Überrsicht

 

- Flucht, Trauma und die Folgen (2016)

Vortrag beim "Buchholzer Bündnis für Flüchtlinge" vor ehrenamtlichen Helfern in der Unterstützung geflüchteter Menschen

 

- Therapia liegt am Bosporus. Gedanken zu einer Tagung in Istanbul (2012)

Zum ersten Mal treffen türkische und deutsche MusiktherapeutInnen in (mir fremder) Umgebung aufeinander. Wie kann ich die eigene Identität nutzen, um den Anderen zu begegnen?

 

- Psychotherapeutische Behandlung von Migranten in der Psychiatrie (2003)

Vortrag auf einer Fachtagung bei der "Brücke" in Elmshorn

 

 


 

 

 

 

Flucht, Trauma und die Folgen

 

Themenabend des Buchholzer Bündnis für Flüchtlinge am 17. März 2016

 

Einführungsreferat: Dr. Ingo Engelmann

 

 

 

 

Inhalt

 

Vor-Lesung

1. Fremdheit

2. Trauma

 

            2.1. Definition

            2.2.Trauma und Flucht

 

3. Beispiel: Frau S.

4. Umgang mit traumatisierten Menschen

 

            4.1. Haltungen

            4.2. Instrumente

 

5. Sekundärtrauma

Nach-Lese

 

 

 

Vor-Lesung

 

„Wer bist du?“ sagte der kleine Prinz. „Du bist sehr hübsch...“

„Ich bin ein Fuchs“, sagte der Fuchs.

„Komm und spiel mit mir“, schlug der kleine Prinz vor. „Ich bin so traurig...“

„Ich kann nicht mit dir spielen“, sagte der Fuchs. „Ich bin noch nicht gezähmt!“

„Ah, Verzeihung!“ sagte der kleine Prinz.

Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:

„Was bedeutet ‚zähmen‘?“

„Die Menschen“, sagte der Fuchs, „die haben Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du suchst Hühner?“

„Nein“, sagte der kleine Prinz, „ich suche Freunde. Was heißt ‚zähmen‘?“

„Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, sich ‚vertraut machen‘.

„Vertraut machen?“

„Gewiss“, sagte der Fuchs. „Noch bist du für mich nichts als ein kleiner Junge, der hunderttausend Jungen völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt (...) Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben voller Sonne sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen anderen unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken.“

Der Fuchs verstummte und schaute den kleinen Prinzen lange an.

„Bitte... zähme mich!“ sagte er.

„Ich möchte wohl“, antwortete der kleine Prinz, „aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennen lernen.“

„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!“

„Was muss ich da tun?“ sagte der kleine Prinz.

„Du musst sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs. „Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können...(...) Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ [1]

 

 

1. Fremdheit

 

Wenn Menschen nach Europa, nach Deutschland und nach Buchholz flüchten, begegnen wir zunächst einem umfassenden Gefühl, das alles durchzieht: Fremdheit. Die Menschen sind mir fremd, ihre Hautfarbe ist ungewohnt, ihre Sprache und ihre Schrift unverständlich, ihr Brauchtum anders, ihre Religion, ihr Essen, ihr Humor, immer wieder erlebe ich neue Ebenen der Fremdheit. Fremdheit ist auf beiden Seiten – der des Flüchtlings wie der des Ehrenamtlichen.

 

Dabei ist das Phänomen „Fremdheit“ für keinen von uns etwas Neues. Es ist eine Grunderfahrung, die jeder macht, wenn er auf die Welt kommt: Der Psychoanalytiker Erdheim sagt dazu: „Das Fremde ist die Nicht-Mutter“, also alles, was außerhalb der wichtigsten ersten Beziehung von Baby und Mutter existiert. Im Lauf der nächsten Monate und Jahre nach der Geburt wird sich das kleine Kind diese fremde Umgebung immer mehr aneignen, in einer andauernden Schaukel von Angst und Faszination wird es die Welt erkunden, wird Neues kennen lernen, seinen Horizont erweitern, wachsen. Aber das Grundmuster bleibt: es gibt ein Innen und ein Außen, in meiner Welt und außerhalb meiner Welt, vertraut und fremd. Und das Fremde behält seinen Doppelcharakter aus Faszination und Angst.

 

Fazit: Fremdheit ist nicht schlimm – aber sie ist nur begrenzt zu ertragen.

 

 

2. Trauma

 

2.1. Definition

 

Traumatisierungen sind Extremfälle fehlgeschlagener menschlicher Nähe, schreibt der Psychiater Dümpelmann. Darin steckt ein wesentlicher Aspekt: Traumatisierungen sind eingebunden in menschliche und gesellschaftliche Beziehungen. Dieser Aspekt ist nur von geringer Bedeutung, wo es um Traumata durch Naturkatastrophen wie Tsunami, Erdbeben oder Wirbelstürme geht. Aber auch dort sind die dadurch tangierten Beziehungen von Bedeutung: Wie geht es den Familienangehörigen, Partnern, Kindern?

 

Andere traumatisierende Ereignisse sind direkter mit dem Beziehungsgeflecht der betroffenen Person verknüpft. Geiselnahme ist ein Einschnitt, der möglicherweise gar nicht mir als Person gilt, aber mich umso härter betrifft, wenn ich einbezogen bin. Es spielt immer eine Rolle, dass ich plötzlich unterworfen bin, mich nach anderen (den Tätern) zu richten habe, ihnen ausgeliefert bin.

 

Bürgerkrieg ist eine Situation, in der die Bedrohung sehr persönlich gegen mich oder meine Familie gerichtet ist, gegen meine Gruppe oder mein Volk. Der kollektive Grundsatz „Wir tun uns nichts“ ist aufgekündigt, plötzlich mordet der Nachbar den Nachbarn, mit dem er seit Jahren oder Jahrzehnten Tür an Tür lebte. Plötzlich gelten andere Werte, und mancher kennt sich selbst nicht wieder. Das Trauma kann in einzelnen Gewalterfahrungen liegen (Fliegerangriffe, Verschüttetsein, Vergewaltigung, Tod nahestehender Personen usw.) oder im Verlust der Sicherheit, die das gemeinsame Staatswesen dem Einzelnen gibt und ihn schützt vor Willkür oder unberechenbaren Bedrohungen.

 

Traumatisierung geht nicht immer einher mit einem einzelnen, genau beschreibbaren Ereignis, dem „Trauma“ schlechthin. Es gibt andauernde Situationen, die eine Belastung bedeuten, die sich durch die zeitliche Dauer aufsummiert. Beschrieben  und untersucht wurde das beispielsweise an jüdischen Kindern, die während der Nazibesatzung in niederländische Familie als eigene, christliche Kinder aufgenommen wurden und permanent der Bedrohung durch Entdeckung oder Verrat ausgesetzt waren. Diese ständige latente Bedrohung war vielleicht in jedem einzelnen Moment überschaubar, man musste darunter nicht sofort zusammen brechen. Aber auf Dauer war diese andauernde Spannung ein schweres Trauma, das den Einzelnen noch Jahrzehnte verfolgte.

 

 

2.2. Trauma und Flucht

 

Traumatisierungen sind bei geflüchteten Menschen sehr häufig. Fachleute schätzen, dass mehr als ein Drittel aller Flüchtlinge unter den Folgen von Traumatisierungen vor oder während der Flucht leiden, sodass sie Behandlung und Therapie benötigen. Der zumindest vorübergehende, oft aber auch dauernde Verlust der Heimat ist für alle Geflüchteten eine potenzielle Traumatisierung – aber die jeweiligen individuellen Gegebenheiten (persönliche Widerstandskraft, mögliche Häufung von Belastungen usw.) führen zu unterschiedlichem Umgang damit: einige können das besser verkraften, andere brechen darunter zusammen, viele leiden still und im Verborgenen. Bei vielen der traumatisierten Menschen ist die Beeinträchtigung so stark, dass sie zur ärztlichen Diagnose einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“ führen. Einer PTSB  „gehen definitionsgemäß ein oder mehrere belastende Ereignisse von außergewöhnlichem Umfang oder katastrophalem Ausmaß voran. Dabei muss die Bedrohung nicht unbedingt die eigene Person betreffen, sondern sie kann auch bei anderen erlebt werden (z. B. wer Zeuge eines schweren Unfalls oder einer Gewalttat wird). …Häufig kommt es zum Gefühl von Hilflosigkeit, sowie durch das traumatische Erleben zu einer Erschütterung des Ich- und Weltverständnisses“ (Wikipedia). Hier wird besonders deutlich, wie eng traumatische Belastungen und Flucht verknüpft sind: Durch Traumata gerät die innere Sicherheit aus den Fugen, das Gerüst der geordneten Welt-Verhältnisse fällt zusammen. Durch Flucht geht die äußere Ordnung, die Sicherheit des Vertrauten verloren, Sprache, Schrift und Beziehungsumfeld fallen weg, alles muss neu gelernt werden.

 

 

3. Beispiel: Frau S.

 

Frau S. wird nachts in psychisch desolatem Zustand in die Psychiatrische Klinik  gebracht. Sie ist ca. 50 Jahre alt, bei der Aufnahme erfährt das Behandlungsteam, dass sie aus dem Iran stamme und seit vier Wochen in Deutschland sei. Sie spricht nur Farsi, die Hauptsprache des Iran. Bei der Aufnahme schlägt sie sich sowohl mit Fäusten auf den Kopf als auch mit ihren Pantoffeln und zerkratzt ihr Gesicht,  legt sich auf den Boden, wirft nach etwas, was wir nicht sehen. Ohne ersichtlichen Auslöser zieht sie sich aus und wieder an. Dieser Zustand hält über mehrere Wochen an.

 

Am dritten Tag in der Klinik erfahren mit Hilfe eines Landsmannes einige Einzelheiten: Der Ehemann der Patientin sei im Iran im Gefängnis. Sie selbst sei ebenfalls inhaftiert und immer wieder über ihren Mann und ihre Brüder verhört worden. Insgesamt sei sie über drei Jahre im Gefängnis gewesen,  gefoltert worden (Schläge, elektrischer Strom). Wegen einer Erkrankung, in deren Folge ein Finger habe amputiert werden müssen, sei sie entlassen worden. Ihre eigenen Angaben über Angehörige (verstorben / im Gefängnis / es gebe  gar keine usw.) wechseln von Minute zu Minute.

 

Nach über einem Monat beginnt Frau S. sich in der Klinik um sich selbst zu kümmern, auf ihr Äußeres zu achten und kontaktfähiger zu werden. Offizielle Übersetzungshilfe gibt es nur alle paar Wochen. Eine erste Kontaktaufnahme: Nach zwei Monaten läuft sie auf die Oberärztin zu und sagt: „Doctor, Doctor, thank you“.

 

Noch nach drei Monaten kehren Halluzinationen sporadisch zurück, sie hört Stimmen und wird von Angst überwältigt.

 

Ihre biografischen Angaben werden im Laufe der Zeit detaillierter und zuverlässiger. Sie ist in einem iranischen Dorf als einzige Tochter mit fünf älteren Brüdern aufgewachsen. Der älteste sowie er zweitälteste Bruder seien von den Volksmohadschedin wegen konterrevolutionärer Aktivitäten getötet worden. Nachdem ihre Eltern verstorben waren, als sie Kind war, wurde sie mit neun Jahren an einen entfernten Verwandten verheiratet. Sie bekam keine Kinder, daher nahm ihr Mann eine weitere Ehefrau.  Später sei sie nach Teheran gezogen, wo sie allein lebte und im Krankenhaus als Reinigungskraft arbeitete. In diese Zeit fielen die Verhaftungen und Folter. Dann habe sie Kontakt zu der Schlepperorganisation aufgenommen und das Land verlassen. Sie wollte nach Kanada und weiß nicht, warum sie in Hamburg gelandet ist.

 

Es handelt sich bei Frau S. also um eine Abfolge wiederholter Traumatisierungen durch Verlust von Geschwistern und Eltern, durch Folter und politische Verfolgung.

 

Der Umgang mit dem Trauma bleibt in der Behandlung weitgehend indirekt – therapeutische Gespräche konnten wegen der Sprachunterschiede nicht geführt werden. Die „Behandlung“ besteht aus einer nichtsprachlichen Kontaktaufnahme unter Wahrung von Respekt und Rücksichtnahme (z.B. als sie sich in den ersten Nächten neben ihrem Bett auf der Erde legte, wurde ihr dort eine Matratze gerichtet). Sie wird wahrgenommen und man begegnet ihr  wohlwollend . Ihr wird die Zeit zugestanden, die sie benötigt, um der psychotischen Verwirrung zu entkommen und eine neue Perspektive zu entwickeln, ihre Welt wieder aufzurichten. Nach siebenmonatigem Aufenthalt in der Klinik entscheidet sich Frau S aus freien Stücken, nach Teheran zurückzukehren. Ein Jahr später teilt sie der Station in einem Telefongespräch in von Freunden zurechtgelegten englischen Brocken mit, es gehe ihr gut.

 

 

4. Umgang mit traumatisierten Menschen

 

4.1. Haltungen

 

Wie stellt man überhaupt fest, ob man es mit einem traumatisierten Menschen zu tun hat? Wenn es möglich ist, einen Experten hinzuzuziehen, kann der einem das vielleicht beantworten. Aber meistens steht ein solcher Experte (Psychiater, Psychotherapeut o.ä.) nicht zur Verfügung. Dann ist man auf sich selbst und seine Beobachtungen und inneren Reaktionen angewiesen.

 

Grundsätzlich gilt: Das eigene Gefühl des Ehrenamtlichen im Umgang mit Geflüchteten ist ein wichtiger Ratgeber. Wenn man das Gefühl hast „Hier stimmt doch irgendwas nicht“ oder „Ich finde das hier jetzt alles höchst merkwürdig“, dann ist das vielleicht manchmal eine eigene Unsicherheit, eine eigene Ängstlichkeit oder stammt aus der Konfrontation mit dem Ungewöhnlichen, Fremden, Unbekannten. Aber es kann ebensogut auch ein Anzeichen für eine Traumatisierung im Gegenüber sein. Es ist sinnvoll, beide Seiten im Blick zu haben.

 

Ein Kind sitzt auf dem Schoß der Mutter und schaut den Ehrenamtler unverwandt an, minutenlang, ohne eine Miene zu verziehen oder den Blick abzuwenden.

 

Mancher denkt dann: Dieses Kind ist auffällig, wer weiß, ob es nicht eine Entwicklungsstörung hat, etwas zurückgeblieben ist. Oder habe ich einen Kuchenkrümel, der komisch im Mundwinkel hängengeblieben ist?  Vielleicht ist aber das Neugier- und Explorationsverhalten des Kindes verändert. Normalerweise beobachten Kinder die Umwelt neugierig, erkunden den Raum, treten in Kontakt. Ich erlebe oft an der Supermarktkasse, wie ein Kind im Kinderwagen vor mir aufmerksam guckt und nach einer halben Minute entweder selbst mit einem Lächeln die Interaktion beginnt, oder auf mein aufmunterndes Lächeln reagiert und zurücklächelt. Entwicklungspsychologen haben dieses Verhalten seit Jahrzehnten sowohl bei Menschen als auch bei Tierkindern untersucht. Sie haben herausgefunden, dass das Neugierverhalten  von der Sicherheit und Geborgenheit abhängt, in der ein Kind sich aufgehoben fühlen kann. Fehlt diese Sicherheit, dann bleibt Mensch wie Tier zurückhaltend, vorsichtig, sogar ängstlich und scheu. Wenn das Grundvertrauen erschüttert oder unzureichend ausgeprägt ist, bleibt man erstmal passiv.  Und dann guckt vielleicht ein Kind erstmal sehr, sehr lange genau hin, ehe es sich ausreichend sicher fühlt, ein Lächeln auszutauschen. Dazu braucht man dann viel Geduld, und manchmal klappt es gar nicht.

 

Eine junge Frau ist aus einem Land nach Deutschland geflohen, in dem zwar demokratische Strukturen nicht in unserem westlichen Sinne funktionieren und Menschenrechte nicht sehr hoch im Kurs stehen, aber keine akute Bedrohung vorherrscht. Voraussichtlich wird sie nicht dauerhaft in Deutschland bleiben können. Hier fällt bald auf, dass sie alle möglichen Hilfen beansprucht, nur auf ihren Vorteil bedacht ist und viele Helfer um sich schart. Dadurch entstehen immer wieder Missverständnisse und Doppelbetreuungen, Arzttermine werden doppelt gemacht, kurz es entsteht ein grandioses Chaos. Dabei wird es immer schwerer, eine wohlwollende Haltung beizubehalten, alle um sie herum sind immer genervter und ziehen sich einer nach dem anderen zurück.

 

Die Dynamik in diesem Prozess ist ausgesprochen dysfunktional: Die junge Frau will ganz viel, braucht vielleicht auch viel, aber es klappt immer weniger und letztlich bleibt sie tendenziell auf der Strecke. Allenfalls gelingt es ihr, immer wieder neue „unverbrauchte“ Helfer anzusprechen und zu verschleißen. Das wirkt ausgesprochen unsinnig und kontraproduktiv.

 

Wenn auf diese Weise viele im Umkreis eines Menschen eingespannt werden und sich „gebraucht“ oder gar „missbraucht“ fühlen, ist das möglicherweise kein schlechter Charakter oder Dummheit der betreffenden geflüchteten Frau, sondern eine Inszenierung. Wie auf einer Bühne wird ein Schauspiel aufgeführt, das den inneren Zustand eines Menschen wiederspiegelt. Die Schauspieler auf dieser Bühne können alle Menschen um die betreffende Person herum sein: Ehrenamtliche, Sozialarbeiter, Ärzte, Nachbarn. Meist merken diese nicht unbedingt gleich, dass sie in einen Sog geraten, der zu Verhalten führt, dass man sich gar nicht ausgesucht hat. Hier kann ein Hinweis auf eine Persönlichkeitsproblematik eines Menschen  stecken. Für die Ehrenamtlichen kann das bedeuten, dass sie sich besonders intensiv um ihre eigene Person kümmern müssen, um in dem dynamischen Prozess nicht auf der Strecke zu bleiben und aufzugeben (mit den damit beim Helfer womöglich verbundenen Gefühlen, gescheitert oder unzulänglich zu sein). Als Helfer wünscht man sich eine unausgesprochene Übereinkunft, dass die angebotene Hilfe angenommen werden möge, aber nicht überstrapaziert werden soll. Niemand soll unverschämt werden, es überziehen oder einen überfordern. Das setzt voraus, dass der geflüchtete Mensch, der eine Hilfestellung braucht, seine Bedürfnisse regulieren kann. Er sollte ein Gespür dafür haben, was er erwarten kann und was zu viel verlangt wäre. Es gibt Menschen, die damit große Schwierigkeiten haben und andere immer wieder in einem Ausmaß für sich einspannen, das diese anderen auf Dauer nicht mitmachen. Dahinter verbirgt sich in der Regel keine schlechte Erziehung oder eine Boshaftigkeit, sondern eine Unfähigkeit, eine persönliche Not. Darüber zu sprechen ist Thema einer Psychotherapie. Solange es die nicht gibt und wenn man als Ehrenamtlicher  ohne therapeutische Zielsetzungen, Erfahrungen und Ausbildung in die Situation hineingeraten ist, muss man sich selbst handlungsfähig erhalten. Die Selbstfürsorge des Helfers ist in diesem Moment erforderlich. In der christlichen Denkungsart heißt das: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Man darf nicht nur – man muss auch an sich selbst denken. Selbstlosigkeit kann gerade in der Flüchtlingshilfe zu erheblichen Spannungen und Verletzungen führen.

 

Zusammenfassend ist festzuhalten: Es gibt keine eindeutigen Kennzeichen von Traumatisierungen. Wenn eine Reihe ungewöhnlicher Verhaltensweisen, Affekte oder Reaktionen auftreten, liegt die Vermutung einer traumatisierten Persönlichkeit nahe: Konzentrationsmängel, Aufbrausen ohne erkennbaren äußeren Grund, Angstanfälle, Tagträume, depressive Verstimmungen, Grübelei, Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, Gefühlskälte… Das bleibt verschwommen, weil jede dieser Erscheinungen auch in anderem Kontext auftreten kann.

 

Verwirrend kann auf Ehrenamtliche auch wirken, dass jemand schon vor der Flucht „zu Hause“ durch Lebensumstände oder persönliche Schwachstellen überfordert war und weder glücklich war  noch gut „funktionierte“. Vielleicht lag schon zu Hause eine psychische Erkrankung z.B. als Persönlichkeitsstörung vor. Durch die Flucht wurden die Belastungen noch größer – und unangemessene oder unverständliche Reaktionen nahmen noch weiter zu. Da können Sprachförderung und Behördenunterstützung an Grenzen stoßen.

 

Nicht immer äußern sich Traumatisierungen indirekt und müssen sozusagen entschlüsselt werden. Es kann auch vorkommen, dass helfende Ehrenamtliche mit grausamen Erlebnissen konfrontiert werden.

 

Eine Frau berichtet von den Vergewaltigungen, denen sie im Bürgerkrieg ihres Heimatlandes ausgesetzt war. Sie schildert das ohne erkennbare Gefühlsregung und erzählt und erzählt, ohne ein Ende zu finden. Eigentlich wollte die ehrenamtliche Mitarbeiterin nur einen Termin für einen Frauenarztbesuch mit ihr besprechen.

 

Die erste Weichenstellung in diesem Gespräch steht unter dem schon erwähnten Stichwort der Selbstfürsorge. Die Mitarbeiterin muss sich entscheiden, ob sie sich dieser Erzählung aussetzen kann und will. Gegebenenfalls teilt sie der geflüchteten Frau mit, dass sie diese Schilderung nicht ertragen kann, das Gespräch hier abbrechen muss und mit der Frau darüber sprechen, wo sie einen Gesprächspartner für diese Themen finden kann. Vielleicht gibt es jemanden im Bündnis, der sich das zutraut, oder man empfiehlt eine Beratungsstelle oder einen Arzt bzw. Psychotherapeuten. Vielleicht fällt einem auch keine Alternative ein - und man muss sich einfach so abgrenzen. Was nicht geht, geht nicht. Mir hat dabei immer das Bild geholfen, dass ich jemanden, der am Abgrund hängt und den ich zu halten versuche, nicht damit diene, dass ich zu nahe rangehe und mit in den Abgrund gezogen werde. Ich muss herausfinden, wo und wie ich ausreichend sicher stehe, sonst kann ich nicht helfen.

 

Wenn ich diese erste Weiche so stelle, dass das Gespräch durchaus stattfinden und fortgesetzt werden darf, weil ich das aushalten kann, dann komme ich an eine zweite Weiche: Soll ich etwas sagen oder nicht? Beides ist gestattet. Zuhören ist ein wichtiges „Medikament“. Die Frau mit ihren schlimmen Erfahrungen teilt sich mit, und zuhörend teile ich ihre Not.  Dazu braucht es kein Mitleid, das beinhaltet immer das Risiko, eine Einbahnstraße zu sein und eine Anmutung von „von oben herab“ zu enthalten. Besser passt meist Mitgefühl, besonders wenn die Frau selbst gar keine Gefühle zeigen (und womöglich empfinden) kann. Wenn ich etwas sagen will, kann das also eine Beschreibung meiner eigenen Reaktion sein: Ich finde das ganz furchtbar, ich weiß gar nicht, wie man damit fertigwerden kann, ich leide unter ihrer Erzählung. Aber auch: Ich kann sie aushalten, und wenn es mir zu viel werden sollte, sage ich Bescheid. Trost kann sinnvoll sein. Trost zeigt dem Leidenden, dass er nicht allein ist. Das hilft. Ratschläge oder Beschwichtigungen hingegen sind in aller Regel nicht hilfreich. „Das wird schon wieder“ ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, der beim Leidenden womöglich das Gefühl auslöst, nicht verstanden zu werden und ganz allein zu stehen.

 

Wenn ein Gespräch zustande kommt, in dem ich auch Fragen stelle und die Richtung des Gesprächs mitbestimme, leiten mich die zentralen Aspekte:

 

-       Verstehen: kann ich den Zustand und das Leid der Person verstehen, und welche Informationen brauche ich dazu? Dabei ist mit der Aussage „Das verstehe ich“ sehr behutsam umzugehen: Stimmt das wirklich? Kann ich es verstehen, oder möchte ich es – aber eigentlich kann ich es nicht? Etwas nicht zu verstehen ist kein Makel. Wer so tut, als verstünde er alles, übertreibt immer und kann dadurch unglaubwürdig werden.

 

-       Respekt vor dem Trauma: Die Erinnerung an schlimme Erlebnisse kann sehr schmerzhaft sein. Aufgabe eines mitmenschlichen Gesprächs ist es nicht, Erinnerungen zu vervollständigen, Einzelheiten zu erfragen, das Erlebtes noch lebendiger werden zu lassen als es eh schon ist. Das Gespräch über Inhalte eines Traumas ist eine Spezialaufgabe für Psychotherapeuten.

 

-       Beziehung und Begegnung: Trauma und Flucht sind immer mit schweren Störungen der Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt verbunden. Umso wichtiger ist es, nicht allein zu sein. Beziehung heißt nicht unbedingt gleich Freundschaft, zur Familie gehören oder zusammen in Urlaub fahren. Beziehung ist auch: beieinander sein, zusammen schweigen, zusammen über einen unabsichtlichen Versprecher lachen, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen. Oft sind Handlungsbeziehungen einfacher: Wenn man etwas zusammen tut, entsteht gleichzeitig Beziehung. Man muss nicht unbedingt auch gleich darüber reden.

 

 

 

4.2. Instrumente

 

Oft braucht man einen einfach zu handhabenden und überschaubaren Katalog von schnellen Hilfen, um in schwierigen Situation einen guten Ausweg zu finden. Wenn z.B. ein traumatisierter Flüchtling in eine Art Abwesenheit gerät, vielleicht wie in Trance erscheinend, dann sprechen Fachleute von „Dissoziation“. Das ist eine Art Selbstschutz einer beschädigten Persönlichkeit,  durch die man sich innerlich vor überflutenden und überfordernden Emotionen schützen kann. Wenn Angst und Schmerz zu stark werden, wird eine innere Trennmauer zu der Belastung errichtet und der Mensch funktioniert auf einer emotionsfernen Basis weiter. Diese Dissziationszustände sind extrem unangenehm und man möchte sie schnell beenden. Man kann die Person ansprechen, auf alltägliche Verrichtungen übergehen, und man kann Techniken einsetzen, die durch harte, scharfe Reize dem inneren Schmerz etwas Überschaubares gegenüberstellen. Das kann ein Gummiband um das Handgelenk sein, dass man dann auf die Haut flitschen lässt, und das tut weh, aber nur ein bisschen. Es kann ein Biss auf eine Chili-Schote sein, das brennt höllisch im Mund, aber der Schmerz geht vorbei und man kann selber dosieren, wann man ihn einsetzt und wie doll man draufbeißt. Das kann ein mittlerer Reiz sein wie ein Igelball, den man zwischen den Händen rollt und der dabei hilft, ein bisschen mehr außerhalb seiner selbst zu sein als nur im aufgewühlten Innen. Man kann an Ammoniak bzw. verdünntem Salmiakgeist schnuppern (Vorsicht, stechender Geruch!).

 

Diese „skills“ stehen jedem Einzelnen jederzeit und selbst dosiert zur Verfügung. Als Gegenüber (Ehrenamtlicher) kann ich im Gespräch die Umgebung betonen: Was ist gerade hier los, wo sitzen wir, hier ist gar keine akute Bedrohung (Realitätsprüfung), ich bin harmlos, bin Helfer und nicht Täter, Ruhe ausstrahlen.

 

In weniger akuten Situationen hilft es, die Kraftquellen zu erkunden und nachzudenken, was dem Betreffenden aus der Patsche helfen kann. Was läuft eigentlich im Augenblick ganz gut? Was hilft normalerweise, um aus einer solchen Lage herauszukommen: Musik hören? Kaffee/Tee trinken? Spazierengehen? Einen Film ansehen? Sport? usw.

 

 

5. Sekundärtrauma

 

Man versteht unter „Sekundärtrauma“ die Beschädigung, die jemand erleidet, der traumatischen Erlebnissen oder Erinnerungen anderer im Übermaß oder dauerhaft ausgesetzt ist. Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe können dazugehören. Zu Beginn hatte ich die erste „Weichenstellung“ in einem Gesprächskontakt erwähnt: Kann ich das jetzt noch weiter ertragen? Wenn man diese Weiche einmal oder möglicherweise wiederholt übersieht,  kann man selbst Schäden davon tragen. Hinzu kommen andere, durch die ehrenamtliche Arbeit entstehende Belastungen: Abschiebungen oder suizidale Krisen bei Flüchtlingen, die man schon gut kennen gelernt und womöglich ins Herz geschlossen hat, Ohnmachtsgefühle angesichts der Unterversorgung mit hauptamtlichen Mitarbeitern in Sozial- und Arbeitsverwaltung, politischer Verschärfungen der Asylgesetzgebung usw.

 

Daneben kann es auch Belastungen geben, die gar nicht mit dem Gegenüber und dessen Trauma oder der gesellschaftlichen Realität zu tun haben, sondern mit mir und meiner eigenen Geschichte. Es gibt nur wenige Familien, die nicht z.B. in der Folge des Zweiten Weltkriegs oder der BRD-DDR-Geschichte mit Flucht,  Vertreibung oder Unterdrückung zu tun hatten. Oft sind das Kapitel der Lebens- und Familiengeschichte, mit denen man seinen Frieden gemacht oder einen Umgang gefunden hat. Aber oft genug schlummern hier tief verborgen Ängste und Verletzungen, die gar nicht ins Bewusstsein dringen und wachgerufen werden können, wenn man den passenden Schlüsselreizen z.B. durch die Fluchtgeschichte anderer ausgesetzt wird.

 

Das Risiko von Sekundärtraumatisierung ist ein guter Grund, über die Betreuungsserfahrungen und –konflikte ins Gespräch zu kommen. Behandlungsprofis wie Psychotherapeuten und Ärzte haben dafür in ihre Berufstätigkeit zwingend Supervisionstermine eingebaut. Auch für Ehrenamtliche im Buchholzer Bündnis für Flüchtlinge ist es eine gute Idee, mit anderen Ehrenamtlichen über ihre Erlebnisse zu sprechen oder dazu die Supervisionsgruppe aufzusuchen, die im Bündnis angeboten wird. Sie ist ein wichtiger Baustein für die Qualitätssicherung der Arbeit im Bündnis. Die Supervisorinnen Andrea Korthals und Ute Bernardi sind hier heute anwesend und ansprechbar auf dieses Angebot.

 

Nach-Lese

 

Damit bin ich am Ende meines Vortrags angekommen und wenn ich so etwas wie eine Quintessenz aus dem Gesagten ziehen möchte, komme ich zurück auf den Anfang und auf den kleinen Prinzen. „Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können...“

 

 

Buchholz, 17. März 2016

Dr. Ingo Engelmann

Email: klangengel@t-online.de

Der Autor ist Psychologischer Psychotherapeut und Musiktherapeut und hat nach dem Studium in Einrichtungen der Gemeindepsychiatrie sowie bis zu seinem Ruhestand über Jahrzehnte in einer Psychiatrischen Klinik gearbeitet.

 



[1] Saint-Exupéry, A. de (1946) : Der Kleine Prinz. Karl Rauch Verlag Düsseldorf 1950, S 90-96

 

 


Therapia liegt am Bosporus

 

Gedanken zu einer Tagung in Istanbul (1)

 

Das Nebeneinander von großer Historie und bedrückender Armut, von Offenheit für äußere Einflüsse und wundersam erhaltenem Gemeinschaftsgeist ,von zur Schau gestellter Natur- und Kunstschönheit und einem aus wackeligen, heiklen Beziehungen zusammengeflickten Alltagsleben: lag etwa darin das Geheimnis Istanbuls? Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt. S.397

Istanbul ist ein Rätsel. Istanbul ist nicht die Türkei, aber je nach Quelle lebt beinahe jeder vierte Türke in und um Istanbul. Ob es vierzehn Millionen sind oder achtzehn (oder vielleicht doch zwanzig Millionen) – wer weiß das schon. Nach offiziell ermittelten Bevölkerungsstatistiken ist Istanbul die viertgrößte Stadt der Welt – und bei weitem die größte Europas. So viele Menschen. Wie viele Istanbuls? Der europäische Kern von Istanbul besteht für uns aus dem Westen einreisende Fremde aus zwei Teilen: da ist zum einen die eigentliche Altstadt mit den historischen Wurzeln, mit der theodosianischen Stadtmauer (gebaut um das Jahr 400), dem Topkapi-Palast sowie der Hagia Sophia, der Blauen Moschee und dem Großen Basar. Zum anderen ist da Beyoglu nördlich von der tief einschneidenden Bucht, dem Goldenen Horn. Hier präsentieren im modernen Teil der Innenstadt mit der Fußgängerstraße Istiklal Caddesi die Glitzerboutiquen von Mango, St. Oliver und andere die neuste Mode. Zwischendurch gibt es eine Cafe latte bei Starbucks. Hier findet man die bürgerlichen Wohnblocks mit den großen Altbauwohnungen, den besten Bosporus-Blick von Europa aus und den Fußballclub Galatasaray, der mit Fenerbahce und Besiktas um die Palme des erfolgreichsten türkischen Vereins streitet. Zwei Teile, das klingt überschaubar. Aber wenn man vom Großen Basar flanierend weiter nach Westen schweift und in den Stadtteil Fatih kommt, auf verfallende Holzhäuser und verschlafene

  

Kleinstadtstraßen trifft, wenn man merkt, dass man mit der sperrigen digitalen Spiegelreflexkamera aufzufallen beginnt, wenn die Quote der kopftuchtragenden Frauen noch einmal zunimmt, dann kommt man in ein anderes Istanbul. Wie viele verschiedene KopftuchdesignerInnen mag es geben? Hier jedenfalls dominieren die traditionellen Modelle. Und hier ist man noch in Zentrumsnähe. Das Istanbul der Millionen, die in den Vorstädten leben und arbeiten und nie am Bosporus spazieren gehen, dieses Istanbul der nicht endenden Wohnblockzeilen betreten Touristen meist nicht. Wozu auch? Istanbul hat wesentlich zu unserer abendländischen Kultur beigetragen. Unter dem Geburtsnamen Byzanz und nach der Heirat mit Rom Konstantinopel war es schon damals größte Stadt Europas. Von hier aus herrschten alle erdenklichen Großmächte und hinterließen ihre Bauten und Denkmäler: die theodosianische Landmauer, die die oströmische Metropole noch gegen den Ansturm der Hunnen schützte, als diese Rom schon lange geplündert hatten. Den Galata-Turm, der auf das sechste Jahrhundert zurückgehen soll und 1348 von den Genuesern endgültig in Stein befestigt wurde. Die zunächst christlich-orthodoxe Kirche Hagia Sophia war zur Zeit ihrer Fertigstellung im Jahr 537 die größte der Welt, wurde später als Moschee genutzt und ist seit über hundert Jahren Museum (was konkret bedeutet: es gibt keine Gottesdienste mehr und es kostet Eintritt). Der Topkapi-Palast mit dem Serail beflügelte jahrhundertelang die westlichen Phantasien (bis hin zu den einschlägigen Entführungsstorys). Der von den Engländern gesponsorte Ausweich-Palast des Sultans am Bosporus beeindruckt mit der gespendeten Kopie von Big Ben. Und auf der Fahrt vom Atatürk-Flughafen in die Stadt fahren wir am Media-Markt vorbei. Wo ist Lidl? Vermutlich in den Vorstädten, da wohnen die Leute. Aber eigentlich hat die Supermarktkette Migros hier die Nase vorn, unabhängiger Nachfahre Schweizer Ahnen. * Die junge Frau kommt aus Richtung der Toiletten. Sie nimmt die Stufen im Eilschritt, Jeans, blaues T-Shirt, dezent aber sportlich. Darüber weht ein schwarzes Tuch, eine Art Umhang, flattert hinter ihr her, bis sie es mit geübtem Griff zusammenrafft, vorn schließt und mit Haken befestigt. Der eingewobene schwarze Schal wird um den Kopf gewickelt, einmal so und einmal so, und schon verlässt eine von Kopf bis Fuß schwarz gewandete Muslima das Gebäude. Was weiß denn ich, wieviel Unterschiedlichkeit sich unter diesen schwarzen Umhängen und Tüchern verbirgt? Die jungen Männer sind da offener: Jeans, Shirts, in den sie die Muskeln spielen lassen können, da weiß man worum es geht. *

  

Am Anfang steht ein get-together im Orient-Institut, mit einem Balkon hoch über dem Bosporus, atemberaubender Blick auf Denkmäler und Meerenge. Sogar das siebenstöckige Kreuzfahrtschiff sieht von hier oben aus wie für die Badewanne gebaut. Es gibt einen Vortrag des norwegischen Linguisten Bernd Brendemoen über die Benutzung von Objekten in den Romanen von Orhan Pamuk. Es geht zunächst um die Vorbilder des türkischen Literaturnobelpreisträgers: um Flaubert, Balzac, Proust. Es geht um Pamuks „Museum der Unschuld“, das er kürzlich hier in Istanbul eröffnete und in dem die Objekte gesammelt sind, die in dem gleichnamigen Roman eine zentrale Rolle spielen, die Objekte der materiellen Welt, aus denen sich eine Liebesbeziehung und ihr Scheitern inszenieren. Kemal sammelt alles, was ihn mit seiner geliebten, aber unerreichbaren Füsün verbindet, und Pamuk hat aus seinem eigenen Roman (2) ein Museum gemacht. Identitäten werden unscharf: Ist der im Roman auftretende Autor des Museumskatalogs Orhan Pamuk selbst? Oder ist es eine Romanfigur von Orhan Pamuk, der er den Namen „Orhan Pamuk“ oder zumindest seine Identität leiht? Meine Gedanken schweifen zum Thema unserer bikulturellen musiktherapeutischen Tagung. Ich denke an „das Dritte“ in den Konzepten Paolo Knills für künstlerische Therapien und Musiktherapie. Sind diese Objekte in Pamuks Roman so etwas wie das Dritte, das die unmögliche Beziehung auf dem Umweg über Gegenstände substituiert? Geht sowas? In seinem Istanbul-Buch beschreibt Orhan Pamuk die Wohnungen seiner Familie in den verschiedenen Stockwerken der „Appartments Pamuk“: in jeder Wohnung stand mindestens ein Klavier. Niemand spielte darauf, aber die Instrumente boten den idealen Platz für umfangreiche Sammlungen von Familienfotos. Die Familiengeschichte, konstituiert durch die Fotos auf den schweigenden Musikinstrumenten – was ist das hier für ein Objekt-Begriff, der in der Psychoanalyse ja ganz spezifisch gefasst und in den Mittelpunkt gestellt wird, das Objekt als der andere, Fundament der Beziehung? Ich werde immer neugieriger und freue mich, dass Martin Greve vom Orient-Institut und Susanne Metzner von der Hochschule Magdeburg-Stendal die Vorbereitungsarbeit für diese Pionier-Tagung auf sich genommen haben. * Die Tagung findet im zweiten Stock statt, mitten in der Avrupa Passaji steigt man zwei Treppen hoch und findet einen (auch medientechnisch) schicken, aber fensterlosen Tagungssaal, der unter dem Glaskuppeldach mit der Kaffeebar durch eine kleine Brücke über die Passage verbunden ist.

  

Wenn man von der Brücke nach unten blickt, sieht man Kissen und Kelims, bunt für die Touristen aufgetürmt. Auf der Brüstung liegt ein handtellergroßer Nazar, das blauweiße Amulett, wie ein Auge, das gegen den bösen Blick schützt – ein Überbleibsel vorislamischen Aberglaubens, das allgegenwärtig ist (nicht zuletzt in den Souvenirshops am Flughafen). Am ersten Tag hören wir zwölf Vorträge in türkischer Sprache, simultan übersetzt, man muss also konzentriert mitdenken und sich ständig selbst erschließen, welche Zusammenhänge gemeint sind, eine kolossale Anstrengung. Außerdem ergreift mich zunehmend eine fachliche Fremdheit, die bei psychotherapeutischen Grundhaltungen beginnt. Herr Can vom Sisli Memorial Krankenhaus in Istanbul legt sich schon mal von vornherein fest: Musiktherapie heißt, Harmonien und Melodien zur Verbesserung der Stimmung einzusetzen. Deutsche Psychotherapeuten zucken da ein wenig zusammen - sie verstehen sich eher als Behandler, nicht als Beglücker. Auf Dutzenden von PowerPoint-Folien weist Dr. Can nach, wie gut Musik zur Stimmungsverbesserung eingesetzt werden kann. Babys auf der Säuglingsstation tragen riesige Kopfhörer. Der Hirte spielt auf seiner Flöte, um die Schafe in ruhiger Stimmung zu halten (damit sie mehr gesundes Gras fressen).

 

Und seit hunderten von Jahren werden in türkischen Krankenhäusern makams gespielt, spezielle Modi, die Stimmungen darstellen und beeinflussen. Schon vor Jahrhunderten wurden ein Dutzend makams mit konkreten Indikationen für bestimmte Organsysteme und Erkrankungen versehen. Wir sehen ein Video mit dem Chefarzt an der Oud, der türkischen Knickhalslaute, und mit Mundschutz und Häubchen. Daneben andere ebenso „verkleidete“ Musiker, die auf der Ney, der Kemence usw. den Intensivpatienten makams vorspielen. „Die musikalische Hausapotheke, die in mitteleuropäischen Therapiedebatten vor Jahrzehnten noch hin und wieder verzagt propagiert und mittlerweile wohl endgültig verworfen wurde, lebt und ist in der türkischen Tradition beeindruckend verankert“ – so ist meine erster, eurozentrischer Eindruck. Er wird später, das soll nicht aus den Augen verloren werden, relativiert und damit zu erneuten Verunsicherungen führen, die aber dann eher meine europäische Heimat betreffen. Zunächst beeindruckt die Verschiedenheit, das Fremde. In diesem ersten Impuls mischt sich auch meine tiefsitzende Verärgerung darüber ein, wie sich bei mir zuhause Therapeuten es oft zu einfach machen, wenn sie als „Manual“ geadelte Leitfäden benutzen, um allgemeine Lösungen zu propagierern für ganz individuelle und subjektive Konfliktlagen, auf die man sich ganz individuell und subjektiv einlassen müsste. Musiktherapie ist kein Kindergeburtstag, wo alle Spaß haben und hinterher geht man beschwingt nach Hause. Zu diesen Vereinfachungen („Simplify your life!“) scheint mir die etwas unkritische Haltung der altorientalischen Musikmediziner zu passen. Das Thema der Tradition wird auf der Tagung noch wiederholt auftauchen. Auch im deutschen Sprachraum hat Oruc Güvenc, Philosoph, Mediziner und Makam-Musiker Anhänger gefunden. Aber hier in Mitteleuropa ist die Rezeption zwiespältig, wie Gerhard Tucek aus Krems (Österreich) am zweiten Tag der Tagung betont. Er ist einer der Wegbereiter der altorientalischen Musiktherapie in Mitteleuropa gewesen und hat eng mit Güvenc zusammen gearbeitet. Heute sucht er einen anderen Weg zur Kombination der regulativen Funktion altorientalischer Musiktherapie und einer modernen subjektiven, individuellen Rezeption. Er nennt das neue Konzept „Ethno-Musiktherapie“. Ob und wie es zu gemeinsamen Wegen traditioneller und moderner Therapie zwischen Orient und Okzident kommen kann (und ob das überhaupt erstrebenswert ist) blieb eine der offenen Fragen der Tagung. Einigen zuhörenden deutschen Musiktherapeuten jedenfalls blieb das von türkischen Referenten teilweise implizierte Lehrer-Schüler-Verhältnis, wie es in Religion und Philosophie akzeptiert wird, für den Bereich der Musiktherapie doch fremd. Soll der Therapeut dirigieren, wo es hingeht, weil er es „besser weiß“? Die Beziehungsorientierung der modernen Musiktherapie wird im Orient tendenziell anders betrachtet als im Okzident. So überraschte es nicht, dass Herr Coban, Psychiater aus Istanbul, Musiktherapie eher für eine körperorientierte als für eine psychologische Therapie hält und verstärkte Forschung anregt, welche hormonellen Beeinflussungen durch die Darbietung spezifischer makams ausgelöst werden. Beeindruckend sein Hinweis, dass er sein eher somatisch orientiertes Konzept von Musiktherapie allen Medizinstudenten im ersten Semester präsentiert, weil er es für eine wesentliche Grundlage medizinischer Behandlungen hält. Mit ein wenig Abstand wird mir später deutlich, dass eine beziehungsorientierte Musiktherapie natürlich anders wirkt und angesehen wird, wenn Beziehungen anders erlebt werden – und eine eher kollektiv orientierte Gesellschaft wie die türkische hat natürlich eine andere Beziehungslandschaft als die individualistisch-deutsche oder –mitteleuropäische. Ich merke, wie sehr ich aufpassen muss, in meinen befremdeten Reaktionen nicht meine eigene Kultur dem anderen Land überzustülpen. Die referierenden türkischen Musiktherapeutinnen hatten Ausbildungen in Athen oder London gemacht, waren „von Haus aus“ Opernsängerin oder Pianistin, und waren stärker als die männlichen Mediziner-Kollegen an Biografie und Subjekt interessiert. Die akustische Umgebung bei der Geburt und in der Kindheit spielte eine Rolle, Winnicott und C.G. Jung tauchten wiederholt auf, es gab gemeinsame Bezugspunkte. Eine Kunsttherapeutin war gerade nach längeren Jahren in den USA wieder in die Türkei zurückgekehrt und hielt ihren Vortrag lieber auf englisch. Psychiatrisch tätige Musiktherapeutinnen aus der Uni-Klinik referierten so engagiert (und sprachen so schnell, dass sie wiederholt gebeten wurden, den Simultanübersetzerinnen mehr Chancen zu geben, ihnen folgen zu können). War es die erhoffte Chance, das eigene Tun gegenüber den traditionellen (und eher väterlich-männlich dominierten) Musiktherapiefeldern darzustellen? Bisher ist nicht absehbar, welche Rolle Musiktherapie und –therapeutInnen aus dem deutschsprachigen Raum spielen können, wenn es um eine türkeispezifische Integration von Tradition (makams) und Moderne (beziehungsorientierte Psychotherapie) gehen soll. Aber es muss auch die Frage gestellt werden, welche Rolle ein solcher türkischer Prozess für das Selbstverständnis mitteleuropäischer Psycho- und Musiktherapeuten spielen sollte. Als in Deutschland die Gruppierungen aus verschiedenen therapeutischen Schulen sich annäherten und nach der Wende west- und ostdeutsche Identitäten aufeinander trafen, hat es lange intensive und komplizierte fachliche Diskurse gegeben. Heute gibt es einen großen, gemeinsamen Verband, die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft. Nicht alle haben sich diesem zeitgeistigen mainstream angeschlossen, aber es ist ein Dach für viele. Ist dieses Modell des „kleinsten gemeinsamen Nenners“ zu verallgemeinern? Gibt es auch einen kleinsten gemeinsamen Nenner, der die türkische Musiktherapie der Zukunft auf eine Ebene mit der anderer „moderner“ Länder stellt? Wer legt den fest? Gibt es nicht längst den Gold-Standard der US-amerikanischen Musiktherapie weltweit? Die türkische Seite wird weiter daran arbeiten, ihre rezeptive Musiktherapie-Tradition mit den modernen Musiktherapie-Konzepten zu verknüpfen. Dazu braucht es auf allen Seiten innere Flexibilität, Kompromissfähigkeit und Achtsamkeit für die Identität des Gegenüber. Wie unterschiedlich, wie eigen „darf“ die künftige türkische Musiktherapie aus westlicher Sicht sein? Wenn sie es nicht wäre, hätten wir eine große Chance verpasst. * Nach einem Dutzend türkischsprachigen Vorträgen, deren Botschaft ich partiell der Simultanübersetzung entlocken musste, wartete am Abend ein türkisches Bufett in den Räumen des Orient-Instituts auf uns. Eine Mitarbeiterin hatte sich in der Rolle der Köchin selbst übertroffen. Vorwiegend vegetarische Köstlichkeiten mit Kichererbsen, getrockneten Auberginen, Joghurtsauce wurden vervollständigt durch Berge von Lamm-Köfte, den pikanten Hackbällchen. Dazu gab es den bezaubernden Blick über Bosporus und Altstadt, angestrahlte Moscheen und beleuchtete Passagierfähren. Die Filmregisseurin, die die Tagung dokumentierend verfolgte, kümmerte sich hingebungsvoll um den einjährigen Nepomuk aus Freiburg und sang ein Loblied auf Berlin, das im Vergleich zu Istanbul so angenehm ruhig sei…

 

* Der zweite Tag begann nach den eher theorieorientierten Vorträgen des Freitags praxisbetont. Nevin Eracar, Opernsängerin, Psychodrama-Therapeutin und Musiktherapeutin, dirigierte vor den ca. 50 Zuhörern im Publikum eine strukturierte Heranführung an musiktherapeutische Improvisation. Es gab Elemente von Marktplatzübungen, eine andere Kollegin machte ein warm-up mit Rhythmusspielen, und es folgten Partnerübungen, die dann sozusagen auf der Bühne „veröffentlicht“ wurden. Wie ging es mir dabei? Ich hatte auf das Angebot von Nevin reagiert, einen Patienten darzustellen, mit dem ich die Arbeit besonders schwer finde. Sie hatte alternativ angeboten, man könne einen Baustein aus dem eigenen praktischen Vorgehen vorstellen oder einfach nach vorn kommen, um mitzumachen, was immer passiere. Ich hatte einen traumatisierten, angsterfüllten Patienten vor meinem inneren Auge und war gespannt, wie es nun weitergehen würde. Aber es ging sozusagen nicht weiter. Außer mir war nur eine zweite (auch deutsche) Teilnehmerin, die eine Patientenrolle einbringen wollte. Drei türkische Kolleginnen hatten Interesse an der Vorstellung ihrer praktischen Arbeit. Ein Dutzend anderer wollte einfach mitmachen. Dann ging es irgendwie erstmal nicht recht weiter. Etwas unvermittelt wurden wir aufgefordert, einen Partner zu wählen – vergessen die Patienten-Identitäten, „mein“ Patient jedenfalls wäre völlig außerstande gewesen, einen Partner zu wählen oder zu akzeptieren und hätte sich in eine Ecke zurückgezogen. Nevin, die doch Psychodramakompetenz mitbrachte, hatte mich nicht de-programmiert, also stand ich da mit meiner Angst und wusste nicht, in welches Mauseloch ich verschwinden sollte. Meine Rettung war die deutsche Musiktherapeutin Sandra Wallmeier: sie wurde mir „zugeordnet“, und sie realisierte mit Selbstverständlichkeit und Sicherheit die komplizierte Situation. Sie ging auf meine Scheu ein, respektierte sie, und sie taute mich auf. Das war eine großartige Erfahrung musiktherapeutischer Dynamik aus der Patienten-Perspektive. Vielen Dank, Sandra! Nebenbei erlebten wir eine intensive szenische und klangliche Subtilität in unserer Begegnung (fand ich jedenfalls selbst). Im nächsten Kapitel stellte ich selbst eine Gruppensitzung vor, wie ich sie in der Klinik seit Jahrzehnten praktiziere. Sieben Teilnehmer (vier aus der Türkei, drei aus Deutschland) saßen im Kreis, in der Mitte eine Sammlung von Musikinstrumenten (Trommeln, Flöten, Glockenspiel…) und Klangobjekten (Plastikflaschen, Steine, Gläser…). Es gab kein Thema, keine Regel, keine vorgegebene Struktur. Es gab nur uns und die Klangwelt, die wir erzeugten. Rasseln, Knacken, Wischen, Rhythmusideen. Stimmen. Daraus entwickelte sich Struktur – eine Struktur der Gruppe, in der es eine gemeinsame Suche nach Nähe und der nötigen Distanz gab, und einen eher einsamen Trommler, der mit seinen Bongo-Rhythmen die anderen in eine Gemeinschaft zu locken (zu zwingen?) suchte, die noch nicht „dran“ war. Die aktuelle Gemeinsamkeit bestand in der Suche. Dieses Spannungsverhältnis war unser Thema: können wir eine Störung wie den Dauer-Trommler integrieren, können wir unsere Neugier aufeinander zu etwas Gemeinsamem formen? Wie viel Gemeinsamkeit brauchen wir dafür, wie viel Unterschiedlichkeit können wir aushalten?

 

Natürlich konnte dieser Prozess nicht in einer Viertelstunde abgeschlossen werden (so lange hatten wir uns musikalisch erkundet). Aber die Improvisation enthielt aus meiner Sicht viel Perspektive und machte Lust auf mehr. Und es war eindrücklich, wie die praktischen Erlebnisse neue Farbe in die Tagung brachten, zumindest atmosphärisch lockerten. Sechs deutschsprachige Vorträge ergänzten die türkischen Berichte um meist sehr praxisorientierte Aspekte: wie wird eine deutsche Musiktherapeutin von der traditionellen türkischen Musik erfasst, als sie zu einem Workshop nach Edirne reist (Sandra Wallmeier)? Wie findet die 15jährige traumatisierte Milana eine Form für Inneres in der gemeinsamen Komposition eines Liedes (Patricia Braak)? Wie kann eine deutsche Psychotherapeutin türkische Patienten behandeln – welche interkulturelle Kompetenz braucht sie dazu (Ursula Meyer-Kolcu)? Drei ProfessorInnen verkörperten die wissenschaftliche Integration der Musiktherapie im deutschsprachigen Hochschulsektor (Susanne Metzner - Magdeburg, Gerhard Tucek – Krems/Östereich, Irmgard Merkt - Dortmund). * Nach der Tagung las ich Orhan Pamuks wunderbares und melancholisches Istanbul-Buch (3) . Er beschreibt darin Kinderkrankheit, die für ihn voller An- und Bedeutungen ist. „Unser Kinderarzt Dr. Alber verordnete schließlich, wir sollten nach dem Abklingen des Fiebers täglich an den Bosporus mitgenommen werden, um frische Luft zu schnappen. Ich stellte sogleich einen Zusammenhang zwischen dem „Luftschnappen“ und dem türkischen Wort für Bosporus her, das zugleich auch „Kehle“ bedeutet. Umso weniger wunderte ich mich, dass der Touristenort Tarabaya, einst ein verschlafenes griechisches Fischerdorf, vor hundert Jahren noch Therapia hieß“ (S. 61). Beim Gedanken an Luftschnappen und Kehle fällt mir unsere Improvisation im Tagungsworkshop ein, bei dem es auch die unterschiedlichsten Stimmäußerungen gab, Kieksen und Summen, Husten und Lachen. Istanbul scheint ein Ort zu sein, an dem die Dinge noch Bedeutung haben. Das macht mich als Therapeuten weiterhin neugierig. Gegenüber der Traditionsbindung türkischer Musikmedizin hatte ich zunächst Vorbehalte. Umso interessierter las ich heimgekehrt in der neuesten Ausgabe der Musiktherapeutischen Umschau einen Artikel der Magdeburger Musikwissenschaftlerin Schwarz (4) , die beginnend beim französischen Reformpsychiater Esquirol über die Heilanstalt Illenau bis zu Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ unsere psychiatrisch-musikalische Geschichte aufzuarbeiten sucht. Für uns ist das ein eher wenig beachtetes Kapitel, und die Besinnung ist überfällig. Hier haben wohl die türkischen KollegInnen bessere Ausgangsbedingungen. Zwischen Ostfalen und dem Orient ging es schon lange hin und her. Der erste römisch-deutsche Kaiser Otto I. gilt als Magdeburger, dort ist er begraben. Sein Sohn Otto II. heiratete die Nichte des Herrschers von Byzanz, die schöne Osmanin Theophanu. Nach seinem Tod übernahm sie die Führung des Kaiserreiches, da der Nachfolger Otto III. (ihr Sohn) erst drei Jahre alt war. Die nicht nur schöne, sondern auch kluge Kaiserin agierte nicht mit ihren Heeren, sondern mit Machtstrategien. Sie beherrschte eine der mächtigsten Positionen der bekannten Welt und begrenzte den Einfluss der Kirche. So war schon vor über tausend Jahren die Verbindung von Magdeburg und Istanbul überaus erfolgreich. Kürzlich durfte ich von Magdeburg aus die Dreharbeiten zum „Medicus“ besuchen. Der deutsche Regisseur Philipp Stölzl dreht unter anderem in Elbingerode am Harz. Einer der Stars im Team ist Ben Kingsley, der den weisen Ibn Sina spielt (den Lehrer der Hauptperson Rob Cole, der aus London nach Persien geht, um dort die weltweit führende Medizinwissenschaft zu studieren). Ibn Sina ist auch bekannt unter dem latinisierten Namen Avicenna und hat sich mit allem beschäftigt, was zu seiner Zeit wichtig war: er war persischer Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Astronom, Alchemist – und Musikwissenschaftler. Er hat sich mit der Wirkung der Musik auf den Gesundungsprozess beschäftigt. Er war also irgendwie auch einer der Väter der altorientalischen Musiktherapie. In dem populären Roman „Der Medicus“ hat die Story von der Adaptation orientalischen Wissens durch den Okzident weltweit Millionen Leser gefesselt. Ganz so viel Publikum wird die Weiterentwicklung musiktherapeutischer Konzepte und Anwendungen in Ost und West nicht finden. Aber es wird demnächst schon mal einen Film dazu geben, der vorwiegend die Tagung in Istanbul dokumentiert und mit weiteren Materialien ergänzt. Crossing The Bridge (5) auf musiktherapeutisch sozusagen. Teilnehmer der Istanbuler Tagung haben sich schon mal locker verabredet: 2014 findet im österreichischen Krems der Weltkongress Musiktherapie statt. Gerhard Tucek lud herzlich ein, dort den Dialog weiter zu führen.

 

Tradition und Moderne: In einer Spiegel-Installation am 1015 gegründeten „Kloster Unser Lieben Frauen“ in Magdeburg, heute Museum für moderne Kunst, spiegelt sich das Hundertwasserhaus.

 

 

Der Autor: Ingo Engelmann, Dr.phil, Psychologischer Psychotherapeut, Musiktherapeut (DMtG), Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethesda Krankenhaus Bergedorf, Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal

 

 

(1) „Hören Sie“ – Erfahrungsaustausch deutsch-türkischer Musiktherapie. Veranstaltet vom Orient-Institut Istanbul und der Hochschule Magdeburg-Stendal vom 25.-26.Mai 2012 in Istanbul (Türkei)

(2) Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld. Roman, Carl Hanser Verlag 2008

(3) Orhan Pamuk: Istanbul.Erinnerungen an eine Stadt. Carl Hanser Verlag 2006

(4) Manuela Schwarz: Und es geht doch um die Musik. Zur musikalischen Heilkunde im 19. Und 20. Jahrhundert (Teil1). Musiktherapeutische Umschau 33, 2(2012) 113-125

(5) Film von Fatih Akin (Regisseur): Crossing The Bridge – The Sound Of Istanbul. Dokumentarfilm, DVD 2005

 

 

 


 

 

Psychotherapeutische Behandlung von Migranten in der Psychiatrie

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1. Das Fremde
2. Das Eigene

3. Zum Verhältnis von Fremdem und Eigenem

4. Schluss - und eine persönliche Strategie

5. Literatur

 

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Die Situation des ausländischen Patienten in der Psychiatrie ist gekennzeichnet durch die doppelte Fremdheit. Er ist ein Fremder in Deutschland, und er ist ein Fremder in seiner seelischen Landschaft. Es ist daher wichtig, sich diesen Zustand der Fremdheit zu vergegenwärtigen und Facetten dieses Zustandes zu beleuchten. Bevor ich im einleitenden Vortrag einige Aspekte des Eigenen und des Fremden beleuchte, möchte ich Sie bitten, auf diesen Kärtchen Stichworte zu vermerken, was Ihnen im Zusammenhang mit „Fremd“ und „Eigen“ wichtig erscheint oder spontan in den Sinn kommt.


1. Das Fremde

Schon bin ich müd zu reisen
Wär’s doch damit am Rand
Vor Hören und vor Sehen
Vergeht mir der Verstand

So willst Du denn nach Hause?
O nein! Nur nicht nach Haus!
Dort stirbt des Lebens Leben
Im Einerlei mir aus.

Wo also willst Du weilen?
Wo findest Du die Statt?
O Mensch, der nur zwei Fremden
Und keine Heimat hat.

Franz Grillparzer (1843)
In der Fremde

Franz Grillparzer bringt in seinem Gedicht „In der Fremde“ zum Ausdruck, dass die Fremdheit nicht als rein innerliche oder rein äußerliche Störung anzusehen ist, sondern polar angelegt ist. Die äußere Trennung von der Heimat ist mit dem Verstand vor lauter neuen Eindrücken kaum zu verarbeiten. Die innere Heimat verspricht auch nicht so lauschig und heimelig zu sein wie gewünscht. „O Mensch, der nur zwei Fremden / und keine Heimat hat“ . Dem depressiven Dichter ist die Welt fremd und kalt.

Das graue Gefühl kenne ich aus der Begegnung mit Patienten. Frau B., Ende fünfzig Jahre alt und seit zwei Monaten erneut bei uns in stationärer psychiatrischer Behandlung wegen einer Psychose, ist bedrückt und niedergeschlagen. Ihre Familie war vor ungefähr zweihundert Jahren aus Schwaben nach Russland ausgewandert. Von der Wolga wurde sie unter Stalin vertrieben, zunächst nach Sibirien und dann nach Kirgisien. Vor einigen Jahren ist sie nach Deutschland zurückgekommen. Ihr fließendes Deutsch weist deutlich den schwäbischen Tonfall ihrer Ur-Ur-Ahnen auf. Sie stellt eine Frage, die in aller Kürze die ganze Geschichte und aktuelle Misere umfasst: „Ich habe mich mein Leben lang immer gefragt: Heimat – was ist das?“ Wir sitzen im Tagesraum der Station, und um uns herum herrschen Farblosigkeit und Trauer, alles ist grau.

Wir begegnen der Fremdheit auf mehreren verschiedenen, systemisch miteinander verquickten Ebenen. Fremdheit ist ein seelisches Phänomen, wenn Menschen sich selbst fremd bleiben und ihrem Wert, ihrer Eigenheit und ihrem So-Sein nicht vertrauen können. Das heißt dann zum Beispiel narzisstische Persönlichkeit oder depressive Entwicklung. Extreme Fremdheit kann in Psychosen münden, in denen überhaupt keine Vertrautheit mehr existiert und die Beziehungen zu anderen wie zu sich selbst gekappt werden.

Fremdheit ist ein gesellschaftliches Phänomen, in dem Entfremdung vorherrscht. Menschliche Beziehungen werden über Dinge definiert, über materielle Produktionsbedingungen, und die gesellschaftliche Organisation gebiert einen zunehmenden Prozess der Entfremdung (Hegel, Marx). Über die entfremdete Arbeit hinaus gibt es heute Anzeichen für die zunehmende Fremdheit zwischen einzelnen meist jungen Menschen oder ganzen Gruppe unter ihnen auf der einen Seite und Staat und Gesellschaft auf der anderen Seite. Der Psychoanalytiker Lempa untersucht die Konsequenzen des „verweigerten Zivilisationsvertrages“ auf der individuellen Ebene der Persönlichkeitsstörungen wie auf der gesellschaftlichen Ebene des zunehmenden Rechtsextremismus. Hier verknüpfen sich intrapsychische Konfliktspannung mit massivem sozialem Sprengstoff. Die Folgen des zunehmenden Ungleichgewichts zwischen dem Eigenen, Vertrauten, Persönlichen und dem von außen kommenden, verordneten Fremden wird noch aufzugreifen sein.

Fremdheit ist ein globales Phänomen unserer Welt am Beginn des dritten Jahrtausends. Flüchtlingsströme und Wanderungsbewegungen entfernen Millionen von Menschen aus ihrer vertrauten Umgebung in eine ungewisse Zukunft. Neue Formen totalitärer Herrschaft ergänzen die alten Diktaturen. Wir kennen seit Jahrhunderten die Begegnung mit Fremden, die zu uns gekommen und geblieben sind. Heute erfasst der „Fremdenverkehr“ als Tourismus die ganze Welt. Heute werden aus „Fremdenheimen“ Asylantenheime. Gleichzeitig beschleunigt sich der Prozess der Globalisierung: immer mehr Länder treten in Handelsbeziehungen miteinander, große Firmen werden zum „global player“ rund um den Erdball und damit wird alles immer und immer ähnlicher. Im „global village“ gibt es keine wirklich Fremden. Kommen dann aber doch welche, können wir damit nicht umgehen.

Mit dem Phänomen affektiv hochbesetzter Reaktionen auf Fremde haben sich viele Zweige der Wissenschaft befasst. In einem psychiatrischen Fachblatt las ich eine engagierte Darstellung verhaltensbiologischer Grundlagen der Begegnung mit Fremden: Der biologisch-verhaltenstherapeutische Mainstream psychiatrischer Theorie und Praxis liefert ein überschaubares Modell für die Begegnung mit Fremdheit. Aus verhaltensbiologischer Sicht ist die Furcht vor Fremdartigem, besonders fremden Menschen, ein biologisch präformiertes Verhaltensmuster. Es tritt im 5. bis 6. Lebensmonat als „Fremdeln“ auf. Körperparameter (Blutdruck, Puls) sind beteiligt, Blickkontakt ist zentral. Zu langes Anschauen wird als bedrohend empfunden. Die xenophobe Reaktion persistiert bis ins Erwachsenenalter, kann aber modifiziert werden. In Märchen oder den Erzählungen vom „Schwarzen Mann“ wird die xenophobe Reaktion verstärkt.

Das Eigene als Gegenstück des Fremden wird in der Form der Gruppenidentität gefördert: Sprache, Brauchtum, Kleidung usw. werden als identitätsstiftende Merkmale angstreduzierend erlebt.

Anonymität und fremdelndes Verhalten in der Industriegesellschaft werden zurückgeführt auf die Vergrößerung der Gruppe und daraus entstandene größere Unbekanntheit unter den Menschen. Das hat zur Folge: weniger Augenkontakt, größere Gehgeschwindigkeit, weniger Körperkontakt mit unbekannten Personen. Immer mehr Menschen sind mir fremd, und ich begegne ihnen angeboren misstrauisch (Brüne 2000). Ob die feindliche Reaktion auf Fremdes tatsächlich angeboren und unausweichlich ist und wie ihr zu begegnen ist, wird uns im weiteren noch beschäftigen.


2. Das Eigene

Der private Raum wird von jedem selbst möbliert und eingerichtet, aber der Katalog der Möbel ist begrenzt (wenn auch unübersichtlich groß). Der seelische Raum wird möbliert mit Affekten und Gedanken, die vorrangig sprachlich ausgedrückt und kommuniziert werden. Mit der Entwicklung der Sprache hat der Mensch ein wesentliches Instrument geschaffen, sich selbst und die Welt zu verstehen und sich mit seiner Rolle darin auseinanderzusetzen. Frühe Darstellungen des Menschen weisen keinen Mund auf, weil er nicht wichtig war, bevor die Sprache ihren Siegeszug antrat. Die Wörter „Mythos“ und „mouth“ (engl.: Mund) stammen aus derselben Wurzel. Der Mund spricht das aus, was im Mythos einen bildhaften Niederschlag seines Weltbildes findet. Die Reise (Odysseus), die Entstehung (Genesis und zahlreiche Schöpfungsmythen) und andere sind Beispiele für die gesprochene Sinnsuche. Ohne Sprache kann man sich eigentlich in der Welt nicht zurechtfinden. Ohne Sprache kann sich nicht Subjektivität entwickeln, Eigenheit. Daher bezieht sich der Abschnitt über das Eigene vorwiegend auf Sprache.

Eine gemeinsame Sprache dient der differenzierten Verständigung, die über das Gestische hinausgeht. Die Distanzierung von unmittelbarem Handeln auf der Verhaltensebene und seine Reflexion wird durch Denken und Sprechen ermöglicht.

Der sprachliche Austausch erfolgt innerhalb einer gemeinsamen Sprache über festgelegte Zeichen, die Worte. In den siebziger Jahren brachte uns Watzlawick bei: Jede menschliche Kommunikation besteht aus einer Inhalts- und einer Beziehungsebene. Der rationale, digitale Inhalt transportiert die vernünftige, materielle Botschaft. Die zugrundeliegende Beziehung verleiht dem Ganzen seinen Sinn, ordnet es in ein System von Bewertungen und Erfahrungen ein, stellt den Kontext her und gibt Bedeutung. Die Beziehungsebene ist mehr dem Affekt als der Ratio verpflichtet. Zum eigentlichen Wortzeichen gehört ein Komplex aus Emotionen, die den Niederschlag der subjektiven Aneignung dieses kollektiven Beziehungssystems repräsentieren. Mit jedem Gebrauch eines Wortes, mit jeder Benennung evozieren wir gleichzeitig intrapsychisch diesen Komplex von Emotionen und versuchen ihn an das jeweilige Gegenüber zu vermitteln.

Wir transportieren über die Sprache also ganze Symbolsysteme und jedes Wortzeichen steht für ein Symbol. Die Verständigung mittels Sprache erfolgt also über Symbolsysteme, eine Sprachsymbolik.

Jedes Wort ist ein Symbol. Insbesondere der emotionale Gehalt von Sprache kann hauptsächlich auf der Symbolebene begriffen oder erfasst werden. Sowohl in psychiatrischen Konfliktlagen als auch in Situationen mit fehlender sprachlicher Vermittlungsmöglichkeit ist diese Symbolebene erheblich gestört. Ein kleines Beispiel kann die Komplexität dieser Störung skizzieren. Frau C. kommt aus der ehemaligen Sowjetunion und ist durch die deutschstämmige Familie sprachlich auf die Übersiedlung vorbereitet gewesen. Sie spricht nicht fließend, aber recht gut deutsch, so dass Alltagsthemen mit ihr gut besprechbar sind. Eine Bezugskrankenschwester schlägt ihr vor, kleine Deckchen zu häkeln, um sich zu beschäftigen und den Tag besser strukturieren zu können. Frau C. hat dazu viel Lust. Das erste Deckchen soll nach einer Vorlage gefertigt werden. Es geht ganz gut los, aber dann stockt das Projekt: auf der Vorlage ist zur Vereinfachung nur eine Hälfte des Deckchens abgebildet. Frau C. häkelt deshalb nur ein halbes Deckchen und versucht es dann irgendwie in eine runde Form zu bringen, wie sie sich für Deckchen gehört. Den Symbolcharakter der Vorlage versteht sie nicht und kann nicht den Übertrag vornehmen: da ist die eine Hälfte abgebildet, die zweite Hälfte geht genauso und dann gibt es ein Ganzes. Frau C. ist übrigens schwer depressiv und insofern psychotisch, aber nicht denkgestört wie man es im Rahmen einer schizophrenen Psychose erwarten könnte. Sie hat eine schwere Störung des Symbolverständnisses. Die Verständigung hat daher klare Grenzen: nicht so sehr wegen des begrenzten Vokabulars, sondern weil man sich mit ihr kaum über Themen verständigen kann, die ein gewisses Abstraktionsniveau haben (und daher symbolisch kommuniziert werden).

Eine gemeinsame Sprache ist Ausdruck und Teil einer gemeinsamen Kultur: die Rituale, Gebräuche, spezifische Vorstellungen über Ethik und Moral einer Kultur sowie ihre spezifischen Haltungen sind als ein gemeinsamer Konsens eines Kulturkreises zu verstehen. In einem Mikrokosmos ist solche Differenzierung als Familienritual oder -tradition, ja sogar als spezifische „Familiensprache“ vorhanden.

Es macht uns im Rahmen ein- und derselben Kultur genauso hilf- und ratlos, wenn der Konsens „Sprache“ verloren geht, wie im fremden Land. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit aphasischen Patienten bei Schlaganfall: Inhalte und emotionale Bedeutung und damit der Konsens der Sprache sind verlorengegangen. Der Patient kann weder gesprochene, gehörte Muttersprache verstehen noch diese ausdrücken.

Sprache ermöglicht uns die Reflexion, den Rückzug auf eine Metaebene und befreit uns damit von unmittelbarem Handlungszwang. Sie ermöglicht uns so etwa das „Probehandeln“ im Binnenraum der Vorstellungen und den Ausdruck, den Dialog mit anderen auf einer metakommunikativen Ebene.

Auf dem Wege über eine gemeinsame Sprache ist es uns möglich, auch eine Verständigung mit einem Gegenüber aus fremden Kulturen zu erreichen. Wir können uns so über kulturell vermittelte und in der Interaktion festgelegte Symbole und Gesten verständigen und ihre Bedeutung entschlüsseln: Etwa die Geste des Kopfschüttelns, die in der westlichen Kultur eine Verneinung bedeutet, in einigen südostasiatischen Kulturen jedoch das genaue Gegenteil vermitteln soll, nämlich eine Zustimmung.

Diese hier idealtypisch beschriebenen Möglichkeiten der Verständigung mittels einer gemeinsamen Sprache, einer Sprachsymbolik, die ausreichend Kollektives repräsentiert, so daß wir im Dialog dem jeweiligen Gegenüber verstehbar sind, sind in der Psychiatrie oftmals beschädigt und eingeschränkt, wie das Beispiel von Frau C. zeigte.

Bei einer Neurose sind bestimmte Sprachzeichen, Worte aufgrund der spezifischen subjektiven Erfahrungen mit emotionalen Komplexen verknüpft, die der Benennung und damit dem sprachlichen Kontext an dieser Stelle eine andere als die allgemeine Bedeutung geben. Diese subjektive Bedeutungsverzerrung als Störung der Sprachsymbolik kann eine Verständigung mit den jeweils Betreffenden sehr erschweren. Man muss erst einmal herausfinden, was er meint – und dazu muss man miteinander sprechen.

Im Falle der Psychose ist bei der formalen Denkstörung der allgemeine logische Sprachzusammenhang zerstört. Bei der inhaltlichen Denkstörung ist die kontextuale Symbolik subjektiv von den Betreffenden in ihrer Bedeutung verändert und wir erhalten nur mühsam über das Aufschlüsseln der subjektiven Bedeutungsverschiebung einen Zugang zu den so sich uns präsentierenden „Wahnvorstellungen“.


3.) Zum Verhältnis von Eigenem und Fremdem

Das Eigene und das Fremde sind ebenso unterscheidbar wie zwei Seiten einer Medaille. Das Eine kann ohne das Andere nicht gedacht werden. Beide beeinflussen sich wechselseitig ständig und mischen sich, sich so ständig wandelnd. Das Verhältnis zwischen Eigenheit und Fremdheit hat sich historisch entwickelt und verändert (vgl. Münkler 1998)

Zunächst war es eine ganz schematische Einteilung: das kenne ich, das nicht. Das Verhältnis zwischen den beiden Kategorien wurde geregelt durch das Gastrecht: der Fremde ist geschützt, solange er als Gast im eigenen Haus lebt. Bleibt er zu lange, ist er kein Fremder mehr, also auch kein Gast im ursprünglichen Sinn und darf rausgeschmissen werden (der Philosoph und Soziologe G. Simmel bezeichnete den Fremden als „den Gast, der heute kommt und morgen bleibt“).

In hochkulturellen Gesellschaften mit differenzierten, aber starren gesellschaftlichen Schichten und Zugehörigkeiten gab es auch sehr viel differenziertere Kategorien für die Fremden. Über den Status als Gast hinaus konnten sie in Statuslücken hineinstoßen und dort eine eigene Existenz begründen. Wer in die Fremde ging (und dort als Fremder ankam) war wagemutiger als die Daheimgebliebenen und oft auch durchsetzungsfähiger. Wirtschaftlicher Erfolg war unter den ehemals „Fremden“ verbreitet. Sie hatten den Vorteil, vom Leben nicht so abgelenkt zu werden: für sie war die Fremde öde, bedeutete ihnen nichts und diente primär dem Gelderwerb. Hinzu kam die Geldwirtschaft als Ausdruck zunehmender Fremdheit zwischen Besitzer und Ware. Die Gesellschaft wurde zunehmend durchzogen von dem allgegenwärtigen Antagonismus zwischen Eigenheit und Fremdheit. Das Fremde hatte seine Jahrmarktattraktion in der Wildwest-Show Buffalo Bills wie in den Zurschaustellungen afrikanischer Neger in Hagenbecks Tierpark: Faszination und Bedrohung.

In der modernen Gesellschaft schwindet dieser Lustgewinn durch Fremdheit zunehmend im Zuge der Globalisierung. Die Verstädterung der Welt geht einher mit der Anonymisierung der Beziehungen und Verhältnisse. Es ist zwar einerseits nicht mehr wirklich fremd, man hat alles schon mal gesehen (und wenn auch nur im Fernsehen) und glaubt bescheid zu wissen. Aber auf der anderen Seite ist einem alles nicht so wichtig, Hauptsache „fun“ und „kick“. Nichts kommt einem nahe, es bleibt alles irgendwie befremdlich. Die Verantwortlichkeit wird aus den Beziehungen eliminiert, das Zeitalter steht im Zeichen der Gleichgültigkeit. Das Eigene im Nationalstaat des 18./19. Jahrhunderts weicht der Nivellierung im 20. Jahrhundert alles ist gleich, alles egal („égalité“). Damit entsteht eine Generalisierung von Fremdheit, das Eigene wird zunehmend zurückgedrängt in den Privatbereich. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind bestimmt von Fremdheit: heutzutage sind Schreiben von Telekom und t-online nicht mehr nur nicht unterschrieben, sondern tragen nicht mal mehr einen Namen, sondern nur einen Code im Briefkopf. Das Eigene wird verteidigt, verschanzt, gesichert: Einkaufszentren werden von Wachdiensten kontrolliert und abgeschottet, Privatstraßen sind abgezäunt und bewacht. Wer es sich leisten kann, hegt und pflegt sein Eigenes. Wer es sich nicht leisten kann, dem begegnet Unvertrautes nicht nur im gesellschaftlichen Umgang, sondern immer mehr auch im Eigenen. Dann kann es zu Konflikten kommen, die sich aggressiv entladen (z.B. Fremdenfeindlichkeit). Beispielhaft dafür steht der Prozeß der gesellschaftlichen Wende in den neuen Bundesländern. War vorher die Unvertrautheit größer in Richtung West-Ost (im Westen wusste man viel weniger über den deutschen Osten als umgekehrt), überrollte nach der Wende eine Welle gesellschaftlicher Fremdheit und Unvertrautheit die ehemalige DDR. Dieser Prozess mündete dann auch immer wieder in fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Die Unvertrautheit betraf nicht nur gesellschaftlich Randständige, sondern ergriff alle Bevölkerungsgruppen. Auch unter Wissenschaftlern fand man es schwierig, die „kleinen Zeichen“ zu lesen, in denen sich gesellschaftliche Übereinkunft spiegelte. In einer Befragung ostdeutscher Wissenschaftler beschrieb es einer so:

„Vorher war es klar, da hat die Partei eine Sprachregelung rausgegeben.. Aber das war dann eben wirklich auch klar. Da wusste man: Aha, das wollen die nicht, und wenn du es jetzt trotzdem benutzt, dann weißt du, dass du dich sozusagen in die gefährdete Zone begibst und dafür in irgendeiner Weise sanktioniert werden kannst. Insofern war das- verstehen Sie das Wort richtig – ein ‚faires’ Spiel, sozusagen zwischen Macht und Ohnmacht. Dieses Spiel läuft hier irgendwie anders. Ich habe das wirklich versucht, auch mit westdeutschen Kollegen, Bekannten zu diskutieren, zu sagen: Wie steuert sich das, Euch sagt das doch keiner, aber Ihr wisst es trotzdem. Ich habe es bis heute nicht rausgekriegt, wie sich’s steuert. Aber das hängt offensichtlich mit dieser Sozialisation zusammen: man kann die kleinen Zeichen lesen.“ (Münkler 1998, S. 67).

Deutlicher traumatisierend wirkt die Migration aus der Heimat in ein anderes Land als „Ich-Beben“ (Grinberg). Wenn sie allerdings nicht über die situativ bedingte Destabilisierung von Ich- und Über-Ich-Strukturen hinaus auf schon vorher bestehende Ich-strukturelle Mängel trifft, sind oft wenige beraterische oder psychotherapeutische Gespräche ausreichend, um ein Gleichgewicht wieder herzustellen (Kohte-Meyer in Streeck 1994). Themen könnten dabei sein:
• Die größere Bedeutung primärer (Familien-) Beziehungen in der neuen Heimat
• Überidealisierung der neuen Umgebung als kontraphobische Reaktion auf den Verlust
• Delegation einer Art „Heimatersatz“ an Kinder, mit denen muttersprachlich umgegangen wird
• Erhöhte Kränkbarkeit
• und anderes... (nach Kohte-Meyer; Nasner-Maas; Muhs u. Lieberer, alle in Streeck 1994)


4.) Schluß – und eine persönliche Strategie

Wenn wir mit Patienten zusammentreffen, die „die kleinen Zeichen“ nicht lesen können, geht es auf der einen Seite darum, den Hintergrund zu verstehen: können sie es nicht, weil ihre seelische Konfliktlage und die intrapersonelle Reaktion darauf es ihnen unmöglich macht (weil sie beispielsweise in einem tief regressiven Zustand verharren, in dem ihnen reifere Symbolisierungsprozesse nicht gelingen) – oder weil sie aus einer anderen Kultur stammen und ihr seelisches Vokabular ihnen keine Übersetzung liefert, was da eigentlich um sie herum los ist? Und, um es noch zu komplizieren: ist vielleicht der regressive Zustand eine Folge der kulturellen Fremdheit?

Auf der anderen Seite geht das Leben weiter, solange diese Frage noch nicht beantwortet ist. Wir gehen mit den Patienten um und (mal angenommen) verstehen noch nicht gut, worum es geht. Das dürfte ein Normalfall in der ersten Phase des Kennenlernens sein, und diese Phase kann Wochen oder Monate dauern. Dann ist es in jedem Fall (egal wie die erste Frage mal beantwortet werden wird) sinnvoll, Fremdheit zu reduzieren. Das fängt an beim richtigen Lernen des Namens. Vielleicht muss man ein paar Minuten dafür freihalten, vielleicht auch noch einmal nachfragen, wie das gesprochen wird. Aber man kann jeden Namen lernen. Man kann sich informieren, wo die Heimat dieser Patientin liegt. Dazu guckt man auf die Landkarte und wundert sich etwas: so weit weg ist Kasachstan? Und so groß! Das grenzt ja direkt an China und die Mongolei! Die größte Gruppe unserer nicht in Deutschland geborenen Patienten kommt aus Kasachstan, und bis vor ein paar Jahren wusste ich nichts über die Hauptstadt, die Sprache und Kultur des Landes. Wenn ich etwas über sein Land weiß, begegne ich dem Patienten anders.

Ein persönlicher Versuch, mit meinem (Zweit-)Beruf als Musiktherapeut die Begegnung mit ausländischen Patienten zu gestalten, findet seinen Ausdruck in der rezeptiven Musiktherapie „Musikalische Reise“. Mit deutschen und ausländischen Patienten hören wir zweimal in der Woche gemeinsam Musik an, die ich speziell für die jeweilige Sitzung und die jeweils teilnehmenden Patienten aussuche. Zwei Beispiele deuten an, worum es gehen kann:

Frau D. ist vor einigen Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Sie ist in ihrer zweiten Schwangerschaft psychotisch geworden, kann kaum für sich und wenig für das ungeborene Kind sorgen. Die letzten Wochen der Schwangerschaft, in der sie nicht mehr essen und trinken wollte und das Kind zeitweise gefährdet war, verbringt sie in der Psychiatrie. Nach der Entbindung (die auch in unserer Klinik stattfinden konnte) kommt sie erstmals wieder zur „Musikalischen Reise“. Ich begrüße sie mit Kindermusik von Indianern und einer Kombination der Gershwin-Melodie „Summertime“ in der Orchesterfassung mit einer Jazz-Version von Joe Henderson. Keiner der Teilnehmer kennt das Lied „Summertime“, was mich sehr überrascht. Aber Frau B. entwickelt während der Musik eine freudige, lächelnde Vorstellung einer Mutter, die ihr Kind zu Bett bringt. Nach so großen Schwierigkeiten, sich auf die wieder neue Rolle der jungen Mutter einzustellen, tut dieser angenehme Affekt gut. Sie hat die Musik ohne Worte verstanden. Das Gespräch mit einer polnischen Mitpatientin, die kein Deutsch spricht, und einem verschlossenen deutschen Patienten in derselben Sitzung bewegt sich dann zu Partnerproblemen, Trennungserfahrungen und Scheidungsraten, es gibt in Deutschland so viel mehr Scheidungen als in Kasachstan...Frau B. merkt zum Schluß an: „Ich weiß so vieles noch nicht von Deutschland“, und sie könnte auch sagen: ich weiß so vieles von mir noch nicht.

Frau E. kommt aus Afghanistan. Bisher habe ich sie kaum verstehen können, weil ihr Deutsch gebrochen ist und sie die Zähne nicht auseinander bekommt. Als sie zum erstenmal in die Gruppe kommt, habe ich meine einzige afghanische CD mitgebracht und ein Lied ausgewählt, das mir gefällt und das vom Text her nicht zu eindeutig Liebeslied ist – ich möchte sie als Frau in der Gruppe nicht kompromittieren. Wir hören das Lied als erstes, und Frau C. meint lakonisch, ja, das Lied auf der Platte werde von einem ihrer Verwandten gesungen. Es ist ein Lied aus ihrer Heimatstadt Herat (stimmt, kann ich zustimmen, so steht es auch im Booklet der CD). Herat liegt an der Seidenstraße nach China, und sie ist mit 13 Jahren dort weggegangen mit der Familie, zunächst in den Iran und dann nach Deutschland. Sie erzählt ein bisschen von Herat, und ich verstehe sie besser als zuvor, fange an mich für sie zu interessieren – sie ist keine Fremde mehr.



5.)Literatur

Brüne, M. (2000): Xenophobie und Gruppennorm – Verhaltensbiologische Aspekte des Umgangs mit psychisch Kranken in der Gesellschaft, Nervenheilkunde Heft 2: 85-90
Chun-Juelich, H.; I. Engelmann (2001): Eine stationäre Behandlung einer Patientin in der Psychiatrie aus anderer Kultur ohne gemeinsame Sprache. Vortrag Überregionale Weiterbildung in analytischer Psychosentherapie, München (unveröffentlichtes Manuskript)
Lempa, G. (2001): Der Lärm der Ungewollten. Psychoanalytische Erkundungen zu Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und politischem Extremismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen
Münkler, H. (1998): Die Herausforderung durch das Fremde. Öffentliche Vorlesung anlässlich der Vorstellung des Abschlußberichts der Interdisziplinären Arbeitsgruppe „Die Herausforderung durch das Fremde“ am 12.Februar 1998. www.bbaw.de/forschung/fremde/pub_inhalt_bericht.html
Streeck, U. (Hrsg.) (1993): Das Fremde in der Psychoanalyse. Erkundungen über das „Andere“ in Seele, Körper und Kultur. Neuauflage, Psychosozial Verlag, Gießen 2000