollte. Aber er wurde wieder klein, dick und unförmig, als sie an ihm vorbei ins Meer hinausstürmten. (MI 91f)

 

 

In der Gegenwart der Seepferdchen fühlt sich Mumin selbst ansehnlich und allem gewachsen. Aber als er dadurch die Selbstverliebtheit der Seepferdchen stört und auf sie zugeht, sind sie verschwunden und er ist rund wie ehedem. Es ist wie ein leichter, flüchtiger Rausch: alles ist so schön, auch das Selbsterleben ist rosa gefärbt, aber der Übergang aus dem Rauscherleben in eine reale Begegnung funktioniert nicht. Schade eigentlich, ist aber bei anderen Räuschen ähnlich. Mumin weiß das noch nicht. Aber er hat einen Trick parat, wie er sich geplant in das Niemandsland zwischen Rausch und Traum reinschleichen kann, wie an anderer Stelle beschrieben wird:

 

 

Mumin schob rasch alle Gedanken beiseite und holte stattdessen sein abendliches Spiel hervor. Kurz zögerte er, ob er das Abenteuerspiel oder das Rettungsspiel wählen sollte, doch dann entschied er sich für das Rettungsspiel. Das kam ihm passender vor. Er schloss die Augen und machte seinen Kopf ganz leer. Danach beschwor er einen Sturm herauf. (…)

 

In letzter Zeit rettete Mumin nicht mehr die Muminmutter aus der Seenot, sondern nur das Seepferdchen. Draußen in den Wellen kämpfte also das Seepferdchen. (…)

 

Mumin rettet nicht mehr die Mutter, sondern das selbstverliebte Seepferdchen: er ist eben schon ein großer Junge, der nicht mehr am Schürzenzipfel hängt, sondern anfängt, sich um sich selbst zu kümmern. Er rudert durch den Sturm,

 

aber er verspürte keine Angst! Am Ufer rief die kleine Mü hinter ihm her: „Erst jetzt begreife ich, WIE GROSS SEIN MUT IST! Ach, wie sehr bereue ich alles, jetzt, WO ES ZU SPÄT IST…“ Der Schnupferich biss auf seine Pfeife und murmelte: „SO LEB DENN WOHL, ALTER FREUND…“ Doch Mumin kämpfte sich weiter durch die stürmische See, bis er das Seepferdchen erreichte, das kurz vor dem Ertrinken war – er zog es ins Boot, und da lag es nun inmitten seiner nassen gelben Mähne wie ein Häufchen Elend. Er führte es sicher an einen einsamen Strand und trug es dort an Land. Das Seepferdchen flüsterte: „Du bist ja so mutig. Du hast für mich dein Leben riskiert…“ Da lächelte Mumin nur und sagte: „Hier muss ich dich verlassen. Mein Weg führt in die Einsamkeit, so leb denn wohl.“ (…) An dieser Stelle schlief Mumin ein. (MI 145ff)

 

 

Er schließt sich dem Seepferdchen-Narzissmus an, übernimmt die Größenphantasie und baut die Absage an eine reale Beziehung ein in sein Spiel. Der Held geht seinen Weg, und dieser Weg ist einsam und für Seepferdchen nicht zugänglich. Gut ist es allerdings, wenn man diesen Als-ob-Modus wieder verlassen kann und nicht in der narzisstischen Größenvorstellung steckenbleibt. Mumin ist da nicht in Gefahr – er schläft ein und am nächsten Morgen warten neue Spiele, aber auch neuer Ernst.

 

 

 

 

 

Dilemma zwischen Als-ob und Äquivalenz:  Homsa feat. die Kleine Mü

 

 

 

Der nicht ganz so kleine Homsa hat noch einen kleineren Bruder, auf den er immer aufpassen muss. Man kann nicht behaupten, dass er darüber besonders glücklich wäre. Kleine Brüder sind eine Plage, findet er, und  es wäre besser, dass

 

 

„die so lange in einer Schublade gehalten werden, bis sie was kapieren“ (GM 24)

 

 

Der nicht ganz so kleine Homsa erlebt eine Menge, zeitweise auch im Beisein des ganz kleinen Homsa-Bruders, der dann zwar stört, aber doch nicht alles gleich zerstört. Die Eltern wissen das lebhafte Erleben gar nicht immer zu würdigen oder auch nur zu verstehen. Dabei ist doch ganz klar, dass es um die Rettung der zivilisierten Welt geht, oder zumindest als ob es um die Rettung der zivilisierten Welt ginge:

 

 

Als der Homsa beim Gemüsebeet angelangt war, legte er sich platt auf den Bauch und schlängelte sich durch den Salat. Das war die einzige Möglichkeit. Der Feind hatte Kundschafter ausgesandt, die waren überall, ein paar flogen sogar durch die Luft.

 

„Ich werd ganz schwarz“, sagte der kleine Bruder.

 

„Sei still“, flüsterte der Homsa, „wenn dir dein Leben lieb ist. Was glaubst du wohl, was man in einem Mangrovensumpf wird? Blau?“

 

„Das hier ist Salat“, sagte der kleine Bruder.

 

„Wenn du so weitermachst, wirst du bestimmt bald erwachsen“, sagte der Homsa. “Dann wirst du genau wie Mama und Papa, und das geschieht dir gerade recht. Dann siehst du und hörst du ganz normal und damit meine ich, dass du weder siehst noch hörst, und dann ist es aus mit dir.“

 

„Oho“, sagte der kleine Bruder und fing an, Erde zu essen.

 

„Die ist vergiftet“, bemerkte der kleine Homsa kurz. „Alles, was in diesem Land wächst, ist vergiftet. Und jetzt haben sie uns erblickt und das haben wir nur dir zu verdanken.“

 

Zwei Kundschafter sausten quer übers Erbsenbeet auf sie herab, doch der Homsa tötete sie schnell. (GM 22f).

 

 

Das geht also ganz schön zur Sache da auf dem Gemüsebeet, wenn auch noch die Krähen angreifen (oder so tun, als ob, oder der Homsa denkt sich dass sie so tun als ob). Doch dann verliert der Homsa seinen kleinen Bruder aus den Augen, kehrt nach Hause zurück und berichtet den Eltern, der Kleine sei von Schlammschlangen überfallen und verspeist worden und dann kriegt er dafür einen ziemlichen Ärger, und währenddessen sitzt der kleine Bruder auf dem Hof und isst immer noch (oder: wie immer) Erde. Der etwas größere Homsa muss wegen seiner Flunkerei ohne Abendessen ins Bett und ist mächtig verstimmt über seine Eltern. So schlecht haben sie sich noch nie benommen! Er hat auf Eltereien (Gegenstück zu: „Kindereien“) keine Lust mehr und beschließt abzuhauen. Und so wird es dann auch gemacht, ab durch Heide und Moor. Sein Weg in die Welt ist nicht ohne Probleme, denn seine Einbildungskraft ängstigt ihn selbst manchmal selbst.

 

 

Irgendwo hinten im Moor rollte der Geisterwagen los, er schickte rote Lichtblitze übers Heidekraut, er knirschte und knarrte und fuhr schnell und immer schneller.

 

 

„Warum hast du ihn dir auch vorgestellt!“, sagte sich der Homsa. „Da ist er jetzt. Lauf!“ (GM 30)

 

 

Dann kommt er an ein kleines rundes Haus, in dem Licht brennt. Es ist rund, also wohnt wohl eine Mymla darin, und tatsächlich, der Homsa trifft auf die kleine Mü. Sie erstattet dem immer verängstigteren Homsa im Tonfall größter Selbstverständlichkeit darüber Bericht, dass die lebendigen Pilze schon im Nachbarzimmer angekommen sind und die Großmutter schon zugewachsen sei, und er soll lieber einen Teppich zusammenrollen und vor den Türspalt schieben, damit sie nicht hier auch noch reinkommen. Das Ticken, dass sich da wie eine Uhr anhört, dass seien die Pilze, wenn sie wachsen, und gleich würde die Tür denn doch wohl platzen und die ganze Zeit sitzt die Mü auf dem Schrank, weil es da sicherer sei vor den Schlammpilzen, und sie weigert sich, den Homsa auch raufzulassen, so viel Platz sei da oben nicht, und so bleibt ihm nichts übrig, als sich unter dem Sofa zu verstecken, als es an die Tür klopft… und dann steht da der Homsa-Vater vor der Tür, er sucht seinen Sohn, und es gibt gar keine Pilze, der Oma geht es gut nach ihrem kleinen Schläfchen im Nebenzimmer, und die Mü hat das alles nur erfunden, der Homsa ist sprachlos über diese Heimtücke, er ist gekränkt und kann es nicht fassen, dass sie ihm solche Angst gemacht hat.

 

 

Der Homsa ist also ein kleiner Könner in dem Metier des Als-ob, er versenkt sich so in sein Spiel gegen die allgegenwärtigen Feinde, dass er sogar seinen kleinen Bruder vergisst. Dass sich seine Eltern Sorgen machen, als er ohne den Kleinen zurückkommt, gehört nicht zu seiner Welt, das ist die trockene, kalte Eltern-Realität, wie langweilig! Außerdem sitzt der Kleine wie immer im Hof, stopft wie immer Erde in sich rein, funktioniert fast noch auf der viszeralen Ebene, im Körpergefühl des Babys, immer das Gleiche, langweilig!! Aber er, der größere Bruder, er hat die Welt in der Hand, er lässt den Geisterwagen fahren. Und wenn  ihm sein eigenes Spiel zu viel wird, stellt er sich als nächstes vor, er sei ein Polarforscher, der seit zehn Jahren auf der Suche nach seinem Zuhause ist, und der es gleich finden wird, und schon findet er es und  ist  daheim angekommen, klappt doch.

 

 

Aber so eine Konkurrentin im Konstruieren von Als-ob-Welten, wie er sie in der Kleinen Mü antrifft, die hat der Homsa nicht auf der Rechnung. Da kippt doch glatt der spielerische Als-ob-Modus in die bedrohliche allgleiche Äquivalenz, und er hat den Wechsel nicht selbst in der Hand, das ist schade. Er hat gerade gelernt, dass er seine Realität beeinflussen kann, indem er einen neuen Bezugsrahmen darum herum baut, und plötzlich war er dann im Krieg gegen die bösen außerirdischen Krähenheere. Und nun soll er verstehen, dass nicht nur er solche Konstruktionen schaffen kann, sondern die andere auch? „Das ist unfair!“, höre ich ihn schimpfen,  „Ich hab nichts gegen Als-ob, ich lebe ständig im Als-ob, aber mir ist, als ob dieses Als-ob  gar nicht von mir stammt, das geht doch nicht!“ Dieses nicht selbst erfundene Als-ob hat die fatale Eigenschaft, sich angsteinflössend in Äquivalenz umzuwandeln. Aus dem Spiel mit verschiedenen  Lebenselementen im vollen Bewusstsein der realen Unbedrohtheit wird die allumfassende Wirksamkeit der (ursprünglich spielerisch erfundenen) Bedrohungen, aus dem Nervenkitzel wird eine echte Zerreißprobe.

 

 

Der Homsa erlebt hier ein Phänomen, das sich in unglücklich verlaufenden Entwicklungen kleiner Personen immer wieder dramatisch ereignet. Wenn die kleine Person sich die Welt aneignen will, nutzt sie zunächst den ungeheuren Spielraum, den diese Welt darstellt: ein Raum zum Spielen ohne Ende, was auch immer sie will. Wichtig ist dafür, dass eine Bezugsperson durch ihre Spiegelung erkennbar macht, dass es sich um ein Spiel handelt. Wenn die kleine Person im Spiel seinen Vater mit einem Holzstück in der Hand erschießt, als sei es eine Reinkarnation von Jesse James, dann fällt der Vater röchelnd um, tut einen letzten Seufzer – und steht unversehrt wieder auf. Ein Klasse Spiel! Echt umgefallen, als ob er tot wäre! Deutlich verwirrender ist es, wenn diese Spiegelung nicht so markiert ist (also erklärend oder übertrieben, so dass man an der Markierung gleich merkt, dass es kein Ernst ist, sondern eine gleichsinnige Antwort): wenn der Vater „unmarkiert“ oder in echt zurückschießen würde, zum Beispiel, oder wenn man auf eine Mü trifft, die das Phantasiegebilde, in dem man sich einigermaßen sicher bewegen konnte, toppt durch furchterregende Details über die Mörderpilze im Nebenzimmer. Da schlägt das Als-ob-Feeling um in eine allumfassende Äquivalenz, alles wird ängstigend und bedrohlich, und eine Realitätsprüfung wird nicht einmal mehr erwogen. Das ist furchtbar, und eigentlich hat der Homsa recht: so geht es nicht!

 

 

Es ist hilfreich, wenn man für sich selbst Als-ob-Spiel und Äquivalenz-Überschwemmungen auseinander halten kann. Zusätzlich muss ich aber auch noch ein Gefühl dafür entwickeln, in welche Als-ob-Strukturen mein Gegenüber verwickelt ist – und mich womöglich auch noch zu verwickeln droht. Ganz schön unübersichtlich.

 

 

Der Homsa ahnt schon, dass die wankelmütig zwischen Als-ob und Äquivalenz changierende Verfassung nicht ewig weitergehen wird. Er wird immer mehr Sicherheit darin gewinnen, die Als-ob-Spielereien an der Realität zu messen und sich von den Als-ob-Eskapaden nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Dann werden die Als-obs keine allzu bedrohliche Seite mehr haben und nicht mehr frei fluktuierend in Äquivalenzen übergehen. Aber einen Teil ihrer die kleine Person ganz erfassende und erfüllende Spannung werden sie auch eingebüßt haben: dann ist man groß, vielleicht sogar erwachsen, und es wird deutlich langweiliger.   

 

 

 

Die Mymla, die Tochter der Mymla und die Kleine Mü

 

 

 

Die familiären Bande von Mymla, ihrer Tochter und der Kleinen Mü bleiben über weite Strecken verschwommen. Es handelt sich um eine regelrechte Familienbande, wobei die Rangreihe von den älteren zu der jüngsten aufsteigt: diese, die kleinste, ist am vorlautesten, am frechsten, ist autonomer als die anderen und hat sowohl scharfe Zunge wie auch scharfen Verstand. Kurz: sie ist eine richtige Rotzgöre, wie man sie sich wünscht. Und eigentlich müsste sie die Kleine My heißen, von Mymla, aber vielleicht wäre dann die Verwechslung mit dem griechischen Alphabet zu naheliegend, also heißt sie Mü.

 

 

Die Mymla hingegen, die Mutter also, macht einen regelrecht gereiften Eindruck, wenn auch die Züge der Autonomie (die bei der kleinsten dominieren) auch bei ihr noch durchscheinen. Sie wird von ihrem Inneren nicht gequält oder getrieben, und es bleibt gänzlich unklar, wie es dazu kommen konnte: denn die Mymla ist eher wenig gebunden, und scheint doch sicher zu sein, das muss man erst mal hinkriegen, eigentlich geht das theoretisch gar nicht richtig, man lernt ja auch keine Sprache allein und ohne Vorbilder und Anregungen. Wer keine Erfahrungen mit sicheren Bindungen machen (und diese verinnerlichen) konnte, muss immer sehr für sich allein sorgen: immer auf der Hut sein, dass einen keine unvermuteten Angriffe ereilen, andere immer wieder auf die Probe stellen (hält der da zu mir oder ist er gegen mich?), kurz: Anspannung und Umtriebigkeit sind da eigentlich vorprogrammiert.  Wie auch immer, die Mymla hat‘s irgendwie hingekriegt.

 

 

Wie schön es doch ist, sich wohl zu fühlen, und wie einfach! Die Mymla bedauerte niemanden, den sie traf, und den sie sogleich wieder vergaß, und sie versuchte auch nie sich in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen. Mit belustigtem Staunen betrachtete sie die anderen und ihre Probleme. (…) Die Mymla träumte nie, sie schlief, wenn sie Lust zum Schlafen hatte, und wachte auf, wenn es sich lohnte, aufzuwachen. (HM 60f)

 

 

Die Tochter der Mymla (also die Schwester der Kleinen Mü) wirkt auch nicht sicher gebunden. Sie erprobt sich in Erziehungsfragen an ihrer kleinen Schwester, die (verschwommen eben, diese familiären Verknüpfungen) eigentlich auch eine Tochter der Mymla sein dürfte, aber die kleine Schwester heißt eben die Kleine Mü und die große ist die Tochter der Mymla, wir haben es so hinzunehmen. Wer weiß schon immer, warum er oder sie gerade diesen Namen abgekriegt hat?

 

 

Die Tochter der Mymla, wie gesagt, versucht ihre Schwester (die kleine Mü) zu erziehen, was schon deshalb so schwierig ist, weil die so klein ist. Früher war sie noch viel kleiner, da konnte man sie kaum sehen, und entsprechend schwer war sie mit erzieherischen Maßnahmen zu erwischen. Meistens gingen die einfach daneben, im wahrsten Sinne des Wortes, so hört es sich jedenfalls an (genaueres erfahren wir nicht). Bei einem Frühlingssonnendraußensitzen mit der Muminmutter schnitzt diese das jedes Frühjahr fällige Rindenschiffchen für ihren Sohn und die Tochter der Mymla versucht die kleine Mü zu erziehen.

 

 

„Mü!“, sagte die Tochter der Mymla drohend und versuchte ihre Schwester aus einem Wollstrang herauszupulen. „Komm sofort heraus!“

 

Doch die Kleine Mü verkroch sich nur noch kleiner im Nähkorb und verschwand ganz und gar in der Wolle.

 

„Es ist wirklich lästig, dass sie so klein geraten ist“, beklagte sich die Tochter der Mymla. „Nie weiß man, wo man sie hat. Kannst du ihr nicht auch ein Rindenschiffchen machen? Damit könnte sie dann im Regenfass herumsegeln  und ich wüsste wenigstens, wo sie steckt.“   (SM 8f)

 

 

Aber die Muminmutter ist mit dem Schnitzen für die eigene Familie voll ausgelastet – die Mymlas müssen sich schon selbst helfen. Das ist schwer.

 

 

Die Tochter der Mymla stand auf der Treppe des Muminhauses und schrie, dass ihr die Stimme überschwappte. Die Kleine Mü saß in einem ihrer unzähligen Verstecke und lachte, das wusste ihre Schwester.

 

Sie müsste mich mit Honig locken, dachte die Kleine Mü. Und mich dann verhauen, wenn ich komme. (SM 13f)

 

 

Das nützt natürlich alles überhaupt nichts, das weiß die Kleine Mü ebenso gut wie ihre Schwester, aber was soll die denn machen, wenn sie die Verpflichtung übernommen hat, die eigene kleine Schwester aufzuziehen? Dann kann sie entweder gar nichts machen, und das sieht nicht gut aus, oder sie kann so tun, als ob sie erzieht, und gleichzeitig wissen, dass es nichts nützt, aber man hat sich Mühe gegeben. Solche Erziehungs-Spiele finden auch heute noch in vielen Familien statt. Die Kleine Mü als Erziehungsberaterin ist nur bedingt hilfreich, wie der Schnupferich erfährt, als er nach einer Vergeltungsaktion gegen den Hemul-Polizisten plötzlich für vierundzwanzig unterdrückte Kinder zu sorgen hat:

 

 

„Du musst es so machen wie meine Schwester und sagen, wenn sie nicht still sind, schlägst du sie tot. Hinterher bittest du sie dann um Verzeihung und gibst ihnen Bonbons.“

 

„Und hilft das?“

 

„Nö“, sagte die Kleine Mü. (HM 122)

 

 

So richtig kuschelig ist die Kleine mit ihrer Lebenseinstellung nicht, wenn man sie in den Arm nehmen würde, müsste man sicher darauf gefasst sein, dass sie blitzartig zubeißt. Es bleibt der vage Verdacht, dass diese mächtig vor sich hergetragene Autonomie doch so etwas wie einen Schutzschild darstellt: einen Schutzschild gegen die Wünsche nach mehr Verbindung, nach Kontakt und Spüren, aber vermutlich hat die Kleine Mü damit nicht viel Erfahrungen sammeln können, und weder die Mymla noch die Tochter der Mymla haben der Kleinen Mü viel Wärme oder vertraute Nähe angeboten. Mittlerweile sieht es so aus, als wenn solche Angebote von der Kleinen Mü hohnlachend ausgeschlagen werden würden. Aber ist das immer so gewesen? Wir wissen es nicht. Jetzt hat sie sich einen Schutz zugelegt, um durchzukommen. Jetzt ist sie respektlos gegenüber Gott und der Welt. Das hilft, wenn man nicht so genau absehen kann, wie sich Gott und insbesondere die Welt einem gegenüber verhalten würden, wenn man sie nicht vorsichtshalber durch Respektlosigkeit auf Abstand hielte.

 

 

„Ist das jetzt der Weltuntergang?“ erkundigte sich die Kleine Mü neugierig.

 

„Mindestens“, sagte die Tochter der Mymla. „Versuch möglichst schnell brav zu werden, weil wir jetzt wahrscheinlich bald alle in den Himmel kommen.“

 

„In den Himmel?“ wiederholte die Kleine Mü. „Müssen wir in den Himmel? Wie kommt man denn da wieder raus?“ (SM 23)

 

 

So verhält sich eine, die sich vor der Erinnerung an schlimme Erfahrungen schützt, oder die auf mildere Selbstschutzformen nicht zu vertrauen gelernt hat, oder beides. Die affektive Einengung der Kleinen Mü wird deutlich, als das vorübergehend erfrorene Eichhörnchen beerdigt werden soll und Mumin sich einen Trauerflor um den Schwanz gebunden hat. Das will die Kleine Mü auf keinen Fall.

 

 

„Wenn ich traurig bin, brauche ich das nicht mit einer Schleife zu zeigen“ erklärte sie.

 

„Wenn du traurig bist, ja“, sagte Mumin. „Aber das bist du nicht.“

 

„Nein“, sagte die Kleine Mü. „Traurig sein kann ich nicht. Ich bin entweder froh oder wütend. Hat das Eichhörnchen etwas davon, wenn ich traurig bin?“ (WM 51)

 

 

Mumin hat sicher nicht so viele kraftvolle Energie wie die kleine Mü, die diese zum Beispiel gegen die eichhörnchentötende Eisfrau wenden werden könnte: die Kleine Mü würde sie liebend gern ins Bein beißen, damit sie künftig gefälligst harmlose Eichhörnchen in Ruhe lässt. Mumin steht mehr auf der Seite des Rituals, der Verarbeitung und Überwindung der Trauer, also bei den innerseelischen Prozessen. Die Kleine Mü haut es raus. Ist ja auch nicht so viel Platz in ihr drin. Insofern erinnert sie ein wenig an die Elfe Klingklang in „Peter Pan“, von der es heißt, dass sie so klein war, dass jeweils nur ein Gefühl zur Zeit Platz in ihr hatte. Damit ist eine poetische Kurzversion für einen bedeutsamen Aspekt einer Borderline-Persönlichkeitsstörung geliefert. Bei der Kleinen Mü gab es früher auch schon einen Hinweis auf leicht paranoid wirkende Strukturen, als sie vom Eichhörnchen geweckt worden war und den Schnee entdeckte:

 

 

„Aha, so sieht der also aus“, sagte sie. „Was die sich alles einfallen lassen.“ (…)

 

Als erstes rutschte sie auf dem vereisten Felsen aus und landete sehr hart auf dem Hintern.

 

„Aha“, sagte die Kleine Mü drohend. „So haben die sich das gedacht!“ (WM 18f)

 

 

„Die“ bleiben unbestimmt, man muss sich selber seine Gedanken machen, wen die Kleine Mü damit wohl meinen könnte, aber sie scheinen ihr nicht so besonders wohlgesonnen zu sein. Was das Eichhörnchen dazu sagt, dem die Kleine Mü dann gleich erst einmal einen harten Schneeball gezielt an den Kopf ballert, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich findet die Kleine Mü, dass das etwas völlig anderes ist, als die direkt gegen ihre Person gerichtete Frechheit, sie auf dem glatten Eis auf den Hintern plumpsen zu lassen. Es wirkt so, dass sie die Unbill des Lebens als gezielten feindlichen Akt gegen ihre Person (miss-) versteht und damit eigene Unzufriedenheiten in die Außenwelt verschiebt. Das ist paranoid. Zum Vergleich: Als Mumin zum ersten Mal erlebt, wie Schneeflocken fallen, ist er verwundert.

 

 

Eine Flocke nach der anderen landete auf seiner warmen Schnauze und schmolz. Er fing sie mit der Pfote auf, um sie eine kurze Sekunde lang zu bestaunen, er sah nach oben und sah sie auf sich zu sinken, mehr und mehr, weicher und leichter als Daunen.

 

So läuft das also, dachte Mumin. Und dabei hab ich immer geglaubt, dass er von unten herauf wächst. (WM 100)

 

 

Mumin liefert damit ein Beispiel, wie man neugierig-verwundert auf die Natur zugehen kann, während die Kleine Mü gleich zum Kampf übergeht, immer in Spannung, um auf jeden Angriff (oder was man als solchen ansehen könnte) mit sofortigem Gegenangriff zu reagieren.

 

 

Die Mutter der Kleinen Mü ist insgesamt ruhiger. Sie beißt nicht gleich zu, sondern benutzt ihr Wissen über psychische Muster wie Giftpfeile. Sie durchschaut die anderen schnell, nimmt präzise wahr, was in denen vorgehen mag, und wirft es ihnen dann in einer wenig einfühlsamen Art und Weise an den Kopf, so dass keine Nähe daraus wird.

 

 

„Macht es dir Spaß, Nägel rauszuziehen?“, fragte die Mymla hinter ihm. Sie hockte auf dem Hackklotz.

 

„Was?“ sagte der Homsa.

 

„Es macht dir keinen Spaß, Nägel  rauszuziehen, und trotzdem machst du es“, sagte die Mymla. Ich frage mich, warum.“

 

Toft sah sie an und schwieg. Die Mymla roch nach Pfefferminz.

 

„Und den Hemul kannst du auch nicht leiden“, fuhr sie fort.

 

„Daran hab ich noch nie gedacht“, murmelte Toft abwehrend und fing sofort an darüber nachzudenken, ob er den Hemul leiden konnte oder nicht.

 

Die Mymla hüpfte vom Hackklotz und lief weiter. Die Dämmerung nahm rasch zu, überm Fluss stieg grauer Nebel hoch, es war sehr kalt. (HM 108)

 

 

Da kommt keine Langeweile auf. Übrigens: Die Mymla hat natürlich recht. Der Homsa kann den Hemul tatsächlich nicht leiden, und die Nägel zieht er auch nur raus, weil er damit beauftragt worden ist, was er auch gut hätte ablehnen können. Sie trifft immer ins Schwarze. Aber es sind keine Amorpfeile, die da schwirren.

 

 

In den Jugenderinnerungen des Mumin-Vaters tauchen auch die Väter vom Schnupferich und vom Schnüferl auf. Und auch die Mymla gab es damals schon. Ein paar Töchter hatte sie bereits. Irgendwie werden das immer mehr, keiner weiß so recht wie. Es hat den Anschein, als mache sie das irgendwie selber und allein. Das ist also ein Beispiel für eine extrem monadische Existenz, ohne Beziehungspartner, ohne gemeinsame Elternschaft für die Kinderschar, und alle sind kleine Mymlas mit straff zurückgebundenem Zopf, es ist ein Rätsel. Die Mymla spiegelt sich sozusagen selbst und dabei entstehen ihre Töchter. Mentalisierungstheoretisch ist das eine ganz exotische Variante. Ob das gut ist – und gut geht?

 

 

 

Das Snorkfräulein

 

 

 

Mit seinen Stirnfransen stellt das Snorkfräulein schon etwas Besonderes dar. Sie ist Mumins Freundin, und auch wenn das eine noch sehr harmlose Angelegenheit ist, scheint doch die ganze Zeit klar zu sein: die beiden werden sich bekommen, da gibt es gar nichts. Sie weiß also für sich zu sorgen, indem sie die Hauptperson an sich bindet, das schadet ja nie. Sie kann auch sonst recht gut auf sich achten. Als sie im Theater („Herbst im Mumintal“) die Garderobe findet und von den hunderten und aberhunderten Roben und Kleidern im Fundus überwältigt ist, macht sie das einzig Richtige: Sie reguliert erst einmal die Aufregung herunter, um keine unsinnigen Entscheidungen zu fällen, welches sie nun auswählen soll.

 

 

Die Kleider raschelten, sie rochen nach Staub und Parfüm und begruben das Snorkfräulein in ihrer weichen Fülle. Plötzlich ließ sie alles los und stellte sich ein Weilchen auf den Kopf.

 

„Um mich ein wenig zu beruhigen“, flüsterte sie vor sich hin. „Ich muss mich beruhigen, sonst explodiere ich einfach vor Glück. Es sind einfach zu viele…“ (HM 61)

 

 

Dann läuft sie vor der ganzen Herrlichkeit davon, weil es einfach zu viele Kleider sind und sie sich zwischen zwei Kleidern entscheiden könnte, auch mit drei oder vier könnte es noch klappen, aber  zwischen tausend Kleidern kann sie sich einfach nicht entscheiden. Also lässt sie es. Mit dieser Strategie erreicht sie äußerlich dasselbe wie die Misa. Die hatte sich angesichts ihrer wenig attraktiven Frisur mit dem Mittelscheitel sich nichts sehnlicher gewünscht als andere Haare. In der Perückenabteilung des Theaters hatte sie zahllose Alternativen gefunden und war  unter dem Eindruck des Überangebots depressiv-gelähmt geworden, traurig und voller Seufzer. Sie war ohne Perücke wieder abgezogen, wie das Snorkfräulein ohne die Kleider. Aber im Gegensatz zu dieser stand der Misa kein Verhaltensinstrument zur Verfügung, mit dem sie ihren inneren Aufruhr hätte befrieden können. So blieb sie in ihrem Verdruss stecken, während das Snorkfräulein die gescheiterte Kleiderauswahl als für sie nicht gangbaren Weg verbuchen und abheften kann. Das Snorkfräulein kann durch Schilderung ihres Erfahrungsprozesses die Misa nur mühsam aus deren Dilemma befreien. Selber auf dem Kopf stehen, das hilft – darüber reden und es anderen erzählen ist nicht halb so wirksam.

 

 

Es scheint sich beim Kopfstehen zur affektiven Regulation um eine für Mumins und ihre Verwandten vertraute Maßnahme zu handeln. In seinen Memoiren erwähnt auch der Muminvater anlässlich eines durch erste Begegnung mit Wald, Bäumen und dazugehörigen Vögeln ausgelösten emotionalen Überschwanges, dass er sich eine Weile auf den Kopf stellte, um sich zu sammeln (MWJ 27).

 

 

Das mit dem Auf-dem-Kopf-Stehen stammt übrigens wohl aus dem Yoga und heißt da Shirshasana. Aber es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Snorkfräulein oder der Muminvater das wussten. Ohne also den meditativen oder physiologischen Hintergrund zu ahnen, ist ihnen mit dieser Selbsttherapie gelungen, eine biologische Hürde zu überwinden: Wenn der Affekt zu mächtig wird, versagen sowohl Mentalisierung als auch Vernunft. Dann muss die Aufgewühltheit erst einmal abnehmen, ehe man wieder klar denken und planen kann. Die Synapsen im zentralen Nervensystem  kriegen das sonst nicht geregelt – was zu viel ist, ist zu viel. Ein Kopfstand scheint da ein probates Mittel.

 

 

 

 

 

Die Misa

 

 

 

Als Mumin und das Snorkfräulein allein im Wald zurückbleiben und das Theater-Schiff mit dem Rest der Familie allein weitertreibt, was erst keiner merkt, erst als es schon zu spät und sie zu weit weggetrieben sind,  herrschen Bestürzung und Ratlosigkeit. Die Misa nutzt die Gelegenheit, sich ihren Gefühlen hinzugeben.

 

 

Die Misa zog sich schwarz an.

 

Dann setzte sie sich in eine Ecke und weinte ausgiebig vor sich hin.

 

„Trauerst du tatsächlich so sehr um sie?“, fragte der Homsa mitfühlend.

 

„Nein, nur ein bisschen“, antwortete die Misa. „Aber jetzt, wo ich einen Grund habe, kann ich auch gleich über alles andere weinen!“

 

„Aha“, sagte der Homsa verständnislos. (HM 80)

 

 

Die Misa, deren Perückenauswahl in eine depressive Lähmung mündete, ist grundsätzlich eher miesepetrig. Aber sie ist nicht dumm. Sie kriegt gut mit, dass der Traueranflug, der sie bei der ungeplanten Trennung von Mumin und Snorkfräulein heimsucht, eine Chance beinhaltet. Es ist ein Haken, an dem sie viel mehr aufhängen kann: die Verzweiflung über ihre Haare, über die miesen Rollen, die das Leben ihr zugesteht, über das Unverständnis der anderen. Da ist viel zu beweinen. Aber eigentlich braucht sie gar nicht immer einen Aufhänger für ihre Tränen (das ist aber auch ein wenig überzeugendes Bild: einen Aufhänger für Tränen – mit diesem Sprachbild wäre die Misa wieder gar nicht zufrieden, das ist ja eine Formulierung, die ist zum Heulen). Sie weint auch manchmal direkt in einer Situation, die ihr geeignet scheint beziehungsweise die ihre Grundtrauer anstößt. Zum Beispiel als Mumin und das Snorkfräulein sich anschicken, neben dem angeleinten Schwimm-Theater am Ufer im Freien zu schlafen.

 

 

Die Misa sah zu.

 

„Ja, ja, wäre zu schön, wenn man auch mal in einem Baum übernachten dürfte“, sagte sie.

 

„Warum tust du es dann nicht?“, fragte die Muminmutter.

 

„Niemand hat mich gefragt“, antwortete die Misa mürrisch.

 

„Weißt du was, kleine Misa, jetzt nimmst du einfach ein Kissen und kriechst hinauf zu den anderen“, schlug die Muminmutter vor.

 

„Nein, hab schon keine Lust mehr“, sagte die Misa, ging weg, hockte sich in eine Ecke und weinte.

 

Warum wird immer alles so?, dachte sie. Warum wird immer alles so traurig und kompliziert?

 

(SM 70)

 

 

Es ist nichts darüber zu lesen, dass die Misa sich hinterher darüber gefreut hätte, dass sie nicht mit auf dem Baum übernachtet hat: das war nämlich die Nacht, wo das Theater losgebunden wurde und weiterschwamm und Mumin und das Snorkfräulein blieben allein in ihrem Baumlager, allein in der Fremde zurück. Da hat die Misa doch irgendwie auch Glück gehabt mit ihrem Pech. Aber es widerspricht schon aller Lebenserfahrung, wenn man erwarten würde, dass dieses zufällige bisschen Glück da bei einer Misa irgendetwas aufwiegt. Und vor allem: wenn man so festhängt in einer unglücklichen Äquivalenzstimmung, dann ist eben alles traurig, nichts klappt, und es hat schier keinen Sinn, etwas Anderes auch nur zu erhoffen oder gar auszuprobieren. Allerdings werden wir später noch etwas darüber erfahren, wie die Misa im Theater doch noch aus dieser Äquivalenz-Trauer herausfindet.

 

 

 

Tofsla und Vifsla:  Gästsla  willkommseln!

 

 

 

Die beiden Kleinen treten nie allein auf. Sie streifen Hand in Hand durchs Leben, sind irgendwie ängstlich (wie es sich für so kleine Wesen gehört, wir kennen das von Pus Freund Ferkel: „Es ist nicht leicht mutig zu sein, wenn man ein kleines Tier ist!“) und gleichzeitig frech, sie wissen sich zu helfen, oder sie kriegen es hin, dass ihnen geholfen wird. (Das gehört ja sowieso zu den größeren Künsten des Lebens). Und mit der Muminmutter haben sie natürlich auch besonders Glück, denn die ist so was von in der Wolle gefärbt freundlich zu allen fremden Wesen. Im Gegensatz zu dem Hundertmorgenwald, wo es Fremde erst mal nicht so leicht haben (vgl. Kapitel 6), ist das Mumintal ausgesprochen fremdenfreundlich.

 

 

Tofsla und Vifsla können das bei ihrer Ankunft natürlich nicht vorausahnen, aber sie werden es gleich hautnah erleben. Sie erreichen das Muminhaus und fragen sich, wie dort wohl der Empfang sein wird: freundlich oder feindlich? (Und, eh es vergessen wird, bzw. gleich würde es der Leser ja sowieso merken, aber sozusagen als Einstimmung: Tofsla und Vifsla sprechseln Dialekt. Nicht alle verstehen ihn, aber manche haben damit gar kein Problemsla.)

 

 

„Trauen wir uns anzuklopfseln?“, fragte Tofsla. „Was ist, wenn jemand rauskommselt und schreiselt?“

 

Im selben Augenblick streckte die Muminmutter den Kopf zum Fenster heraus und schrie: „Kaffee!“

 

Tofsla und Vifsla erschraken so fürchterlich, dass sie sich durch die Luke in den Kartoffelkeller stürzten.

 

„Ih“, rief die Muminmutter aus und fuhr zusammen. „Da sind bestimmt zwei Ratten soeben in den Keller geschlüpft. (MdG 141)

 

 

Wird sie in Panik ausbrechen? Hüpft sie sofort hysterisch auf einen Stuhl und stößt spitze Schreie aus? Gibt sie Anweisung, eine Rattenfalle aufzustellen? Nichts von alledem. Die Muminmutter reagiert ganz anders:

 

 

„Schnüferl, lauf runter und bring ihnen ein bisschen Milch.“

 

Dann erblickte sie den Koffer, der noch vor der Treppe stand. „Auch noch Gepäck“, sagte sie. „Ojemine. Dann bleiben sie hier.“

 

Und damit machte sie sich auf die Suche nach dem Muminvater, weil sie ihn bitten wollte, noch zwei weitere Betten zu machen. Aber nur zwei sehr, sehr kleine. (MdG 141f)

 

 

Als Schnüferl ihnen Milch bringen will und sich lautstark ärgert, dass die beiden sich (wohl eher aus Angst) verstecken und sie ihn dann (wahrscheinlich ebenfalls aus Angst) in ihrem fremden Dialekt beschimpfen, kehrt er in die Küche zurück und teilt mit, dass es sich bei den neuen Gästen um Ausländer handelt. Man könne sie überhaupt nicht verstehen (später stellt sich heraus, dass der Hemul als Dolmetscher fungieren kann, allerdings übersetzt er manchmal mehr seine eigene Meinung als die Aussagen der beiden Kleinen). Die Muminmutter macht sich sofort Sorgen, wie sie den Fremden gerecht werden soll:

 

 

Die Muminmutter seufzte.

 

„Na, dann gute Nacht!“, sagte sie. „Wie soll ich jetzt herausfinden, was sie sich an ihrem Geburtstag zum Nachtisch wünschen oder wie viele Kissen sie unterm Kopf haben wollen!“ (MdG 143)

 

 

Und die andeutungsweise fremdenfeindliche Attitüde des Schnüferl ist deutlich eine Funktion der eigenen Unsicherheit (genau wie bei Tofsla und Vifsla) und daraus resultierenden Nörgelns. Da braucht das Schnüferl aber eigentlich gar keine Fremden dazu, um ständig zu nörgeln. Es nörgelt nur an den neuen Gästen ebenso wie an allem Anderen.

 

 

Fremde sind eben oft gar nicht wirklich anders.Sie sehen allenfalls auf den ersten Blick so aus und es hört sich so an. Aber innen drin funktionieren sie ganz ähnlich wie die, die hier zuhause sind. Man mag ja auch gar nicht darüber nachdenken, wo die ihrerseits eigentlich alle hergekommen sind. Fremd ist der Fremde nur in der Fremde (Karl Valentin)…

 

 


Die kleine Mü

 


 

Sechstes Kapitel (in dem verschiedene Arten von Entwicklungen vorkommen - auch welche von Namen)

 

Erstens:  Ein  Hemul  zu sein ist nicht so einfach (ein Therapiebeispiel)

 

 

 

Der Hemul wachte langsam auf. Dann fiel ihm wieder ein, wer er war, und er wünschte, er wäre jemand anders. Er war noch viel müder als am Abend zuvor, als er schlafen gegangen war. Das hier war nun ein neuer Tag, und der würde bis zum Abend dauern, und dann kam der nächste, und dann noch einer, und so würde es ewig weitergehen, lauter Tage voller Hemul-Sein.

 

 

Er kroch unter die Bettdecke und bohrte die Schnauze ins Kissen, dann rutschte er auf den Bauch an die Bettkante, wo das Laken schön kühl war, breitete Arme und Beine aus und wartete auf einen erfreulichen Traum, doch der kam nicht. Er versuchte der Hemul zu sein, der bei allen beliebt war, dann versuchte er der arme Hemul zu sein, den niemand leiden konnte. Aber er war und blieb einfach ein  Hemul, der sein Bestes tat, ohne jemals etwas richtig Gutes zu Stande zu bringen. Schließlich stand er auf und zog seine Hose an.  (HM 27)

 

 

Damit ist das ganze Elend eigentlich ausreichend beschrieben. Immer dasselbe, und keine Aussicht, dass sich daran was ändert, wegen der ausgeprägten Hemul-Fähigkeit, jede Art von Änderung im eigenen Leben nachhaltig zu verhindern. Mit anderen Worten: der Hemul ist so stockkonservativ, dass er Veränderungen nicht erträgt, einfach konstitutionell, da kann er nichts für, zumindest im strafrechtlichen Sinne nicht, wohl aber moralisch (wegen Unentschlossenheit ist schon manches Unglück geschehen). Der Hemul leidet unter sich, und weil sich nichts ändern kann und darf, hat er ganz schön schlechte Karten: er wird weiter leiden. Egal ob er sich lieb Kind zu machen versucht oder (um wenigstens jemand mit irgendeiner auffälligen Eigenheit zu sein) auch in Kauf nehmen würde, der arme Hemul zu sein, den keiner ab kann, es klappt nicht: ein Hemul bleibt ein Hemul bleibt ein Hemul. Er muss organisieren und delegieren (vor allem letzteres, um sich dabei nicht all zu viel bewegen zu müssen), und das das kann er auch ganz prima, aber das ist doch noch nicht alles, das spürt er ganz genau, es ist so ein richtiges Ziehen unter dem linken Rippenbogen, Richtung Herz, man könnte es vielleicht einen Vorboten der Sehnsucht nennen, aber das wäre irgendwie ziemlich unhemulisch.

 

 

Aus der persönlichen Notlage seines So-Seins heraus sucht der Hemul die Begegnung mit dem Schnupferich. Es muss irgendwie alles mal raus. Bei uns würde man sagen: er sucht einen Therapeuten. 

 

Erst einmal testet der den Gesprächspartner aus, um seine Standfestigkeit zu prüfen.

 

 

„Was mir an die so gefällt“, sagte der Hemul vertraulich, „ist, dass du so wenig sagst. Weil du nichts sagst, hält man dich für unglaublich klug. Man kriegt Lust, über sein Boot zu reden.“ (HM 71)

 

 

Man weiß es wirklich nicht so genau: meint er das ernst, oder macht er sich über den Schnupferich lustig? Diese Mischung ist gut, und sie ist Absicht: wenn sich der Schnupferich als tatsächlich vertrauenswürdiger Gesprächspartner erweist (als Therapeut also standhält), dann kann man von da aus gut weitermachen, als wenn nichts gewesen wäre, ein ernsthaftes Gespräch nimmt seinen Lauf. Wenn er jetzt weggeht, ausweicht oder schimpft („Was heißt hier man hält mich für klug? Was bist du eigentlich für ein nichtsnutziger kleiner Besserwisser, ein langweiliger?“), dann fängt man an zu lachen, so aus voller Kehle (auch wenn das so vorgetäuscht meist etwas gepresst klingt) und tut so, als sei das Ganze nur ein Witz gewesen, wirklich nichts, wo man so ein Gewese drum machen muss. Die Strategie geht auf, und es zeigt sich: der Schnupferich hält stand.  Dem Hemul geht es, als er das feststellt, gleich schon viel besser, auch von einem psychosomatischen Standpunkt aus gesehen.

 

 

„Weißt du, wie ich mich fühle?“, rief der Hemul aus. „Ich fühle mich ganz – ganz ungewöhnlich! Hab keine Ohrenschmerzen mehr!“ Plötzlich überkam ihn das Bedürfnis, sich dem Schnupferich anzuvertrauen, ihm davon zu erzählen, wie er immer alles zu organisieren versuchte, damit es den anderen auch gut ging, aber er war zu schüchtern und fand nicht die passenden Worte.

Der Schnupferich ging weiter. So weit das Auge reichte, lief ein dunkler Wall am Strand entlang, ein Wall aus weggeworfenen, vergessenen Dingen, die, schwarz und wassergetränkt, vom Hochwasser und vom Sturm unter Tang und Schilf gepresst worden waren. Das zersplitterte Holz war voller Nägel und verbogener Eisenkrampen. Das Meer hatte den Strand bis an den Waldrand hinauf verschlungen, in den Zweigen der Bäume hing Seegras.

 

„Das hat ganz schön gepustet“, sagte der Schnupferich.

 

„Ich gebe mir solche Mühe“, stieß der Hemul hinter ihm aus. „Ich will immer so viel.“

 

Der Schnupferich gab seinen üblichen unbestimmten Laut von sich, der bedeutete, dass er zugehört, aber nichts hinzuzufügen hatte.

 

„Verstehst du?“, sagte der Hemul.

 

Der Schnupferich biss auf seine Pfeife und starrte ins Wasser. „Doch“, sagte er. Und nach einer Weile: „Ich glaube, kleinere Boote sollten immer Klinkerboote sein.“

 

(…) Auf dem Rückweg redete der Hemul ununterbrochen über sein Boot. „Es ist wirklich seltsam“, sagte er. „Ich fühle eine solche Seelenverwandtschaft mit allen, die Boote lieben.“ (HM 73ff)

 

 

Keine Ahnung, ob der Schnupferich eigentlich wusste, dass der Hemul ein Klinkerboot sein eigen nannte (das ist eine alte nordische Bootsform, die Jahrtausende lang von den Wikingern und anderen über die Weltmeere und die skandinavischen Wasserwege gerudert worden waren, ehe sie von den Hanse-Koggen abgelöst wurden, weil da mehr in den Laderaum reinpasste, das war erforderlich für den dazumal aufblühenden Handel und gleichzeitig erfreulich für die ebenfalls bestens gedeihende Piraterie). Das Boot des Hemul lag das ganze Jahr am Ufer, war jedes Frühjahr vom Hemul geteert, aber nie benutzt worden. Er tat nur so, als sei die See sein Element. Der Schnupferich ahnte oder wusste das wahrscheinlich, aber er konfrontiert den Hemul nicht mit seiner Scheinwelt, sondern lässt ihn reden, und das tut dem gut.

 

 

„Das war ein schöner Morgen“, sagte der Hemul. „Danke, dass ich reden durfte.“ (HM 76)

 

 

Und der Hemul ist ein dankbarer Klient. Das ist gar nicht so selbstverständlich. Aber noch ist die Therapie nicht zu einem guten Ende gekommen, dem Hemul geht weiter alles schief und irgendwann, anlässlich eines Dreiergesprächs mit dem kleinen Homsa, in dem es auch um Gefühle geht, lädt der Schnupferich den Hemul ein, mit ihm segeln zu kommen. Der Wind frische auf, das müsse man nutzen. Der Hemul bekommt Angst.

 

 

…dann muss ich ja segeln… Danach wurde ihm so schlecht, dass er sich aufs Bett setzen musste. (HM 29)

 

 

Aber Ehrlichkeit und Authentizität sind nicht verfügbar, der Hemul muss weiter den Schein wahren:

 

 

Das wäre ja wundervoll! (HM 169)

 

 

…sagt er, und die beiden machen die Jolle klar. Sie segeln los, das Meer trägt kleine Schaumkronen auf den Wellenkämmen.

 

 

„Ole, das Meer ins einer Majestät!“ rief der Hemul mit zitternder Stimme. Seine Schnauze war ganz blass, und er starrte voller Entsetzen die Reling der Leeseite an, die viel zu dicht am grünen, schäumenden Wasser war. So fühlt sich das also an, dachte er. So ist das also, wenn man segelt. Die Welt kippt um, man hängt am äußersten Rand über der bodenlosen Tiefe, man friert und schämt sich und bereut alles viel zu spät. Wenn er bloß nicht merkt, wie sehr ich mich fürchte! (HM 170)

 

 

Der Schnupferich hält sich bedeckt, wir erfahren nicht wirklich, was er von der Angst des Hemul weiß. Er bleibt da ganz abstinent (bei Therapeuten heißt das nicht, dass sie keinen Alkohol trinken - das tun sie schon manchmal -, sondern dass sie von sich nichts preisgeben, von ihren Gedanken, Gefühlen, Ahnungen und Vorhaben). Er bewegt sich auf der handlungsebene und fordert den Hemul auf, das Ruder zu übernehmen. Weil der Hemul so übel ist, dass er nicht denken kann, steuert er nach dem Gefühl, sozusagen aus dem Bauch heraus, und das geht ganz ordentlich. Diese Aktualisierung einer traumatischen Erfahrung (Kontrollverlust) hilft dem Hemul, sein Versteckspiel aufzugeben und nach der Rückkehr dem Homsa ganz aufgedreht von dem Abenteuer zu berichten und davon, dass er zum ersten Mal im Leben gesegelt ist. Davon ging der Homsa sowieso aus (der Hemul ahnt ja nicht, dass der Homsa unter dem umgedrehten Klinker-Boot des Hemul wohnt und jedes Frühjahr, wenn der Hemul das Boot abdichtet und frisch teert muss der Homsa sich verdrücken, aber daher weiß er auch, dass das Boot das ganze übrige Jahr in Ruhe gelassen wird). Für den Hemul hat es weitreichende Auswirkungen, dass er den sonst immer in angstvollen Phantasien befürchteten Kontrollverlust überlebt hat:

 

 

„Mir war so übel, dass ich nur noch sterben wollte, und ich hab die ganze Zeit Angst gehabt! Aber ich habe mir nichts anmerken lasse. Und jetzt weiß ich, dass ich nicht mehr segeln muss. Jetzt in diesem Augenblick ist mir aufgegangen, dass ich nie mehr segeln muss!“ (HM 174)

 

 

Damit hat er Spielraum gewonnen, Handlungsfreiheit: er muss nicht mehr segeln – vielleicht will er ja mal, vielleicht nie wieder, es ist seine Entscheidung. Therapie erfolgreich abgeschlossen.

 

 

Bei dem Hemul und dem Schnupferich hatte die Chemie offensichtlich gestimmt, das „matching“ von Therapeut und Klient war hervorragend. Das ist nicht immer der Fall, und auch der Schnupferich ist nicht für alle ein grandioser Gesprächspartner. Der Homsa zum Beispiel hatte einen ganz anderen Eindruck vom Schnupferich, und als Therapeut hätte er ihn sich sicher nicht ausgewählt. Er hatte den Schnupferich in dessen Zelt besucht. Der saß da, spielte Mundharmonika oder schnitzte einen Holzlöffel, und ging auf die Fragen des Homsa nur so indirekt ein, dass dieser sich nicht verstanden fühlte Dass es Tee gab und der Schnupferich auch noch Zucker dazu reicht, fand der Homsa  gänzlich unpassend.

 

 

In dem Zelt saß der Schnupferich und machte einen Holzlöffel oder vielleicht auch gar nichts und schwieg und wusste alles besser als alle anderen. Alles, was der Schnupferich sagte, klang gut und richtig, und hinterher, wenn man wieder alleine war, verstand man überhaupt nicht, was er gemeint hatte, und dann war es einem peinlich, zurückzugehen und zu fragen. Oder er antwortete gar nicht, sondern redete über Tee und Wetter und biss auf seine Pfeife und gab diesen ärgerlichen, unbestimmten Laut von sich, und dann fühlte man sich, als hätte man etwas ganz Unmögliches gesagt. (HM 132)

 

 

 

Allerdings ist diese Bewertung durch den Homsa alles andere als objektiv, weil sie in eine Phase fällt, in der der Homsa einsam und voller Sehnsucht nach einer Mutter durch die Gegend lief. Er suchte also etwas, was der Schnupferich nicht so gut bieten konnte, und so lässt es sich nachvollziehen, dass er beim Homsa nicht so gut abschnitt. Die Mutter-Übertragung hat einfach nicht geklappt. Ist nicht die starke Seite des Schnupferich. Diese Therapie fängt gar nicht erst an.

 

 

 

Zweitens:  Überhaupt jemand zu sein ist auch nicht leicht  (Ti-ti-uu)

 

 

 

Der Schnupferich ist in dieser Geschichte (wie meistens) allein unterwegs. Es gehört zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, das Zelt am Rucksack zu befestigen, den grünen Filzhut aufzusetzen und im Wald zu verschwinden. Häuser kann er nicht ausstehen, und sein besonderer Abscheu gilt jeder Art von Verbotsschildern. Er ist ein Grüner, nicht nur von der Farbe des Zeltes und des Mantels her. Im vorigen Kapitel sahen wir seine therapeutische Kunst am Beispiel des Hemul. In diesem Kapitel geht es um eine Entwicklungsförderung, man kann dazu eigentlich nicht im engeren Sinne Psychotherapie sagen, mit jemandem, den man zunächst nicht einmal beim Namen nennen kann.

 

 

Der Schnupferich ist in seinem Kopf einer Melodie auf der Spur, die er umschleicht, sie einkreist, ohne sie vorschnell packen zu wollen. Dieser Abend wird gut dafür geeignet sein, sie so vertraut zu machen, dass sie bei ihm bleibt. Er kann dann seine Mundharmonika herausholen und die Melodie einladen, zu einem Lied zu werden. Da besucht (das heißt stört) ihn an seinem einsamen Lagerfeuer ein kleines Tier,

 

 

„zwei schüchterne Augen unter einem wirren Haarschopf. So wie bedeutungslose Leute eben aussehen.“ (GM 11).

 

 

Bedeutungslose Leute, das sind in diesem Zusammenhang welche, die nicht verstehen, welche Bedeutung der Moment für ihr Gegenüber hat, was sie für eine zarte Atmosphäre (zer-)stören, die die Bedeutung des Hier-und-jetzt nicht würdigen, weil sie keinen Sinn für jedwede Art von Bedeutung haben. Der Kleine möchte den Schnupferich spielen hören auf seiner Mundharmonika (aber der ist nur vergrätzt, weil ihm die Melodie entflohen ist), er möchte seine Geschichten hören, aber der Schnupferich

 

 

„dachte verbittert: Warum können sie mir meine Wanderungen nicht lassen? Begreifen sie denn nicht, dass ich alles kaputt rede, wenn ich darüber erzählen muss. Dann ist es verschwunden, und wenn ich daran zurückdenke, erinnere ich mich nur noch an meine Erzählung.“ (GM 15)

 

 

Das kleine Wesen hatte den Schnupferich gebeten, ihm einen Namen zu geben. Erst hat er dazu gar keine Lust, ist völlig kontaktunwillig. Er, der Schnupferich, wisse doch alles und könne alles, sagt das kleine Tier. Da hat es den Schnupferich irgendwie am Haken, und schlussendlich lässt er sich doch breitschlagen, das kleine Wesen zu benennen. Er schlägt vor, dass es Ti-ti-uu heißen solle, mit einem fröhlichen Anfang und vielen traurigen U am Ende. Das bedeutungslose Wesen verschwindet im Wald, für den Schnupferich ist der Abend gelaufen. Die Melodie ist weg, die Laune mies, der Schnupferich wandert durch eine öde Gegend, bis er merkt, dass er es bedauert, Ti-ti-uu weggeschickt zu haben, und nach ihm sucht.

 

 

„Ti-ti-uu“, rief der Schnupferich leise. „Ich bin gekommen, ummit dir zu reden.“

 

„Oh, hallo“, sagte Ti-ti-uu und tauchte aus dem Gebüsch auf. „Wie gut, dann kann ich dir zeigen, was ich gemacht hab. Ein Namensschild! Schau mal! Mein eigener neuer Name, der darf über der Tür hängen, wenn ich ein eigenes Haus hab.“

 

Es hielt ein Rindenstückchen hoch, in das ein Namenszug eingeritzt war, und fuhr mit wichtiger Miene fort: „Sieht gut aus, was? Alle haben es schon bewundert.“

 

„Sehr schön!“, sagte der Schnupferich. „Und du kriegst also ein eigenes Haus?“

 

„Ja klar!“, strahlte das kleine Tier. „Ich bin zu Hause ausgezogen und hab angefangen zu leben! Das ist unglaublich spannend! Weißt du, bevor ich einen Namen hatte, bin ich bloß durch die Gegend gerannt und hab so allgemeine Gefühle gehabt und alles, was passiert ist, flatterte um mich herum, manchmal war es gefährlich und manchmal ungefährlich, aber nichts war richtig, verstehst du?“

 

Der Schnupferich versuchte etwas zu sagen, doch das Tierchen fuhr sogleich fort:“ Jetzt bin ich eine eigene Person und alles, was passiert, hat eine Bedeutung. Es passiert nämlich nicht nur so ganz allgemein, sondern es passiert mir, Ti-ti-uu. Und Ti-ti-uu denkt dies oder das – wenn du verstehst, was ich meine?“ (GM 18f)

 

 

Ti-ti-uu ist also kein bedeutungsloses Wesen mehr. Er hat seine Bedeutung gefunden, und er wird für den Schnupferich zu einem immer interessanteren Gegenüber. Jetzt würde der Schnupferich vielleicht sogar etwas erzählen, würde in Kauf nehmen, dass seine Erinnerung nur noch eine Erzählung bleibt, würde vielleicht auch eine Melodie opfern. Aber zum Klöhnen und Mundharmonika anhören bleibt dem Kleinen gar keine Zeit, schon schlüpft er weiter:

 

 

„Tschüss, und grüß mir Mumin! Ich hab’s eilig, muss leben, weil ich schon so viel Zeit verloren hab!“ (GM 20)

 

 

Der Schnupferich ist wieder allein. Und nach millisekundenkurzer Enttäuschungskluft beginnt sich irgendwo unter dem Hut des Schnupferichs  seine Melodie zu regen, mit

 

 

einem Teil Erwartung und zwei Teilen Frühlingsmelancholie, der Rest war nichts als pures Entzücken, weil er allein sein durfte. (GM21)

 

 

So zufrieden ist ein Therapeut, wenn er eine nützliche Arbeit vollendet. So zufrieden ist ein Vater, wenn er erzieherisch tätig sein kann, ohne zu schaden.  So zufrieden ist ein Komponist, wenn er eine Melodie so anlocken konnte, dass sie sich in ein größeres Werk einfügt und sich dort wohlfühlt. Alle drei Zufriedenheiten zusammen machen auch den Schnupferich so voll, dass er platzen könnte, ohne dass es wehtut. Und wie voll ist erst Ti-ti-uu, der es so eilig hat, dass er zum Platzen gar keine Zeit hat, und sich auf einer Wolke von Zufriedenheit bewegt!

 

 

 

 

 

Drittens:  Vom Werden des Eichhörnchens

 

 

 

Etwas weiter im Westen, am Meeresufer, hüpfte ein kleines Eichhörnchen planlos auf dem Schnee hin und her. Es war ein sehr törichtes, kleines Eichhörnchen, das sich gern als „das Eichhörnchen mit dem schönen Schwanz“ bezeichnete, wenn es an sich selbst dachte.

Übrigens dachte es weder oft noch lange, sondern fühlte oder spürte meistens etwas. Jetzt hatte es gerade gefühlt, dass die Matratze in seinem Nest allmählich hart wurde, und war daher unterwegs, um eine neue zu suchen. (WM 16)

 

 

Das Eichhörnchen muss noch ziemlich klein sein. Es mag auch größere Eichhörnchen geben, die noch etwas einfach gestrickt sind, aber dieses hier hat eindeutig bestimmte Schritte auf dem Weg zum erwachsenen Eichhörnchen nicht getan, da fehlt noch einiges. Bislang lebt es mehr, wie man so sagt, aus dem Bauch heraus. Es hat noch nicht mal einen Namen bekommen. Das kann, wie wir eben am Beispiel von Ti-ti-uu schon sahen, bestimmte Entwicklungsfortschritte blockieren – es geht einfach nicht weiter, solange man nicht wirklich jemand ist, und ein echter Jemand hat einen Namen, „das Eichhörnchen mit dem schönen Schwanz“ reicht da irgendwie noch nicht, auch wenn es schon eine Art indianischer Archaik zeigt, von der Sprachformel her assoziiere ich „der mit dem Wolf tanzt“, oder von der Semantik her „Kono“ (das heißt: „einen Kern fressendes Eichhörnchen“ in irgendeiner indianischen Sprache, ich glaube schoschonisch).

 

 

Der Name – das Thema beschäftigt Psychologen schon seit hundert Jahren, mindestens. Der Schweizer Entwicklungspsychologe Piaget hat viel mit Kindern verschiedener Altersstufen gesprochen und sie gefragt, woher die Dinge ihren Namen haben und wer ihn ihnen gegeben haben mag. Bei kleinen Kindern ist das alles miteinander verschmolzen: der Name ist da, und er kommt aus dem Ding bzw. aus dem Kind selbst heraus, die Sonne heißt Sonne, weil sie eine Sonne ist, und ich heiße Ruedi, weil ich ein Ruedi bin. Erst später kommt eine Vorstellung davon auf, dass der Name verliehen ist, von jemandem gegeben, so wie der Schnupferich Ti-ti-uu seinen Namen gab. Das passte exakt zu dem Entwicklungsabschnitt, in dem sich Ti-ti-uu gerade befand.

 

 

Bei dem Eichhörnchen wäre eine Namensverleihung vermutlich wenig sinnvoll, es könnte damit wohl noch wenig anfangen. Es lebt auf einer Stufe, die körperliche und unspezifische emotionale Merkmale undifferenziert nebeneinander präsentiert. Die Matratze ist hart (Wahrnehmung: „es drückt“), das ist die augenblickliche Botschaft aus dem Inneren, es ist eine Körperwahrnehmung mit Hilfe der Muskulatur und der Haut, und sie bedeutet: anders machen, unzufrieden! Das ist eher einfach strukturiert. Man könnte es wie die Entwicklungspsychologen eine „primäre Repräsentation“ auf viszeraler Ebene nennen. Beim kleinen Kind könnte das sein: Mein Bauch ist leer (oder meine Beinchen sind kalt), ich glaube, ich muss erst mal brüllen. Diese Verfassung ist noch nicht an der Welt abgeprüft, das kommt erst später im Prozess der Mentalisierung, es ist lediglich die Feststellung einer derzeitigen körperlichen Missempfindung.

 

 

Die Reaktionen auf solche primären Repräsentationen müssen nicht notwendig einfühlsam oder angemessen sein. Auf der Suche nach einer Verbesserung der Lagerstatt findet das Eichhörnchen  einen Karton.

 

 

„Eigenartig“, sagte das Eichhörnchen erstaunt. „Dieser Pappkarton war vorher nicht da. Der ist irgendwie falsch. Oder es ist die falsche Höhle. Vielleicht bin ich auch das falsche Eichhörnchen, aber das will ich dann doch lieber nicht glauben.“

 

Es schob eine Ecke des Deckels hoch und steckte den Kopf in den Karton.

 

Drinnen in der Wärme lag etwas, das fühlte sich weich und angenehm an, und plötzlich erinnerte das Eichhörnchen sich wieder an seine Matratze. Seine kleinen, scharfen Zähne bissen ein Loch in das Weiche und zerrten einen Wollebausch heraus.

 

Dann zog es einen Bausch nach dem anderen heraus, ganze Berge von Wolle, es arbeitete wie besessen mit allen vier Pfoten und war sehr froh und zufrieden.

 

Doch plötzlich war da jemand, der dem Eichhörnchen ins Bein zu beißen versuchte. Es fuhr blitzschnell aus der Pappschachtel, zögerte kurz und beschloss dann, lieber neugierig als erschrocken zu sein.

 

Nach einiger Zeit tauchte ein wütender Kopf mit strubbeligen Haaren aus dem Karton auf.

 

„Bist du noch ganz bei Trost?!“ fragte die Kleine Mü.

 

„Nein, glaub ich nicht“, antwortete das Eichhörnchen.

 

„Jetzt hast du mich geweckt“, teilte die Kleine Mü streng mit, „und meinen Schlafsack aufgefressen. Was willst du überhaupt?“

 

Doch das Eichhörnchen war so verwirrt, dass es die Matratze schon wieder vergessen hatte.

 

Die Kleine Mü schüttelte ärgerlich den Kopf, kam ganz und gar aus dem Karton geklettert und schloss den Deckel (…). Dann trat sie vor und fasste den Schnee an.

 

„Aha, so sieht der also aus“, sagte sie. „Was die sich alles einfallen lassen.“ (WM 17f)

 

 

Das Eichhörnchen begibt sich auf den verführerischen Weg, das störende Körpergefühl aus „zu hart“ und „zu kalt“ durch Zupfen von Wollebäuschen zu beheben. Es bedenkt dabei nicht, dass es überhaupt keine Ahnung hat, was es da macht und woran es da zupft. Wo käme man denn hin, wenn jeder überall einfach so rumzupfen würde? Solche differenzierten Fragen stellen wir uns natürlich jeden Tag aufs Neue, und nicht zuletzt auf diesen Fragen ist unsere Kultur aufgebaut. Das Eichhörnchen hat davon keine Ahnung. Daher ist es auch vollkommen verdattert, als die Kleine Mü aus ihrem Schlafsack wie ein geölter Blitz herausgeschossen kommt und es anfaucht, ob es noch ganz bei Trost sei. Das Eichhörnchen kann nicht anders: es muss wahrheitsgemäß antworten. Bis zu einer bestimmten Entwicklungsstufe irgendwo zwischen Säugling und Einschulung kann man nicht lügen. Die Wahrheit ist das einzige, was existiert, oder besser : es ist, was ist. Zum Lügen braucht man eine Vorstellung davon, dass man das ja nur so sagt, und wenn man es nur so sagt, kann man auch das Gegenteil sagen, und dann mal abwarten, was so draus wird. Das kleine Wesen lebt direkter, und wenn es gefragt wird, ob es noch ganz bei Trost sei, und sein innerer Zustand spricht ganz eindeutig dagegen, dann sagt es das auch. Das war es dann aber auch schon an Kontinuität, der Plan ist vergessen, was nun kommt, ist eine neue Minute im Leben des kleinen Eichhörnchens. Es hat übrigens noch einen wechselvollen Weg vor sich, den ich hier nur andeute: stirb und werde, sagt der Dichter, und so tut es auch das Eichhörnchen. Vorübergehend könnte man es das erfrorene Eichhörnchen nennen. Aber alles wird gut. Das ist das hoffnungsvolle Motto jeder Entwicklung, und beim Eichhörnchen stimmt das glücklicherweise auch mal.

 

 

 

 

 

Viertens:  Onkelschrompel am Ende

 

 

 

Am Anfang steht der Name, den man kriegt. Am Ende gibt man ihn wieder ab. Der Onkelschrompel ist so alt, dass er schon seinen Namen vergessen hat.

 

 

Er war schrecklich alt und sehr vergesslich. Als er eines dunklen Herbstmorgens aufwachte, hatte er vergessen, wie er hieß. Wer die Namen anderer Leute vergisst, wird mitunter melancholisch, aber den eigenen zu vergessen, das tut nur gut.

 

Er hatte keine Lust, aufzustehen und ließ den ganzen Tag neue Bilder und Überlegungen nach Belieben auftauchen und wieder verschwinden, machte ab und zu ein Nickerchen, wachte wieder auf und wusste schließlich nicht einmal mehr, wer er war. Es war ein friedlicher und sehr spannender Tag. (HM 42)

 

 

In der sachlichen und nüchternen Sprache der Gerontologie, der Wissenschaft vom Alter, würde man den Onkelschrompel wohl als dement bezeichnen. Wenn man sich als Psychotherapeut mit Überlegungen beschäftigt, wie sich mentales Geschehen als Gefühlswahrnehmung und  -austausch (d.h. Mentalisierung) entwickelt, könnte man die De-Mentalisierung als Gegensatz zu dem „normalen“ Mentalisieren verstehen, dann wären Demenz und Mentalisierung Gegensätze. Das stimmt aber überhaupt nicht. Der Onkelschrompel hat seinen eigenen Kosmos in sich, seine Beziehungen gehen nicht mehr so sehr nach außen, sondern in seine Erinnerungen, in seinen Körper, und er wird kompromissloser. Demenz ist in diesem Sinne nicht die Abwesenheit von Mentalisierung, sondern der Übergang vom Mentalisieren nach außen zum Mentalisieren nach Innen. Er hat es gar nicht mehr nötig, um das Wohlwollen der anderen zu buhlen. Die sollen ihn kennen lernen.

 

 

Allerdings ist auch der alte Mann kein Einzelwesen. Er beschäftigt sich damit, was die anderen für Vergnügungen erleben, wie sie ihn wohl davon ausschließen, und schließlich werden aus den Wünschen, mehr respektiert und gefeiert zu werden, paranoide Gedanken.

 

 

Viele werden einem mit Namen vorgestellt, bloß um ihren Namen dann gleich wieder zu verlieren. Das sind die Leute, die sonntags zu Besuch kommen. Sie schreien einem höfliche Fragen ins Ohr, weil sie sich nie merken können, dass man nicht taub ist. Sie versuchen, sich möglichst einfach auszudrücken, damit man ihnen folgen kann. Dann sagen sie Gute Nacht und gehen nach Hause und spielen und tanzen bis in den Morgengrauen. Das sind die Verwandten. (HM 42f)

 

 

Diese nächtelangen Feiern beschäftigen den Onkelschrompel aufs Nachhaltigste. Er würde zu und zu gern den Verwandten auf die Schliche kommen und sie auf frischer Feier-Tat ertappen. Als er in das Mumintal gewandert ist und dort die anderen alle trifft, außer der Muminfamilie, weil die ist ausgeflogen, den ganzen Herbst lang, da meint er sie zu erwischen, die Verwandten:

 

 

Der Onkelschrompel lag im Salon auf dem Sofa, hatte seine Nase ins schöne Samtkissen gesteckt und hörte, wie jemand sich in die Küche schlich. Dann ein ganz leises Klirren, wie von Glas. Er richtete sich in der Dunkelheit auf, spitzte die Ohren und dachte: jetzt feiern sie. (HM 65)

 

 

Stattdessen trifft er dann aber, als er nachgucken geht, nur die Mymla in der Speisekammer, wie sie von den Mixedpickles nascht, und erfährt durch sie vom Urahn, der dreihundert Jahre alt sei. Das macht ihn neidisch, dass da einer noch älter sein soll als er, und außerdem verdirbt er sich währenddessen den Magen an Mixedpickles. Denn er würde der Mymla gegenüber nie zugeben, dass er sicher war, eine Feiergesellschaft in der Speisekammer anzutreffen, weil dort ein gläsernes Klirren zu hören war. Lieber tut er so, als sei er nur gekommen, um endlich so viele Mixedpickles essen zu können, wie man es nur schafft, wenn man spätabends ungestört in der Speisekammer sitzt und in aller Ruhe ein ganzes Glas Mixedpickles niedermachen kann. Dass die so sauer sind, hätte er nicht gedacht.

 

Seitdem er jetzt etwas von dem Urahn gehört hat, der wesentlich älter sein soll als er selbst, ist er auf der Suche nach ihm. Ursprünglich soll der Urahn hinter der Kachelofentür gelebt haben, aber da ist keiner anzutreffen. Der Onkelschrompel findet dann schließlich jemanden im Schrank oben auf dem Treppenabsatz, an dessen Schranktür innen einen Spiegel ist, und beschließt, das muss der Urahn sein. Da steht der Onkelschrompel mit Stock und Hut und begrüßt den einzigen Bewohner im Muminhaus, der ihn verstehen kann,  denn Altern ist ein  einsames Kapitel, keiner versteht einen und keiner kann sich einfühlen. Oft findet man nicht mal einen zum Spiegeln.

 

 

Sehr langsam öffnete er den Schrank, worauf die Tür mit dem Spiegel nach außen aufschwang.

 

Obwohl die Kerzenflamme in dem dunklen Flur sehr schwach leuchtete, konnte der Onkelschrompel den Urahnen sehr klar und deutlich erkennen. Er stand ihm direkt gegenüber. Der Urahne hatte Stock und Hut und kam ihm ziemlich seltsam vor. Sein Schlafrock war zu lang und er trug Gamaschen. Keine Brille. Der Onkelschrompel trat einen Schritt vor, der Urahne ebenfalls.

 

„Aha, du wohnst also nicht mehr im Kachelofen“, sagte der Onkelschrompel. „Wie alt bist du? Trägst du nie eine Brille?“ Er war sehr aufgeregt und klopfte mit dem Stock auf den Boden, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Der Urahne tat es ihm nach, antwortete aber nicht.

 

„Er ist taub“, sagte sich der Onkelschrompel. „Ein stocktauber alter Knacker. Aber trotzdem ist es nett, jemand zu treffen, der weiß, wie man sich fühlt, wenn man alt ist.“ Er betrachtete den Urahnen sehr lange. Schließlich zog er seinen Hut und verbeugte sich. Der Urahne tat das Gleiche. Sie trennten sich mit gegenseitiger Hochachtung. (HM 112)

 

 

Das ist bei weitem das Beste, was einem passieren kann: die Hochachtung, die man dem Ahnen entgegenbringt, der einem im Spiegel gegenüber steht. Das ist so gut wie sich selbst geachtet, das versteht sich ja von selbst. Später, als dem Onkelschrompel zu Ehren tatsächlich ein Fest gegeben wird und er natürlich richtig dabei ist, kommt der Ahn trotz persönlicher Einladung nicht. Und als der Onkelschrompel ihn holen geht und in seinem Ungestüm (und seiner Enttäuschung) den Spiegel an der Schranktür zerdeppert, ist von dem Ahn überhaupt keine Spur mehr zu entdecken, aber da ist ja auch schon bald Zeit, dass sich der Onkelschrompel verabschiedet und auf den Heimweg macht. Ohne allzu pathetisch zu werden: was das wohl für ein Heimweg ist, den der Onkelschrompel da antritt.

 

 

 

Fünftens:  Hunde und Wölfe (Knick)

 

 

 

Knick, der Hund,  ist einfach plötzlich da, wie so viele der Wesen im Mumintal. Er trägt eine Strickmütze auf dem Kopf, macht insgesamt eine eher jämmerliche Figur und hat furchtbaren Hunger. Abends heult er den Mond an, trägt der Nacht seltsame Gesänge vor und horcht auf das ferne Heulen der Wölfe.

 

 

Sehr schwach hörte man die Wölfe heulen. Knick nickte düster und zog sich die Mütze wieder über den Kopf. „Das sind meine großen, starken Brüder“, flüsterte er. „Wenn du wüsstest, wie sehr ich mich nach ihnen sehne.“

 

„Hast du denn keine Angst vor ihnen?“, fragte Mumin.

 

„Doch“, antwortete Knick. „Das ist ja das Traurige daran.“ (WM 81)

 

 

Eines Nachts ist es dann soweit: Die Wölfe sind nicht irgendwo in der Ferne, sondern sie stehen um Knick herum, und er sieht, dass es gar nicht wirklich seine Brüder sind. Es sind nicht die, nach denen er sich gesehnt hat, dazu sind ihre Fangzähne zu groß und ihre Augen blitzen zu unerbittlich, sie haben es wirklich auf ihn abgesehen, und er denkt:

 

 

Wie dumm. Ich hätte jede Nacht schlafen können, anstatt hier im Schnee zu sitzen und mich halb kaputtzusehnen… (WM 114)

 

 

Und wenn nicht der Hemul mit seinem gellenden Horn-Klang gekommen wäre und die Wölfe Reißaus genommen hätten, wer weiß, ob Knick aus der Nummer nochmal heil rausgekommen wäre. Und so war er nicht nur geheilt von seiner Sehnsucht, sondern auch weiterhin am Leben und zog mit dem Hemul weiter, für den er vorher nicht so richtig Freundschaft hatte empfinden können (obwohl der das immer wieder versucht hatte, aber bei wem hatte er es nicht versucht?). Ernüchternd, so eine Feststellung: die, von denen man ein Leben lang dachte, man würde zu ihnen gehören, erweisen sich als Gegner. Und man hält sich dann lieber an jemanden, der eigentlich bisher die Ansprüche nicht erfüllte, die man an seine Gesellschaft stellen wollte. Die Lösung ist nicht so schön wie vorher die Erwartung war. Aber die Erwartung war ein Lufthauch, ein kleine Windböe, die man nicht zu fassen kriegt, ganz unstofflich. Die Lösung ist handfest. Der Hemul und sein nerviges Horn – da gibt es was zu spüren und zu hören, und Skifahren bringt er auch jedem bei. Ist doch besser als gar nichts?!

 

 

 


 

 

Siebtes Kapitel (in dem das Zusammenleben im Mumintal so etwas wie eine Ordnung erhält)

 

 

Weg und Zeit

 

 

 

Der Weg des Sohnes entfernt ihn von den Eltern. Mumin hat ein ausgesprochen unkompliziertes, wenngleich komplexes Verhältnis zu seinen Eltern. Dafür sind in den vorangegangenen Abschnitten schon Beispiele aufgetaucht. Als er gemeinsam mit dem Schnupferich ein sicheres Versteck für den Zauberhut sucht, der im Alltag des Muminhauses doch eigentlich nur Verwirrung stiftet und daher in den Bach geworfen und von Mumin und Schnupferich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geborgen wurde, fällt ihnen die kürzlich entdeckte Höhle ein.

 

 

„Dann müssen wir das Schnüferl in unser Geheimnis einweihen“, sagte Mumin. „Die Höhle gehört ihm.“

 

Ja, das werden wir wohl tun müssen“, sagte der Schnupferich unschlüssig. „Aber eigentlich ist er noch recht klein für ein so großes Geheimnis.“

 

„Ja“, stimmte Mumin mit ernster Stimme zu. „Und dies ist das erste Mal, dass ich etwas tue, das ich meinen Eltern nicht erzählen kann.“ (MdG 52)

 

 

Und das dürfte dann wohl der Anfang vom Ende einer wunderbaren Kindheit sein. Danach geht es vielleicht auch wunderbar weiter, aber die Kindheit wird zu einem Ende kommen, über kurz oder lang, in diesem Satz steckt die folgenschwere Ankündigung. Allerdings bleibt es bei dieser Ankündigung – ansonsten altert Mumin in allen Mumin-Büchern nicht, er ist in einer Kindheits-Zeitschleife sicher und geborgen, und die sich androhenden Schritte des Erwachsenwerdens bleiben Donnergrollen am Horizont. In der Sprache der Psychologie handelt es sich bei den Mumin-Büchern um einen Querschnitt, nicht einen Längsschnitt: zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgenommen, sagt er nur andeutungsweise etwas über Vorher und Nachher, aber alles über das Jetzt. Wenn da nicht der Weg wäre: der führt in die Zukunft.

 

 

Mumin mentalisiert sich also querschnittsmäßig durchs Leben. Er reflektiert das nicht in erwachsener Weise, aber er nutzt das spontane Wissen um die Notwendigkeit, mit anderen verbunden zu sein. Als er allein mitten im Winter erwacht und nicht wieder einschlafen kann, während alle anderen mit ihren Mägen voller Tannennadeln (die braucht man, um einen ganzen Winter lang schlafend durchzuhalten) sich in ihre Winterlager kuscheln, überlegt er, wie er an andere Wesen rankommen soll, denn allein will er nicht mit dem ganzen Schnee und so durchhalten. Er wandert durch den Winter und blickt zu den Einsamen Bergen hoch.

 

 

„Dahinter gibt es den Schnupferich“, sagte Mumin zu sich selbst. „Er sitzt irgendwo und isst Orangen. Wenn ich wüsste, dass er weiß, dass ich seinetwegen über diese Berge klettere, könnte ich es tun. Aber ganz alleine geht das nicht.“ (WM 20)

 

 

Wenn ich mentalisieren könnte, wäre ich schon groß,  und dann würde ich das alles schaffen. Aber ganz so weit ist es nicht. Was tun? Zum Glück trifft er dann die Kleine Mü, und Too-ticki und den Hemul und die anderen im gut geheizten badehaus unten am Strand, und es wird noch eine ganz pfiffige Zeit. Aber endgültig verliert Mumin seine Trauer erst später, zu einem ganz anderen Zeitpunkt und in einer ganz anderen Geschichte durch einen wohlwollenden Zauber. Die Muminmutter wünscht sich nämlich vom Zauberer etwas:

 

 

„Müssen es sichtbare Sachen sein? Oder dürfen es auch Ideen sein. Falls sie verstehen, was ich meine.“

 

„Ja klar“, sagte der Zauberer. „Sachen sind natürlich einfacher, aber mit Ideen müsste es auch klappen, denke ich.“

 

„Dann hätte ich gern, dass Mumin nicht mehr dem Schnupferich nachtrauert“, sagte die Muminmutter.

 

„Ich wusste gar nicht, dass man es mir ansieht“, sagte Mumin und bekam rote Ohren.

 

Doch der Zauberer wedelte kurz mit seinem Mantel, und sogleich flog die Melancholie aus Mumins Herz heraus. Seine Sehnsucht wurde zu Erwartung, und das fühlte sich viel besser an. (MdG 186)

 

 

Ein mächtiger Zauber, der der Zukunft den Stachel nimmt: Mumin wird nicht mehr weh ums Herz, sondern freudig denkt er an das nächste Frühjahr, wenn der Schnupferich wieder da sein wird. Aber wir werden uns immer an die Sehnsucht erinnern, und an den kleinen Schmerz. So verbindet sich das, was zusammen gehört: „Die Behauptung, es gebe drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, trifft nicht im strengen Sinne zu. Im strengen Sinne müsste man wohl sagen: es gibt drei Zeiten, die Gegenwart von Vergangenem, die Gegenwart von Gegenwärtigem und die Gegenwart von Zukünftigem.“ (Augustinus)

 

 

 

Gastfreundschaft, Weihnachten und andere Rituale

 

 

 

Die Mumins verbringen Weihnachten in der Regel in tiefstem Winterschlaf. Aber eines Tages, mitten im Winter, wird Mumin von einem Hemul geweckt, der lautstark behauptet, Weihnachten stünde vor der Tür.

 

 

„Mutter, wach auf“, sagte Mumin erschrocken. „Irgendetwas Schreckliches ist passiert. Sie nennen es Weihnachten“. (GM 162)

 

 

Das weckt nach und nach alle auf: Weihnachten? Die anderen Hemule, Gafsas und sonstigen Nachbarn im Mumintal wuseln auf der Suche nach Geschenken und Weihnachtsbäumen hektisch durch die Gegend.  Die Familie steht vor lauter unbeantwortbaren Fragen: was ist Weihnachten? Wird es kommen, wenn man danach pfeift? (Und wie wird es kommen?) Und warum ist es so weiß?

 

 

„Ist es das hier, was sie Weihnachten nennen?“ fragte der Muminvater erstaunt. Er nahm eine Pfote voller Watte und sah sie an. „Möchte bloß mal wissen, ob sowas aus der Erde wächst oder vom Himmel herunterfällt“, sagte er. Wenn das alles auf einmal gekommen ist, muss es sehr unangenehm gewesen sein.“

 

„Aber Papa, das ist Schnee“, sagte Mumin. „Ich weiß, dass es Schnee ist und der kommt nicht auf einmal herunter. (…)

 

Die Tante des Hemuls fuhr gerade vorbei. Auf ihrem Tretschlitten lag ein Tannenbaum. „Aha, ihr seid endlich aufgewacht“, stellte sie gleichgültig fest. „Besorgt euch schnell einen Baum, bevor es dunkel wird.“

 

„Aber warum…“, begann der Muminvater.

 

„Hab jetzt keine Zeit mehr für euch“, rief die Tante über die Schulter und flitzte weiter

 

„Bevor es dunkel wird“, flüsterte das Snorkfräulein. „Sie hat gesagt, bevor es dunkel wird. Also kommt das gefährliche heute Abend…“

 

„Offensichtlich braucht man einen Tannenbaum, um damit fertig zu werden“, sagte der Muminvater nachdenklich. (GM 165)

 

 

Also klauen sie bei der Gafsa einen Baum, den die sicher nicht mehr braucht, und versuchen zu ergründen, was sie damit anfangen sollen. Keiner weiß, wie gefährlich so ein Weihnachten eigentlich werden kann.

 

 

Daheim hatte die Muminmutter die Veranda freigeschaufelt und Schwimmwesten und Aspirin, die Flinte des Muminvaters und warme Wickel hervorgeholt. Für alle Fälle.

 

 

Doch auch wenn die ganze schöne Schneelandschaft durch unlösbare Aufgaben verstellt scheint, bleiben gewisse Grundsätze im Muminhaus gewahrt. Fremde gehören im Winter nicht unter die Veranda, sondern ins warme Wohnzimmer, und eine Tasse Tee hat noch niemandem geschadet.

 

 

Ein kleines Knütt saß auf der äußersten Sofakante und trank Tee. Es hatte unter der Veranda im Schnee gehockt und so kläglich ausgesehen, dass die Muminmutter es ins Haus gebeten hatte.

 

„So, hier haben wir den Baum“, sagte der Muminvater. „Wenn wir jetzt nur wüssten, wozu man den braucht. Die Gafsa behauptet, man müsse ihn putzen.“    

 

„Aber der ist doch ganz sauber“, wandte die Muminmutter bekümmert ein. „Was kann sie nur damit gemeint haben?“

 

„Oh, ist der schön“, rief das kleine Knütt aus und dann verschluckte es sich vor lauter Schüchternheit am Tee und bereute, dass es überhaupt gewagt hatte, etwas zu sagen.

 

“Weißt du, wie man einen Baum putzt?“, fragte das Snorkfräulein.

 

Das Knütt errötete heftig und flüsterte: „Mit schönen Sachen. So schön, wie es überhaupt geht. Das habe ich gehört.“ Dann wurde es von seiner Schüchternheit überwältigt, schlug die Pfoten vors Gesicht, kippte die Teetasse um und verschwand zur Verandatür hinaus. (GM  167)

 

 

Nach und nach kriegen sie es innerhalb weniger Stunden heraus, wofür andere Bevölkerungsgruppen oder Kontinente Jahrhunderte, ja Jahrtausende gebraucht haben: wie stellt man ein bewegendes Weihnachtsfest auf die Beine? Dabei wird der tiefere Sinn des Festes aufs Schönste herausgearbeitet. Es ist wie eine Kurzfassung eines Ablaufs, für dessen Darstellung andere einige Generationen oder mehrere Bücher gebraucht haben (vgl. z.B. Elias, N. (1936): „Über den Prozess der Zivilisation“, 2 Bände, Frankfurt 1976).

 

 

„Seid bitte mal eine Weile still, ich muss jetzt nämlich nachdenken“, sagte der Muminvater. „Der Baum soll so schön wie möglich werden! Dann muss man sich also nicht in ihm verstecken, sondern mit ihm die Gefahr gnädig stimmen. Allmählich begreife ich, worum es eigentlich geht.“ (GM 167f)

 

 

Und dann schmücken sie den Baum mit den schönsten Muscheln, die sie in den Sommerferien gefunden hatten, mit einer Perlenkette und Kristallen vom Kronleuchter und mit Muminmutters roter Seidenrose an der Baumspitze. Sie stellen feine Leckereien in Schälchen rund um den Baum im verschneiten Garten herum und laden die schüchterne Knütt-Familie, sich alles anzusehen und riskieren es, ihnen vom Essen anzubieten, das doch eigentlich für Weihnachten gedacht war (wer auch immer das ist und wie auch immer er aussehen mag und wann er kommt und was er wohl am liebsten isst, um gnädig gestimmt zu sein). Aus der Stube beobachten sie das Geschehen.

 

 

„Draußen saß die kleine Schar, aß, trank, packte Geschenke aus und war so vergnügt wie nie zuvor. Schließlich kletterten sie auf den Baum und befestigten die brennenden Kerzen an den Zweigen.

 

 

„Aber an der Spitze müsste eigentlich ein großer Stern stecken“, sagte der Onkel des Knütts. “Findest du?“, sagte das Knütt und betrachtete nachdenklich die rote Seidenrose der Muminmutter. „Ist das wirklich so wichtig? Hauptsache ist doch, dass die Idee stimmt, oder?“ (GM 17)

 

 

 

Die Morra, das Reden und das Fühlen

 

 

 

Die Morra ist eine düstere, eisige Bedrohung, die sich meist nur am Horizont zeigt (wenn man Glück hat). Wo sie sich hinsetzt, da ist alles erfroren, wenn sie weiterzieht, sogar im Sommer. 

 

 

„Mutter“, flüsterte Mumin. „Was hat sie erlebt, dass sie so böse ist?“

 

„Wer denn?“

 

„Die Morra. Hat ihr jemand was getan, dass sie so geworden ist?“

 

„Das weiß keiner“, sagte die Muminmutter und zog den Schwanz aus dem Kielwasser. „Es ist wohl eher so, dass ihr niemand etwas getan hat. Ich meine, niemand hat sich um sie gekümmert. Und daran wird sie sich kaum erinnern, geschweige denn, dass sie dauernd darüber nachdenkt. Sie ist wie der Regen oder die Dunkelheit oder ein Stein, um den man herumgehen muss, um seinen Weg fortsetzen zu können.“

 

„Kann sie sprechen?“

 

Die Muminmutter seufzte und sagte: „Mit einer Morra soll man nicht sprechen. Nicht mit ihr und nicht über sie. Sonst wächst sie und man kriegt sie nicht mehr los. Fang jetzt bloß nicht an die Morra zu bedauern. Du glaubst, sie sehnt sich nach dem Licht, aber eigentlich will sie sich nur draufsetzen, damit es erlischt und nie mehr brennen kann. Und jetzt glaube ich fast, dass ich ein wenig schlafen werde.“

 

Blasse herbstliche Sterne waren am Himmel erschienen. Mumin lag auf dem Rücken und sah die Sturmlaterne an, dachte dabei aber an die Morra. Eine Person, mit der man nie spricht und über die man nie spricht, muss sich doch allmählich auflösen und den Glauben daran verlieren, dass sie überhaupt existiert. Er überlegte, ob ein Spiegel die Lösung wäre. Eine Menge Spiegel könnten aus einer einzelnen Morra unendlich viele machen, von vorn und von hinten, vielleicht könnten die vielen sich sogar miteinander unterhalten. Vielleicht… (MI 30f)

 

 

Mumin ist sich vielleicht nicht klar darüber, welche grundlegenden Einfälle er da am laufenden Band produziert. Das Kaspar-Hauser-Syndrom hat er sofort verstanden, ohne es mit seinem fachlichen Namen belegen zu können: wer ohne soziale Begegnungen und Verständigungen aufwachsen muss, kann vieles nicht lernen, was man zum Leben und zum Kommunizieren braucht. Er denkt über Spiegel nach, ehe die psychologischen Theoretiker des Mentalisierungskonzepte detailliert darüber Auskunft erteilten, welche Rolle eine ganz bestimmte Art der spiegelnden Kommunikation in der Entwicklung des Menschen spielt (die Mentalisierer hatten ja über Menschen nachgedacht, weniger über Mumintrolls und deren Gefährten oder Zeitgenossen). Erst mit der Spiegelung durch die Mutter lernt der Säugling sich selbst verstehen, lernt seine Gefühle einzuordnen und später gewinnt er die Einsicht, dass nicht nur er selbst, sondern auch die anderen beseelt sind und psychische Zustände, Wünsche oder Vorhaben ihr Tun und Erleben bestimmen. Wenn die Morra keine Mutter hatte, durch die sie früher, als sie noch eine ganz kleine Morra war, gespiegelt wurde und sich so selbst kennen lernen konnte, dann muss sie ja merkwürdig werden. Wo die Morra sich hinsetzt, ist der Erdboden gefroren und alles Leben erstarrt. Dabei meint sie es nicht im eigentlichen Sinn böse. Sie kann nicht anders - sie verbreitet eine höchst depressive Erstarrung. Und in den Überlegungen Mumins ist sogar ein erster Gedanke daran zu erkennen, wie man sich eine Gruppentherapie für Morras vorstellen könnte.

 

 

Mumin erlebt auch in anderen Geschichten, wie es sich auswirken kann, wenn mit einem nicht gesprochen wird. Er lernt ein Mädchen kennen, das unter den Folgen verfehlter Beziehungs- und Erziehungsvorstellungen fast verschwunden wäre. Tooticki bringt sie eines Tages mit. Sie heißt  Ninni, und sie ist ganz unsichtbar, weil ihre Tante sie zu sich genommen  hat, ohne sie gernzuhaben, und eiskalt und ironisch zu ihr war.

 

 

„Ihr wisst ja, manche Leute werden leicht unsichtbar, wenn man sie oft genug erschreckt“, sagte Tooticki. (GM 106)

 

 

Das so misshandelte Mädchen kann nicht spielen, versteht keine Witze und wird erst wieder ganz sichtbar, als es den Eindruck hat, der Muminvater wolle die Mutter ins Wasser schubsen und als dann Ninni die Muminmutter rettet, indem es den Muminvater kräftig in seinen Schwanz beißt. Dabei sieht man erstmals ihr kleines, zorniges Gesicht und ihre Stupsnase, denn das sonst unsichtbare Mädchen taucht nun, in eine interaktive Kommunikation verwickelt, wieder nach und nach auf. Der Prozess der schrittweisen Genesung wird durch eine große Normalität im Umgang mit dem bedauernswerten Mädchen gefördert, es ist eine Art Therapeutischer Gemeinschaft, in die sie aufgenommen wird, und keiner stört sich daran, dass man sie eine ganze Zeit lang nur halb sieht (was ja immerhin schon etwas ist). Endlich wird sie glücklicherweise wieder ganz sichtbar und alles wird gut.

 

 

Überhaupt scheint Tooticki die Spezialistin zu sein für Wesen, die unsichtbar geworden sind. Als Mumin den ganzen Winter über allein wach ist, alle anderen aus der Sippschaft schlafen unerweckbar ihren Winterschlaf weiter, findet er zu seiner Erleichterung noch andere Wesen, die auch wach sind: im Badehaus am Strand haben es sich Tooticki und die Kleine Mü gemütlich gemacht und ein paar andere Wusler. Merkwürdige Ereignisse sind da zu beobachten: eine Mütze schwebt von allein auf den Haken, eine Tasse Tee dampft und beschreibt einen weiten Kreis vom Tisch in die Hand von Mumin, es wirkt mächtig übersinnlich. Dabei ist die Erklärung ganz einfach: es sind acht kleine Spitzmäuse, die hier im Badehaus überwintern, und sie sind unsichtbar geworden, weil sie so schüchtern sind. Im Gegensatz zur kleinen Ninni geht es ihnen mit diesem Arrangement ganz gut, und es gibt keinen Anlass, an ihrer Unsichtbarkeit herumtherapieren zu wollen. Und wenn man sich erst mal an die schwebenden Teller und Tassen gewöhnt hat, ist es eigentlich ganz bequem, es haben irgendwie alle ihren Vorteil davon.

 

Sprechen und Fühlen, Denken und Spüren stehen in einem engen Wechselverhältnis.  Nur wenn man redet bzw. mit einem geredet wird, lernt man fühlen. Nur wenn man fühlt, kann man reden (sofern man unter reden etwas mehr versteht als nur plappern oder quatschen). Manchmal kann es aber instrumentell sehr wichtig sein, sich ganz in den Fluss des Geschehens hineinzubegeben. Dann darf man auch einen Ausschnitt ausblenden, zum Beispiel das Denken.

 

 

Das erleben die Freunde bei ihrem Marsch anlässlich der Kometengefahr. Als die Wanderer  den einerseits ausgetrockneten, aber andrerseits noch matschigen Boden des Meeres überqueren müssen, schlägt der Schnupferich vor, auf Stelzen zu gehen. Sie suchen sofort geeignete Stangen und beginnen zu üben.

 

 

Der Schnupferich stakste sicher auf seinen Stelzen hin und her und zeigte den anderen, wie es ging.

 

„Größere Schritte!“, rief er. „Schön ruhig bleiben! Nicht denken. Nur fühlen! Guckt nicht nach unten, denn dann verliert ihr das Gleichgewicht!“

 

„Mir wird schwindlig! Ich muss spucken!“, schrie das Schnüferl.

 

„Hör mal, Schnüferl“, sagte der Schnupferich. „ Es ist gut möglich, dass auf dem Meeresboden versunkene Schätze liegen.“ Worauf es dem Schnüferl gleich nicht mehr schlecht war.

 

„Seht her!“, rief das Snorkfräulein. „Ich kann es! Ich kann es! Ich denke überhaupt nicht, ich fühle bloß!“

 

„Das wissen wir“, sagte ihr Bruder. (KM 126f)

 

 

Vielleicht lachen Männer mehr als Frauen über diese Stelle, denn sie ist ja manifest frauenfeindlich. Aber es geht um die übergeordneten Strukturen. Es scheint so, als hätten einige der Wanderer das Geheimnis des „stillen Wissens“ entdeckt, mit dem man bestimmte Fähigkeiten ausüben kann, ohne zu wissen, wie es geht. Das Fahrradfahren ist ein Beispiel dafür: man kann es, ohne die physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu kennen, nach denen sich Fliehkraft und Anziehungskraft der Erde miteinander verbinden und ein zunächst noch kippliges Gleichgewicht zulassen oder zunehmend erzwingen. „Wir wissen mehr, als wir zu sagen vermögen“, stellte dazu der Kernphysiker Michael Polany fest. Das ist dann zum Beispiel mehr ein Körperwissen als Kopfwissen.

 

 

Die Strategie, den Gefühlen mehr zu vertrauen als den kognitiven Fähigkeiten, taucht wiederholt in den Geschichten auf. Besonders einleuchtend ist sie beim Umgang mit Musik. Als die Filifjonka die Mundharmonika vom Schnupferich entdeckt, die er in der Küche liegen gelassen hat, versucht sie ein paar Töne.

 

 

Es war gar nicht einfach, die richtigen Töne zu treffen, sie versuchte es noch einmal, suchte vorsichtig zwischen den Tönen und fand den ersten, der zweite kam von selbst. Die Melodie entwischte ihr, kehrte aber zurück. Offenbar kam es darauf an, etwas zu fühlen anstatt zu suchen. Tideli, tidelu, jetzt kam eine ganze Reihe von Tönen, ein jeder an seinem ganz eigenen Platz… Die Töne erinnerten allmählich an Melodien, und die Melodien wurden zu Musik. (HM 153)

 

 

Die Filifjonka fühlt sich in diesem Zustand völlig sicher, alle ihre Putzwut auslösenden Ängste vor dem Krabbelgetier im Garten, den Würmern und Bakterien sind verschwunden. Sie ist ganz eins mit ihrer Musik, das heißt eben auch: mit ihrem Gefühl. Gerade bei einer Filifjonka, die sonst eher durch Zwanghaftigkeit, Reinlichkeitsfimmel und Miesepetrigkeit auffällt, hätte man das nicht gedacht. Es ist sicher eine Folge des ungewohnten Aufenthaltsortes: Die Gefühlsmusik fällt ihr in der Küche des Muminhauses zu, als die Muminfamilie gar nicht da ist und die Gäste einige Wochen lang dort auf die Hausherren warten, aber die kommen nicht. Die Muminküche ist der Wirkungsort der Muminmutter, und sie ist voll von deren vibrations. Das hilft.

 

 

 

Bühne als Bild: Das Theater

 

 

 

Wenn die Muminfamilie ihr Mumintal verlässt, hat das in der Regel sehr ernsthafte Gründe. Einmal ist es ein Ausflug auf eine Insel mit Leuchtturm (wir hörten von den existenziellen Erfahrungen, die dort auf die Familie warteten). Ein anderes Mal setzt eine riesige Flutwelle das Muminhaus unter Wasser („Sturm im Mumintal“, SM). Zunächst wird das Missgeschick durch die unverwüstliche gute Laune der Beteiligten zu einem bunten Abenteuer. Dann wird es aber auch ihnen zu bunt, das Wasser steigt immer höher, und die Familie samt Freunden fliehen in ein vorbeitreibendes Gebäude, das aus einem großen Zimmer besteht und mehreren Nebenräumen, nicht bewohnt ist und dessen Zweck die Mumins nicht kennen und nur langsam entschlüsseln. Dabei hilft ihnen widerstrebend die einzige Bewohnerin des Treib-Guts, die Witwe des im Dienst tödlich verunglückten Theaterinspizienten Filifjonk. Wir ahnen schon: bei dem Gebäude handelt sich um eine ortsungebundene, mobil gewordene Theaterbühne, „aufsuchendes Drama“ sozusagen.

 

 

Im Verlauf der Reise gibt es bei der Handlung einige Nebenstränge: Mumin und das Snorkfräulein gehen verloren (aber nicht endgültig), der Schnupferich kommt zu vierundzwanzig unterdrückten kleinen Kindern, und was einem sonst noch so alles passieren kann nach einem Sturm im Mumintal. Aber die Mumineltern, die Misa und der Homsa erkunden das Theater und die Als-ob-Welt der Requisite, der Garderobe oder der unvollständigen Möbel. Schließlich schreibt der Vater ein Stück für die Bühne und sie führen es gemeinsam auf, wobei dann auch alle Handlungsstränge wieder zusammen geführt werden und es ein grandioses Schlussspektakel gibt.

 

 

Dieses Szenario der Bühne als Sinnbild fürs Leben oder ähnliches ist nicht neu. Tove Jansson greift damit ein beliebtes Motiv aus Literatur, Philosophie oder Psychotherapieforschung auf. Schon der Erfinder der Aphorismen, Georg Christoph Lichtenberg, notierte Ende des achtzehnten Jahrhunderts: „Ihr Unterrock war rot und blau  sehr breit gestreift und sah aus, als wenn er aus einem Theater-Vorhang gemacht wäre. Ich hätte für den ersten Platz viel gegeben, aber es wurde nicht gespielt.“ (Lichtenberg 2005, 28)

 

 

Dieses etwas frivole Beispiel schreitet also über die optischen Anklänge an Theater bzw. den Theatervorhang fort zu einem Bild, das die Handlung des Theaterstücks  unausgesprochen in ein leicht sündhaftes Schummerlicht taucht und dann aufhebt  – Spielpause.

 

 

Ausführlicher beschäftigen sich Psychotherapeuten mit der Bühne als einem Ort, auf dem sich menschliches Schicksal in Szene setzt. Da sind auf der einen Seite wir normalen Neurotiker: eigentlich klappt vieles ganz ordentlich, aber es gibt Konflikte zwischen Triebzielen und Über-Ich-Normen oder gesellschaftlichen Werten, und das wurmt uns denn doch oft ganz erheblich. Wenn der Problemdruck zu groß wird, machen wir eine Psychotherapie. Das geht ganz gut: wir ziehen uns aus dem Leben für eine Stunde in der Woche zurück (eine Stunde ist in der Therapiewelt aber keine Stunde, sondern 50 Minuten lang), setzen uns mit einem Therapeuten zusammen und versuchen herauszufinden, was denn in dem Theaterstück unseres Lebens nicht zusammen passt. Dieses Theaterstück finden wir in unserer Phantasie, in unserer inneren Landschaft, wir können sozusagen in uns hineinsehen und das Drehbuch des innen beobachteten Stückes versuchen etwas anzupassen oder zu verändern. Manchmal muss man ganz schön suchen, weil sich Szenen des Stücks ins Unbewusste verzogen haben und nur schwer auszumachen sind. Die Psychoanalytikerin Anneliese Heigl-Evers schreibt dazu, dass bei den „konfliktbedingten Psychopathologien die entsprechenden inneren Spannungen ihren Austragungsort auf der inneren Bühne, in der – unbewussten – Phantasiewelt der Person haben“ (Heigl-Evers e.a. 1993, 79).

 

Anders geht es bei den sogenannten „Entwicklungspathologien“ zu, einer Gruppe von manchmal schwereren Persönlichkeitsstörungen, die von den neurotischen Erscheinungen abzugrenzen sind (mit denen viele von uns Normalneurotikern herumlaufen und die einem das Leben mehr oder weniger schwer machen). Im Gegensatz zu den neurotischen Konflikten haben wir es bei diesen Persönlichkeitsstörungen mit Schwierigkeiten zu tun, die sich lebenslang eingeschlichen haben und die schon in den frühen Entwicklungsphasen der Person eine gelungene Entwicklung gestört haben. Da können ungünstige Familienkonstellationen im Spiel sein, eine gewalttätige Atmosphäre oder eine durchgängige Vernachlässigung des kleinen Kindes, emotional oder materiell. Dadurch werden die Persönlichkeitsstrukturen, mit deren Hilfe wir als erwachsene Personen die Aufgaben des Lebens zu meistern haben, nicht so ausgebaut, wie es nötig wäre. Da fehlt vielleicht das nötige Selbstbewusstsein, oder einer hat nicht gut gelernt, seine Gefühle zu erkennen und zu regulieren. Da kommt jemand nicht aus dem allumfassenden Äquivalenzmodus in ein erkundendes Als-ob, mit dem man mal was Anderes ausprobieren kann. Oder jemand ist nicht über frühe Kränkungen (Trauer, Verlust und so weiter) hinweggekommen und bleibt immer wieder in diesen unerledigten Prozessen hängen (wie die Misa, zum Beispiel, obwohl wir über deren möglicherweise auslösenden Traumatisierungen nichts erfahren). Das sind dann so strukturelle Störungen, die mit schlechter Laune oder sogar mit psychischen Krankheiten verbunden sein können (und es werden Etiketten wie „Borderline“ oder „Psychose“ draufgeklebt).  Bei ihnen „werden innere Unverträglichkeiten … unter Einbeziehung realer Objekte auf der interpersonellen, der interaktionellen Bühne verarbeitet.“ (a.a.O.) Da ist die Bühne, auf der sich die psychische Dynamik dramatisch ereignet, also nicht innen in der Person wie beim neurotischen Konflikt, sondern um die Person herum, umfasst also alles, was zwischen der Person und anderen Personen abläuft. Die Bühne ist also nicht in der Person innen drin, sondern außen, um die Person drumherum. Die Akteure sind nicht Phantasiegebilde wie auf der inneren Bühne, sondern die ganz realen Personen, die da verfügbar sind: Familienmitglieder, Klassenkameraden, Arbeitskollegen, Therapeuten usw. Auf komplizierten Wegen werden diese in eine Inszenierung eingespannt, an deren Drehbuch sie eigentlich nicht mitgewirkt haben. Das ist ein sehr merkwürdiges Gefühl,  weil man als beteiligter Akteur in ein Geschehen eingebunden wird, das die Beziehungsprobleme der strukturell gestörten Person auf die äußere Bühne bringt – manchmal weiß man nicht, wie einem geschieht. Anders als bei Konfliktneurosen kommt es bei strukturellen Störungen „sehr schnell zur Reinszenierung der inneren Beziehungspathologie auf der interaktionellen Bühne“ (Heigl-Evers e.a. 1993, 98).

 

 

Vor diesem Hintergrund als Kulisse kann man sich dem Geschehen nähern, das sich in dem schwimmenden Theater abspielt, in das die Muminfamilie samt einigen Freunden sich beim Hochwasser gerettet hat. Alle werden mit ungeahnten Aufgaben konfrontiert:  Sein und Schein auf den Brettern, die die Welt bedeuten (aber auch nicht mehr als das, sie bedeuten die Welt, aber sie sind nicht die Welt) können einen ganz schön durcheinander bringen. Was ist echt, was ist als-ob und wie kann man es unterscheiden? In der Kulisse des Theaters, die der Homsa erkundet, endet eine Treppe mitten in der Luft.

 

 

Irgendjemand erlaubt sich wohl einen Scherz mit mir, dachte der Homsa. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich das komisch finde. Eine Tür muss irgendwo hineinführen und eine Treppe irgendwo hinauf. Wie würde es im Leben aussehen, wenn eine Misa sich plötzlich wie eine Mymla verhielte oder ein Homsa wie ein Hemul? (HM 43)

 

 

Eine Mymla wie eine Misa, das mag ja noch angehen. Aber ein Homsa wie ein Hemul – das sind ja mächtig verschrobene Phantasien! Man ahnt, wie irritierend die Kulisse für einen Homsa ist, der ansonsten eher gewöhnt ist, dass jedes an seinem Platz sitzt und nur und ausschließlich er seine eigenen Erfindungen im Kopf bewegt, als ob sie echt wären. Und nun diese von außen induzierten Als-obs! Es ist nicht einfach, sich ein Bild davon zu machen, wer hinter diesem Spuk steckt. Auf der Suche nach Essbarem, nach einer Speisekammer, durchstreifen sie die Räume, der Homsa und die Tochter der Mymla sowie deren Schwester, die Kleine Mü. Ob sie wohl jemandem begegnen von der seltsamen Familie, die dieses seltsame Haus bewohnt hat, mit den seltsamen Vorhängen und der Bühne und allem?

 

 

„Wir haben einen von ihnen gesehen“, teilte die kleine Mü mit wichtiger Miene mit. „Einen, der nicht gesehen werden wollte!“

 

„Wo?“, fragte der Homsa.

 

Die Tochter der Mymla deutete in eine dunkle Ecke, die bis oben mit Gerümpel angefüllt war. Eine Palme lehnte an der Wand und raschelte melancholisch mit ihren Papierblättern.

 

„Ein Schurke!“, flüsterte die Kleine Mü. „Ein Schurke, der bloß darauf wartet, uns alle miteinander tot zu schlagen!“

 

„Na, jetzt übertreib mal nicht“, sagte der Homsa, aber dabei stockte ihm die Stimme. (HM 44)

 

 

Schließlich hat er schlechte Erfahrungen mit den Geschichten der Kleinen Mü, die so schnell ihre eigene Äquivalenz-Dynamik entwickeln. Man sieht, dass er gelernt hat – er stutzt zumindest schon mal, wenn sich wieder eine Äquivalenz-vs-Als-ob-Krise ankündigt.

 

 

Sie traten durch die Tür und entdeckten mehrere kleine Türen in dem Korridor.

 

Die Tochter der Mymla reckte den Kopf und buchstabierte angestrengt, was auf dem Türschild stand. „Re-qui-si-te“, las sie. „Requisite. Typischer Schurkenname!“

 

Der Homsa nahm seinen ganzen Mut zusammen und klopfte. Sie warteten, aber Requisite war nicht zuhause. (HM 45)

 

 

Rasmus Requisite, das war übrigens sein vollständiger Name, oder hätte es sein können, oder vielleicht doch Radovan Requisite, aber das war (glaube ich)  der Bruder. Jedenfalls ein Schurke von großer Rauflust, dieser Rasmus, ein trinkfreudiger Kerl ohne Angst und Skrupel. Irgendwie auch aufrichtig, mit dem Herzen am rechten Fleck. Und nicht zuhause, typisch, dieser Schuft.

 

 

Die Kleine Mü starrte in einen Spiegel und schrie:

 

„Schaut mal! Ich bin noch kleiner geworden! Ich kann mich überhaupt nicht mehr sehen!“

 

„Das hier ist kein richtiger Spiegel“, erklärte die Tochter der Mymla. „Keine Angst, du bist schon noch da.“

 

Der Homsa (…) steckte den Finger in ein Einmachglas.

 

„Angemalter Gips“, sagte die Tochter Mymla. Sie nahm einen Apfel und biss hinein. „Holz“, stellte sie fest.

 

Die Kleine Mü lachte. Aber der Homsa war bekümmert. Hier stellte alles etwas anderes dar, als es in Wirklichkeit war. Alles täuschte ihm mit leuchtenden Farben etwas vor – wenn er die Pfote danach ausstreckte, war es jedoch nur aus Pappe, Holz oder Gips. Die goldenen Kronen lagen nicht schön schwer in der Hand und die Blumen waren aus Papier, die Geigen hatten keine Saiten, die Kisten keinen Boden und die Bücher ließen sich nicht einmal aufschlagen.

 

Zutiefst in seinem ehrlichen Herzen gekränkt, grübelte der Homsa über den Sinn all dieser Seltsamkeiten nach, ohne dahinter zu kommen.

 

Wenn ich doch nur ein wenig klüger wäre, dachte er. Oder ein paar Wochen älter.

 

„Das hier gefällt mir“, sagte die Tochter der Mymla. „Es ist, als wäre nichts eigentlich wichtig.“

 

„Ist es das denn?“, fragte die Kleine Mü.

 

„Nein“, antwortete ihre Schwester vergnügt. (SM 47)

 

 

Das ist ja nun wieder total Als-ob. Die Marmelade sieht aus, als ob sie süß wäre, der Apfel sieht so aus, als ob er saftig sei. Man kann mit diesem Als-ob spielen, große Theaterstücke, Dramen und Lustspiele, was immer das Publikum verlangt. Großes Kino. Auch Stücke über Räuber. Alles nur gespielt -  oder sollte man das „nur“ weglassen, weil erst das Gespielte ja die Bedeutung des Echten einzusortieren ermöglicht? „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." So schreibt Friedrich Schiller in seinen Briefen über die „Ästhetische Erziehung des Menschen“. Die Als-ob-Spiele gehören zum Menschen wie zum Homsa, da sollte man es nicht zu eng sehen, dass Schiller diese Bemerkung ursprünglich speziell seinen menschlichen Artgenossen zugewidmet hatte. Und dann schrieb er „Die Räuber“. Dort hieß der Hauptmann Karl Moor. Was für ein lausiger Räuber-Name, gegenüber Rasmus Requisite, dem Schrecken des nordischen Mumintheaters! Aber ansonsten findet sich in dem Drama „Die Räuber“ vieles wieder, was hier auch in dem Theater im Mumintal erlebbar wird. Der Vater (Muminvater/Moorvater?) verschusselt seinen Sohn (wenn er etwas sorgfältiger vorgegangen wäre,  hätte die Filifjonka das Theater nicht so leicht losmachen können und es wäre nicht nächtens weiter getrieben), die Integration von Gut und Böse auf einer reflektierenden Ebene (die Versöhnung von Karl Moor und seinem Bruder Franz) klappt nicht, und das Spiel geht nahtlos in das Leben über.

 

 

Nachdem die ganze Gesellschaft auf der Drehbühne eine Kostprobe der Bewegungsüberraschungen erhält, die so eine Theatertechnik bereithält, fühlt sich der Homsa zunehmend fremd. Er ist nicht so wie die anderen, da hilft alles Als-ob und Wenn und Aber nicht, irgendwie findet er sie auch ein bisschen oberflächlich, jetzt, wo er hinter die Dinge schaut und  in die Tiefe denkt.

 

 

„Die sind ganz anders als ich. Sie haben Gefühle, sehen Farben, hören Geräusche und drehen sich im Kreis, aber was sie fühlen und hören und sehen und warum, das interessiert sie kein bisschen.“ (HM 52)

 

 

Es ist kein Zuckerschlecken, wenn man merkt, wie unterschiedlich Wesen sind, nicht nur weil ein Hemul kein Homsa ist und ein Bisam keine Mymla, sondern weil dieser Homsa mit sich ganz allein ist und insofern ein Fremder im eigenen Land, in der eigenen Person gar.

 

 

Es geht nicht darum, den Homsa zu einem kranken Wesen zu stilisieren, der unter einer Persönlichkeitsstörung oder gar einer Psychose leidet. Aber er zeigt doch strukturelle Defizite, die es ihm schwer machen, seinen Platz auf der Welt zu verstehen und sich darauf sicher zu fühlen. Die anderen erlebt er anders – nicht einfach im Sinne von unterschiedlich, denn unterschiedlich sind wir schließlich alle, und das ist auch gut so und wichtig. Er versteht sie nicht und fühlt sich nicht verstanden, und das macht eine tiefe Kluft zwischen ihm und den anderen aus. Er hat ganz schön damit zu tun, die Erkenntnisse über echt und nicht echt zu überstehen. Gerade eben noch hat er die Drehbühne als Theatermaschine erkannt, hat Gewitter und Blitz als Theaterdonner durchschaut. Aber er braucht noch ein bisschen, bis er den Zusammenhang in sich aufgenommen hat: Die Dinge, die nur sind als ob, sind wichtige Bestandteile eines gesamten Komplexes, der sich „Leben“ nennt. Sie sind nicht egal, künstlich oder gleichgültig, nur weil sie nicht echt sind. Sie haben eine Bedeutung. Die geht weit über ihre materielle Echtheit oder Künstlichkeit hinaus. Das ist der Schritt, mit dem der kleine Homsa in die Welt der Symbole hineintritt, wo Sprache eine ganz neue Welt erträumen kann. Wenig später findet die große Aufführung des Theaterstücks statt, das der Muminvater geschrieben hat und an dem sich alle beteiligen. Der Homsa bedient die Technik: er kurbelt den Mond hoch, wenn Nacht gemeint ist, und stellt die Windmaschine an, wenn es gruselig sein soll und ein kalter Hauch von hinten heranwirbelt. Er fängt also an, sich der Symbole zu bedienen. Es sieht ganz so aus, als wenn er die erforderlichen Entwicklungsschritte tut, um strukturelle Defizite zu überwinden.

 

 

Als Emma der Muminmutter erklärt, was es mit dem Theater auf sich hat, ist die entsetzt. Es ist wirklich nicht so einfach, diese Theaterwelt zu verstehen!

 

 

Emma setzte sich neben die Muminmutter auf die Bettkante und begann:

 

„Theater, das ist nicht ihr Salon und auch kein Dampfersteg. Theater, das ist das Wichtigste auf der Welt. Dort zeigt man den Leuten, wie sie sein könnten. Man zeigt ihnen, wie sie gern wären, und schließlich, wie sie wirklich sind.“

 

„Eine Erziehungsanstalt“, rief die Muminmutter erschrocken aus. (SM 113)

 

 

Eine andere Geschichte auf der Bühne ist die der Misa. Wir haben sie kennen gelernt als kleine Person, die zu tief existenziellem Äquivalenz-Leiden neigt. Es ist alles so traurig. So ist ihr Leben bisher verlaufen, und auch in dem schwimmenden Theater ändert sich das zunächst nicht. Die Gefährten treffen im Bühnengebäude auf eine Theater-Veteranin: Emma ist bekanntlich die Witwe des im Dienste tödlich verunglückten Bühnenmeisters Filifjonk. Sie ist die einzige, die schon mal Theateraufführungen gesehen hat, die die Bühnenluft geschnuppert hat und weiß, worum es geht. Sie Berichtet von den beteiligten Personen und die Misa hört erstmals von der Primadonna. Emma erzählt:

 

 

Ja, das ist die allerwichtigste Schauspielerin, die immer die schönsten Rollen spielt und alles kriegt, was sie will. Aber um die würde ich lieber einen großen B…“

 

„Eine Primadonna, das ist es, was ich sein will“, unterbrach die Misa sie. „Aber ich möchte eine traurige Rolle haben. Eine Rolle, in der man schreien und weinen darf.“

 

„Dann musst du in einem Trauerspiel mitspielen, in einer Tragödie“, erklärte Emma. „Und im letzten Akt sterben.“

 

„Ja“, rief die Misa mit glühenden Wangen. „Stellt euch vor, eine ganz andere Person sein zu dürfen als diejenige, die man wirklich ist. Dann würde niemand mehr sagen: ‚Da drüben, da läuft die Misa rum‘, sondern alle würden staunen: ‚Schaut nur, die düstere Dame in rotem Samt… die große Primadonna… die hat bestimmt viel gelitten.‘“ (SM 115)

 

 

Die Misa findet einen Weg, wie sie der elenden Äquivalenz ewigen Trauerns entkommen kann. Sie benutzt ihre besondere Kompetenz im Düster-Sein für die Rolle der Primadonna in einer Tragödie. Dafür bekommt sie Beifall und ist glücklich. Das ist völlig neu: bisher zeigte sie ihre Düsterkeit und war nur unglücklich. Jetzt hat sich gar nicht viel geändert, sie zeigt weiter ihre Düsterkeit, und das macht sie glücklich und alles ist anders. Es ist nicht mehr das Unglück der Misa, eine individuelle kleine Misere, sondern das Unglück der Primadonna, ein zertifiziertes, kulturell allgemeingültiges Unglück. Für sein eigenes Schicksal mag man ja selbst verantwortlich sein, vielleicht sogar selber schuld, wer weiß. Allgemeines Schicksal, das ist etwas, woran die Menschheit wächst, und so ist die Misa als Primadonna aus dem Schneider.

 

 

„Sie haben mir Beifall geklatscht!“, flüsterte sie vor sich hin. „Oh, ich bin ja so glücklich! Und so glücklich wie jetzt werde ich immer, immer bleiben!“ (SM 134)

 

 

Psychologisch gesehen hat allerdings die Misa ihre Chance nicht nutzen können. Sie ist aus der Trauer-Äquivalenz in die Primadonnen-Äquivalenz geglitten und dort ist aus der Einbindung in Trauer eine ebenso eindimensionale Einbindung in das zerbrechliche Glück der umjubelten Primadonna geworden. Die Misa wird die Bühne brauchen, um dort ihre Rolle zu spielen, und ohne äußere Bühne kann sie nicht existieren. Die Vorahnungen sind ebenso düster wie ihre Rolle: sie wird eine exzentrische, unerträgliche Hexe werden, die alle einzuspannen versucht, damit sie möglichst lange in diesem neuen Äquivalenz-Modus bleiben kann. Wenn der Beifall ausbleiben sollte, wird sie es nicht als ihr Problem erkennen, dass sie abhängig vom Beifall ist, sondern wird den Kulturverfall beklagen, wird den Druck auf andere erhöhen, das ganze Instrumentarium. Keine schönen Aussichten – reinstes Mollywood.

 

 

Ein letzter Hinweis auf eine psychotherapeutische Verwendung der Bühnenmetapher sei erlaubt. Der Autor, auf den ich mich beziehe, befasst sich auch mit dem Unterschied zwischen den (reiferen) Konfliktinhalten und den (früheren) Strukturproblemen, der schon bei Heigl-Evers beschrieben wurde: reife Konflikte spielen auf der inneren Bühne, frühe Strukturprobleme auf der  äußeren Bühne. Der Autor beschreibt beispielhaft die Begegnung mit dem Theater, als habe er gerade „Sturm im Mumintal“ gelesen.  „Man stelle sich vor, man gehe ins Theater und habe keinerlei Vorwissen zu der Aufführung. In diesem Fall würde man unwillkürlich nach einem dramatischen Inhalt suchen, der das Handeln der Figuren auf der Bühne erklärt. Die Aufmerksamkeit würde den Motiven und Absichten der Protagonisten gelten, auch ihren inneren Widersprüchen. Dies entspricht der Konfliktperspektive. Man setzt dabei als selbstverständlich voraus, dass die Aufführung nicht durch Einwirkungen gestört oder bestimmt wird, die mit dem Inhalt des Stückes nichts zu tun haben: Etwa durch lockere Bühnenbilder oder Kulissen, die gemieden werden müssen, falsch gestellte oder brüchige Möbel, unvorbereitete oder ungeeignete Mitspieler und so weiter. Im Falle solcher Rahmenbedingungen wäre die Suche nach einem dramatischen Inhalt, der das Geschehen auf der Bühne verstehbar macht, schwierig oder erfolglos. Man wäre immer wieder durch unpassende Vorgänge irritiert und würde schließlich realisieren, dass dort zwar ein Spiel versucht wird, dieses aber durch eine unzureichende Ausstattung der Bühne und der Protagonisten so gestört wird, dass eine schlüssige Handlung nicht entstehen kann. Das wäre der Moment, in dem sich jene Kontextelemente in den Vordergrund drängen würden, die sonst den selbstverständlichen Hintergrund der Handlung bilden und ihr eigentlich problemlos dienen sollten. Dies entspräche einer Strukturperspektive.“ (Grande 2007, 149). Und so ist es doch bei der Generalprobe im Mumin-Theater: Nichts klappt, der Löwe bricht in der Mitte auseinander, die Primadonna fällt in das Boot des Igels, der Text wird mitunter aufs unverständlichste verunstaltet, und was alles so schief gehen kann, das geht auch schief. Die Aufführung ist das perfekte Abbild einer strukturellen Störung. Überraschenderweise führt das nicht zum psychischen Zusammenbruch zumindest der empfindlicheren unter den Akteuren. Alle haben ihr bestes gegeben, und bei der Premiere gerät dann sowieso so vieles durcheinander, dass das Stück eigentlich völlig in den Hintergrund rückt. Was Herr Grande  die „Kontextelemente“ nennt, wird zum Haupt-Plot: Die Kleine Mü kann den Als-ob-Charakter des Theaterstücks nicht verstehen und hechtet auf die Bühne, um den in einem Bettüberwurf gekleideten Löwen ins Hinterbein zu beißen, weil der ihre Schwester, die Tochter der Mymla, drehbuchgerecht über die Bühne jagt. Mumin wird durch die vierundzwanzig unterdrückten Kinder vor dem Hemul-Polizisten gerettet. Das Theaterstück löst sich auf und geht in ein gemeinsames Picknick über. Im Gegensatz zum in Hexametern gesetzten Text des Muminvater-Stückes verstehen nun wieder alle, was die anderen sagen, und die Stimmung wird immer besser. Ein kurzer letzter Einbruch der Theater-Handlung in die fröhliche Realität endet mit der Flucht des Schnupferichs, dem sich Mumin anschließt. Oder war es ein letzter Einbruch der Realität in die immer fröhlichere Theater-Handlung? Man weiß es nicht so genau, das geht alles etwas durcheinander, und letztlich muss man mit der ganzen Unterscheidung in Äquivalenz und Als-ob vielleicht im Mumintal etwas anders umgehen als bei uns.

 

 

Die höchste Stufe, die die Mentalisierungstheoretiker nach der Bewältigung der Äquivalenz- und Als-ob-Aufgaben dem Einzelnen zuschreiben, ist der reflektierte Modus, in dem die  vorangegangenen Modi ihren begrenzten Platz haben, aber zusammengeführt werden und der Gegensatz aufgehoben ist, eine dialektische, höhere Stufe sozusagen. Aber die gibt es vielleicht eher bei Menschen als bei Mumin-Trollen. Den brauchen die Menschen, um Dampfmaschinen zu bauen und Handys und um Mentalisierungstheorien zu entwickeln. Ohne reflexiven Modus würde das kaum funktionieren. Und die Menschen sind mächtig stolz darauf. Es würde allerdings auch oft schon einiges weiter helfen, wenn sie sich darauf besinnen, wie eigentlich das Fundament ihrer stolzen Errungenschaften gebaut ist. Und da geht es dann um erfundene Schlammpilze und um schwimmende Theater und den Schurken Rasmus Requisite. Ein bisschen Mumin steckt in jedem von uns.

 

 

Und so endet hier das ganze Unternehmen.  Der Vorhang schließt sich, und alle gehen nach Hause, einige trinken noch etwas nebenan, und nach einigen klugen Anmerkungen zum Stück sind bald alle wieder in ihrem Leben angekommen und kümmern sich nicht weiter um das, was da eben im Stück vorkam, es sei denn, es sei eigentlich ein Stück aus ihrem eigenen Leben gewesen, denn das interessiert doch jeden am meisten, das eigene Leben. Und das geht ja weiter. Und findet es doch kein Ende, und wir können uns in aller Ruhe überlegen, wen wir als nächstes besuchen im Mumintal.

 

 


 

Nachbemerkung: Nicht der kürzeste, sondern der schönste Weg

 

Die Gefühle sind die wahren Einwohner der menschlichen Lebensläufe.

 

Alexander Kluge

 

Als wir noch Kinder waren (einige von Euch sind vielleicht noch in dieser glücklichen Lage), wussten wir vieles noch nicht so genau, und das war auch gut so.  Wir haben über Dinge gestaunt, die wir uns (noch) nicht erklären konnten, und die Welt war voller größerer oder kleinerer Ungereimtheiten, von denen einige wahlweise wirkten wie kleine Wunder. Andere waren einfach nur schräge oder sonst wie schön - oder wir fanden einige auch einfach nur doof. Ich machte mir mein Bild von meiner Welt, wie es zu meinem Kind-Sein passte: Von dem Wald nahe dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hieß es, dass dort noch Handgranaten aus dem damals ein paar Jahre zurückliegenden letzten Krieg liegen.  Darauf sollten wir also aufpassen, denn wenn man drauftritt, „gehen sie hoch“. So hieß es. Und dann geht man mit hoch. Aber was hieß das, „hochgehen“? Ich stellte mir dann mit meinem in drei oder vier Lebensjahren zusammengesammelten Verstand vor, wie ein Stück Sandboden, vielleicht drei mal vier Meter oder so, mit Heidekraut und ein paar grünbeblätterten, weißstämmigen Birken darauf, langsam hochgeht, in den Himmel steigt, immer höher. Ich fragte mich auch, was denn wohl passiert, wenn man zufällig selbst draufsteht auf so einem Stück Landschaft, wenn es hochgeht. Konnte man rechtzeitig abspringen? Und was passierte mit dem Stück Wald, wenn es fertig hochgegangen war - würde es einfach wieder runter kommen? Landete es sanft? In meinem Kopf war das Bild immer eher idyllisch, wenn da vor knatschblauem Sommerhimmel mit ein paar weißen Wolken so ein Stück Wald hochging, aber das mischte sich mit der existenziellen Bedrohung, die dem Wort „Granate“ anhaftete. Wie sah so ein Ding überhaupt aus

 

 

Sich mit den Geschichten von Kindern oder um Kinder zu kümmern hat einen erheblichen Lerneffekt. In der Beschreibung der noch nicht ganz fertigen Personen wird das Grundmuster deutlich, nach dem wir gestrickt sind. Wenn man gesehen hat, wie ein Haus gebaut wird, Schritt für Schritt, versteht man das fertige Haus viel besser und weiß auch, dass der Grundriss entscheidet über die Nutzbarkeit und die Stimmigkeit der Räume. In der „Sendung mit der Maus“ gehen Armin und Klaus immer der Frage nach: wo kommt das eigentlich her, wie wächst das und was macht man dann daraus? Und dann weiß man besser Bescheid über die Luftpumpe, über das Popcorn oder über Tränen. Kindergeschichten helfen zu verstehen, wie der Mensch wird und was in seinem Leben wichtig ist, den ganzen Rest des Lebens lang bleiben der Name und die Verwandten wichtig, und ob man schnell hungrig wird oder nicht, das ist auch wichtig. 

 

 

Die Psychologie, speziell Entwicklungspsychologie, fasst das dann später zusammen und beschreibt wie Menschen lernen und Persönlichkeiten werden oder auch nicht, je nachdem,  und was ihnen dabei hilft oder sie stört. Das klingt nützlich, und es erweist sich als wünschenswert, dass jedermann die Theorien verstehen kann und sie anwendbar sind auf das normale Leben. Mit dem Erzählen fängt das Problem der Psychologie an, kaum einer kann psychologische Theorien gut erzählen. Beim Erzählen fängt auch dieses Buch an. Es ist  überaus praktisch, dass gute Geschichten (vor allem in Kinderbüchern) so viel Psychologie enthalten, dass man nur ein bisschen drin zu blättern braucht, dann purzelt sie einem entgegen. Und dann beweist sich erneut der alte Erfahrungsgrundsatz, dass das Leben nicht aus Theorien abgeleitet werden kann, sondern nur die Theorie aus dem Leben. Die Mumins und ihre Gesellen im Mumintal  haben  sich durch Globalisierung, Computer und Spielekonsolen nicht aus der Ruhe bringen lassen, weil es um viel grundlegendere Dinge geht: wie kann man einer Morra helfen, ohne von ihr vereist zu werden, und wie kann das Eichhörnchen mit dem schönen Schwanz die Morra überleben, wo es doch eigentlich zu blöd ist, von hier bis zu seiner Nasenspitze zu denken? Es geht, auch wenn man zwischendurch zeitweise befürchten muss, dass es nicht geklappt hat mit dem Überleben. Die Mumins führen uns vor, wie man durchs Leben kommt, indem man vom Leben lernt. Das ist ein interaktiver Vorgang, die Psychologie hat das mittlerweile auch schon herausgefunden, es geht hin und her und keiner kann sich selbst sehen ohne Spiegel. Die Psychologie hat einen Namen für diesen Vorgang: man nennt ihn „mentalisieren“. Mentalisierungsbasierte Konzepte stammen aus Psychotherapie und Psychiatrie, aber ohne von Therapie und Klinik was zu ahnen, sind die Mumins ungemein firm in diesen Dingen, die man da („mentalisierungsbasiert“) tut. Und wir gehen vielleicht nicht den kürzesten, aber den schönsten Weg: wir besuchen die Mumins und lernen sie kennen und verstehen ein paar von ihren psychologischen Einsichten und von ihren verständlich angewendeten Theorien. Weil die Mumins viel Psychologie „können“ kommen sie auch selbst viel zu Wort. Weil sie es aber nicht unbedingt „wissen“ oder erklären könnten, werden ihre Erlebnisse in den psychologischen Kontext gesetzt.

 

 

Wir sind mit den Mumins einem Beispiel dafür begegnet, wie in unterschiedlichen Regionen der Erde sich Geschichten entwickeln, in denen wir uns spiegeln können wie in einem Spiegel, der uns nicht ausschließlich unser äußerliches Abbild spiegelt, sondern  das Wesentliche. Es gibt noch viele andere Spiegelgeschichten: die vom kleinen Prinzen mit dem Fuchs („Man sieht nur mit dem Herzen gut“), die Bildergeschichten über Donald Duck, seine Kollegen in Entenhausen und vor allem seine Neffen Tick, Trick und Track („Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr“), in dem wunderbaren Bilderbuch vom "Bär, der nicht da war". Wer mag, darf von diesen "Narrativen" (so nennen Psychologen die Geschichten, in denen man sein Leben wiedererkennt) zur Theorie weitergehen  und sich über Entwicklungspsychologie und Mentalisierung schlau machen. Die Mumins kommen auch ohne aus. Vielleicht auch hierin ein Vorbild.

 


 

Literatur

 

Bateman, A.W.; Fonagy, P. (2004): Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept. Psychosozial-Verlag Gießen 2008

 

Dornes, M. (1993): Der kompetente Säugling. FischerTaschenbuch Verlag

 

Fonagy, P.; Gergely, G.; Jurist, E.; Target, M. (2002): Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Klett Cotta Stuttgart 2004

 

Freud, S. (1914): Der Moses des Michelangelo. GW X 172-201 (1946)

 

Gebser, J. ( 1949): Ursprung und Gegenwart. Band 1- 3. München 1973: Deutscher Taschenbuch Verlag

 

Grande, T. (2007): Wie stellen sich Konflikt und Struktur in Beziehungen dar? Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 53, 144-162

 

Heigl-Evers, A.; Heigl, F.; Ott, J. (1993): Lehrbuch der Psychotherapie. Gustav Fischer Lübeck Stuttgart Jena Ulm 1997³

 

 

Jansson, T. (1945): Mumins lange Reise. Arena-Verlag Würzburg (2007) REISE

 

Janson, T. (1954): Sturm im Mumintal. Arena Verlag Würzburg (2006) SM

 

Jansson, T.  (1954): Mumins wundersame Inselabenteuer. Arena Verlag Würzburg 2003 MI

 

Jansson, T. (1962): Geschichten aus dem Mumintal. Arena Verlag Würzburg (2007) GM

 

Jansson, T. (1968): Muminvaters wildbewegte Jugend. Arena Verlag Würzburg (2006) MWJ

 

Jansson, T. (1968): Komet im Mumintal. Arena Verlag Würzburg 2002³ KM

 

Jansson, T. (1970): Winter im Mumintal. Arena Verlag Würzburg (2006 ²) WM

 

Jansson, T. (1970): Herbst im Muminta. Arena Verlag Würzburg (2006) HM

 

Jansson, T. (1948): Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft. Arena-Verlag Würzburg 2008 MdG

 

 

Lichtenberg, G.C. (1800): Aphorismen. Hrsg. v. R. Baasner, Anaconda Verlag Köln 2005

 

 

Stern, D. (1985): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett Cotta Stuttgart 1994, 4. Aufl.

 

 

 


Glossar

 

 

 

Als-ob-Modus

 

Ich baue meine eigene Welt, zumindest für dieses Spiel in diesem Moment: es gelten meine Regeln, ich spiele was ich will, die Realität kann mir gestohlen bleiben. Es ist, als ob das, was ich mir vorstelle, wirklich ist. Um das zu erreichen, muss ich eine klare Grenze zwischen mich und mein Spiel auf der einen und den Rest der Welt auf der anderen Seite ziehen. Der Als-ob-Modus ist Grundlage vieler Gedankenspiele, mit denen ich als Erwachsener Probleme vorausdenke und mögliche Lösungswege abwäge.

 

Archetypen

 

Im Verlauf der Entwicklung von Bären, Trollen und Menschen ergeben sich Grundmuster, die sich unbewusst und allen gemein durch das Leben ziehen: die Mutter und große Göttin oder der Krieger, der kämpferisch.-aggressiv nach vorn schreitet, sind zwei dieser archetypischen Figuren. Sie sind vielfach spirituell oder religiös überformt und mit Mythen und Legenden gesättigt. Ferkels Großvater oder der Zauberer im Mumintal dürften solche mehr oder weniger konturiert personifizierten Archetypen sein.

 

Äquivalenzmodus

 

Ich bin in der Welt, und meine Gefühle und die Weltlage durchdringen sich so untrennbar, dass alles eins ist: wenn ich schwarz sehe, ist alles schwarz. Wenn ich verliebt bin, ist alles rosa. Charismatische Menschen fangen andere mit ihrer mit größter Selbstverständlichkeit vorgetragenen Äquivalenz-Begeisterung ein. Massenphänomene sind immer auch Äquivalenz-Phänomene. Aber überhaupt jede menschliche Begegnung, jede Spiegelung mit den entsprechenden Spiegelneuronen hat Äquivalenzanteile.

 

Bindung

 

Jeder Mensch macht in seiner frühesten Kindheit bestimmte Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen: sind sie zuverlässig, sind sie emotional annehmend und wärmend oder kalt und abweisend? Wenn alles gut geht, entwickelt sich eine sichere Bindung, die im Leben später viele Vorteile bietet: man kann auf andere zugehen, ohne sich dauernd Gedanken darüber zu machen, ob sie es gut meinen oder nicht, ob man vorsichtshalber angriffsbereit sein sollte oder sich lieber gleich verdrücken. Eine unsicher Bindungsfähigkeit kann zur Folge haben, dass man die Begegnung mit anderen meidet, wo immer es geht, oder sich abhängig an andere klammert, weil man sich selbst nicht zutraut, sonst mit dem Leben fertig zu werden.  Ganz extrem wird es, wenn keine Sicherheit erlebt wurde und entsprechend alles durcheinander geht: die desorganisierte Bindung enthält große Risiken für schwere psychische Belastungen oder Erkrankungen. Sicher gebundene Menschen trauen sich viel mehr zu, sie erkunden die Welt neugieriger und stehen daher fester im Leben als scheue, unsicher gebundene.

 

Kaspar-Hause-Syndrom

 

Wenn jemand isoliert aufwächst, keinem aus der eigenen Familie oder der eigenen Art begegnet, der ihm das Leben beibringen könnte, leidet er unter Hospitalisierungsschäden. Kaspar Hauser war so einer, der angab, er habe sein ganzes Leben in Dunkelheit und Einsamkeit eingesperrt verbracht, bis er mit 16 Jahren unter Menschen kam und mühsam das Sprechen lernen musste. Kaspar Hauser hatte aber nicht gelernt, wie er in Beziehungen mit anderen Stabilität finden kann, verletzte sich selbst und verstarb letztlich an seinen Wunden.

 

Konflikt

 

Auf der Grundlage einer normalen Entwicklung der Persönlichkeit kann es zu Widersprüchen zwischen Triebzielen (sexuelle Anziehung, aggressive Ablehnung usw.) und Beziehungsrealitäten geben. Die daraus entstehende Spannung nennt man Konflikt, der Begriff bezieht sich sozusagen auf die Software menschlicher Beziehungen (im Gegensatz zum Strukturbegriff, der die Hardware betrifft).

 

Mentalisierung

 

Mit Mentalisierung ist die Fähigkeit bezeichnet, sich und die anderen unter der Annahme zu betrachten, dass seelische Prozesse die zwischenmenschliche Interaktion wesentlich formen. Ich reagiere aufgrund meiner eigenen Erlebnisse, meiner Eigenschaften und meiner Verletzungserfahrungen - und mein Gegenüber aufgrund seiner eigenen. Wenn wir miteinander klarkommen wollen, geht das nur, wenn jeder sich über seine eigenen aktuellen Gefühlslage einigermaßen bewusst ist und seine eigene diesbezügliche Biografie im Hintergrund sieht. Das klingt sehr kompliziert und ist es auch, aber man lernt es ja auch über Jahre und Jahre und hat im Laufe der Zeit in der Regel eine erhebliche Kompetenz, das schnell und sozusagen nebenbei zu beachten und zu befolgen. Wenn nicht, kracht es.

 

Narzisstisch

 

Narziss war im alten Griechenland ein junger Mann, der sich nur mit sich selbst beschäftigte und darüber sogar die Liebe der Nymphe Echo verschmähte. Er verliebte sich so in sein eigenes Spiegelbild, dass er in einem Teich betrachtete, dass er daran zerbrach. Man spricht von narzisstischen Störungen, wenn jemand in seinen Beziehungen zu anderen so eingeschränkt ist, dass er seine Lebenskraft nur aus sich selbst zu schöpfen meint – sich aber letztlich damit darüber hinwegtäuscht, dass er zu einem ausgeglichenen geben und Nehmen im Umgang mit anderen nicht in der Lage ist.

 

Persönlichkeitsstörung

 

Früher wurden Menschen mit seelischen Problemen in zwei Gruppen eingeteilt: neurotische und psychotische Menschen. Wer auf relativ entwickelter, reifer Ebene im Spannungen gerät, entwickelt neurotische Symptome. Wer in seiner Entwicklung banaler gestört ist, entwickelt eine psychotische Persönlichkeit. In den letzten Jahrzehnten ist eine dritte Gruppe hinzugetreten, die schwere strukturelle Probleme wie bei psychotischen Menschen mit einer nach außen oft unauffällig funktionierenden Persönlichkeit verbindet, wie sie neurotische menschen aufweisen können. Persönlichkeitsstörungen sind in frühen Entwicklungsphasen (oft vor dem Hintergrund traumatischer Verletzungen) erworbene Strukturmängel, die später Beziehungsstörungen und systematische Konfliktmuster nach sich ziehen. Meist handelt es sich um eher stabile Störungen, deren Bearbeitung und Beseitigung lange Zeit brauchen kann. Der Ort für die Inszenierung von Persönlichkeitsstörungen ist die äußere Bühne der Beziehungen und Interaktionen.

 

Reflexiver Modus

 

Weder der Als-ob-Modus noch der Äquivalenz-Modus sind „falsch“, sie stellen notwendige Requisiten des Verhaltens und Erlebens dar. Wichtig wird aber, zwischen ihnen wechseln und sie nutzen zu können. Dazu braucht man die Integration von Als-ob und Äquivalenz in einem übergeordneten Modus, in dem sie abgewogen und in ihren Begrenzungen genutzt oder abgeschaltet werden können: den reflexiven Modus.

 

Regressiv

 

Entwicklungsprozesse laufen progressiv ab: Fähigkeiten werden ausdifferenziert, man erhöht seine Möglichkeiten, sich mit der Realität zu arrangieren und sie zu beeinflussen. Dazu benutzt man auch im Laufe der Entwicklung innerpsychische Mechanismen, die immer besser darauf eingestellt sind, in Notlagen reagieren zu können. Bei Überforderungen kann es aber passieren, dass diese „reiferen“ Mechanismen nicht schlagkräftig genug sind und man auf ältere zurückgreift, die man als Kind schon kennen gelernt hat. Sie sind „archaischer“, sehr wirksam, aber wenig feinsteuerbar. Sie passen sozusagen nicht zu der Entwicklungsstufe, die man eigentlich erreicht hat. Eigentlich verhält man sich „kindischer“. Man nennt das „regressiv“.

 

Struktur

 

Grundlage für die Gestaltung menschlicher Beziehungen ist das Handwerkszeug, mit dem wir Beziehungen aufbauen und sichern können. Dazu gehören Selbst- und Selbstwertgefühl, der Umgang mit den eigenen Wahrnehmungen und Affekten, Fähigkeit zur Beleuchtung der eigenen inneren Bewegung und Beachtung derjenigen des Gegenüber usw. Erst wenn diese Strukturrahmenbedingungen einigermaßen gesichert sind, können daraus Beziehungen und Interaktionen werden, die stabil und intensiv sind (und in deren Kontext es dann zu Konflikten kommen kann).

 

Teleologischer Modus

 

Kleine Kinder lernen mit weniger als einem Jahr Zusammenhänge zwischen ihrem Verhalten und den Reaktionen anderer kennen. Sie sind wirksam, es tut sich etwas, wenn man etwas tut, das ist die Botschaft. Wie die Ursache und die Wirkung zusammen hängen, was in den Beteiligten abläuft, bleibt dabei zunächst vollkommen unklar. Klar ist nur das Ziel (griech. Telos). Es bleibt aber eine „black box“ in Gestalt der beteiligten Personen (und damit das erhebliche Risiko einer Fehlinterpretation). Dieses Risiko wird später geringer, wenn die innere psychische Verarbeitung der eigenen Person und der anderen in den Blick kommt und man sich vergewissern kann, ob man mit seiner teleologischen Deutung recht hatte.

 

 


 

Dieser Text entstand in den Jahren 2006 bis 2012 und wuchs aus Vorträgen und einzelnen Zeitschriftenartikeln zum dem hier vorliegenden Überblick über Mentalisierung bei den Mumins.